Zum zehnten Mal bei der Leipziger Buchmesse auf dem Marktplatz Druckgrafik dabei: die Künstlerin und Galeristin Dorothee Kuhbandner aus Radebeul


Zum persönlichen Jubiläum auf der Leipziger Buchmesse etwas Besonderes im Gepäck: die Künstlerin und Galeristin Dorothee Kuhbandner und die Autorin Annette Richter mit ihrem neuen Kinderbuch „Felix, die kleine Wildsau“ aus dem ZilpZalp Verlag Radebeul.

Wahre Abenteuer eines Wildschweins

Mit dem Kinderbuch „Felix, die kleine Wildsau“ von Annette Richter und von Dorothee Kuhbandner illustriert, fährt die Radebeuler Künstlerin zum zehnten Mal zur Leipziger Buchmesse.

Eines Tages war es da. Süß, gestreift und quiekend. Lieb, wild und verspielt
sah das Tier aus blauen Augen, die lustig schielen konnten, seine neue Familie an. „Felix, die kleine Wildsau“ begleitet Dorothee Kuhbandner dieses Jahr zur Leipziger Buchmesse. Bereits zum zehnten Mal ist die Radebeuler Künstlerin und Galeristin dieses Jahr dabei vom 21. bis 24. März mit eigenem Stand (F 503) auf dem Marktplatz Druckgrafik in Halle 2.

Zum Jubiläum hat sie etwas Besonderes im Gepäck: „Felix, die kleine Wildsau“, das gleichnamige Buch über die Abenteuer eines Wildschweins ist gerade in ihrem eigenen ZilpZalp Verlag Radebeul erschienen. Saulustig, augenzwinkernd und liebevoll anrührend erzählt die Autorin Annette Richter nach einer wahren Geschichte spannende und unvergessliche Anekdoten aus dem Leben einer Familie mit einem Wildschwein. Fröhlich, farbenfroh und fantasievoll illustriert hat die Geschichte Dorothee Kuhbandner für Kinder ab sieben und alle Kindgebliebenen bis 99 Jahre. Am 22. März, um 13 Uhr laden beide zur Signierstunde mit ihrem Kinderbuch die Besucher auf der Leipziger Buchmesse an ihren Stand ein. Seit 2012 hat Dorothee Kuhbandner im ZilpZalp Verlag acht Kinderbücher herausgegeben, fast alle mit ihren Bildern gestaltet. Sie hat auch das erste Buch „Der kleine Schmetterling und die große rote Blume“ von Annette Richter illustriert, das 2020 erschien. „Mir gefällt ihre Malweise, dieses Bunte, Lebendige, auch ein bisschen frech und die Bilder kindscheln nicht. Das hat mich inspiriert“, sagt Annette Richter. Sie ist Schauspielerin, schreibt außerdem Gedichte, Chansons und Kurzprosa. Eine der Gute-Nacht-Geschichten für ihre drei Kinder, das Manuskript mit dem Schmetterling, fand sie beim Aufräumen  wieder. Dieses hat sie ursprünglich für ihre Tochter geschrieben, die inzwischen selbst Mutter eines Sohnes ist. Auf die Geschichte mit dem Wildschwein stieß Annette Richter vor ca. einem Jahr, als sie zufällig Fotos von ihm wiederfand. Dorothee Kuhbandner war begeistert davon. „Das Wildschwein Felix gab es wirklich“, so Annette Richter. Ihre Erlebnisse mit ihm hat sie aus der Erinnerung aufgeschrieben. Sie war zehn Jahre alt, als ihr Vater als Landarzt zu DDR-Zeiten im Harz mit dem Auto unterwegs eines Nachts auf der Straße eine tote Bache und ihre neun lebenden Frischlinge fand. Einen Frischling nahm der Förster, ein Schweinchen Annettes Vater und sieben kamen in den Tierpark.

Sie erzählt im Buch, wie sie und ihr kleiner Bruder plötzlich quiekende Laute aus der Kartoffelkiste im Keller ihres Hauses hörten, wie sie sich mit dem kleinen Wildschwein anfreundeten, das frei herum lief, es fütterten und mit ihm spielten, wie Felix zu seinem Namen kam, warum das Schweinchen schielte und andere Eigenarten. Wie es immer größer und wilder wurde, herumwühlte im Garten, die Kinder auch mal unsanft umriss beim Spielen und Dorfnachbarn im Feld erschreckte. Wohin mit dem wilden Hausschwein? Ein Jahr lang behielten sie Felix zuhause, sagt Annette Richter. Wie es mit dem Wildschwein weiterging, erzählt sie in ihrer dann fiktiven Geschichte mit Happy End. Neben dem Wildschwein-Kinderbuch bringt Dorothee Kuhbandner ihre Druckgrafiken, fröhlich-bunte Leporellos, kleine Heftchen mit ihren Bildern und humorvollen Lebensweisheiten, diesmal unter dem Motto „Lebenskünstler“ mit auf die Leipziger Buchmesse. „Ich vertrete Radebeul als einzige Künstlerin aus dieser Stadt seit zehn Jahren“, sagt sie stolz. Sie genießt das internationale Flair der Messe, außerdem werde sie mehr wahrgenommen mit ihrer Galerie mit Weitblick und man verkauft auch mehr, sagt Dorothee Kuhbandner. Es mache ihr großen Spaß und eine Portion Idealismus gehöre natürlich dazu. „Der Langmut macht sich allmählich bezahlt.“

Mit einer Auswahl an Neuerscheinungen aus seinem Notschriften-Verlag Radebeul ist auch ihr Mann Jens Kuhbandner wieder mit eigenem Stand auf der Leipziger Buchmesse. Seit 2003 nimmt er daran teil. „Es steigert den Bekanntheitsgrad des Verlags und geballt strahlende, Bücher liebende Menschen in den Hallen zu sehen, das motiviert sehr und braucht man einmal im Jahr“, sagt der Verleger. Drei neue Bücher nimmt er mit zum „Fest der Bücher“ nach Leipzig: „Achtopol“ – eine irrwitzige Trampgeschichte nach Bulgarien von zwei jungen Ostberlinern Anfang der 1980er Jahre von Kay Lutter, Bassist der Band „In Extremo“ und ehemals „Freygang“. Außerdem eine Neuausgabe der Erzählung „Inselmärz“ der 2011 verstorbenen Radebeuler Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach und „Am Brückenwehr“, eine Tagebucherzählung zwischen Kindheit und Wende von Hanns Cibulka mit Grafiken von Gunter Herrmann. Das Kinderbuch „Felix, die kleine Wildsau“ ist in der Galerie mit Weitblick und im Notschriften-Verlagsbuchladen auf der Bahnhofstraße in Radebeul erhältlich.

Text + Fotos (lv)

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Ausstellung „Auferstehung“ von Hubert Rüther auf Schloss Burgk Freital


Schlossherrin und Kuratorin der Ausstellung Kristin Gäbler freut sich über die „Auferstehung“ der Bilder von Hubert Rüther, einem großartigen Dresdner Expressionisten des 20. Jahrhunderts.

Porträt von Hubert Rüther, gezeichnet von seiner Frau, der Malerin Irena Rüther-Rabinowicz. Sie ist in einem Aquarell von ihm zu sehen.

Farbreiche Feier der Natur
und des Lebens

Voller Kontraste, von expressiv lodernd bis sachlich konkret, erinnert die Ausstellung „Auferstehung“ an den Künstler Hubert Rüther derzeit auf Schloss Burgk in Freital.

