Neue Sonderausstellung mit persönlichen Momentaufnahmen des New Yorker Fotografen Phillip Toledano im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden

Gerade noch mit smartem Siegerlächeln und im nächsten Bild als gebrechlicher Greis erscheint der Fotograf Phillip Toledano in seiner Ausstellung „Von der Flüchtigkeit des Glücks“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Das Glück entzieht sich schnellen Blicken und lässt sich schwer greifen in diesen Aufnahmen. Es wird herbeigesehnt, erträumt, erinnert und oft erst erkannt, wenn es vorbei ist.

Davon erzählen sehr persönlich, ehrlich und ungeschönt die Bilder von Philipp Toledano in dieser Gastausstellung aus dem Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg. Er wurde 1968 in London geboren, studierte englische Literatur, arbeitete als Werbetexter und seit 2001 als freischaffender Fotograf in New York, wo er seit über 20 Jahren lebt. Da prallen sehr verschiedene Lebenswelten und Glücksvorstellungen aufeinander in seinen subtilen, skurrilen bis sarkastisch zugespitzten Bildern, Filmsequenzen und den Selbstinszenierungen seiner eigenen Zukunft in der Serie „Maybe“ – Vielleicht, die Toledano mal glamourös, als weisen Guru, schwergewichtigen Geschäftsmann, hinfälligen Greis oder einsam mit Hund am Esstisch zeigen. Es sind Momentaufnahmen zwischen Schein und Sein, über Leben und Sterben, Schönheit und Vergänglichkeit, Abschiede und nach langer Zeit ans Licht geholte Erinnerungstücke nach dem frühen Verlust der Schwester.

Zu sehen sind sechs Fotoserien mit insgesamt 160 Arbeiten, die zwischen 2001 und `015 entstanden in großer inhaltlicher und stilistischer Bandbreite von dokumentarisch bis hyperrealistisch. Darunter wie gemeißelte Bildnisse von Menschen nach Schönheits-OP`s und Telefonsex-Akteuren, die bar aller Illusionen und Kopfbilder am anderen Ende der Leitung sichtbar in ihrem häuslichen Umfeld lustvoll-lässig in Fitnesssachen, ohne Modelmaße, im Rollstuhl sitzend oder sehnsuchtsvoll die Stuhllehne gegenüber umfassend fotografiert sind. Eingangs sieht man in der Serie „Bankrupt“ Büroräume bankrotter Firmen in Manhattan und zurückgelassene, traurig bis kuriose Dinge. Im nächsten Raum zeigen ebenso intensive wie behutsame Porträtaufnahmen, die 2009 im Buch „Days with my Father“ erschienen und ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machten, den Fotografen mit seinem demenzkranken Vater in den letzten drei Lebensjahren. Alltägliche Gegenstände wie eine schwarze Zahnbürste im Becher, der leere grüne Sessel mit Kissen und Stehlampe, das Fenster mit zugezogenem Vorhang und ein Schränkchen mit dem Foto der Eltern und der Tagebucheintrag vom Tod des Vaters erzählen wie vorher die vielen kleinen, gemeinsamen Glücksmomente, dass nicht alles spurlos vergeht. „Bei diesem Projekt geht es nicht um Tod und Sterben. Es ist eher ein Liebesbrief an meinen Vater. Es geht einfach um die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, und die war manchmal sehr schön, manchmal sehr schmerzlich und manchmal einfach nur sonderbar. Aber das Leben ist doch eigentlich immer so, oder?“, sagt Toledano über diese besondere Fotoarbeit, die ihm zugleich einen neuen Weg eröffnete. „Als ich merkte, dass es okay war, mich in meiner Arbeit so offen zu zeigen, mich sichtbar zu machen, ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten.“

Toledano nähert sich auch verschütteten und schmerzlichen Wahrheiten. In der Art von Filmstreifen angeordnete Fotografien zeigen in verschwommenem Licht Erinnerungsstücke wie einen Fächer, ein Glücksschweinchen, ein kleines Kleid und Geburtstagskarten in Kinderschrift von seiner Schwester Claudia sowie Bilder mit ihr und ihm als sechsjähriger Junge. Sie starb als Neunjährige bei einem Brand im Haus von Freunden und damit verschwand sie auch aus dem Leben der Familie. Über ihren Tod, den Schmerz und die Trauer wurde nie gesprochen. Im Nachlass der Eltern fand Toledano einen Karton mit den Dingen, die ihm zeigen, dass es sie wirklich gab und sie ein Teil seiner Lebensgeschichte ist. „Irgendwie denke ich, vielleicht würde sie es sogar gut finden, dass ich von Claudia erzähle. Es fühlt sich komisch an, weil ich ihren Namen vierzig Jahre lang nicht ausgesprochen habe. Und plötzlich mache ich es öffentlich, und es ist eine sonderbare Erfahrung, ihren Namen laut vor Leuten zu sagen“, so Toledano. Inzwischen ist er selbst Vater einer Tochter, deren Aufwachsen er auch fotografisch begleitet.

„Das Medium Fotografie ist schnell und nah an der Wirklichkeit. Andererseits werden wir heute überschwemmt von Selfies. Daher braucht es Räume, um sich wieder echter Fotografie anzunähern und den Blick neu zu schärfen“, sagt Museumsdirektor Klaus Vogel über die Bilder Toledanos.

Die Ausstellung ist noch bis 25. September zu sehen. Es gibt auch ein Begleitprogramm mit Lesungen, Filmen und Führungen rund um echte und inszenierte Wirklichkeit. Körperideale hinterfragt eine  Lesung mit Diskussion: „Natürliche Schönheit? Mein Körper gehört mir 2.0“ am 16.4., um 20 Uhr mit Karen Duve, Sachbuch- und Romanautorin im Marta-Fraenkel-Saal. Von „Trauer und Melancholie – Über die Widersprüche des  Abschieds“ erzählt am 19.4., um 19 Uhr im Hörsaal der Dokfilm „Vergiss mein nicht“, in dem der Regisseur David Sieveking das Leben seiner an Alzheimer erkrankten Mutter schildert. Mit anschließendem Gespräch. Ein Podiumsgespräch mit dem Titel: „Ich erzähle, also bin ich. Vom Boom der Biographie“ und der „Spurensuche nach sich selbst“ gibt es am 24.5., 19 Uhr u.a. mit Michael Bittner, Autor und Kolumnist aus Dresden. Eine weitere Podiumsdiskussion beschäftigt sich mit dem „Umgang mit Angst. Versprechen und Schrecken der Zukunft“ am 31.4., 19 Uhr.

www.dhmd.de

Geöffnet hat das Hygienemuseum, Lingnerplatz 1: Di – So von 10 bis 18 Uhr. Sonntags, 16 Uhr, öffentliche Führung durch die Ausstellung „Von der Flüchtigkeit des Glücks“ (ohne Anmeldung, mit Museumsticket)

 

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