Romania. Zoom in
Rumänien – Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse 2018

Rund 40 Neuübersetzungen, Romane, Erzählungs- und Gedichtbände, Sachbücher, Klassiker der rumänischen Literatur und Anthologien mit Texten junger Schriftsteller laden neugierige Leser zu einer spannenden literarischen Reise durch Geschichte und Gegenwart ein. Ein Höhepunkt ist eine literarisch-musikalische Begegnung zwischen Schriftstellerin Herta Müller und der Musikerin Ada Milea. Außerdem werden im Vorfeld der Buchmesse neue rumänische Filme und eine Foto-Ausstellung über ehemalige rumäniendeutsche Zwangsarbeiter gezeigt.

In der rumänischen Botschaft in Berlin haben gestern die Veranstalter und Partner des Schwerpunktlands Rumänien der Leipziger Buchmesse 2018 ihr Kulturprogramm und die zur Messe erwarteten Neuerscheinungen vorgestellt. Der Gastlandauftritt in Leipzig möchte ein lebendiges Bild der zeitgenössischen Kulturszene Rumäniens vermitteln und Türen öffnen zur rumänischen Literatur unterschiedlicher Genres: Prosa und Poesie, Sachbücher und Essays, Kinderbücher und wissenschaftliche Studien – insgesamt werden rund 40 vom Rumänischen Kulturinstitut geförderte Neuübersetzungen auf der Leipziger Buchmesse präsentiert, darunter vier Anthologien mit Texten junger Schriftsteller, die erstmals ins Deutsche übersetzt werden.

Auch die Nachbarkünste der Literatur – Film, Musik und Fotografie – werden vom Gastland Rumänien in Leipzig gezeigt: Bereits vier Wochen vor Beginn der Messe, am 12. Februar 2018, startet das kulturelle Rahmenprogramm, u.a. mit Kinowochen im UT Connewitz, die dem Neuen Rumänischen Film gewidmet sind.

Der Leipziger Gastlandauftritt wird von zahlreichen international bekannten Autorinnen und Autoren begleitet: Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller und Leipziger Buchpreisträger Mircea Cǎrtǎrescu wird ebenso wie Nobelpreisträgerin Herta Müller zu erleben sein, zudem der in den Vereinigten Staaten lebende rumänische Schriftsteller Norman Manea und Andrei Pleşu, ehemaliger Außenminister Rumäniens sowie renommierter Schriftsteller und Philosoph.

Der Buchmesseauftritt Rumäniens 2018 fällt in ein für die Republik Rumänien symbolträchtiges Jahr: 2018 feiert das Land 100 Jahre vereinigtes Rumänien. Außerdem fand vor genau 20 Jahren der erste Buchmesse-Auftritt Rumäniens in Leipzig statt. In den 1970er und 80er Jahren war die Leipziger Buchmesse für die rumänischen Autoren und Illustratoren eine der wenigen Gelegenheiten, aus dem Alltag ihrer Heimat auszubrechen. Nach 1989 dann konnten sich die deutsch-rumänischen literarischen Freundschaften vertiefen. Heute sind diese vielfach gefestigt und die Verlage im deutschsprachigen Sprachraum zeigen ein wachsendes Interesse an der rumänischen Literatur.

Ioana Gruenwald, Projektleiterin des Leipziger Schwerpunktlandes 2018, freut sich daher über die seit dem ersten Buchmesse-Auftritt Rumäniens stattlich gewachsene Zahl an deutschen Neuübersetzungen: „Durch die gemeinsame Initiative der Leipziger Buchmesse und des Rumänischen Kulturinstituts ist es 2018 möglich, dem Publikum rund 40 neue Titel in deutscher Übersetzung zu präsentieren. Zu diesem beachtlichen Portfolio haben auch unsere Partner wie TRADUKI in großzügiger Weise beigetragen. Neben den zahlreichen Begegnungen auf der Buchmesse gibt es an der Schaubühne Lindenfels, in der KUB Gallery, im Schauspielhaus und im UT Connewitz Gelegenheit, unter dem Motto Special Taste of Live. Music and Literature in den Genuss rumänischer Musik-, Film- und Literatur-Spezialitäten zu kommen.“