Ein Blumenstilleben in leuchtenden Farben, zu dem sich eine Kugel und eine Pyramide im licht- und schattenreichen Formspiel auf gelbem Tischtuch gesellen, erzählt schon im Eingangsraum viel über dieses intensive, kurze und schaffensreiche Künstlerleben. Vis-a-vis dazu hängt ein Ölbild mit Bäumen, die wie riesige Tulpen mit gelben Blüten auf dem frischen Grün beschwingt in den türkisblauen Himmel ragen, hoch über den farbenfrohen Häuschen im Tal. Gleich daneben sieht man in Schwarz- und Grautönen gehaltene Ansichten von Industrieanlagen, aufgerissene Erdgruben, Förderkörbe an Seilen in der Luft und rauchende Fabrikschornsteine in der Landschaft. Ein Stück weiter Kohle- und Graphit-Zeichnungen mit lauschigen Dörfern, weiter Landschaft, heraufziehendem Gewitter und Bäumen im Sturm in Pargny, Pagnon, Rethel und Sedan, 1915 in Nordfrankreich. Zu sehen sind die ausdrucksreichen, mal heiter poetischen, mal expressiv lodernden, sachlich konkreten und eindringlichen Natur-, Reise- und Lebensbilder in der Sonderausstellung “Auferstehung“ mit Malerei und Grafik des Dresdner Künstlers Hubert Rüther (1886 – 1945) derzeit bei den Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk.

Zeitgleich zum Erblühen in der Natur feiert die Ausstellung die Wieder- und Neuentdeckung des großartigen, ebenso farbstarken wie feinfühligen Expressionisten Hubert Rüther und zur sogennannten „vergessenen Generation“ nach Kriegsende gehörenden Dresdner Künstlers. Gezeigt werden von ihm Ölgemälde, Aquarelle, Holzschnitte und Radierungen sowie Glasgemälde für Kirchenfenster, die im Zeitraum von 1912 bis 1938 entstanden. Sie führen den Betrachter zu eindrucksvollen Landschaften und Orten in Frankreich, Italien und Österreich in den 1920er und 1930er Jahren, am Brenner, nach Capri, Rom und Tirol. Charme und Tristesse, Schönes und Bedrohliches schwingen oft mit in den Bildern, darunter Stadtansichten mit Plätzen und Straßencafés in Paris, am Hafen und Vororten in Marseille und einem Liebespaar am Montmartre, der Mann vollbepackt mit langen Baguettebroten. Schwarze Boote mit orangenen Segeln schaukeln auf den Wellen, ein Segelboot kämpft halb umgeworfen mit den Wasserstrudeln und zwei braune Frauenkörper stehen gebannt am Meer in einem colorierten Holzschnitt des Künstlers von 1920. Es sind überwiegend Leihgaben aus Privatbesitz und einige Arbeiten aus dem Besitz der Städtischen Sammlungen Freital. Darunter das Titelbild der Ausstellung „Auferstehung“ und das Ölbild „Kreuzigung“, um 1920, die sonst neben Gemälden von Otto Dix in der ständigen Ausstellung im Schloss Burgk zu sehen sind. Die letzte Gedächtnisausstellung für Hubert Rüther fand 1948 in Dresden statt. 1987 gab es erstmals wieder eine Ausstellung mit seinen Arbeiten im damaligen Haus der Heimat Freital.

„Es ist toll, dass nun neben den Bildern von Hubert Rüther in Freital zusammen mit der Städtischen Galerie Dresden dort bald eine eigene Ausstellung mit Arbeiten seiner Frau Irena Rüther-Rabinowicz, einer jüdischen Künstlerin, zu sehen sein wird“, sagt Kristin Gäbler, Kuratorin der Rüther-Ausstellung und Leiterin der Städtischen Sammlungen Freital. Die Doppelausstellung will den Besuchern das Werk und Wirken dieses Künstlerpaars näher bringen. Die Ausstellung im Landhaus Dresden findet vom 13. April bis 18. August statt. Hubert Rüther war ein ambitionierter und erfolgreicher Dresdner Künstler seinerzeit, er studierte nach einer Malerlehre in der Firma seines Vaters und zwei Jahren an der Kunstgewerbeschule ab 1911 an der dazumal Königlichen Kunstakademie Dresden bei Richard Müller, Osmar Schindler, Oskar Zwintscher und ab 1914 als Meisterschüler bei Gotthardt Kuehl. Rüthers Kommilitonen waren Otto Dix, Bernhard Kretzschmar und Irena Rabinowicz im Meisteratelier von Otto Gussmann von 1919 bis 1921, in dem Jahr heiratete er die Malerin. Von ihr ist eine federleichte Zeichnung von 1930, ein Porträt ihres Mannes Hubert Rüther mit sanftem Blick und Krawatte in der Ausstellung zu sehen. Er porträtierte sie in einem Aquarell von 1919 als junge Malerin mit roten Wangen, dunklem Haar und großen, tiefen Augen.

Sein Selbstbildnis „Das Gotteskind“ in einer Kohlezeichnung von 1915 zeigt Hubert Rüther mit Sanitätsmütze, Kreuz darauf, Uniformjacke, Brille und brennender Zigarre im Mundwinkel. Der Blick entschlossen und zuversichtlich, bestärkt vom Glauben und seinem Einsatz. Von 1914 bis `18 war der Maler im Ersten Weltkrieg als freiwilliger Krankenpfleger und kam verwundet mit einer schweren Kopfverletzung zurück. 1934 wurde Hubert Rüther von den Nationalsozialisten mit Ausstellungs- und Berufsverbot belegt wegen des Bekenntnisses zu seiner jüdischen Ehefrau, seine Arbeiten wurden als „entartet“ diffamiert und der Künstler zu Zwangsarbeit verpflichtet. Hubert Rüther überlebte die NS-Zeit als gebrochener Mann, der körperlich und seelisch erkrankt 1945 mit nur 59 Jahren starb. Die Ausstellung „Auferstehung“ mit seinem zeitlos berührendem Werk darüber, was Menschsein ausmacht, ist noch bis 20. Mai in den Räumen auf Schloss Burgk zu sehen. Außerdem zeigt eine Kabinettausstellung dort im Projektraum „Drehscheibe“ satirische Illustrationen von Tobias Wolf zum neuen Märchenbuch „Die ewige Brezel“ des Porzellankünstlers und Autors Olaf Stoy noch bis 28. März.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Di bis Fr 12 – 16 Uhr, Sa, So und Feiertag 10 – 17 Uhr

http://www.freital.de/museum


Ein Museumsarbeiter hängt ein Plakat zur Kabinettausstellung im Schloss Burgk auf. Dort sind derzeit Illustrationen von Tobias Wolf aus dem Märchenbuch „Die ewige Brezel“ von Olaf Stoy zu sehen.

 

 

Zeitreise zurück zu den journalistischen Wurzeln& Spätes Rendez-vous mit Kisch


Gemeinsam in einem Boot: Die TeilnehmerInnen der 29k, der ersten ost- und westdeutschen Lehrredaktion nach der Wende in der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Oben links steht Heinrich Löbbers, der als einer der ersten Redakteure aus dem Westen bei der Sächsischen Zeitung in Dresden anfing und bis heute dabei ist und inzwischen Mitglied der Chefredaktion. In der zweiten Reihe, die dritte Frau von links ist Lilli Vostry, eine der beiden ostdeutschen DJS-Schülerinnen, links neben ihr Evelyn Zegenhagen, die heute in den USA lebt und arbeitet.


Fantastische Aussicht auf die Stadt (im Bild im Uhrzeigersinn): Fotografin Melanie, SZ-Redakteur Heinrich Löbbers, DJS-Studentin Natascha Koch und Lilli Vostry, freie Journalistin auf der Dachterrasse vom Haus der Presse in der Ostra-Allee in Dresden.

