Unverschämte Blicke auf Rollenspiele zwischen Männern und Frauen

Pralle, sinnenfrohe Weiblichkeit lockt in kräftig lodernden Farben. Paare verführen sich himmlisch und animalisch im fesselnden Spiel von Lust, Macht und Gegensätzen der Geschlechter. Kein Tabu kennt dabei die Ausstellung „Unverschämt“ mit Malerei und Zeichnungen von Steffen Fischer, die am Freitag abend in der Galerie Kunst & Eros auf der Hauptstraße 15 in Dresden eröffnete (noch bis 18. November zu sehen).

Das Lustprinzip der freien Bewegung und der freie Ausdruck von Körperlichkeit und Nacktheit interessieren den für seine expressive Bildsprache bekannten Künstler vor allem. Die Ausstellung versammelt neuere Arbeiten von 2009 bis `017. Im wild ekstasischen Tanz der Linien und Farben, witzig bis sarkastisch und lustvoll-provokant betrachtet Fischer tradierte Rollenbilder zwischen Männern und Frauen und hebt diese samt ihren Grenzen auf. Er zeigt in seinen oft mythologisch-vieldeutigen Bildern den soldatischen Mann, der an der langen Leine der Götter marschiert und nimmt das Patriarchat, das „Paradies der Väter“ ironisch auf die Schippe und stellt dem die weibliche Schöpferkraft entgegen. Berge sind für ihn wie Brüste, sagt Steffen Fischer.

So hockt der Künstler im Titelbild zur Ausstellung – in einem Selbstbildnis als Junge –  mit schelmischem Erkunderblick oberhalb eines riesigen Frauenkörpers, eine Art Urmutter zwischen ihren Brusthügeln. Sie schwingt ein Seil, das halb Perlenkette und halb Stacheldraht zugleich auf das zweischneidige Mann-Frau-Verhältnis anspielt. Bei ihm wechseln beide als Eroberer, Verführte und Liebende. Da fliegen mal die Federn bei Leda im Liebesrausch und kapituliert Zeus als verzauberter Schwan, da sie eine Waffe zückt. Da sieht man burlesque sich entblätternde Damen, eine entlaufene Nonne und eine Frau beim leidenschaftlichen Tanz mit einem Stiermann.

Und ein „himmlischen Duett“, bei dem sie ihren feurigen Schoß öffnet und sein Phallus in den Himmel wächst. „Unverschämt ist jemand, wenn er unbotmäßig, ungehorsam vom normativen der Gesellschaft abweicht“, sagt Steffen Fischer über den Ausstellungstitel. Die Herrschaftsfrage, wer macht die Gesetze und spricht die Verbote aus, beschäftigt ihn ebenso wie die Selbstauseinandersetzung in der Kunst. Der 1954 in Dohna geborene Künstler lernte Offsetdrucker vor seinem Studium an der Dresdner Kunsthochschule. Seit 1983 arbeitet er als freischaffender Künstler. Bekannt wurde Steffen Fischer als „Künstler-Paar“ mit Angela Hampel in den späten 1980er Jahren in der DDR mit ihren Installationen u.a. von in Netzen gefangener Körperabformungen, die die politische Situation ebenso wie das Mann- und Frausein betrachteten.

Obszön sind nicht die geöffneten Schenkel einer Frau, sondern die mit Orden behangene Brust eines Generals, zitiert Fischer den Künstler und geistigen Wahlverwandten Alfred Hrdlicka. Heute ist die Erotik in der Kunst konfrontiert mit einer Übersättigung an nackten Tatsachen und totalen Vermarktung von Lust und Liebe. „Andererseits nehmen falsche Prüderie und Körperfeindlichkeit zu und echte Empfindungen  ab“, beobachtet der Künstler. Da kommen seine unverschämt sinnesreizenden Bilder gerade recht.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Mo bis Sa von 11 bis 15 Uhr

Tel.: (0351) 802 47 85
http://www.kunstunderos.de

Galeristin Janett Noack von Kunst & Eros

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