Lachen, Weinen und Hoffnungsketten für jedes Kind

Ein offenes Ohr und viele spielerisch-kreative Angebote bietet die Kindertrauergruppe des Christlichen Hospizdienstes Dresden e.V.

Die Sonne scheint durchs Fenster. Ein großer Sommerblumenstrauß steht auf dem Tisch in dem hellen, gemütlichen Raum. Einige Kinder in der Runde kennen sich schon, andere sind neu. Sie sitzen auf lustigen Tierkissen im Kreis. In der Mitte leuchtet eine weiße Kerze im Sand. Ein grauer, bunt bemalter Stein mit Smileys und anderen Symbolen wandert reihum.

Jeder sagt kurz wie es ihm gerade geht. Dann zünden sie Teelichter für einen nahen Menschen an, der verstorben ist und an den sie in diesem Moment denken. Vater, Mutter, Opa oder die beste Freundin. In diesem Raum ist Platz für die Trauer um den geliebten Menschen. Hier darf alles da sein, Lachen und Weinen, Wut und Schmerz ebenso wie ansteckende Fröhlichkeit. „Kinder trauern so intensiv wie Erwachsene, aber anders. Sie zeigen ihre Trauer nicht in der großen Runde vor allen“, sagt Regina Schönberg. Sie ist Kinderkrankenschwester und Trauerbegleiterin beim
Christlichen Hospizdienst Dresden e.V. Seit 2008 betreut sie die Trauergruppe für Kinder und ihre Eltern in den Räumen auf der Canalettostraße 13, die sich jeden und 4. Mittwoch im Monat von 16 bis 18 Uhr trifft, und bringt vielfältige thematische Angebote ein. Das reicht von kreativem Gestalten mit Ton, Basteln, Rollenspielen, kleinen Gesprächsgruppen bis zu Schreibangeboten.

Lebendiger Raum der Erinnerung an verstorbene Familienangehörige

„Wir möchten Kindern und Familien Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Trauer in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter geben. Kinder leben in der Gegenwart. Je jünger sie sind, um so schneller ist der Wechsel zwischen Trauer und Normalität“, erlebt Regina Schönberg. Mit sechs Jahren erfassen sie schon die Endgültigkeit des Todes. Es herrscht aber keinesfalls nur bedrückte Stimmung.

An diesem Nachmittag geht es nach der Vorstellungsrunde locker und lebhaft zu. Zehn Kinder im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren sind diesmal da. Sie basteln zusammen, spielen oder musizieren gemeinsam mit drei jungen, ehrenamtlichen Trauerbegleiterinnen. In einem Raum liegen farbige Wort-Kärtchen auf dem Tisch. Die Kinder suchen sich fünf Karten aus, die an Eigenschaften des Verstorbenen erinnern und erzählen den anderen von ihnen. Beschreibungen wie „warmherzig“, „witzig“, „abenteuerlustig“, „wunderschön“, „leistungsstark“, „krank“, „kreativ“ oder „verschlossen“ gehen nahe, man steht nicht alleine mit der Trauer, wenn man sie teilt und Anteilnahme und Mitgefühl gegenseitig erfährt.

Beim Spielen kommt man auch miteinander ins Gespräch. Etwa beim „Choco-Hopper“, einem Frage- und Antwort-Spiel, bei dem Kinder und Trauerbegleiterinnen bunte Schokolinsen aus einem kleinen Naschbären ziehen und Karten aus einem Stapel mit Fragen wie „Was bringt dich zum Lachen?“, „Wer tröstet dich, wenn du traurig bist?“ oder „Was würdest du deiner Mutter gern sagen?“ Nicht immer fällt es leicht darauf zu antworten. Was ihm beim Wort Liebe einfällt?

„Nichts! Ich habe keine Gefühle“, sagt ein Junge im orangenen T-Shirt und schiebt sich sein Blumenkissen vor den Bauch. Ein kleines Mädchen wundert sich: „Ach deswegen hast du vorhin geweint…“ Der Junge hat vor kurzem seinen Vater verloren. Auch Ronjas Vater lebt nicht mehr. Sie war zu Besuch bei der Oma und als sie zurückkam, war er bereits im Krankenhaus. Sie war vier Jahre alt. Inzwischen ist sie neun. Ronja erinnert sich noch wie er im Flur stand und es gibt Fotos mit Ronja, ihrem Vater und ihrem Bruder.

Gemeinschaft mit anderen trauernden Kindern gibt Trost und Kraft

Seit zwei Jahren besucht Ronja die Kindertrauergruppe beim Christlichen Hospizdienst. Die Trauer werde allmählich weniger. Im Vordergrund steht die Freude am Spielen und Zusammensein mit den anderen Kindern. “Mir gefällt die Freiheit, hier kann ich sein wie ich bin“, sagt das aufgeweckte Mädchen. Ronja hat mit Schlagzeug spielen begonnen. Wie ihr Vater, ohne es zu wissen, sagt ihre Mutter. Das Musikalische hat sie von ihm geerbt, sagt sie mit Tränen in den Augen. Das wird sie weiterhin verbinden. “Es geht bei den Treffen auch nicht vordergründig um Tod, sondern um Themen die vieles berühren wie Abschied oder Familienstammbaum“, sagt Ronjas Mutter.

Im Kreativraum sitzt Lena, 10 Jahre. Sie hat gerade eine kleine „Erinnerungsschatzkiste“ aus Holz mit zarten, getrockneten Blüten beklebt und einen Perlenengel als Kettenanhänger gefertigt. „Mir gefällt das Basteln und Töpfern“, sagt sie. In der Gemeinschaft mit den anderen Kindern der Trauergruppe finde sie auch Trost und Kraft. Vor anderthalb Jahren sind Lenas Vater und ihr Opa durch ein tragisches Ereignis ums Leben gekommen. Mit ihren zwei Geschwistern und ihrer Mutter lebt sie in Dresden. Für die trauernden Eltern gibt es eine eigene Gesprächsrunde beim Hospizdienst, während die Kinder nebenan spielen.

„Sie haben im Alltag die doppelte Trauer, um den Partner und die Trauer der Kinder mitzutragen“, weiß Regina Schönberg. Die Möglichkeit zum Gespräch und der Austausch mit anderen Betroffenen, das Erlebnis des Verbundenseins und Gehaltenseins beim Abschlussritual, wo Kinder und Erwachsene sich an einem Seil halten und das gemeinsame Abendessen sollen dabei entlastende Unterstützung anbieten. Am Ende des Nachmittags ist die Hoffnungskette für jedes Kind um eine neu aufgefädelte Kugel neuer Lebensfreude gewachsen.

Die Kinder entscheiden selbst, wie lange sie herkommen und Begleitung brauchen, bevor sie wieder ihre eigenen Lebenswege gehen. Die Kindertrauergruppe beim Christlichen Hospizdienst Dresden ist ein offenes Angebot.

Text (lv)

Fotos: Christlicher Hospizdienst Dresden e.V.

Kontakt: http://www.hospizdienst-dresden.de

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