Offenheit und weiter Blick für die Wirklichkeit

Hoch hinaus auf die Dachterrasse des SZ-Hochhauses ging es gestern am Freitagnachmittag für Fotoaufnahmen und danach zum Gespräch mit Heinrich Löbbers und Lilli Vostry. Der SZ-Redakteur und die freie Journalistin sprachen mit Journalistikstudentin Natascha Koch über Erlebtes und Erfahrungen in der ersten gemeinsamen ost- und westdeutschen Lehrredaktion nach der Wende in der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München, die im Juni ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Dazu erscheint ein Magazin mit Beiträgen ehemaliger und heutiger DJS-Absolventen.

Dresden von oben. Wunderbare Weite, bewegtes LichtFarbWolkenSpiel vor der Stadtkulisse, milde Luft und frischer Wind. Alles dabei. Hoch hinaus zu einer fantastischen Wolkenlandschaft und Aussicht auf die gesamte Stadt ging es am Freitagnachmittag auf die Dachterrasse des SZ-Hochhauses in Dresden für Fotoaufnahmen und ein anschließendes spannendes wie bewegendes Gespräch über unsere Zeit an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München, erstmals mit ost- und westdeutscher Lehrredaktion vom 5. November 1990 bis 29. Februar 1992.

Mit dabei war Heinrich Löbbers, inzwischen Mitglied der Chefredaktion der Sächsischen Zeitung und längst zuhause in Dresden, der mein sächselndes „Nu“ noch in guter Erinnerung hat. 34 Jahre ist das jetzt her. Zum 75-jährigen Schuljubiläum Anfang Juni erscheint ein Magazin. in dem einstige und heutige Absolventen mit ihren Erfahrungen aufeinander treffen. Fotografin Melanie, so hieß mal ein Hit der Puhdys im Osten, den sie nicht kennt, aber ihre Eltern, und Journalistikstudentin Natascha Koch, ihr Vater stammt aus dem Osten und sie besuchten sich oft, befragten und porträtierten auch uns für einen Beitrag im Jubiläums-Heft. Bin gespannt!

Vor dem Gespräch gingen wir für ein paar weitere, aussagereiche Fotos zusammen zum Kongresscenter Dresden hinter dem Haus der Presse. Wir liefen die Treppe hinauf, stellten uns zuerst ein Stück entfernt am Geländer auf, dann nebeneinander und gegenüber. Hennek, so nannten wir ihn in der Journalistenschule, lief oben auf der Terrasse hin und her und schaute übers Elbufer auf die andere Seite. Dann standen wir und schauten zusammen hinüber, ließen den Blick schweifen in die Ferne… Geradeaus und zur Seite. Auf einer Hälfte zogen dunkle Wolken herauf, in der Mitte und dahinter hellere Himmelsfarben. Es kam mir ein bisschen vor wie „Warten auf Godot“, eins meiner Lieblingstheaterstücke von Samuel Beckett, komisch und traurig zugleich über das Warten auf Wunder, den Retter, Erlöser, der alles zum Guten wendet.
Wohin gehen wir, die Entwicklung in unserem Land? Kommen wir uns in Ost und West näher oder entfernen wir uns wieder?

Mit welchem Blick sieht ein ehemals Westdeutscher auf den Osten? Fühlt er sich hier angekommen, akzeptiert und integriert von den Einheimischen? Wie wird er von ihnen wahrgenommen?
Wie fühlt es sich an, aus dem Osten zu kommen? Gehen da Scheuklappen an oder runter? Wie sollten Journalisten aus dem Osten berichten, was kann dabei helfen?
Was wir mit Heimat verbinden? Ob wir uns noch an den ersten Tag an der Journalistenschule in München erinnern? Zu diesen Fragen von Natascha gab es spontan viel zu erzählen, rückblickend auf Erlebtes und mit den Erfahrungen von heute und es ist noch längst nicht alles dazu gesagt. Die Fragen klingen nach, regen an zum weiteren Nachdenken. Über sich selbst, über das Schreiben, wie wir uns begegnen und mit anderen Leuten umgehen, auch wenn uns deren Meinung oder politische Einstellung nicht passt. Über Möglichkeiten und Grenzen von Offenheit, Verstehen wollen und Toleranz.

Wir zeigen Fotos aus der Journalistenschulzeit, darunter von einem Besuch der Berliner DJS-Klasse und Recherchereise in Berln. Hennek ist auf einem Bild mit riesigen, bunt graffitibemalten Mauerrresten zu sehen. Warum er da einen Helm trug?, wundert er sich im Gespräch. Er stand auf dem ehemaligen Grenzstreifen und vor einem Wachturm, in den später ein Club einzog. Ich besuchte und schrieb über das damals noch unsanierte Kunsthaus „Tacheles“(übers.: Klartext, offene Rede) in der Oranienburger Straße 52 in Berlin-Mitte. Sehe noch das mehrstöckige Gemäuer mit den großen Fensterhöhlen, ohne Rahmen vor mir, in denen die Künstler, Musiker und Bewohner saßen, rausschauten, rauchten, musizierten und drinnen konnten man fantasievolle, bunte Wandmalereien sehen, Konzerte im Kellercafé erleben und die wie in einem Bienenstock umherschwirrenden Kreativen und Gäste treppauf, treppab. Die Leute dort kamen aus über 40 Ländern. Das „Tacheles“ war eins der ersten, aus einem ehemals besetzten Haus entstandenen, soziokulturellen Zentren, derer es nach der Wende viele auch in der Dresdner Neustadt gab, Kellerkneipen, Café und Galerien mit urbaner, lebensnaher Kunst. Inzwischen ist der Charme des Bröckligen, Unfertigen weitgehend verloren, vieles schick saniert, geglättet und kommerzialisiert. Es findet kaum noch Kunst im öffentlichen Raum, auf der Straße statt, mitten unter den Menschen.

Er zeigt seinen DJS-Ausweis, Presseausweis hatten wir ja noch nicht, ich wiedergefundene journalistische Beiträge, darunter eine Reportage „Wichtig ist, was man daraus macht“ über Erfahrungen dreier Ostdeutscher, die in München studierten und eine Dialog-Szene zu einer selbst erdachten Fernsehserie samt Exposé „Spätes Rendez-vous mit Kisch“, entstanden innerhalb der TV-Ausbildung. Wir erprobten uns in allen journalistischen Genres und Darstellungsformen. Beide Beiträge haben mich beim Lesen sehr überrascht und gefreut, da ich von ihnen gar nichts mehr wusste und staune, was mir da so alles eingefallen ist mit 24 Jahren und wie zeitlos das Geschriebene teilweise ist, gerade über die Veränderungen im Journalismus und Situation in den Redaktionen in der Umbruchszeit der Wende und heute wieder.

Die Neugier, Offenheit, Schwung, Elan, Ideen und Aufbruchsgeist Anfang der 90er Jahre im wiedervereinigten Land wünsche ich mir sehr für unsere heute wieder an Veränderungen reiche Zeit. Es wurde damals viel gefragt und diskutiert, wenn man etwas nicht verstand oder wusste und spielte bald keine Rolle mehr ob Ossi oder Wessi. Faszinierend wie alle ein Thema jeder auf seine Weise in unserer DJS-Klasse umsetzte und alle sich davon etwas für sich abschauen konnten.

Text + Fotos (lv)

Ein weiterer Beitrag: „Klassentreffen in München: Wiedersehen nach 25 Jahren von Absolventen der Deutschen Journalistenschule“ steht auch auf meinwortgarten.com (vom 7. Nov. 2016, unter „Unterwegs“)


Neugier, Freude, Erinnern und Staunen über gemeinsam Erlebtes, gesammelte Eindrücke und Erfahrungen während der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München: Heinrich Löbbers, SZ-Redakteur lud in sein Büro im Haus der Presse ein für das Gespräch mit DJS-Studentin Natascha Koch und Lilli Vostry, freie Journalistin und Inhaberin des KulturBlogs http://www.meinwortgarten.com


Immer wieder neue Blicke und Sichtweisen auf Menschen, Räume, Situationen:
Fotografin Melanie hielt unser Gespräch motivreich fest. Bin schon sehr gespannt auf die Bilder!


