Der äußere Schein trügt. Wer bist du wirklich?! Fragen sich die drei Aussteiger, gespielt von Nancy Spiller, Hannes Sell und Jürgen Stegmann, gegenseitig auf ihrer humorvollen Pilgerreise im neuen Programm der Herkuleskeule.

Humorvolle Standpauke gegen Ellenbogen und müffelnde Socken

Unfreiwillig vom Regen aufgehalten, kommen drei Pilgerer einander samt ihren Nöten und Lebensträumen ein Stück näher im neuen Programm „Hüttenkäse“ im Kabarett-Theater Herkuleskeule. Die Premiere war am Freitagabend.

Kaum sind sie los gepilgert, sitzen die drei Aussteiger schon wieder fest. Bei strömendem Regen in einer Hütte. Irgendwo unterwegs, ohne Handynetz und
Internet. Allein mit sich und den anderen. Da kommt man sich unfreiwillig näher, schüttet sein Herz aus und streitet über kleine und große Miseren in der Welt im Programm “Hüttenkäse – Drei Experten auf dem Jakobsweg“. Die Premiere war am Freitagabend im Kabarett-Theater Herkuleskeule im Keller des Kulturpalastes.

Musikalisch und mental geht`s bei der Sinnsuche um mehr als das persönliche Glück rasant bergauf und ab in diesem neuen Programm. Auf die Bühne kamen neue und ältere Texte, von unterhaltsamen Gags bis zu bissiger Sozialsatire, gewürzt mit feurigen und schmissigen Liedern und Tanzeinlagen von Rap bis Tango des Autorenduos Michael Frowin und  Philipp Schaller u.a. Autoren unter Regie von Mario Grünewald, klangreich begleitet von Jens Wagner und Volker Fiebig an Piano und Schlagwerk. Darauf stimmt ein Medley aus romantischen Volksliedern, Schlagern und Kampfliedern ein von „Vorwärts und nicht vergessen…“ bis „Bella ciao“ und „Dieser Weg wird kein leichter sein…“ Gründe zu fliehen gibt es viele, vor dem steigenden Mietenwahnsinn, sozialer Ungerechtigkeit bis zu islamophoben und radikalen Mitbürgern. In der Hütte, mit nur einem Doppelstockbett für drei Pilgerer, prallen ihre sehr verschiedenen Lebensvorstellungen aufeinander vor karg gezeichneter Kulisse
(Bühnengrafik und Animation: Omani Frei).

Kein Entrinnen gibt es vor den so neugierigen wie bohrenden Fragen von Lars (Hannes Sell), einem jungen Pfarrer und ehrenamtlichen Bürgermeister, der aus dem überalterten und zuletzt auch noch von den Flüchtlingen verlassenen Dorf Bohnsdorf-Kaulquapp floh und Bedenkzeit braucht. Mit seinem „Gemeinschaftsgefühl“ nervt er Marion (lässig-resolut: Nancy Spiller), eine Lehrerin, die sich selbst und dazu den „richtigen“ Mann finden will. Außerdem will sie „Schwitzen für Aleppo“. „Das ist Pilgern, Sport und Charity in einem“, erklärt Marion beim Dauerlauf. Zu ihnen stößt Dirk (trocken humorvoll: Jürgen Stegmann), Spulenwickler und von seiner Krankenkasse auf den Jakobsweg gezwungen, um sein „Bewegungskonto auszugleichen“. Er trägt sein Herz auf der Zunge, dass einem manchmal das Lachen vergeht. Wenn er egal was damit passiert, seine Spulen wickelt. Wenn sie in Kampfdrohnen eingebaut werden, könne er das nicht beeinflussen.

Wenn`s ums eigene Leben geht, googeln wir doch heute alles, sind denkfaul und leicht manipulierbar, kontert Dirk rebellisch. Der Regenbogen nach der Pause leuchtet nur kurz auf, mit ihm der totale Frieden und all der Plastikmüll wird auf eine einsame Insel verfrachtet in einer Liedparodie zu Salsaklängen. Voll komischer Wucht ist Marions Standpauke, begonnen bei rücksichtslos abgelegten, müffelnden Socken und gipfelnd im Rundumschlag gegen unhöfliche, elllenbogenbenutzende und kaltschnäuzige Männer. Ein Wunder, dass alle drei zum Schluss dennoch gemeinsam weiter wandern. Weil sie erkannt haben: „Den Weltenwahn in seinem Lauf hält nur Bewusstsein auf!“ Herzlicher Beifall für einen humorvoll-streitbaren Kabarettabend.

Text (lv)

http://www.herkuleskeule.de

 

 

 

 

 

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