Parcours durch die rumänischen Neuerscheinungen

Der Schriftsteller Ernest Wichner, exzellenter Kenner der rumänischen Literatur, Herausgeber und renommierter Übersetzer aus dem Rumänischen, gab in Berlin einen Überblick über die Vielfalt der deutschsprachigen Neuerscheinungen, die zur Leipziger Buchmesse 2018 publiziert werden. Zu Beginn erinnerte er an den preisgekrönten Schriftsteller Gellu Naum, einen der bedeutendsten rumänischen Schriftsteller und Surrealisten: „Gellu Naum, der große rumänische Dichter, den ich zu Beginn der neunziger Jahre persönlich kennengelernt habe, hat mich mit seinem sicheren Gespür für Qualität, mit seiner moralischen Unbestechlichkeit und seiner Freundschaft zurückgeholt in die rumänische Kultur und Literatur; ihm verdanke ich mein Leben in und mit zwei Kulturen. Wie Oskar Pastior war er mir Freund, Vater und Bruder zugleich“, betonte Wichner.

Zu den neu übersetzten rumänischen Büchern gehören rund zehn Romane, darunter „Das Treffen“ der preisgekrönten Schriftstellerin und Journalistin Gabriela Adameșteanu (Wieser Verlag), die eine Persiflage auf die repressive und abstumpfende Realität des totalitären kommunistischen Regimes und seiner Securitate-Agenten entwirft. Einen bildmächtigen Roman über eine wundersame, imaginierte Welt zu Beginn des 19. Jahrhunderts, legt der in Rumänien gefeierte, zur Leipziger Messe erstmals ins Deutsche übersetze Ștefan Agopian vor. In seinem „Handbuch der Ereignisse“ (AT, Verbrecher Verlag) überführt er die Seltsamkeiten einer Diktatur in eine phantastische Vergangenheit. Lavinia Braniște, Lyrikerin und Prosaistin, kommt mit ihrem Band „Null Komma Irgendwas“ (Mikrotext) nach Leipzig. Sie beschreibt seelische Irrungen und Wirrungen von Menschen im rumänischen Alltag und ihrer Suche nach dem Glück. 

Rodica Drăghincescu, die Texte auf rumänisch, französisch und deutsch veröffentlicht hat, ist eine Kulturvermittlerin zwischen den Ländern. In ihrem neuen Roman „Die Fee der Teufel. Das Tagebuch, das seine Leser tötet” (Klak Verlag) imaginiert sie einen Dialog mit Friedrich Schiller im Stuttgarter Schloss Solitude und belebt dessen Welt in einem gegenwärtigen Kontext neu. Der Schriftsteller und renommierte Drehbuchautor Florin Lăzărescu präsentiert seinen Roman „Seelenstarre“ (Wieser Verlag), in dem er die Lebenskrise eines jungen Intellektuellen unter die Lupe nimmt. Der Roman „Oxenberg & Bernstein“ von Catalin Mihuleac (Zsolnay Verlag) ist dessen erster Roman auf Deutsch und handelt von der Ermordung tausender Juden durch rumänische Regierungstruppen in Iași 1941. Ioana Nicolaie, eine der angesehensten jungen rumänischen Schriftstellerinnen, schrieb mit „Der Himmel im Bauch” (Pop Verlag) einen Roman, der anhand einer Schwangerschaft einen Exorzismus negativer Gefühle beschreibt. Zudem kommt Eginald Schlattner mit „Bruchstriche” (Pop Verlag). Der deutsch-rumänische Pfarrer und Schriftsteller machte mit seinen Romanen über das Leben der Rumäniendeutschen, besonders der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert Furore.

