Ausstellung „Klang in Bronze gegossen zum 150. Geburtstag des Künstlers Richard Guhr in den Richard-Wagner-Stätten Graupa

Kontrastreiche Werke zwischen Licht und Dunkel

An den Maler, Bildhauer und Schöpfer des Wagner-Denkmals im Liebethaler Grund erinnert die Sonderausstellung „Klang in Bronze gegossen“ zum 150. Geburtstag von Richard Guhr in den Richard-Wagner-Stätten Graupa.

Machtvoll, märchenhaft und entrückt erscheint die Hauptfigur. Dargestellt als Gralsritter mit gerade fallendem Gewand, eine Feuerschale in der Hand und die andere gestützt auf eine Harfe mit Löwenkopf, umgeben von allegorischen Gestalten. Von der Odyssee bis zur Aufstellung dieses Denkmals für Richard Wagner im Liebethaler Grund sowie über Leben und Werk seines Schöpfers erzählt eindrucksvoll die Sonderausstellung „Klang in Bronze gegossen“ zum 150. Geburtstag von Richard Guhr derzeit im Jagdschloss Graupa.

Zu sehen sind historische Aufnahmen, Bilder, Plastiken und Zeitzeugnisse zum Schaffen von Richard Guhr (1873 – 1956) und sein Blick auf Wagner, den er in kultischer Verehrung auf den Sockel hebt in seinen Gemälden und dem krönenden Denkmal. „Mir ging es darum, die verschiedenen Seiten des Künstlers Richard Guhr und sein Werk in bewegten Zeiten zu zeigen, das jeder für sich deuten kann“, sagt Katja Pinzer-Hennig, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin der Wagner-Stätten Graupa. Die Reaktionen der Besucher reichten von Faszination bis zu Irritation und Ablehnung. Richard Guhr teilt sich nicht nur den Vornamen mit Wagner. Ähnlich wie der Komponist polarisiert auch der Maler und Bildhauer mit seinen monumentalen Werken zwischen Idealismus und Gigantomanie. Bekannt wurde Guhr als Schöpfer des Goldenen Rathausmannes, des „Michelangelo von Dresden“, der bis heute hoch auf dem Dresdner Rathaus steht. 1873 in Schwerin geboren, sein Vater war Hofmusiker, studierte Guhr an der Kunstgewerbeschule in Dresden und danach in Berlin. Er war als Dekorationsmaler und bildhauerisch tätig. 1934 wurde Guhr an die Dresdner Kunstakademie als Lehrer an die Abteilung Monumentalmalerei berufen, kurz nachdem der angehende Künstler Otto Dix dort entlassen wurde. Doch schon zu Lebzeiten waren Guhrs oft mystisch aufgeladene Bilder umstritten.