Der Brief noch in die DDR adressiert mit dem Aufnahmeschreiben für die Deutsche Journalistenschule in München.


Auszüge aus meiner Reportage um 1990/91 aus der DJS-Zeit: „Wichtig ist, was man daraus macht“ über die Erfahrungen dreier Ostdeutscher, die in München studierten.


Original Dialog-Szene zur selbst erdachten Fernsehserie „Spätes Rendez-vous mit Kisch“ von Lilli Vostry, entstanden in der DJS.

Kischs Stimme taucht im Redaktionsbüro der Dresdner Journalistin Stella Kirsch auf. Er macht sich mit Zitaten aus einer seiner Reportagen über Stellas langatmige, schwerfällige Kollegen lustig.

Kischs Stimme im Raum:
„Komisch, dass sich die anderen immer die interessantesten Lügen ausdenken und Sie immer nur die langweiligste Wahrheit wissen.“‚

Lokalredakteur:
„Wer spricht da, ohne gefragt zu werden! Was geht es Sie überhaupt an!“

Kisch:
„Ich wollte Ihnen einen Namen machen.“

Lokalredakteur:
„Auf Sie haben wir gerade gewartet! Unsere Auflage liegt immerhin bei über 500 000 Exemplaren. Die Zeitung, die wir machen, spricht also die Leser an.“

Kisch:
„… und unten schleicht geduckt und gedemütigt einer davon, der vieles unternehmen wollte und nichts gekonnt.“

Lokalredakteur:
„Was wollen Sie damit sagen? Dass wir vielleicht zuviel hinterm Schreibtisch hocken, anstatt rauszufahren? Wir bemühen uns. Warum verstecken Sie sich eigentlich, wenn Sie so schlau sind?“
Stella lacht. „Der kann Dich nicht hören.“

(Zitate aus: „Debüt beim Mühlenfeuer“, E. Erwin Kisch, Reportagen, Reclam)

BilderAlbum & Neue Lyrik: Scherben & Blaue Stunde & Wolkenflügel & mehr

Scherben

Als ich für die ersten Frühlingszweige
heute frisches Wasser holte
zerbrach die Vase
hell und leicht klang es
Wasser floss über Scherben
größere und kleine hellrote Hügel
aus Glas

schnitt mich inwendig
wie der Abschied von Dir
dünn das Blut wie Wasser
im viertelvollen Röhrchen
zeigte mir die Frau im weißen Kittel
du fauchtest sie kurz an
lagst still bei mir

auf einem Bild flieg
ich übers Meer
mit den Scherben

LV
8.3.2024
Der Scherenschnitt „Fliegen über`s Meer“ von Christiane Latendorf stammt von 2003.

Bilder
(Zum Frauentag)

Deine Bilder male
ich in Gedanken weiter
mit Worten
aus Liebe zu sich selbst
wen noch
gelebt geliebt gestritten
nie genug
reizend aufreibend
alles ausreizend

endloses Schweben
Schlittern
Zittern
Ausrutschen
Aufstehen
Weitergehen
Vor sich selber
Geradestehen
Was zählt

LV
8.3.2024

Schöne Erinnerung. Jade & Lina im Frühlingszauber, März 2021.

Blaue Stunde

Scheint als ob die Sonne
wartet
ihre letzten Strahlen streifen
mein Gesicht
den ganzen Tag schien sie
auf den Platz der Felligen
der blieb leer

ein Flatterwesen fliegt
auf einen Baum
vor der Haustür
am Fluss die Wasservögel
alles wie immer
die Luft sehr mild
die Balzrufe wild

ein heller Streifen am Horizont
hinter den Scherenschnittbäumen
zur blauen Stunde
steht die blaue Box im Flur
Jade steckt vorsichtig ihren Kopf
an den Rand springt kurz hinein

ihr steht der gleiche Gang
bevor wie der kleinen schwarz weißen
wird die grauweiß getigerte es überstehen
morgen werd ich es wissen

LV
3.3.2024

Wolkenflügel

Große weite Schwingen
im Graublau des Himmels
hinten ein schmaler Streifen Licht
Vögel kreisen über den Lichtflecken
am Fluss wie gern flög ich
mit euch schwerelos leicht
endlos getragen vom Licht

LV
3.3.2024

Was bleibt
(Für Lina)

Ein letztes Streicheln
der Wind strich über dein Fell
ein Bach rauschte leise
neben der Wiese in der frischen Erde
rot sonnenfarbene Primeln für dich und Lola
im Gras schimmerten Muscheln
erdfarben und perlmutt
sie liegen bei der Kerze
ein paar Kratzspuren am Regal
weiße und dunkle Haare
auf Kissen
ein kleines Fellbüschel
das ich in der Hand hielt
als ich dich zu fangen versuchte
du wehrtest dich mit Leibeskräften
gegen die Tabletten

ein kleines zartes Fellbündel
ich trug hielt wusch dich
hielt dich im Arm
sonst sprangst du immer weg
ließest dich kurz streicheln
manchmal auch das seidenweiche weiße Bauchfell
schnurrtest um so lauter
liebtest Pflanzen und den Geruch
von meinen Schuhen
hast mir vom Sofa aus
beim Schreiben zugesehen
und vor dich hingesehen
still und tretelnd die Decke
mit den Pfoten
wolltest mit mir und Jade weiter gehen

nun träumst du hoch bei den Sternen
gestern Abend sahen wir zu dir
in den nachtblauen Himmel

LV
22.2.2024



Da waren sie noch zusammen: Jade & Lina. Und meine erste Katze Lola.

Zwei

Zwei breiten ihre Zweigarme aus
suchend schmiegsam biegsam
tänzelnd verästelt ins Helle
verbinden umarmen
spiegeln sich in der Tiefe
des Sees
Eis zieht gefrorene Kreise
weiter und weiter durch dünne Häute
verwoben beide in der Mitte
klar erkennbar ihre Konturen
fließen zusammen

LV
17.1.2024
Das Gedicht entstand zum Foto „Elbaue“ von
Steffen Lipski

Baumgeschöpfe

An der Elbaue
Sich wiegende
biegende
verschwiegene Baumgeschöpfe
in Zweigen verflochten
das Flüstern des Wassers
wie in einem Spiegel
aufgefangene Tiefen
wankende Höhen
fließendes Sein

LV
1.3.2023
Das Gedicht entstand zum Foto
„Die Elbaue“ von Steffen Lipski

Texte + Fotos: Lilli Vostry

Das Forum „Die Unabhängigen“ auf der Leipziger Buchmesse 2024

Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene

Das Forum »Die Unabhängigen« der Kurt Wolff-Stiftung  ist vom 21. bis 24. März 2024 zum siebten Mal auf der Leipziger Buchmesse zu finden.

An vier Messetagen werden bei 49 Veranstaltungen zahlreiche Autor:innen,
Herausgeber:innen, Übersetzer:innen und Verleger:innen vor Ort sein. Im Zeitraum von 10.30 Uhr bis 18 Uhr (am Sonntag bis 17 Uhr Uhr) finden halbstündige Lesungen zu Neuerscheinungen, die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises, des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, Podiumsdiskussionen und Empfänge statt. Mit über 43 Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Podiumsgästen aus ganz Europa wird der Blick in diesem Jahr erneut darauf gerichtet, was uns als Gesellschaft bewegt und welche ästhetischen Maßstäbe Literatur setzt. Organisiert wird das von Carolin Callies kuratierte Projekt von der Kurt Wolff Stiftung und der Leipziger Buchmesse. Das
Programm findet live in Halle 5 E 313 statt und wird zudem via Livestream online zu verfolgen sein.

