Von „Honni`s Lehnstuhl“ bis zur „Büchse der Pandora“

An vielen Titeln der Bilder und Namen der Künstler lässt sich unschwer ablesen, wo sie entstanden. Im Vordergrund steht die Vielfalt künstlerischer Qualitäten und Handschriften in dieser besonderen Ausstellung. Noch bis 11. Februar.

Schnee von gestern?! Die Bilder lassen jedenfalls nicht kalt in der gleichnamigen Ausstellung in der Galerie Holger John, in der zurzeit Kunst vor 1989, aus der DDR und davor, von rund 70 Künstlern zu sehen ist. Zur Ausstellungseröffnung letzten Donnerstag waren die Bilder dicht umlagert von Besuchern, unter ihnen viele gestandene Künstler. Das Wort „DDR“ hat Galerist Holger John bewusst weggelassen, da er weder ein Etikett für das Gezeigte wollte und eben auch keine typische Kunst aus dieser Zeit zu sehen ist. „Es ist keine Propagandaschau, sondern es wird eine große Bandbreite an künstlerischen Qualitäten und Handschriften gezeigt, von ganz abstrakten, leisen bis zu lauten, grellen Arbeiten. Auch Ideologisches und viel Zwiespältiges“, sagt der Künstler und Galerist Holger John. „Qualität verändert sich auch, bleibt nie stetig.“ Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Galerie Döbele, der Galerie Himmel und der Städtischen Kunstsammlung Radebeul.

Zu sehen sind frühe Werke von bekannten Künstlern ebenso wie wenig präsente oder noch nie gehörte Namen. Unauffällige, auffallende, vorder- und hintergründige, reizvolle, spannende, poetische, subtile, skurrile und ironische Arbeiten füllen dicht an dicht die Bilderwände auf zwei Etagen in der Galerie in der Rähnitzgasse 17 in Dresden. Die Ausstellung vereint Malerei, Grafik, Plastik, Plakate von Kunstausstellungen und Fotografie. Jedes einzelne Bild erzählt Geschichte und Geschichten.

Das älteste Bild, ein Frauenakt von Curt Querner stammt von 1927. Zu sehen sind außerdem Figürliches und Landschaften mit viel Lokalkolorit von Hans Kinder, Ernst Hassebrauck und Wilhelm Rudolph bis zum Radebeuler Malerhumoristen Horst Hille. Werke von Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte sind dabei und Leipziger Künstlergrößen wie Werner Tübke und Bernhard Heisig sowie die sogenannte Berliner Schule mit Malern wie Harald Metzkes – an seinem symbolischen Bild „Harlekin“, der mit der Gesellschaft spielt, malte er zehn Jahre, von 1986 bis 1996 – und Lothar Böhme sind vertreten.

Eine Wand für sich hat am Treppenaufgang Walter Womackas (1925 – 2010) bekanntes Bild „Am Strand“, das er auf Usedom, auf seinem Anwesen in Loddin malte. Für die junge Frau stand seine Tochter Modell. Das Ölbild wurde auf der 5. Deutschen Kunstausstellung 1962/63 in Dresden ausgestellt und dort von 63 Prozent der Besucher zum Lieblingsbild gewählt. Das junge Paar am Strand wurde als Kunstdruck und Postkarte über drei Millionen Mal gedruckt. John, der selbst mit diesem Bild und der Landschaft aufgewachsen ist, zeigt diese „Ikone des Realsozialismus“ – das Paar in Rot scheint sich selbst zu genügen ohne einen Blick auf`s Meer, die Ferne – nun in seiner Galerie. Es ist eine Zweitfassung von Womacka, das John im Strandhotel „Seerose“ in Kölpinsee wiederentdeckte, wo es vom Freundeskreis Walter Womacka ausgestellt war.

Für Schmunzeln sorgt das Bild „Honni`s Lehnstuhl“ von Harald Gallasch, das die aufmüpfige Künstlergruppe um Ralf Winkler (A.R. Penck), Peter Herrmann, Frank Maasdorf u.a. hinter einem roten Thron zeigt. Vieldeutig ist der „Tanz der Geister“ um morsche Baumstämme. Die Mischtechnik mit Zement entstand 1977.

Ein spannendes Bild in morbiden Schwarz- und Grautönen gehalten ist „Die Büchse der Pandora“, selbige hält ein Mann mit schemenhaften Gesichtszügen, die Walter Ulbricht darstellen sollen, so John. Auf der Büchse klebt ein Bildnis von Helmut Kohl. Das Ölbild stammt aus Privatbesitz in Berlin, gemalt hat es Walter Opitz 1989.

In der Bilderliste der derzeitigen Ausstellung stehen nur zwei Frauen: Thea Kowar (geb. 1945) mit einem Holzschnitt: „Die auf Sitzungen Versessenen“ nach Majakowski und „Im Garten Sitzender“, ein Aquarell von Lis Bertram-Ehmsen (1887 – 1986).

Holger John will den Künstlerinnen vor 1989 eine ganze, eigene Ausstellung widmen mit dem Titel „Frauen können auch malen!“, die auch das bezeichnend, am 8. März, um 19 Uhr in seiner Galerie eröffnet wird.

Die Ausstellung „Schnee von Gestern“ ist noch bis 11. Februar zu sehen.

Geöffnet: Mittwoch – Sonntag 14 – 19 Uhr

http://www.galerie-holgerjohn.com

Text + Fotos (lv)


Galerist Holger John im Gespräch mit Zeitzeugen über Kunst in der DDR
Plakativ und viel interpretierbar: Nicht übers Meer, in die Ferne schweift der Blick des jungen Paars, sondern es verweilt „Am Strand“ mit gebannter Miene…  „Eine Ikone des Realsozialismus“ nennt Galerist Holger John das bekannte Bild von Walter Womacka, dessen Zweitfassung o.J. in der Ausstellung hängt.


Schnee von Gestern?! Die Bilder lassen jedenfalls keinen kalt: Besucherinnen der Ausstellung im Gespräch mit dem Maler Olaf Amberg.
Stilecht: Rote Nelken bekam Galerist Holger John zur Ausstellungseröffnung überreicht.

 

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