Zusätzlich wird es zwei Erzählungsbände geben: von Cosmin Manolache, Sorin Stoica, Călin Torsan, Ciprian Voicila, „Kleinere und mittlere Geschichten” (AT, Klak Verlag) über die glanzlosen, grotesken, doch letztlich sympathischen Welten junger Menschen auf der Suche nach einer Identität im Grenzraum zwischen West- und Osteuropa, von Außenseitern, Ganoven und schillernden Yogis an der Peripherie der rumänischen Industriestädte.

Zudem kommt Varujan Vosganian, Politiker, Romanautor und Lyriker armenischer Abstammung, dessen Bestseller „Buch des Flüsterns“ (2013) international große Beachtung fand. Nach Leipzig bringt er den neuen Erzählungsband „Als die Welt ganz war“ (Zsolnay Verlag) mit: Geschichten über Randfiguren der rumänischen Gesellschaft, über nicht aufhebbare, dauerhafte Beschädigungen, die die Menschen durch die Diktatur Ceausescus erlitten haben.

Rund zwölf neu übersetzte Gedichtbände werden 2018 erscheinen: Im Pop Verlag sind dies u.a. Gedichte des Lyrikers Daniel Banulescu, dem der Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie verliehen worden ist. Denisa Comănescu, Verlegerin des rumänischen Humanitas Verlags, ist mit dem Band „Rückkehr aus dem Exil” dabei. Von Emil Hurezeanu, dem angesehenen Lyriker und rumänischen Botschafter in Deutschland wird „Anatomielektion“ übersetzt und von Robert Serban, „Feintod” sowie „Unter der Linie”. Im Verlag Brueterich Press erscheinen von Iulian Tǎnase die Prosa-Gedichte „Abgrunde”.

Von dem rumänisch-französischen Theater- und Romanautor Matei Vișniec wird das Theaterstück „Migraaaaanten! oder Wir sind zu viele in diesem Boot” (PalmArtPress) übersetzt, das vom Umgang mit Flüchtlingen in Europa handelt.

Auch rumänische Klassiker werden in Leipzig mit Neuübersetzungen vertreten sein, darunter Ion Luca Caragiale (1852-1912) mit „Humbug und Variationen“ (Guggolz Verlag). Caragiale gilt als der bedeutendste Dramatiker Rumäniens und als Begründer des komischen Theaters. Sein Buch ist eine Sammlung kurzer Texte, sarkastisch und voller Sprachkomik.

Zudem erscheinen sieben Sachbücher, alle im Verlag new academic press wie etwa von Lucian Blaga (1895-1961), prämierter rumänischer Philosoph, Dichter, Wissenschaftler und Diplomat, „Das Experiment und der mathematische Geist” sowie „Wissenschaft und kreatives Denken” oder von Melinda und Sorin Mitu „Die Rumänen aus ungarischer Perspektive“.

Vier Anthologien versammeln Autorinnen und Autoren vornehmlich der jüngeren Generation, deren Texte aus Anlass der Leipziger Buchmesse das erste Mal ins Deutsche übersetzt werden. Zwei Gedichtanthologien sind darunter: „111 Dichter aus Rumänien”, (Pop Verlag) und „Schwerpunktheft zur zeitgenössischen rumänischen Lyrik”(Sprache im Technischen Zeitalter, LCB). Außerdem zwei Prosaanthologien: „Das Leben wie ein Tortenboden. Neue rumänische Prosa” (Transit Buchverlag) und „Die Entführung aus dem Serail. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt” (die horen 269, Wallstein Verlag).