Darüber hinaus geht es am Buchmesse-Samstag (23. März) mit ›Die Unabhängigen. Spätausgabe‹ für einen Abend runter vom Messegelände in den Westflügel der Schaubühne Lindenfels. Dort lesen ab 19:30 Uhr neunzehn Autor:innen auf zwei Bühnen aus ihren Romanen, Lyrikbänden und Sachbüchern – wie beispielsweise Laura Leupi, Tom Schulz oder Francis Seeck.

›Die Unabhängigen‹ auf dem Messegelände

Das Programm rund um die Neuerscheinungen bildet auch in diesem Jahr wieder die literarische Vielfalt und die hohe Qualität der unabhängigen Verlage ab. Viel gelesene Autor:innen wie Artur Becker, Frauke Buchholz, Dilek Güngör, Thomas Lehr oder Jochen Schimmang präsentieren ihre neuesten Publikationen. Mit Alexander Kamber, Theresa Patzschke, Sophia Lunra Schnack oder Nora Schramm finden sich aber auch spannende Debütant:innen mit ihren Erstlingen auf dem Forum. Thematisch richten sich in diesem Jahr sowohl einige Romane als auch Sachbücher auf die klima
tisch veränderte Zukunft aus: Seien es dystopische Entwürfe von Helwig Brunner (›Flirren‹) oder Lilly Gollackner (›Die Schattenmacherin‹) oder aber pragmatische Anregungen für die Gegenwart wie die von Marko Hanecke (›Nachhaltig drucken. Gestaltung umweltgerechter Druckprojekte‹).

Feministische Blickwinkel auf Wirtschaft und Gesellschaft sind in zahlreichen Publikationen präsent: Über ›Feministische Ökonomiekritik‹ geht es Anne Engelhardt und Sandra Sieron; um ›Empowerment, Entwicklung, Erneuerung. Ohne Frauen geht es nicht voran‹ in dem vom Christa Randzio-Plath herausgegeben Band – und um Zeugnisse inhaftierter Frauen in Belarus in der von Cordelia Dvorák zusammengetragenen Sammlung ›Wenn du durch die Hölle gehst, dann geh weiter‹.
Auch der Lyrik wird wieder eine Bühne gegeben: Dabei lesen Odile Kennel, Sandra Burckhardt oder Nora Zapf aus ihren neusten Lyrikpublikationen. Den lyrischen Sammelband des russischen Dichters und Liedermachers Bulat Okudschawa stellt der Herausgeber Ekkehard Maaß zusammen mit Wolf Biermann vor.

Zahlreiche internationale Autor:innen kommen wieder zur Leipziger Buchmesse. Mit dabei sind auf dem Forum ›Die Unabhängigen‹ Alhierd Bacharevič aus Belarus, Amadú Dafé aus Portugal, Rimantas Kmita aus Litauen, Danny Ramadan aus Kanada, Kuzey Topuz aus der Türkei, David Unger aus Guatemala oder Andreas Viestad aus Norwegen. ›Alles außer flach!‹ ist das Motto des dies jährigen Gastlandes Niederlande und Flandern. Das Forum darf dazu die Graphic Novel-Autorin Judith Vanistendael sowie den Schriftsteller Eric de Kuyper begrüßen.

Auch Podiumsdiskussionen sind erneut Bestandteil des Forums ›Die Unabhängigen‹. Zum Thema ›Bücher, die wissen, wo sie stehen – Furchtlos mit Büchern handeln‹ organisiert die Initiative ›Verlage gegen Rechts‹ eine Diskussion mit Buchhändler*innen der Buchhandlungen drift, heiter bis wolkig und ROTORBOOKS. Unter dem Titel ›Über Bücher sprechen: Unabhängige Literaturpodcasts heute‹ sprechen Carolin Callies, Nefeli Kavouras, Ludwig Lohmann und Anselm Neft über
die Frage, was Literaturpodcasts für die Sichtbarkeit von Literatur leisten können.

Traditioneller Höhepunkt im Forum ›Die Unabhängigen‹ ist am Messe-Freitag um 13 Uhr die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises, der in diesem Jahr an den AvivA Verlag (Hauptpreis) und an mikrotext (Förderpreis) geht. Der Hauptpreis ist mit 35.000 Euro dotiert, der Förderpreis mit 15.000 Euro. Die Laudatio hält die Schriftstellerin, Übersetzerin und Verlegerin Zoë Beck.

Die Unabhängigen. Spätausgabe

Zum vierten Mal zieht das Forum ›Die Unabhängigen‹ in die Stadt zur ›Spätausgabe‹. Im Westflügel der Schaubühne Lindenfels beginnt die Veranstaltung mit neunzehn Autor*innen aus Deutschland, Schweiz und Österreich am Messesamstag, dem 23. März 2024, um 19.30 Uhr. Mit dabei sein werden: die Debüts von Laura Leupi und Luca Mael Milsch die Romane von Kathrin Aehnlich, Reda El Arbi, Sebastian Guhr, Julia Hoch, Barbara Kadletz Dominika Meindl, Jürgen Teipel und Meri Valkama; Satirisches und Humorvolles von Matthias Brodowy, Ruth Herzberg und Susanne Riedel, Lyrik mit Jan Volker Röhnert und Tom Schulz sowie Sachbücher von Uta Bretschneider und Jens Schöne (›Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland‹), Francis Seeck (›Klassismus
überwinden. Wege in eine sozial gerechte Gesellschaft‹) oder Iris Antonia Kogler (›Inside Underdog. Backstage-Notizen‹).

Statistik: Insgesamt sind 61 Verlage beim Forum ›Die Unabhängigen‹ und der ›Spätausgabe‹ beteiligt, darunter 52 Verlage aus Deutschland, sechs Verlage aus Österreich und drei Verlage aus der Schweiz.

Das komplette Programm steht detailliert hier: https://www.kurt-wolff-stiftung.de/dua2024/
Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/@kurtwolffstiftung6170
Kuratorin des Tages- und Abendprogramms: Carolin Callies (Lyrikerin und freie Literaturveranstalterin)

Kontaktdaten:

Kurt Wolff Stiftung, Karsten Dehler
E-Mail: info@kurt-wolff-stiftung.de, Telefon: 0341 / 9 62 71 87
Kontakt: Kurt Wolff Stiftung | http://www.kurt-wolff-stiftung.de | info@kurt-wolff-stiftung.de

Lesung mit der Dichterin UIrike Draesner im Stadtmuseum Dresden


Reichhaltige Lyrik über Natur, Kunst, Liebe und Sprache: Die Dichterin Ulrike Draesner liest Gedichte aus 25 Jahren bei ihrer Lesung im Stadtmuseum Dresden. Foto: Ulrike Draesner/PR

Vom Ursprung des Erzählens & Naturstimmen

Ulrike Draesner liest aus ihren Lyrik-Bänden „hell & hörig“ und „doggerland“ am Donnerstag, dem 7. März, 19 Uhr im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2.

Ulrike Draesner hat ein helles Ohr für Zwischenräume und »subsongs«, die Lieder unter den Liedern – Stimmen, die man gemeinhin nicht hört. In »hell & hörig« zeigt sich das ganze Können der Dichterin: Gedichte aus 25 Jahren, sinnlich, gedankenreich und zugewandt. Souverän werden traditionelle lyrische Formen aufgegriffen, naturwissenschaftliche Kenntnisse integriert. Polyglott, polyamorisch, zeitgenössisch ist Draesners Poesie, deren Originalität sich auch im Umgang mit fremden Sprachen beweist. Dem Wald und seinen Pflanzen gehört ein Kapitel, ein anderes Tieren, ein drittes den Fragen nach Heimat und Migration.