Fast 20 Jahre kämpfte Guhr um sein Wagner-Denkmal, das er Dresden schenken wollte, jedoch von den Stadtoberen abgelehnt wurde. Die Gemälde in der Ausstellung wirken mit ihrer intensiven, teils grellen Farbigkeit und ihrer symbolistisch, surrealen Bildsprache zwiespältig, theatralisch inszeniert, rätselhaft und düster abgründig. Wagner erscheint auf einer Wolke schwebend wie ein Retter und Fürst der Finsternis zugleich, umringt von Dämonen, Medusa mit Schlangenhaupt und einem geflügelten Löwen und Stier an der Seite. Der Kampf zwischen Gut und Böse, Licht, Dunkel, das Edle, Wahre und Schöne durchzieht emotions- und klangreich seine Opern und die Bilderwelt Guhrs. Zu sehen sind außerdem Fotografien vom Aufbau des 4,20 Meter hohen Wagner-Denkmals1933, das seither im Liebethaler Grund gegenüber der ehemaligen Lochmühle steht. Guhr finanzierte das Denkmal aus eigenen Honorarmitteln. 2013 wurde es restauriert aus Mitteln des Sächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Im starken Kontrast zu der kultischen Verehrungskunst stehen die Zeichnungen und Ölbilder aus den späten Lebensjahren von Richard Guhr, die erschüttern und berühren mit ihrem offen schonungslosen Blick, auf sich selbst zurückgeworfen. Darunter eine Serie Selbstporträts, nach 1945 entstanden, gezeichnet von Krieg, Not, Entbehrungen. Innere Zerrisenheit, Fassunglosigkeit und Verzweiflung des Künstlers ins Gesicht geschrieben. Unter einem Bildnis Guhrs steht die Zeile: „Es möchte kein Hund so länger leben“, ein Zitat aus Goethes „Faust“. Zu sehen sind Landschaften, eine Dorfstraße im herbstfarbenen Licht und der Blick vom Hang auf die Häuser in Höckendorf bei Freital, wo Guhr und seine Haushälterin nach der Flucht aus Dresden eine Bleibe in einem Forsthaus fanden. Diese Bilder  zeigen eigene, unverstellte Sicht, strahlen Ruhe aus, Hingabe und Halt in der Natur. Auf einer Staffelei steht ein kleines Ölbild, darauf der Schatten eines Mannes vor hohen Bäumen im Wald, die rot in der Abendsonne leuchten. Daneben eine Waldlichtung mit abgestorbenen Kiefern. Die Ausstellung erinnert an einen eigenwilligen und vielseitigen Künstler und lädt ein zum Nachdenken über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft, über Werte und das was wirklich zählt im Leben. Sie ist noch bis 29. Oktober in den Richard-Wagner-Stätten Graupa zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do, Fr 11 bis 17 Uhr, Sa, So, feiertags 10 bis 17 Uhr. Di geschlossen

http://www.wagnerstaetten.de


Ein Schwan dreht seine Runden im Teich hinter dem Jagdschloss Graupa. Im Lohengrinhaus in der Nähe schrieb Richard Wagner den Entwurf für seine berühmte Oper um den Schwanenritter.

 

 

 

 

 

Premiere „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden


Zwischen Traum- und realer Welt: Was ist echt, was eingebildet? Fragt das Stück „Der Sandmann“ nach der Erzählung von E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus. Hier eine Szene mit Jonas Holupirek und Nadja Stübiger. Fotos: Sebastian Hoppe

Aufrüttelnde Traumgeister

Ein bilderstarkes, berührendes und beunruhigendes Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, Sehen, Erkennen und dem Zwiespalt von innerer und äußerer Freiheit ist die Inszenierung „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Ein Labyrinth aus schwarz-weißen und farbigen Linien überzieht die Bühne. Rot, blau, grün und gelb, abwechselnd schlängelnd und starr wie Gitterstäbe ragen in den Raum. In der Mitte steht ein Metallgerüst, ein Turm. Ein Mann mit weißgrau zauseligem, schulterlangen Haar geht auf und ab und schiebt, verrückt die Wände hin und her als könne er die Wirklichkeit dadurch verändern. Vor der Wand werden Türen auf und zu gestoßen in eine andere, rätselhafte Traumwelt. Auf einer Videoleinwand erscheinen immer wieder groß die Gesichter der Darsteller, Frauen und Männer in dunklen Anzügen, das Haar zurückgekämmt und geisterhaft weiße Gesichtszüge mit großen dunkel und rot geränderten Augen. Sie erzählen abwechselnd die seltsame Geschichte des Studenten Nathanael, dessen Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola in ihm Erinnerungen an offensichtlich traumatische Kindheitserlebnisse wachruft.

Wundersam, geheimnisvoll und unheimlich zugleich, voll schwebend, verlockender und düsterer Bilder, sphärischer Klänge und ergreifend schöner, dunkler und gefühlvoller Poesie kam die surreale Traumerzählung „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann in einer Inszenierung unter Regie von Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm, Livekamera: Christian Rabending und mit Livemusik von Friederike Bernhardt auf die Bühne. Die Premiere war am vergangenen Sonnabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung „Der Sandmann“ ist seine bekannteste, sie stammt aus dem Zyklus „Nachtstücke“ und wird der Schwarzen Romantik zugeordnet. Doch es ist weitaus mehr als ein Schauermärchen, gehört zu den vieldeutigsten und am häufigsten untersuchten Texten der deutschsprachigen Literatur, ohne ihn zweifelsfrei ergründen zu können. Das macht den Reiz dieser Erzählung bis heute aus.