Das kulturelle Rahmenprogramm

Neben den Novitäten-Präsentationen, den Lesungen und Gesprächen auf der Leipziger Buchmesse sind vielfältige rumänische Veranstaltungen in der Stadt geplant: Es soll eine Nacht der rumänischen Poesie in der Gallery KUB und eine Nacht der rumänischen Literatur in der Schaubühne Lindenfels geben. Ein weiterer Höhepunkt ist die literarisch-musikalische Begegnung zwischen Schriftstellerin Herta Müller und der Musikerin Ada Milea am 15. März 2018 in der Schaubühne Lindenfels. Ada Milea ist eine einzigartige Erscheinung in der rumänischen Musik- und Theaterszene. Landesweite Berühmtheit erlangte sie u.a. durch ihre Vertonung der Kinderbücher von Gellu Naum. Herta Müller und Ada Milea verbindet eine alte Freundschaft, Müller setzte sich u.a. für die Bekanntmachung ihrer ersten CD „Absurdistan“ über die Schrecken von Diktaturen ein.

Bereits vier Wochen vor Beginn der Buchmesse, vom 12. Februar bis zum 12. März 2018, laden das Rumänische Kulturministerium und das Rumänische Kulturinstitut in Kooperation mit dem Netzwerk TRADUKI zu rumänischen Kinowochen ins UT-Connewitz ein, die dem Neuen Rumänischen Film gewidmet sind. Die gemeinsam mit dem Filmkritiker Mihai Fulger und dem UT-Connewitz entwickelten sechs Filmabende zeigen unter dem Motto Leaving (to) Romania die neuesten Produktionen (Spielfilme, Kurzfilme, Dokus) einiger der bekanntesten rumänischen Regisseure. Die Entstehung des neuen rumänischen Kinos ist mehreren herausragenden Filmemachern zu verdanken: beginnend mit Cristi Puiu, Cristian Mungiu und Corneliu Porumboiu über Cătălin Mitulescu, Radu Muntean, Călin Peter Netzer, Răzvan Rădulescu, Igor Cobileanski, Marian Crişan, Radu Jude, Adrian Sitaru und Florin Şerban bis zu den jüngeren Gabriel Achim, Ana Lungu, Bogdan Mirică und Paul Negoescu. Weltweit wurde das rumänische Kino in den letzten zehn Jahren als die interessanteste Neuerung in der europäischen Filmkunst wahrgenommen.

Aber nicht nur Filmpräsentationen, auch eine wichtige Foto-Ausstellung steht auf dem Programm: „Immer war diese Hoffnung – ehemalige Russland-Deportierte erinnern sich“. Die Ausstellung von Marc Schröder beschäftigt sich mit der Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit. Gezeigt werden überwiegend Portraits von Überlebenden die zur Zeit der Aufnahme wieder in Rumänien leben. Als Begleitmaterial zu den ungefähr 20 Portraits werden auch umfangreiche Zeitzeugenaussagen und einige historische Dokumente präsentiert. Marc Schroeder suchte über 40 ehemalige Russlanddeportierte in verschiedenen Gebieten Rumäniens auf (Siebenbürgen, Banat, Banater Bergland, Sathmarer Schwabenland, Bukowina und vereinzelten Städten wie Craiova, Ploiesti und Bukarest). Er fotografierte die Betroffenen in ihrem Alltag, ihrem Zuhause, und hörte ihren teils traumatischen Geschichten über die Deportation zu. Sein Ziel war, eine umfangreiche und ausdrucksvolle Portraitserie von den letzten Überlebenden zusammenzustellen, ein kollektives Bild der Erinnerung.

Rumänien – Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse 2018 wird veranstaltet vom Rumänischen Ministerium für Kultur und dem Rumänischen Kulturinstitut sowie der Leipziger Buchmesse in Zusammenarbeit mit TRADUKI, mit freundlicher Unterstützung durch die Botschaft von Rumänien in der Bundesrepublik Deutschland und das Goethe-Institut Bukarest.

Text: Susanne Meierhenrich, Rumänien – Schwerpunkland der Leipziger Buchmesse 2018

www.cultura.ro

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