In »doggerland« sucht Ulrike Draesner nach dem Ursprung des Erzählens. Sie macht die Steinzeit hörbar und zeigt, wie nahe sie uns ist. Wie Doggerland: ein Delta von der Größe Deutschlands, Herz Europas am Zusammenfluss von Themse und Rhein, Zentrum der steinzeitlichen Welt. Vor rund 8500 Jahren in einem Tsunami untergegangen, wird dieses Grenz- und Verbindungsland für Ulrike Draesner zum Ausgangspunkt wesentlicher Fragen des Menschseins: Wie bildete sich Gemeinschaft, wer hatte die Idee, Tiere zu zähmen, was machte man mit dem »fremden« Neandertaler? Auch Kunst, Liebe und Sprache mussten erfunden werden.

Die Veranstaltung wird durch die Landeshauptstadt Dresden gefördert. Eine Kooperation der Literarischen Arena e.V., der Evangelischen Akademie Sachsen und der Museen der Stadt Dresden.

https://literaturnetz-dresden.de/veranstaltungen/ulrike-draesner-die-verwandelten/

Veranstaltungstipp: Jörg Scholz-Nollau

Buchhandlung LeseZeichen

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Preis der Leipziger Buchmesse 2024: Die Nominierten stehen fest.

Jahrhundertstimmen & stärkere Auseinandersetzung mit der Geschichte

Die Jury hat sich entschieden: In den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wurden unter 486 eingereichten Buchtiteln 15 Werke ausgewählt. Für die nominierten Autor:innen und Übersetzer:innen heißt es jetzt Daumen drücken, bis am 21. März um 16 Uhr die 20. Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse in der Glashalle auf dem Messegelände stattfindet. „In allen drei Sparten bildet sich eine verstärkte Auseinandersetzung mit Fragen des politischen und historischen Bewusstseins ab. Das mag nicht überraschen. Aber es fällt auf, in den teilweise sehr subtilen Formen, im Material und im Zugriff, und das ist für uns Leser:innen auch ermutigend“, so Juryvorsitzende Insa Wilke.

Nominiert sind 2024:

Belletristik

Anke Feuchtenberger: „Genossin Kuckuck“ (Reprodukt, 04.09.2023)
Wolf Haas: „Eigentum“ (Hanser Verlag, 04.09.2023)
Inga Machel: „Auf den Gleisen“ (Rowohlt Buchverlag, 30.01.2024)
Barbi Marković: „Minihorror“ (Residenz Verlag, 06.10.2023)
Dana Vowinckel: „Gewässer im Ziplock“ (Suhrkamp Verlag, 20.08.2023)

Sachbuch/Essayistik

Jens Beckert: „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ (Suhrkamp Verlag, 11.03.2024)
Christina Clemm: „Gegen Frauenhass“ (Hanser Berlin, 04.09.2023)
Tom Holert: „„ca. 1972” Gewalt – Umwelt – Identität – Methode” (Spector Books, 04.03.2024)
Christina Morina: „Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren“ (Siedler Verlag, 27.09.2023)
Christiane Collorio (Hrsg.); Ines Geipel (Hrsg.); Ulrich Herbert (Hrsg.); Michael Krüger (Hrsg.); Hans Sarkowicz (Hrsg.): „Jahrhundertstimmen 1945-2000 – Deutsche Geschichte in über 400 Originalaufnahmen. Jahrhundertstimmen II“ (Der Hörverlag, 27.09.2023)

Übersetzung

Ki-Hyang Lee übersetzte aus dem Koreanischen: „Der Fluch des Hasen“ von Bora Chung (CulturBooks, 18.09.2023)
Klaus Detlef Olof übersetzte aus dem Slowenischen „18 Kilometer bis Ljubljana“ von Goran Vojnović (Folio Verlag, 15.08.2023)
Lisa Palmes übersetzte aus dem Polnischen: „Bitternis“ von Joanna Bator (Suhrkamp Verlag, 29.10.2023)
Jennie Seitz übersetzte aus dem Russischen: „Nimm meinen Schmerz. Geschichten aus dem Krieg“ von Katerina Gordeeva (Droemer HC, 02.10.2023)
Ron Winkler übersetzte aus dem Englischen: „Angefangen mit San Francisco. Gedichte“ von Lawrence Ferlinghetti (Schöffling & Co., 28.08.2023)

Die Nominierten stellen sich Anfang März in Berlin vor
Wer die Nominierten und ihre Werke vorab live kennenlernen möchte, sollte sich folgende Termine im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) am Großen Wannsee in Berlin merken:

5. März, 19.30 bis ca. 22 Uhr (LCB): 
Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „Belletristik“

12. März, 19.30 bis ca. 22 Uhr (LCB): 
Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „Übersetzung“

14. März, 19.30 bis ca. 22 Uhr (LCB):
Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“

Der Deutschlandfunk Kultur berichtet über die Nominierten
Lernen Sie die Autor:innen kennen, die in der Kategorie Belletristik nominiert sind:
am Sonntag, 10. März um 22:03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur sowie am Dienstag, 12. März um 22:00 Uhr beim MDR und danach in der ARD-Mediathek.
Um die nominierten Übersetzer:innen dreht sich alles im Deutschlandfunk Kultur am Sonntag, 17. März um 22:03 Uhr.
Die Sachbuch/Essayistik-Kandidaten werden am Samstag, 16. März, 11:05 Uhr im Deutschlandfunk Kultur vorgestellt.

Die Nominierten am Tag der Preisverleihung in Leipzig
Auf der Leipziger Buchmesse präsentiert die Jury am 21. März, dem ersten Messetag, in der #buchbar in Halle 4, E101 die nominierten Autor:innen der Kategorie Belletristik von 11 bis 12 Uhr sowie die Nominierten der Kategorie Sachbuch/Essayistik von 12 bis 13 Uhr.
Die nominierten Übersetzer:innen werden ebenfalls am 21. März von 13 bis 14 Uhr im Forum International + Übersetzerzentrum in Halle 4, C403 vorgestellt.

Ausgewählt wurden die Nominierten 2024 von den Jurymitgliedern Insa Wilke, Maryam Aras, Moritz Baßler, Cornelia Geisler, Shirin Sojitrawalla und den beiden neuen Mitgliedern David Hugendick und Marie Schmidt. Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis. Partner ist das Literarische Colloquium Berlin. Als Medienpartner fungieren das Kundenmagazin buchjournal, der Deutschlandfunk Kultur und die WELT AM SONNTAG.

Alle Infos unter: www.preis-der-leipziger-buchmesse.de

Die Leipziger Buchmesse im Verbund mit der Manga-Comic-Con sowie dem Lesefest Leipzig liest öffnet vom 21. bis 24. März. Tickets gibt es unter: www.leipziger-buchmesse.de

Text: Felix Wisotzki, Pressesprecher Leipziger Buchmesse

Ausstellung „Desiderium“ mit Malerei & Grafik von André Uhlig im Kulturbahnhof Radebeul

Stimmungsvolle Sehnsuchtslandschaften

Von der Suche nach Naturidylle und Verwurzeltsein erzählt die Ausstellung „Desiderium“ mit Malerei und Grafik von André Uhlig im Kulturbahnhof Radebeul.

Dunkle, knorrige Bäume auf einer Anhöhe, dazwischen ein paar weiße Häuser mit roten Dächern und weiße Berge, vom Vollmond beschienen. Sie sind in ein „Nachtgespräch“ vertieft im Titelbild der Ausstellung „Desiderium“ mit Malerei und Grafik von André Uhlig. Es ist die erste Kunstschau in diesem Jahr, veranstaltet vom Kulturverein der Stadtbibliothek Radebeul e.V. im Kulturbahnhof auf der Sidonienstraße 1c. Den fremd erscheinenden Begriff muss man erst einmal nachschauen. Das ist vom Künstler auch beabsichtigt. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet Desiderium Wunsch, Forderung, Verlangen.

