Das Stück „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ über den ewigen Kampf um das Gute und Dunkle im Menschen hatte am Sonnabend an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Premiere.

Der Mensch, das Ungeheuer

Von den zwei Seelen in jedem Menschen wusste schon Goethe. Der Arzt und Forscher Jekyll erfindet einen Trank, um das dunkle Begehren und Böse in sich vom Guten zu trennen. Doch sein Doppelgänger reißt ihn immer mehr in einen Strudel aus unbegrenzter Freiheit, Lust, Gewalt und Macht über andere. Davon erzählt das Schauspiel “Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von David Edgar nach dem Roman von Robert Louis Stevenson, das am Sonnabend an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Premiere hatte.

Auf die Aufführung stimmt im Foyer eine Ausstellung mit wandlungsreichen Spiegelbildern und Texten von Schülern der 9. Klasse/Künstlerisches Profil vom Gymnasium Coswig ein. Die Geschichte spielt im puritanischen, sittenstrengen England des 19. Jahrhunderts. Nah ans Original hält sich die Inszenierung von Axel Köhler, imposant ausgestattet von Stefan Wiel mit viel Zeitkolorit und Atmosphäre in Bühnenbild und Kostümen. Da wechseln die Eleganz eines Landhauses mit geschäftigem Bahnhofstreiben, Kapelle der Heilsarmee und kühlen Kachelwänden im auf und ab tauchenden Versuchslabor mit allerlei Wundermitteln des Dr. Jekyll.

Mit durchweg großartigen Schauspielern, spannend-emotionsgeladen, gruslig und mit leisem Humor kam das Stück über das Doppelleben des Dr. Jekyll und seiner Schattenseite auf die Bühne. Unheimlich gut verkörpert Moritz Gabriel dessen zwiespältiges Wesen in schnellem Rollenwechsel. Als tagsüber freundlicher, hilfsbereiter Arzt und nachts animalisch getriebener Wüstling mit wild-offenem Haar, Sonnenbrille, schwarzem Umhang und Zylinder. Er täuscht alle, leidet und ringt mit seinem Spiegelbild immer in der Angst, erkannt zu werden als Hyde, als menschliches Ungeheuer. Als Jekyll, der über Hyde immer mehr die Kontrolle verliert und mit ihm verschmilzt, begehrt er zunächst auf gegen Etikette, Heuchelei und Scheinheiligkeit. Er agiert mal spöttisch, höhnisch bis hemmungslos gewaltbereit gegen Straßenkinder mit Bauchläden, arglose Frauen und einen ignoranten Parlamentsabgeordneten.

Nur ungern überlässt Jekylls Schwester, deren Selbstbewusstsein nur Fassade ist (Sophie Lüpfert) ihrem Bruder das Porträt des geliebt-gehassten Vaters und seine medizinischen Aufzeichnungen. Sie fotografiert und glaubt, man könne die Wahrheit im Gesicht eines Menschen wie in einem Spiegel sehen, der einen auch andersherum zeigt. Bruder und Vater ähneln sich sehr in ihren Neigungen. Zuletzt wird sie ihrem Sohn verbieten, die „gefährlichen“ Aufzeichnungen zu lesen als seien Wissen und Forschung schuld an verhängnisvollem menschlichen Verhalten und Handeln. Da wird über das Zusammenwirken von Gehirn, Geist und Seele des Menschen, seine niedere und höhere Hälfte und Instinkte, Verstand, Anstand und Gewissen lebhaft debattiert von Jekyll in gutsituierter, ergrauter Herrenrunde.

Da verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse, Wahrheit und Selbsttäuschung, verdrängten Wünschen und Sehnsüchten. Nur so kann Mr. Hyde sein hinterhältiges Spiel mit dem doppelzüngigen Anwalt und besten Freund Utterson (Matthias Henkel), dem entsetzten Arztkollegen Lanyon und dem hasserfüllt über die Schlechtigkeit der Menschen wetternden Pastor (in mehreren Rollen Thomas Förster) treiben. Der Traum von einem neuen Leben im Haus von Dr. Jekyll, der die misshandelte, trotz allem lebenslustige Annie (Cordula Hanns) als Hausmädchen bei sich aufnimmt, wird für sie zum Albtraum. Anrührend komisch, wie sein Diener Poole (Grian Duesberg) ihm trotz der düsteren Verwandlung weiter aufrichtig menschlich begegnet. Fazit: Gutes und Böses im Menschen gehören zusammen und wie stark beides wird, muss immer neu verhandelt werden. Herzlicher Beifall für einen Theaterabend, der einen tief im Inneren berührt und nicht loslässt mit der Frage: Wer man eigentlich wirklich ist.

Foto: Hagen König/Landesbühnen

http://www.landesbuehnen-sachsen.de

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