Einmal der Größte sein, Erfolg haben, beliebt sein, dann wird`s nie an etwas fehlen. Glaubt Willy Loman, Handlungsreisender. Doch ist das wirkliche Größe? Fotos: Sebastian Hoppe

Der Traum von der großen Freiheit

Wenn der Erfolg auf der Karriereleiter ausbleibt, was bleibt dann noch im Leben? Fragt in traumversponnen schönen, komischen und düsteren Bildern und Szenen die Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller im Schauspielhaus Dresden.

Ein lächelndes Paar im Auto, hinter ihnen schaut ein Kind mit Hund aus dem Fenster auf die Freiheitsstatue in New York. Vor dem romantischen Reklamebild steht Willy Loman (erfolgsbesessen und stur: Torsten Ranft). Er ist Familienvater, fährt als Handelsvertreter tausende Kilometer übers Land und rauft sich das Haar. Beinah hätte er einen Unfall gehabt, da sein Blick einmal in die sonnige Landschaft abschweifte. Er hält einen Moment inne und wird wütend, wenn er daran denkt: „Die Welt ist außer Kontrolle geraten, dieser Wettbewerb ist wahnsinnig!“

Doch Willy Loman macht mit, er kann nicht aufhören. Er misst seinen Wert an seiner Arbeit, an den Erfolgen und dem Umsatz, den er erzielt. Er will es allen zeigen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. In diesem Erfolgsstreben erzieht er auch seine zwei Söhne, Biff und Happy, die buchstäblich aus dem Reklamebild mit dem Familienidyll herausfallen. Der Vater trimmt sie als Basketball-Sportler, dort sollen sie ihm Ehre machen. Ein Sportgeschäft der beiden ist sein Traum. Doch Happy (Yassin Trabelsi) ist ein Tagträumer und schläft wahllos mit Frauen. Biff (sensibler Sonderling: Simon Werdelis) ist durch die Abschlussprüfung gefallen, fühlt sich als Versager und leidet unter dem Leistungsdruck seines Vaters. Er spielt eine Weile das Erfolgs-Spiel mit, um seine Zuneigung zu erlangen, doch er taugt nicht zum Verkäufer und Geschäftsmann. Außerdem steht noch ein Geheimnis aus der Vergangenheit zwischen Biff und seinem Vater, das nach und nach aufgedeckt wird. Immer mehr offenbart sich, dass das ganze vermeintlich erfolgreiche Leben von Willy Loman auf einer Lüge aufgebaut ist.

Davon erzählt dramatisch, tragikomisch und berührend, wobei Traum- und reale Lebensszenen in der Schwebe gehalten sind bzw. Vergangenheit, Erinnerung und Gegenwart sich überlagern, das Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller, in der deutschen Textfassung von Volker Schlöndorff und Florian Hopf, im Schauspielhaus Dresden (Regie: Michael Talke). Mit der Uraufführung 1949 erlebte er seinen Durchbruch als Schriftsteller, für sein Stück erhält er im selben Jahr den Pulitzer-Preis. Es hat bis heute nichts an Aktualität und Ausdrucksschärfe verloren, vielmehr wird die Frage immer brisanter, um den Preis von Erfolg, seine Folgen und was für Werte sonst noch zählen.

Auf der Rückseite des Bühnenbildes mit der heile Familien-Reklame steht der Spruch: „What you will“ (Du kannst es erreichen). Daran hält sich Willy Loman eisern, hat abwechselnd Anfälle von Größenwahn, Wut- und Verzweiflungsausbrüche, dann wieder wird er ganz sanft und still. Im Traum erscheint ihm, wenn er nicht weiter weiß, sein toter Bruder Ben (Hans-Werner Leupelt), ein kraftprotzender Abenteurer mit Fellmütze und Mantel, der Goldgräber in Alaska war und Willy anfeuert mit Sprüchen wie „was riskieren“ und „sich durchschlagen“. Daran klammert er sich und wird immer erschöpfter, depressiver. Seine Frau Linda hält zu ihm, ohne klein beizugeben (stark und feinfühlig: Christine Hoppe), versucht zu schlichten zwischen Söhnen und Vater. Doch die harte Wahrheit, ausgesprochen von seinem Sohn Biff: „Ich bin ein Niemand und du auch!“ erträgt sein Vater nicht. Während die Erkenntnis für Biff eine Befreiung ist: „Ich bin, was ich bin, sonst nichts“, kann Willy Loman nicht damit leben.
Der Traum von der großen Freiheit zerplatzt lautlos wie eine Seifenblase.
Viel Beifall für einen emotionsreichen, spannenden Theaterabend.

Nächste Vorstellung: 6. Mai, 19.30 Uhr im Schauspielhaus.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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