Fremdes, Nahes und Vertrautes mischen sich in den Bilderlandschaften von André Uhlig. Die Suche und Sehnsucht nach Naturidylle, ursprünglichem Verwurzeltsein und Erleben spiegeln seine Arbeiten eindrucksvoll und stimmungsreich. Sie hängen auch teils versteckt an den Wänden hinter den Bücherregalen im Erdgeschoss und im Veranstaltungsraum in der ersten Etage. Da führt eine Treppe zu einem alten Weinberg zwischen Bäumen hinauf in einer farbigen Aquarellzeichnung mit Tusche und Kohle. Da leuchten die Weinhänge der Lößnitz in hellen, sonnigen und erdigen Farbtönen und darüber große weiße Wattewolken am graublauen Himmel. Da brechen in grellen und düsteren Farben gehalten „Stürmische Zeiten“ an, ragen enge Felsschluchten auf, geht es „Bergauf“ zu einem still verträumten Gehöft auf lichtvollem Grund, wächst ein Baum auf einer Felsklippe „Am Abhang“.  Der „Winter im Tal“ trifft auf die „Blaue Stunde am Rosenberg“. Am Fluss überrascht auffliegende, kreischende Möwen sind zu sehen neben hoch über Feldern am lichten Himmel kreisenden schwarzen Vögeln. „Aufbruch“ heißt diese Farbgrafik/Sandreservage und trägt schon einen roten Verkaufspunkt. In Uhligs Bildern verbinden sich verschiedene Naturstimmungen, Schönheit, Erhabenheit und Gefährdung.

Seine Landschaften im Stil der Romantik erinnern an die Malerei von Caspar David Friedrich, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird mit vielen Ausstellungen an seinen Wirkungsstätten, darunter einer großen Schau unter dem Titel „Wo alles begann“ ab Mitte August im Albertinum in Dresden. „Es geht um Sehnsüchte der Menschen und auch den Brückenschlag zu Caspar David Friedrich, den ich schon immer in meiner Arbeit beehre“, sagt der in Radebeul lebende und arbeitende, seit 2007 freiberufliche Maler und Grafiker André Uhlig zu seinen Werken. Es gehe ebenso um die Natur, die schwindet und die es zu schützen und respektieren gilt. „Jeder für sich, aber wir in unserer Gesellschaft bauen alles voll mit Einkaufs- und Lagerhallen, die wir eigentlich nicht brauchen“, gibt er zu bedenken. Was ist Fortschritt, dem wir so extrem in dieser Zeit hinterher rennen?, fragt sich Uhlig. Während viele Menschen sich fast für nichts mehr Zeit nehmen.

Seine Bilder laden ein zum Betrachten und Verweilen an bekannten Sehenswürdigkeiten ebenso wie verborgenen, verlassenen Orten, alten Dorfkernen und entdeckenswerten Gemäuern wie Schloss Übigau und seine Mätressen, vier Platanen und die seit längerem leerstehende Villa Kolbe in Radebeul. Im Sommer will André Uhlig mit tschechischen und deutschen Künstlern ein Pleinair in Böhmen an den Stellen, wo Caspar David Friedrich zeichnete, veranstalten. Neben drei Ausstellungen in diesem Jahr, eine weniger als sonst, organisiert der seit 2002 bestehende Kulturverein der Stadtbibliothek Radebeul regelmäßig Literatur-Kino, möchte gern auch wieder Lesungen anbieten und hier trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 17.30 Uhr ein Literaturkreis, um Buchklassiker und neue Bücher vorzustellen. „Wir geben regionalen Künstlern und Künstlerinnen, vorwiegend Autodidakten, die Möglichkeit sich mit ihren Arbeiten zu präsentieren. Und freuen uns, damit das kulturelle Angebot in Radebeul zu bereichern“, sagt Andrea Meinel vom Kulturverein der Stadtbibliothek. Neue Interessierte sind sehr willkommen.
Die Ausstellung von Andé Uhlig ist noch bis 30. Mai zu sehen.

Text (lv)

Fotos: André Uhlig

Geöffnet: Mo – Fr 10 bis 19 Uhr, Mi geschlossen

http://www.kulturverein-stadtbibliothek-radebeul.de


„Wenn die Nacht das Licht nimmt“, Farbgrafik von André Uhli
„Blaue Stunde am Rosenberg“
„Fels im Sturm (an den Tisaer Wänden““

 

BilderAlbum & Nachlese: Gedicht-Lesung mit Musik „Augenblicke & Mee(h)r“ von Lilli Vostry & Gabriel Jagieniak im Einnehmerhaus Freital


Beschwingter Wort- und Klangzauber in allen Farben des Lebens: die Autorin und Lyrikerin Lilli Vostry und der Musiker Gabriel Jagieniak am Akkordeon bei ihrer neuen Gedicht-Lesung mit Musik am Sonnabend im Einnehmerhaus Freital. Herzlichen Dank an Bettina Liepe, die rührige Vorsitzende des Kunstvereins im Einnehmerhaus Freital. Foto: Michele Cyranka

Feier des Lebens mit schwungvoller Musik & Poesie

Neuen Wort- und Klangzauber gab es bei der Gedicht-Lesung mit Musik „Augenblicke & Mee(h)r“ mit der Lyrikerin Lilli Vostry und Musiker Gabriel Jag ieniak am Akkordeon, beide aus Dresden, vor lausch- und tanzfreudigem Publikum am Sonnabend im Einnehmerhaus des Kunstvereins Freital.

Wiedersehen macht Freude. Es war unsere zweite Gedicht-Lesung mit Musik an diesem schönen, lichtvollen Kunstort an diesem Sonnabend im Einnehmerhaus des Kunstvereins Freital. Gabriel Jagieniak begleitete mit beschwingt lebensfrohen Melodien, von Tango bis Walzer, eigenen Liedern und Obertongesang, auch zum Mittönen, meine bilderreiche Poesie. Diesmal stand sie unter dem Motto: „Augenblicke & Mee(h)r“. Es war eine wunderbare, aufmerksame und interessierte Zuhörerrunde. Eine Feier des Lebens in allen Farben, mit allem was gerade da ist. Freude, Traurigkeit, Licht, Schmerz und Zuversicht.

Die Gedichte erzählen über die Kraft und den Fluss der Farben, das Meer immer wieder neu und anders in seiner unermesslichen Weite; die Möwen, Lebenskünstler, Lufttänzer, Gratwanderer, mit den Winden übers Meer Segler und den Menschen immer einen Flügelschlag  voraus. In den Augen-Gedichten geht es um Sehen und Wahrnehmen. Es geht um Träume, Erinnerungen und einen Bilderschatz. Um Wandlungen in der Natur und im Leben. Ich bin froh, dass ich auch mein Abschieds-Gedicht für Lina lesen konnte, ein geliebtes, kleines Fellwesen, das ich vor einer Woche schweren Herzens verabschieden musste. Da laut Tierärztin keine Aussicht auf Besserung bestand. Ich und Jade vermissen die Kleine sehr. Die Zeit mit beiden Katzentieren ist lebhaft, innig, wehmütig und hoffnungsvoll in Gedichten aufbewahrt.

Kunst ist ja auch nicht nur schön. Schönheit, Zerbrechlichkeit und Stärke liegen nah beieinander. Das zeigen gerade die filigranen Skulpturen mit den Rissen in der derzeitigen Ausstellung „Schamotte-Skulptur“ sehr deutlich. Die Arbeiten von neun Künstlerinnen sind noch bis 9. März im Einnehmerhaus, Dresdner Straße 2, in Freital zu sehen. Zur Finissage an diesem Tag gibt es um 15 Uhr ein Gespräch mit den Künstlerinnen in der Ausstellung.

