Von einer pikant brenzligen Situation in die nächste: In einer Paraderolle als „Soldat Schwejk“ glänzt der Komiker Thomas Böttcher. Fotos (2); Robert Jentzsch

Unerschütterlicher Humor gegen blinden Gehorsam

Von gemütlich zu explosiv, fröhlichen Klängen zu Marschmusik wechselt die Stimmung in der Komödie „Der brave Soldat Schwejk“ nach dem Schelmenroman von Jaroslav Hasek, der letzten Freitag Premiere in der Comödie Dresden feierte. Das beste Stück seit langem auf einer Dresdner Bühne und die Geschichte hochaktuell.

Er trägt sein Herz auf der Zunge und sein unerschütterlicher Humor ist Munition für die Mächtigen dieser Welt. Von beidem gibt es reichlich in der Komödie „Der brave Soldat Schwejk“ nach dem autobiographischen Schelmenroman von Jaroslav Hasek, der in einer Bearbeitung von Robert Gillner und Dominik Paetzholdt Premiere am Freitagabend in der Comödie Dresden feierte.

Die ebenso berührende wie bissige Satire um Obrigkeitshörigkeit, blinden Gehorsam, verlogene Doppelmoral der Befehlsgeber und bodenständige, gewitzte und untrügliche Volksweisheit ist im 100. Jubiläumsjahr der Romanvorlage aktueller denn je. Das Buch wurde in über 50 Sprachen übersetzt, verfilmt und für Theater und TV adaptiert. In einem Schwejk-Film von 1960 spielte Heinz Rühmann die Titelrolle. Die Inszenierung von Dominik Paetzholdt schafft das Kunststück, lustig und leicht bitterernste Themen wie die Angst vor Krieg, soziale Gräben und Spannungen und menschliche Zivilcourage auf die Bühne zu bringen. Sieben Schauspieler spielen um die 20 Rollen in kurzen Episoden, in schnellem Wechsel der Kostüme und Stimmungen und mit viel Situationskomik. Das turbulente Geschehen zwischen bierernst und tieftraurig vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird begleitet von abwechselnd flotten und schmissigen Walzerklängen wie dem Radetzkimarsch, volkstümlicher Blasmusik und romantischen, beschwingten Melodien. Vor der Kulisse eines Wirtshauses mit trist grauen Wänden und hohen Bogengängen trifft sich Freund und Feind, geht es offen und direkt, gemütlich und explosiv zu von einem Moment zum anderen.

Da sitzt Schwejk (herrlich schalkhaft-verschmitzt: Thomas Böttcher) in Jackett, Hut und Fliege beim Bier, bestellt gleich noch ein Dunkles aus Pietätsgründen, als er vom Attentat auf Herzog Ferdinand in Sarajevo erfährt und wird prompt von einem mithörenden Spitzel verhaftet, als er über den „beschissenen Kaiser“ von Österreich herzieht, obwohl es doch nur die Fliegen waren. Schwejk bittet um Handschellen, damit die Leute nicht denken, er gehe freiwillig mit einem Spitzel und bekommt Szenenapplaus dafür. Furchtlos, voll trockenem Humor, deftig und anrührend naiv-komisch spielt Thomas Böttcher, bekannt als Radiomoderator und Komiker, in einer Paraderolle wie auf den Leib geschrieben den „behördlich anerkannten Idioten“ Schwejk, der doch immer den Nagel auf den Kopf trifft. Als kluger Dummkopf bringt er Polizeibeamte, Ärzte und Oberste derart in Rage, dass ihnen reihum die angeklebten Schnauzbärte abfliegen zum Gaudi des Publikums. Ob bei der Musterung fürs Militär, im Spital bei den kriegsverweigernden, verschiedenste Krankheiten vortäuschenden Simulanten oder aus dem Zug an die Front geworfen, da er die Notbremse zog, überall trumpft Schwejk auf mit pointierten Sprüchen wie: „Nur mit Klisieren kann die Monarchie existieren!“ oder „Der Krieg ist nur was für reiche Leute!“

Mal ist er der Trottel, mal ein gefeierter patriotischer Held als Krüppel im Rollstuhl. Als Laufbursche des galanten Oberleutnants und Schürzenjägers Lukasch mit Wiener Dialekt (Ferdinand Kopeinig) hilft Schwejk ihm immer wieder aus der Bredouille, aus pikanten Situationen und springt notfalls samt seiner Manneskraft selbst ein bei gar zu liebeshungrigen Damen. Alle Frauenrollen wie auch eine spendable, geleimte Baronin und die fesche, besorgte Wirtin, spielt Dorothea Kriegl. Ein bisschen mehr Liebe und keiner hätte mehr Zeit für den saublöden Krieg!, kommentiert Schwejk dazu. Er entführt einen – echten – sehr lieben und folgsamen Hund für den Oberleutnant, den sein Herrchen jedoch beim Gassi gehen wieder erkennt und ihn strafversetzt an die Front. Schwejk begleitet den Oberleutnant bis zum letzten Atemzug. Nahegeht auch  die Szene mit dem russischem Soldat Ossip (Ulrich Milde), die beide die Gewehre niederlegen, sich nebeneinander setzen am Bühnenrand, ihre Geschichte erzählen und die Uniformen tauschen. Schwejk wird deswegen zum Tod verurteilt. In letzter Minute der erlösende Ruf: Der Krieg ist aus! Und Schwejk kann doch noch zur Verabredung mit seinem besten Freund Woditschka im Gasthaus. Er hat nur noch ein Bein. Der Spitzel sitzt auch wieder am Nebentisch. Alles ist so wie es war, nur bissl schlechter, sagt Schwejk. Und er hofft, dass mit dem Frieden auch der Verstand zurückkommt. Reichlich Beifall und stehende Ovationen gab es für einen Theaterabend, der großartig Unterhaltung und Haltung vereint. Bitte mehr von diesen Schwejks!

Text + Fotos (2) (lv)

http://www.comoedie-dresden.de


Spielte brav mit im Stück und bekam hinterher viel Applaus und Leckerli: Hund Charly, im Stück heißt er „Rosine“.