Lebhaft pulsierender Sound kontra dumpfen Gleichklang: Klangkünstler Joules bei der Ausstellungseröffnung.


Siegmund Jähn, der erste DDR-Bürger im Weltall in einem Porträt von Kerstin Junker, daneben ein Brief von ihm an die Künstlerin. 
„Hau ab!“-Rufer von Heinz Schmöller
Alles nur Kinderspiel, Spaß oder Ernst? Die Grenzen sind fließend in den kunterbunten Porträts von Lucas Oertel.

In Sachen Heimatschutz in Dresden unterwegs: Aktionskünstler Dada Vadim
„Flames of love“: Installation von Heinz Schmöller, hier im Gespräch mit Dada Vadim.

Heimatschützer und Hau-ab-Rufer
näher betrachtet

Die Ausstellung „Heimatkunde“ zeigt seit Sonnabend in den Räumen des Kunstvereins Meißen Malerei, Objekt- und Videokunst von vier Dresdner Künstlern, die sich mit Utopien und Realität des Begriffes auseinandersetzen.

Auf einem Platz in der Altstadt singt ein junger Straßenmusiker
zur Gitarre. „Weit weg, weit weiter lass uns gehen und sehen,
wer dann noch kommt…“  Im Schaufenster der Buchhandlung
gegenüber locken viele Reiseführer. Der Markt ist fast menschenleer.
Einige Familien und Ausflügler kommen vorbei. Kinder werfen dem
Musikanten ein paar Münzen in die Gitarrenhülle. Er heißt Joscha,
wohnt in Meißen und spielt schon lange auf der Straße, hier und anderswo
in der Welt, Lieder von Peter Licht und eigene Songs. „Lass uns auf`s Meer
fahren, lass uns nach den Inseln sehen…“ Die Zeilen klingen nach auf dem
Weg zur Ausstellung „Heimatkunde“, die am Sonnabendnachmittag mit viel
Besucherresonanz in den Räumen des Kunstvereins Meißen auf der Burgstraße 2 eröffnete. Das Titelbild am Eingang von Kerstin Junker wirkt apokalyptisch und visionär zugleich. Grellfarbig zeigt sie Bewohner einer fernen Weltraumkolonie, die vor einer nahenden Katastrophe in ihre Behausungen flüchten.

Die Ausstellung reflektiert Wunschvorstellungen, Sehnsüchte und Realität
eines Begriffes, der in letzter Zeit hierzulande immer mehr zum Reizwort wird. Damit setzen sich in ihren Arbeiten die Künstler David Adam, Kerstin Junker, Lucas Oertel und Heinz Schmöller, alle aus Dresden stammend, überraschend vielseitig und vieldeutig auseinander. Zu sehen sind assoziationsreiche Tafelbilder, Objekt- und Videokunst. „Es geht um den Heimatbegriff als utopische Hoffnung im Sinne von Ernst Bloch. Heimat als etwas, an dem wir immer bauen und das in die Zukunft gerichtet ist“, sagt John Hinnerk Pahl, Kunsthistoriker, Galerist in verschiedenen Projekten und Kurator der Ausstellung. Matthias Lehmann, der Vorsitzende des Kunstvereins Meißen lud ihn als Kurator der Ausstellung „Heimatkunde“ ein. Wie nah oder fremd einem Heimat sein kann, deren Bedrohung teils vehement heraufbeschworen wird und der Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen spiegelt sich ebenso in den Werken. Da marschieren fünf Männer mit kindlich-naivem Ausdruck in grünrot gesprenkelten Uniformen in Reih und Glied, um ihr Heimatland zu verteidigen. „The Volonteers, freiwillig verpflichtet“ heißt diese Wandinstallation von Lucas Oertel von 2019. In einer Serie kleinformatiger, farbenfroher Ölbilder zeigt er außerdem witzig-hintersinnig ein „Paar im Sommer“ oder im Heimaturlaub, einen Fäuste ballenden „Sieger in Blau“, ein anderer hält die Hände vors Gesicht: „bin weg“. Auf einem Sockel steht eine kleine weiße Porzellanfigur, die unter dem zwiespältigen Titel „bringing the light“ einen Molotov-Cocktail werfenden Menschen zeigt. Nicht weniger ironisch-gruslig karikiert Heinz Schmöller radikal politische Zündler mit seinem „Empfangskomitee“, eine Gruppe von vier kinetischen Menschenpuppen, mausgrau und mit gescheiteltem Haar, die aktiviert durch einen Bewegungsmelder im Chor die Worte „Hau ab!“ in Anspielung auf “Pegida“-Kundgebungen allen entgegen rufen, die sie sehen. Halb belustigt und bemitleidend betrachtet man die starr ihre Parolen plappernden Geschöpfe.

Während die aus frei hängenden Bierflaschen flackernden „Flames of love“ von Schmöller eher Lagerfeuerromantik verbreiten, wirken die farbkräftig lodernden Szenarien mit Menschen im Weltraum von Kerstin Junker faszinierend, geheimnisvoll und unbehaglich zugleich. Da schauen Kinder gebannt auf ein sternförmiges glänzendes Teil im Wasser, während hinter ihnen eine Riesenfeuerwolke in den Himmel steigt. Ihre Bilder lassen in der Schwebe, was im nächsten Moment passiert und die Figurenumrisse leuchten aus dem Dunklen heraus. Sie erinnern an Maler der Romantik und in der Malweise an Neo Rauch. Für den sie auch am Bühnenbild mitarbeitete in der Oper Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 2018, erzählt Kerstin Junker. „Es muss immer etwas weh tun“, sagt die diplomierte Künstlerin und Theatermalerin über ihre kontrastreichen Bilderlandschaften. Von ihr stammt auch ein Porträt des 2019 verstorbenen Kosmonauten Siegmund Jähn, daneben hängt ein Brief des ersten DDR-Bürgers im Weltall an die Künstlerin. David Adam ist als Aktionskünstler „Dada Vadim“ als „Heimatschützer“ in Dresden unterwegs, festgehalten in zahlreichen aberwitzigen Fotografien. Er sieht sich in der „radikalen Mitte“ und strebt die „Vereinigung der Widersprüche“ an. „Ich bin mein eigener Feind, das ist die menschliche Natur“, sagt Dada Vadim. Er zeigt ein Video, „Geste des Scheiterns #2-Heimat“ aus Dresden und ein Video „Wo bitte geht es hier zur Heimat“, wo er 2018 Menschen in einem Flüchtlingslager in Libanon besuchte, um zu erfahren wie die Menschen dort bereits seit Generationen leben und auf Rückkehr in ihre Heimat warten. Er läuft durch dieses Niemandsland  wie durch ein Labyrinth.

„Die Ausstellung ist ein Angebot mit sehr unterschiedlichen Positionen, wie man Heimat sehen kann“, sagt Matthias Lehmann. In die neuen Räume des Kunstvereins im Erdgeschoss kämen wesentlich mehr Besucher und auch Laufpublikum. Um junges Publikum zu locken, hat der Kunstverein ein Förderprogramm für Nachwuchskuratoren, die Ausstellungen gestalten, gestartet. Dafür sind weiterhin Unterstützung und private Spenden willkommen. Die Ausstellung „Heimatkunde“ ist noch bis 18. April zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Do bis Fr 12 bis 18 Uhr und Sa 10 bis 15 Uhr

http://www.kunstverein-meissen.de


Schönes und Bedrohliches, Aufbruch und Absturz liegen nah beeinander in den farbkräftigen Bilderlandschaften von Kerstin Junker.