Ein junger Mann mit sandfarbenem Wuschelhaar (Jonas Holupirek), der in seiner neugierig-aufsässigen und lausbubenhaften Art etwas an den Struwwelpeter und feinsinnig-verträumt an den Kleinen Prinzen von Saint du Exupéry erinnert, steht da auf der Bühne. Im dunklen Mantel, der auf der Rückseite wie eine Leinwand mit Klaviertasten und farbig bemalt ist und oberkörperfrei, erzählt der Student Nathanael und angehende Künstler rückblickend über ein gravierendes, ihn nie wieder loslassendes Kindheitsereignis. Er liebte schauerliche Geschichten über Zauberer, Hexen und Däumlinge, „der Sandmann“ zog ihn auf die Spur des Abenteuerlichen. Nachtbilder steigen auf, Erinnerungen an jene zwiespältige Figur, die den Schlaf und die Träume bringt, aber auch Sand in die Augen streut, wenn die Kinder nicht schlafen wollen. Erzählt die Mutter (Gina Calinoiu) mal besonders gruslig, mal beschwichtigend, den Sandmann gebe es gar nicht wirklich. Doch Nathanael wartet auf ihn und will ihn sehen. Zumal er des nachts Geräusche im Haus hört, jemand klopft an die Tür. Er erzählt von den Besuchen des vermeintlichen Sandmann Coppelius, den er zusammen mit seinem Vater bei deren alchemistischen Experimenten im Labor heimlich beobachtet, wie eine blaue Flamme aus dem Herd schießt und er sieht mechanische Wesen, ohne Augen und Körper, die an Puppen erinnern.

Er wird von Coppelius entdeckt und verfällt danach in eine Art Todesschlaf. Der Schrecken erreicht seinen Höhepunkt, als bei einer Explosion im Versuchslabor mit lautem Knall, Rauch und rot loderndem Licht Nathanael seinen Vater mit schwarz verkohltem Gesicht findet. Er will den Tod des Vaters rächen und glaubt im Wetterglashändler Coppola jenen Advokaten Coppelius wiederzuerkennen. Seine Verlobte Clara (auch als Schwester und Olimpia abwechselnd sanft, mitfühlend und abweisend kalt: Ursula Hobmair) und sein Freund Lothar, ihr Bruder (salopp-lebenslustig: Friederike Bernhardt) versuchen ihm sachlich und aufmunternd seine düsteren „Einbildungen“ auszureden, der Vater sei durch seine eigene Unvorsicht ums Leben gekommen und nicht durch Coppelius. Doch es hilft nichts. Nathanael zieht sich immer mehr zurück, daran ändern auch lange Briefwechsel und ein inniger Tango mit Clara nichts. Er verfällt immer mehr in Schwermut und dunkel abgründige Dichtung und verliebt sich sehnsuchtsvoll-schwärmerisch und verzweifelt in die ebenso schöne wie unerreichbare Olimpia, ein Mädchen, das er eines Tages im Fenster gegenüber mit einem Fernrohr sieht mit seltsam leerem Blick.

Clara und Nathanael entfernen sich immer mehr voneinander. Sie hält ihn bald für einen „Geisterseher“. Tatsächlich wandelt der Geist seines unruhevollen Vaters (Torsten Ranft) des nachts weiter im Haus umher und zitiert Verse von Edgar Allan Poe mit schwarzen, ungerührt dasitzenden und krächzenden Raben, die fortfliegen nimmermehr… Nacheinander fahren sie wie in einem Fahrstuhl hinauf auf den Turm hinter Glas, der ihnen aber auch keine neuen Aussichten bringt, sondern nur einen neuerlichen Blick in den Abgrund. Am Schuss liegen unzählige Gläser auf der Bühne verstreut und ein umgestürztes, schwarzes Kreuz wie ein großer, dunkler Vogel.

