8.März 2016

Spannende Reise zu den Wurzeln
von Liebe und Gewalt

Kann man einen Menschen lieben, den man gar nicht kennt? Als ihre Mutter nach langer Zeit des Schweigens stirbt, erfüllen ihre erwachsenen Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon, widerwillig ihren letzten Willen und gehen auf Spurensuche  nach ihrem tot geglaubten Vater und Bruder, um ihnen einen Brief von ihr zu überbringen. Von ihrer Reise in ein ihnen völlig fremdes Land und vom Geheimnis ihrer Mutter, die ihnen immer näher rückt, während sie nach und nach die schmerzliche Wahrheit ihres Lebens erfahren, erzählt das Stück „Verbrennungen“ des im Libanon geborenen, frankokanadischen Autors Wajdi Mouawad. Die Premiere war letzten Freitag abend auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

In dieser ebenso fesselnden wie ergreifenden Inszenierung in poetisch-bilderreicher Sprache (Regie: Esther Undisz) begleiten die Zuschauer die Schauspieler in ein bürgerkriegserschüttertes Land mit gewaltvollen Traditionen, Rache und dem Versuch sich daraus zu befreien. Im Wechsel von Zuhören, Zeitung lesen, Kommen und Gehen erinnern, erzählen und spielen drei Männer und drei Frauen ihre Sicht auf die Ereignisse. Videobilder weißer zerstörter Häuser, ein brennender vollbesetzter Bus und das blassblaue Bühnenpodest mit weißen Vorhängen, die umhüllen, verbergen, schützen oder ummauern, werden dabei zur Spiel- und Reibungsfläche für Liebende und Verstoßene, Fliehende und Verfolger, Opfer und Täter. Die Schauspielerinnen Cordula Hanns, Julia Vincze und Sophie Lüpfert verkörpern abwechselnd stumm, wütend, zärtlich und kraftvoll die Mutter- und Tochterrollen und der Großmutter, die von einer zur nächsten Generation weitergegebene Fessel des Gehorsams und persönlicher Unfreiheit.

Das Mädchen Nawal möchte ihr aus Liebe, aber unehelich entstandenes Kind behalten, doch es wird ihr nach der Geburt entrissen, sie sucht es überall, wird erschrecken was aus ihm geworden ist. Nur die rote Clownsnase in der Hand des Popsongs singenden Heckenschützen erinnert noch an die Unbeschwertheit, die sie und den Vater ihres Kindes einst verband. Nawal wird aber auch als Erste im Dorf den Namen ihrer Großmutter auf deren Grabstein schreiben wie versprochen. „Ein Wort und alles wird hell und der Stein durchsichtig“, sagt ihre Freundin Sawda fasziniert. Die beiden jungen Frauen lernen die Kraft von Sprache und Bildung kennen, die nur Unterdrücker fürchten und sie lernen sich zu wehren. Sie werden gefoltert und singen noch im Gefängnis weiter ihre Lieder der Sehnsucht und Hoffnung. Am Ende ihrer Reise stehen die Zwillinge an diesem einstigen Ort des Leidens ihrer Mutter und erfahren wer sie sind. Während Jeanne alles wissen will, weigert sich ihr Bruder Simon (Michael Bernd-Cananá) vehement. Sie befragt Freunde und Zeitzeugen ihrer Mutter, die mal sanft (in mehreren Rollen freundlich-weise: Michael Heuser) oder brutal dem Wahnsinn nahe agieren (zu überdreht: Holger Uwe Thews). Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, denn bei allem Ernst der Geschichte gibt es auch heitere Momente. Das eindrucksvolle Spiel begleiten einfühlsam zwei arabische Musiker an der Gitarre, die im Dunkeln leuchten. Herzlicher Beifall vom Publikum.

Nächste Vorstellungen: 10.3. und 2.4., 20 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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