Zum Ende unserer Gedicht-Lesung wurde sogar noch getanzt zu den fröhlich mitreißenden Akkordeonklängen. Dies war meine bereits fünfte Gedicht-Lesung gemeinsam mit Gabriel Jagieniak. Wir freuen uns auf neue, schöne und inspirierende Spiel- und Leseorte in Dresden und Umgebung!
Toll wäre auch mal eine Lesung mit meinen Meeres-Gedichten mit Musik, begleitet von Meerrauschen und Möwenschreien, am liebsten in einem der Seebäder auf Usedom, Ahlbeck und Ückeritz. Vielleicht findet sich auch bald ein passender Verlag für meine Gedichte, Das Jahr ist ja noch jung. Und die Leipziger Buchmesse nah.

Text + Fotos (15) (lv)

Geöffnet: Do und Sa 10 bis 17 Uhr, Fr und So 14 bis 17 Uhr

http://www.kunstvereinfreital.de


Traum- und Kunstwächterin: die Eule stammt von Karin Heyne und ist ein beliebter Blickfang in der derzeitigen Ausstellung im Einnehmerhaus Freital.

Fotos von der Lesung (3): Michele Cyranka


Getanzte Poesie… voll Freude an der Bewegung… anmutig, grazil und kraftvoll die Gesten wie geschaffen zum Zeichnen und Modellieren.
Fundstück auf dem Weg zur Lesung: Sonnenmännlein

Ausstellung indigener Künstler in der „Turtle Island Galerie“ im Karl-May-Museum Radebeul

Vom Spirit der Ahnen bis zu Graffitis und Comics

Indigene Kunst zwischen Tradition und Moderne zeigt die neu eröffnete „Turtle Island Galerie“ in der Villa „Nscho-Tschi im Karl-May-Museum Radebeul, Karl-May-Straße 5.

Ein Büffelkopf in kräftigen Farben entführt in die Weiten der Prärie auf dem Titelbild der Ausstellung. Schönheit, Stolz, Würde, Kraft und Leid strahlt das Tier aus, das den indianischen Ureinwohnern am nächsten ist, gejagt, getötet, beschützt und verehrt. „Tasiwoo“ heißt das Bild von J. Nicole Hatfield, das zusammen mit zeitgenössischen Werken weiterer nordamerikanischer indigener Künstlerinnen und Künstler in der neu eröffneten „Turtle Island Gallery“ derzeit im Karl-May-Museum Radebeul zu sehen ist.

Sie befindet sich in der Villa „Nscho-Tschi“, einem Holzhaus im hinteren Teil des einstigen Gartens von Karl May. Dort können die Besucher auf den Spuren des großen Fantasten und Abenteuerschriftstellers wandeln, am Teich mit einer großen, geflügelten Figur vorbei und an Hochbeeten mit indianischen Heilpflanzen. Ein Holzspielplatz mit Klettergeräten und Totempfahl lädt Kinder zum Erkunden ein. Auf der Veranda aus Baumstämmen steht eine hölzerne Skulptur, ein Kanu mit einem indianischen Liebespaar, geschnitzt von Jochem Knie. Urwüchsig gestaltet, zeigt es jedoch auch einen romantisch verklärten Blick auf indianisches Leben. Im Holzhaus kann man nun in den wechselnden Sonderausstellungen der „Turtle Island Gallery“ eintauchen in die farbreiche Welt indigener Kunst zwischen Tradition und Moderne. Mythen und Wirklichkeit der Nachfahren indianischer Ureinwohner in Nordamerika zeigen die Werke der Künstler facettenreich und setzen sich damit subjektiv auseinander in ihrer Malerei, Grafik, Fotografie, holzgeschnitzten Figuren und bemalten Keramikobjekten bis zu Graffiti und Comics. Die Arbeiten stammen aus der Sammlung von Martin Schulz, einige befinden sich im Besitz der Karl-May-Stiftung. Den Werken beigefügt sind kurz Texte zu den Künstlern.

Das farbenfrohe Graffiti-Bild „Turtle Island“ von Quentin Commanda bricht Klischees über Indianer auf mit dem goldfarbenen Schriftzug „Legend!“, hoch über der Landschaft schwebenden, zeichenhaft abstrahierten, schwarz-weißen und farbigen Figuren mit Federn als Symbol für die Vielfalt der Kulturen auf dem heutigen „Turtle Island“. Neben dem Büffelbild sind von J. Nicole Hatfield leuchtend farbige Porträts zu sehen, darunter ein Häuptling der „Puha-Commanchen“, ein idealer, edler indianischer Krieger aus dem Kinofilm „Der mit dem Wolf tanzt“, eine markante Indianerin und ein Bildnis der mexikanischen Malerin Frida Kahlo, ein Auftragswerk von Sammler Schulz. Unter den Bildern hängen weiße und braune Büffelfelle. Ein Stück weiter hockt ein Rabe mit aufgespannten Flügeln aus hellem Zedernholz, vergnügt auf einem Auge blinzelnd, auf einem Kästchen, aus dem menschliche Gesichter schauen. Den ältesten Schöpfungsmythos der indigenen Kulturen der amerikanischen Nordwestküste hat der Künstler Doug Lafortune dargestellt. Aus dunklem Tom geformt ist ein Mann mit Büffelkappe und Fellmantel von Chippewa. Eine kleine erdfarbene Hochzeitsvase, bemalt mit Taube und Blumenranken, zeigt C. Tosa. An der Stirnseite des Raumes hängt ein großes, ausdruckstarkes, poetisch-spirituelles Bild voller Magie in zarten Pastellfarben von Dwayne Frost (1964-2013), der seit 2007 oft als Künstler und Tänzer bei den Karl-May-Festtagen in Radebeul war und beeindruckende Felsmalereien im Hohen Stein im Lößnitzgrund schuf. In diesem Bild spürt man eindrucksvoll den Spirit uralter indianischer Kultur, die Lebensweisheit und tiefe Verbundenheit mit der Natur und ihren Kräften.

Eine indianische Frau sitzt auf einer Waldlichtung bei Vollmond und beschwört die Natur und Geister der Ahnen. In ihrem Rücken ein Bild wie eine Erinnerung, eine junge und eine alte Frau sitzen sich meditierend gegenüber, in ihrer Mitte ein Wolf als Krafttier. Die weise Frau hält einen Spiegel, aus dem Sterne in die Welt fliegen. Am unteren Bildrand schauen aus der Erde und entlang der Wege weiße Gesichter, die Ahnengeister. Verbunden mit den Lebenden durch Wurzelgeflecht, das nach oben und unten in die Erde führt. Digitaldrucke mit Fantasybildern, die alte indigene Legenden vor allem der jungen Generation vermitteln wollen, mit grünen Naturgeistern und der dunklen Figur Darth Vader zeigt Andy Everson. Ein Farbdruck von Steven Paul Judd mit einer Indianerfamilie als Comicfiguren nimmt Stereotypen humorvoll auf die Schippe. Zu sehen ist auch die Umweltaktivistin Greta Thunberg in indianischem Kleid in einer Fotografie, die 2019 entstand bei ihrem Besuch in der Reservation in Nordh Dakota und Protesten der Indigenen gegen den Bau einer Pipeline durch das Gebiet. Das Foto „Standing For Us All“ von Balkowitsch ging um die Welt und wurde millionenfach im Internet gesehen und geteilt. Die derzeitige Sonderausstellung in der „Turtle Islands Gallery“ ist noch bis Frühjahr 2024 zu sehen. Dann werden neue Bilder von indigenen Künstlern aus der Sammlung des Karl-May-Museums gezeigt.

Text + Fotos (lv)

http://www.karl-may-museum.de

Öffnungszeiten der Sonderausstellung:

Dienstag–Sonntag: 10:00–18:00 Uhr
montags geschlossen (außer feiertags)