Ein bilderstarkes, fantastisches, berührendes, beunruhigendes und tragikomisches, philosophisches Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit, über Sehen, Wahrnehmen und Erkennen im Zwiespalt von innerer und äußerer Welt und Freiheit, die ständig miteinander ringen brachte „Der Sandmann“ mit auf die Bühne im Kleinen Haus. Ein Stück darüber, was passiert, wenn kindliche Neugier, Fantasie und Entdeckerlust unterdrückt werden und nicht ausgelebt werden dürfen, Begabungen, Intuition und Vorstellungskraft sich nicht kreativ, schöpferisch entfalten können, sondern Ängste und Schatten übermächtig werden und die Kraft der Fantasie innerlich gefangen nimmt und gegen einen selbst zerstörerisch wirkt. Bei aller Mehrdeutigkeit eine klare Aufforderung, den eigenen Augen und Sinnen für das Wahre, Schöne zu vertrauen in einer Welt voller Verlockungen und Unsicherheit. Viel Beifall gab es dafür vom Premierenpublikum.

Text (lv) http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Stelldichein der Nachtgeister: Auf dem Bild Nadja Stübiger, Torsten Ranft und Gina Calinoiu.

Premiere „Die Dreigroschenoper“ im Schauspielhaus Dresden


Ein Mann mit vielen Gesichtern: Zuhälter, Verbrecher, Außenseiter, Anführer eines Aufstandes der Unzufriedenen und gar Aufsteiger zum Kurfürsten von Sachsen ist Macheath, Mäcky Messer (in der Titelrolle: Jannik Hinsch), in der Inszenierung der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill unter Regie von Volker Lösch im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Aufstand der Unzufriedenen

Bestürzend komisch, düster, albtraumhaft und grotesk zugespitzt, aufrüttelndes Polittheater über Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in sozialen Krisenzeiten ist zu erleben in der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill  (Musik) unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann in einer Bearbeitung des Staatsschauspiels Dresden mit zusätzlichen Texten von Lothar Kittstein. Die Premiere war am Freitagabend im Schauspielhaus Dresden.

Es beginnt gleich mit einer Prügelszene. Eine Frau mit blondem Haarknoten und ein dunkelhaariger Mann in blauen Kostümen, rotem Schlips und Socken, schlagen zu barocken Klängen mit blauen Knüppeln auf einen jungen Mann in buntbraunen Hosen, schwarzer Lederjacke und Stiefeln am Boden ein, weil er ungefragt als Redner auf einer Wahlkampfveranstaltung von ihnen sprach und die Show vermasselte. Die beiden beschimpfen ihn als „hirnloses A…loch“ und reichen ihm ein bieder beiges Kostüm samt vorhängendem Bauch, das er künftig bei den Protesten tragen soll. Als er nicht mehr reden darf und auch noch seine Springerstiefel hergeben soll, zieht er entrüstet ab. Die beiden im blauen Kostüm, man ahnt es, gehören zur Führungsspitze der „Perspektive für Deutschland“ und befinden sich mitten im Wahlkampf. „Wenn wir siegen, dann wird aufgeräumt und Politik für das Volk gemacht!“, tönt die Frau vollmundig. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Sie pusten blaue Luftballons auf, trällern belustigt abfällig vom „Mond über Soho“, sie haben Wichtigeres zu tun, der Wahlkampf ruft!

