Gentleman und Gauner: Macheath besucht die Spelunken Jenny im Freudenhaus. Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Leben im Zwielicht

Mit grotesk-abgründigem Humor und den großartig zeitlosen Songs über Glück, Liebe und Doppelmoral kommt die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill auf die Bühne der Staatsoperette Dresden im Kulturkraftwerk Mitte. Heute, am 13.12. wieder um 19.30 Uhr.

Ein riesiger Kopf, aus dem Flammen lodern, mit weit aufgerissenen Augen und Schlund ragt über der Bühne. Aus dem Inneren tritt wie aus einer Geisterbahn eine illustre Figurenschar hervor. Es ist Jahrmarkt in Soho, wo Armut, billiges Vergnügen, Not und Verbrechen nah beieinander wohnen und man sich Moral nicht leisten kann. Ein Moritatensänger mit Zylinder singt mit tiefer Stimme den Mäckie Messer-Song „Und der Haifisch, der hat Zähne… Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Not macht erfinderisch und vor nichts halt. Das zeigt ins Milieu der trostlos abgehängten Vorstädte mit viel grotesk-abgründigem Humor entführend, vor morbider Industriebaukulisse mit Glitzerlichtketten überzogen die Inszenierung „Die Dreigroschenoper“. Das Stück von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill nach John Gays „The Beggar´s  Opera, aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Hauptmann, kommt heute, am 13.12., um 19.30 Uhr wieder auf die Bühne der Staatsoperette Dresden im Kulturkraftwerk Mitte. Großartig zeitlos, packend und mitreißend sorgen die düster gefühlreichen Klänge und bekannten Songtexte wie der „Mond über Soho“, „Ein Schiff wird kommen“ und „Soldaten wohnen auf den Kanonen“ oder über das Glück, dem alle nachjagen und nie einholen noch immer abwechselnd für Lachen, Sehnsucht und Gänsehaut in dieser Aufführung unter der musikalischen Leitung von Christian Garbosnik, einfallsreich in Szene gesetzt unter Regie von Sebastian Ritschel. Schön verrucht-schräg auch Kostüme und Tanzszenen (Choreografie: Simon Eichenberger).

Der Bettlerkönig Peachum (Elmar Andree) und seine Frau Celia (Silke Richter), beide ganz in Schwarz gekleidet, wollen auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Er schlägt aus dem Elend Kapital, indem er gesunde Menschen wie Krüppel ausstaffiert und betteln schickt. Er stellt die Grundtypen des Elends und die hohe Schule der Bettelkunst vor und hat vor diesem Lug und Trug keine Skrupel. „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht genug und sein Streben nur Selbstbetrug“, singt Peachum ebenso stolz wie schlau-gerissen. Seine Tochter Polly (naiv-romantisch: Olivia Delauré) im adrett hochgeschlossenen Kleid mit Rüschenkragen ist verliebt in Macheath (Marcus Günzel), den Chef einer Bande von Straßenbanditen. Sie fühlt sich von seiner dunkel-geheimnisvollen Ausstrahlung angezogen und weil er vor nichts und niemand Angst hat. Halb Gauner, halb Gentleman und mit seinem weiß geschminkten Gesicht Dracula ähnelnd und zugleich das Maskenhafte, Unbescholtene betonend, tritt Macheath auf und gibt mal den galanten Herzensbrecher und mal den eiskalten Verbrecher.

Seine Bande wirkt wie Clowns, die mit grellfarbigen, spitz abstehenden Frisuren wild, ungelenk umherrennen und die Macheath wie Marionetten barsch dirigiert. Die Hochzeit mit Polly findet in einem Pferdestall mit in der Luft schwebenden Karussell-Pferden statt. Nebenher geht er im Freudenhaus ein und aus. Eine der Prostituierten wird ihn später verraten. Der Polizeichef Tiger Brown (wehleidig: Christian Grygas) ist ein Jugendfreund von Macheath, der ihn warnt vor Razzien, wegschaut und laufen lässt. Als er dann doch ins Gefängnis eingesperrt in einem Käfig steht, steht die Menge neugierig und mitleidig zugleich um den Gauner. Während die im Dunklen, die man nicht sieht, davonkommen. Herzergreifend komisch, wie Macheaths Braut Polly und seine Geliebte Luzy (Julia Danz), die Tochter des Polizeichefs sich um den Eingesperrten streiten und prügeln. Zum Schluss wird der gewiefte Macheath begnadigt von der Königin, in den Adelsstand erhoben und erhält eine Rente bis zum Lebensende, erzählt der Moritatensänger (Andreas Sauerzapf) über die wundersame Rettung des Ganoven. Und gibt parodierend den Rat, das Unrecht nicht zu sehr zu verfolgen, denn in Bälde erfriert es schon selbst, denn es ist kalt… Viel Beifall für eine witzig-doppelbödig über die Welt und die Zustände, die den Menschen machen, nachdenkende Aufführung der „Dreigroschenoper“.

Text (lv)

Nächste Termine: 13.12., 19.30 Uhr

http://www.staatsoperette.de


Wo die Liebe hinfällt: Macheath und seine Braut Polly. Foto: Stephan Floß