Fotos: Matthias Horn

„Oh Gott! Ich muss nachschauen welcher…“

Dunkel-Dramatische, Lichtfunkelnde und Aufrüttelnde Klänge, Bittere, beschwörende und Tragikomische Worte darüber, wie Menschen heute mit sich, anderen und der welt umgehen, wechselten in der Orchesterpeformance „Wut – Jelinek, Wagner und Jesus von Nazareth“ von Christian von Borries am Sonnabend zum Abschluss der Dresdner Musikfestspiele. Eine gemeinsame Aufführung der Dresdner Sinfoniker mit Schauspielern des Staatsschauspiels und dem Dresdner Bürgerchor in der Frauenkirche, die dabei allerdings akustisch an ihre Grenzen stieß, da viele der Chorpassagen – Ironie des Schicksals oder der Zeit – kaum gehört verhallten.

Zuerst stehen die Akteure in blauen Gewändern brav in einer Reihe hinter dem Orchester, später rücken sie immer weiter vor, von einer Zuschauerreihe in die nächste und lassen im Chor mit geballter Stimmkraft ihrer „Wut“ freien Lauf nach der gleichnamigen zornig-scharfzüngigen Textvorlage der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek, entstanden nach den Terroranschlägen in Paris 2015, im weiten Kirchenraum. Klanggewaltig begleitet von den Dresdner Sinfonikern – zu Musik von Wagner, Bach, Mendelssohn Bartholdy, Popmusik und Militärmärschen – suchen sie sich Gehör zu verschaffen in einem zunehmend um sich greifenden Klima der Angst vor Terror, Gewalt, Hass, Leid und Zerstörung, des Zerfalls von Werten und fordern Veränderungen. Sie halten vor dem Altar Schilder mit der Aufschrift Wut und Videobildern mit davonrennenden, fliehenden Menschen und dem aufragenden Bus-Monument, das vor der Frauenkirche für viel Aufsehen sorgte. „Wir brauchen nichts mehr, keinen Gott, keinen Führer“, rufen sie und führen sich auf als „Selbsterschaffene“, die vor Wut übergehen und sich mal ohnmächtig fühlen, in Deckung gehen, hinters Podium stellen, auf die Brüstung springen und sich in dunkle Allmachts- und Vergeltungsfantasien vor dem imaginären Fremden, Unheimlichen flüchten.

Das hinterließ starken Eindruck, ging unter die Haut und bietet viel Zündstoff zum weiteren Nachdenken, wie mit der Wut über das Wegsehen und Nichtgehörtwerden umgegangen werden kann – persönlich und auf gesellschaftlicher Ebene – angesichts der vielen nicht zu übersehenden sozialen Spannungen und vielen ungelösten Fragen zu Zuwanderung und Integration hier im Lande und in anderen Ländern Europas.

„Wir haben das Maß verloren. Fallen aus der Ordnung der Welt heraus, aber die hat noch nie Ordnung halten können“, heißt es in einer Textpassage von Jelinek. „Keiner ist schuld. Keiner ist schuld?“

Wir sind ja nur unsere eigene Wahrheit, wir spielen sie nur, lässt sie die Akteure abschließend sagen. Vielleicht hat es sich aber doch gelohnt, weil alle bezahlt haben?!, fragt sie sarkastisch. Zumindest gab es trotz streckenweise schwer verständlicher Rede im Gegensatz zur wunderbaren Musik dennoch reichlich Applaus vom Publikum.

Die Spieler verteilten neben Taschentüchern auch diesen Wut-Text von Elfriede Jelinek an die Zuschauer:
„Ich sage wir, aber ich bin es nicht, ich bin die alle nicht,
ich bin auch die Flüchtlinge nicht, die da sprechen,
wie könnte ich denn ein Flüchtling sein, wo ich doch nicht mal ins Kino oder
ins Theater oder in ein nettes Restaurant flüchten kann!,
wie kann ich mich in diese Leute hineinversetzen, in diese Mörder?
Ich kann es nicht und tue es nicht.
Ihr Inneres verstehe ich nicht, ihr Äußeres sehe ich nicht, obwohl es oft im
Fernsehn war und ich nur sehe, was dort stattfindet.
Das Äußerste kann das Innerste sein, aber das Innerste sieht man eben nicht,
ich habe das schon öfter irgendwo erwähnt, glaube ich.
Sie wollen das Innerste der Menschen von mir, aber wie soll ich das kennen?
Sie wollen richtige Menschen von mir?
Dann müssen Sie sich an jemand anderen wenden!“

 

 

 

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