„Biedermann und die Brandstifter“ auf einer Bank: Wer lacht hier wen aus in brenzliger Lage? Foto: Sebastian Hoppe

Groteskes Spiel um unbequeme Wahrheiten

Auf der Mauer auf der Lauer liegen alle im Stück „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch im Kleinen Haus.

Rote Wäschestücke flattern auf der Leine. Das Wort Benzin steht auf einer Mauer. Drohung oder Warnung? Ein Streichholz genügt und das ganze Haus steht in Flammen. Doch es gibt nur Indizien, Andeutungen, keine Beweise im Stück “Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Die Premiere war am Freitagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Frisch selbst bezeichnete seinen Ende der 1950-er Jahre entstandenen Text als „Lehrstück ohne Lehre“. Es geht um den Umgang mit elementaren Ängsten, die alle kennen, zu versagen, das Falsche zu tun, sich lächerlich zu machen. Genau das passiert auch, eingebildete und reale Gefahren sind grandios und beängstigend zugleich in der Schwebe zwischen Spaß und tiefem, bitteren Ernst gehalten in der anderthalbstündigen, spannenden Inszenierung von Nicola Bremer.

“Die beste Tarnung ist immer noch die nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!“, heißt es an einer Stelle im Stück. Als weitere Tarnungen nennt Frisch Humor und Sentimentalität. Ebenso komisch-grotesk, offen und vieldeutig kam die Aufführung auf die Bühne. Dort hat Biedermann, besorgt um seine Sicherheit und aus Angst vor Brandstiftern, eine Schutzmauer um sich herum gezogen, die immer näher ans Publikum heranrückt. Josef Biedermann ist einer, der es allen recht machen will und am Ende alles verliert (tragikomisch: Philipp Grimm). Er ist Haarwasserfabrikant, trägt aber Glatze paradoxerweise. Seine Frau Babette (Eva Hüster) ist auch haarlos, liebevoll-anschmiegsam und wird nachts von Albträumen geplagt.

Biedermann lässt alle Warnzeichen abprallen, ungebetenen Besuch abwimmeln und delegiert Aufgaben weiter an sein Dienstmädchen Anna, ein sprechender Roboter, der Gefühle erläutert und Worte wie „Aufhängen, aufhängen!“ emotionslos nachsagt (unheimlich gut: Anna-Katharina Muck). Ein Obdachloser namens Schmitz im dunklen Kapuzen-Shirt (als verkannter Außenseiter: Philipp Lux)  klopft hungrig bei Biedermann an und tritt immer fordernder auf. Er hockt in einem schubfachähnlichen Mauerteil und erzählt seine traurige Lebensgeschichte. Das geht nahe und löst Mitgefühl aus. Doch als ein zweiter, zwielichtiger Mann im Anzug und Hut (Viktor Tremmel) mit Fässern auftaucht und sie auf Biedermanns Dachboden deponiert, weiß man nicht mehr, was man noch glauben und wem trauen soll.

Unsicher wendet Biedermann sich direkt ans Publikum und fragt: Wie man einen Brandstifter erkennt und ob sie alles glauben, was sie sehen?! Einige antworten scherzhaft, ein Zuschauer sagt, er glaube an das Böse im Menschen. Biedermann lädt die zwei Fremden zum Essen ein, zusammen sitzen sie auf einer Bank und reißen Witze über Brandstifter. Als Sirenenalarm ertönt und der Himmel brennt, frohlockt Biedermann: „Zum Glück ist`s nicht bei uns!“ Und beschwichtigt seine Frau, wirkliche Brandstifter wären doch wohl nicht ohne Streichhölzer?

Viel Beifall für einen aufwühlenden, emotionsreichen Abend, der einen herausfordert, hinter die Fassade zu schauen und selbst erkennbar zu sein.

Text (lv)