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Auf den Flügeln der Fantasie

„Die Realität sind die Windmühlenflügel. Wir kämpfen alle dagegen, merken es nur nicht“, sagt Don Quijote. Kaum einer, der ihn nicht kennt, den Ritter von der traurigen Gestalt. Auch wenn man den dicken Wälzer nicht vollständig gelesen hat, gilt er als d e r Träumer und unverbesserliche Optimist und Weltverbesserer. War er ein Fantast, Depp oder Held oder beides?
Dem geht das Stück „Wind.Mühlen.Flügel.“, ein Rechercheprojekt frei nach Miguel Cervantes` berühmtem Roman „Don Quijote“ nach in einer Produktion der Bürgerbühne im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Jeder der sechs Spielerinnen und Spieler hat seine eigene Version der Geschichte von Don Quijote in dieser witzig, poetisch und einfallsreich in Szene gesetzten Aufführung von Autor und Regisseur Tobias Rausch. Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach den Don Quijotes unserer Zeit, musikalisch originell auf Blasinstrumenten von vier jungen Musikern begleitet.
Fantasie und Realität, Episoden aus dem Roman und persönliche Lebensgeschichten mischen sich ständig, wenn sie von ihren Träumen, Siegen und Niederlagen und Erfahrungen im Umgang damit erzählen. Spielkulisse ist ein Bibliotheksraum mit langen Tischen, auf denen sich Buchstaben drehen und bewegen heraus aus den Bücherregalen und später kleine Windmühlen, gebaut aus Pappbechern und Getränkedosen mit Flügeln aus Besteck, projiziert im Schattenriss auf einer Leinwand. Zwei adrette Bibliothekarinnen in weißen Kleidern und schwarzer Schleife sortieren, archivieren und verwalten streng auf Ordnung bedacht die Bände. Eine junge Frau gibt sich als Profigamerin mit Leidenschaft für Fantasyspiele zu erkennen, setzt sich mal eine Blechdose auf den Kopf und mal einen rosa käfigähnlichen Korb wie gefangen in ihren Fantasien. Eine andere Frau erzählt von ihrer Liebe zu Büchern und von Leuten, die sie nur hin und her tragen ohne eine Seite aufzuschlagen.

Früher waren Bücher eine Insel, eine Waffe, sagt Susanna Pervana, sie haben geflüstert, gezischelt und gestichelt. „Heute stehen Bücher vergessen herum, gibt es nur noch ein einziges Buch – Facebook“, sagt sie, die aus einem griechischen Dorf stammt und als Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland kam. Sie fühlte sich manchmal allein gelassen und wie in Platons Höhle: „Du bist von Schatten umgeben und weißt nicht mehr, was die Realität ist. Doch unsere Fantasie sucht immer einen Weg durch diese dünne Schicht, die wir Realität nennen“, weiß sie inzwischen. Später schlüpft sie in die Rolle von Sancho Pansa, dem treuen Knappen von Don Quijote, der ihn immer wieder aus dem Schlamassel herausholt. Statt seiner Lanze bringt sie ihm erst mal einen Latte Macchiato, als er mit verwegener Miene und Metalldeckel auf dem Kopf und hohen Schaftstiefeln den Lesesaal stürmt, den Tisch erklimmt und von oben aus seinem Tagebuch liest, heitere, nachdenkliche und anstößige Notate.

Der skurrile wie tollkühne Don Quijote ist eine Paraderolle für Hans Kubach, der als ehemaliger Journalist mit brüchiger Stimme von den Irrungen und Wirrungen seines Lebens und der Wendezeit erzählt, als die Riesen zu Boden gingen, aber auch von übergroßem Liebeskummer und Alkoholzuspruch, der die Wirklichkeit verrückte. Einer wie Don Quijote hat es nicht leicht heute.
In einer Welt voll cooler Gewinnertypen und multimedial umgeben von Verschwörungstheorien, Gewalt und zerstörerischen Fantasien. „Vielleicht müssen wir alle auf kalten Entzug“, sagt Marco Tabor, der als Polizist Don Quijote verhört. Außerdem küsst er auf der Bühne Greta, die noch nie einen Jungen geküsst hat. Ähnlich wie Don Quijote seine unbekannte Geliebte Dulcinea anschmachtet, lebt ihr Traummann nur in ihrem Kopf.
Eine Frau wäre gern Meeresforscherin geworden, untersuchte später als Wissenschaftlerin Gewässer um schließlich zu beweisen, dass sie ihre These nicht beweisen kann. „Ich wollte raus in die Natur und jetzt arbeite ich nur noch mit Daten. Was uns wirklich fehlt, ist eine Resistenz gegen das Gefühl des Scheiterns“, sagt Claudia Seiler. Es sind ihre Ideen, Neugier, ihr Erfindungsgeist und Wagemut, die alle Spieler und ihre Geschichten mit Don Quijote gemeinsam haben. Wie viel vom Erzählten fiktiv oder echt ist, darf sich der Zuschauer selbst aussuchen und seine Fantasie spielen lassen. Viel Beifall.

Nächste Termine: 17.5., 20 Uhr; 5.6., 19 und 17.6., 20 Uhr

 

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