Sie tragen zwar elegante, blaue Anzüge, geben sich sonst so sauber, doch hier nehmen sie kein Blatt vor den Mund und lassen an ihrer Herkunft, Jargon und Manieren von der Straße erst gar keinen Zweifel aufkommen: der erwerbsmäßige Bettlerkönig und Geschäftsmann Jonathan Peachum (Philipp Grimm) und seine Frau (Sarah Schmidt) versuchen sich auf politischem Parkett, teilen kräftig aus, geben sich patriotisch und freiheitsliebend und bekämpfen gleichzeitig zänkisch und unerbittlich alles und jeden, der anders denkt und handelt als sie selbst. Das bunt schillernde und schrille Milieu aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt und seither ein erfolgreicher und vielgespielter moderner Klassiker auf den Theaterbühnen, wird übernommen und in die Gegenwart versetzt.

Außerdem unternimmt die Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden unter Regie von Volker Lösch mit einer Bearbeitung des Stücks den Versuch, die „Dreigroschenoper“ in „einen aktuellen politischen Kontext zu rücken“, steht dazu im Programmheft mit Blick auf die textlichen Einschübe des Autors Lothar Kittstein, um „neue und aktuelle Assoziationen zu schaffen“ mit dem Einverständnis der Brecht-Erben. Ein politisches Zeitstück war es immer und im Original, in den großartigen, zeitlosen Songs über menschliche Glücksuche und Gier, die dies verhindert, ist eigentlich alles gesagt. An dieser Grundaussage ändert auch diese Neuauflage der „Dreigroschenoper“ – eine bissig spöttische Revue über das Leben im Kapitalismus, über Heuchelei und Scheinmoral nichts. Vom Haifisch-Song über „Soldaten wohnen auf den Kanonen“, „Ja mach nur einen Plan…“ über das Leben, das nur ein Selbstbetrug ist bis zu „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ sind Musik und Texte voller Witz, Ironie, mitreißend, kraftvoll, zeitlos aktuell und tragen auch diese Aufführung, kess, flott, jazzig, galant, heiter, wehmütig und schmissig begleitet von einem exzellenten Musikerensemble an Akkordeon, Altsaxofon, Klarinette, Klavier, Posaune, Trompete u.a. (musikalische Leitung: Michael Wilhelmi).

Neu an dieser Inszenierung ist, dass Sprache und Spielweise noch derber, rauer, radikaler sind, die Figuren recht klischeehaft und Karikaturen ihrer selbst und somit nicht wirklich ernst zu nehmen. Damit gehen jedoch der tatsächliche Ernst der Situation und Tiefgang verloren und die Chance zu einer echten Auseinandersetzung mit der Gefahr einer zunehmenden politischen Radikalisierung in der Gesellschaft. Hingegen fehlt es nicht an haarsträubenden, platten und hohlen Parolen von rechtsaußen und leeren Versprechen von „Friede, Freiheit, Selbstbestimmung, keine Diktatur!“, wenn nur die „richtigen Männer“ an die Macht kämen. Das Ganze mutet wie ein schlechter Scherz oder grusliger Albtraum an, inszeniert als bitterböse und bestürzend komische, düstere und grotesk zugespitzte Satire und Polittheater über Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in sozialen Krisenzeiten, Unsicherheit, Ängste, Verfall von Werten und Suche nach Orientierung und Halt, Stillbleiben oder Aufstehen für soziale Gerechtigkeit.

Da klingt der Ruf nach einem „starken Führer, der die zerrissene Seele heilt“ verlockend. Da wird erst insgeheim und bald ganz offen, ungehemmt der Aufstand der Unzufriedenen geprobt, vor der barock steinernen Zwinger-Kulisse mit versiegtem Brunnen. Auf der Hochzeitsfeier von Macheath (Jannik Hinsch), dem gerissen-galanten Gauner, Zuhälter, Außenseiter und Möchtegernheld und seiner ihm verfallenen Braut Polly Peachum (Henriette Hölzel), der pinkfarben gekleideten, punkig rebellischen Tochter, die sich gegen ihre rigoros radikalen Eltern wehrt, lassen die Gäste ordentlich Dampf ab, wird Macheath ihr Anführer und gar zum Kurfürsten von Sachsen ernannt. Der sitzt großspurig, majestätisch mit grinsender Miene vor dem Zwinger, mal großzügig, als könne ihn nichts erschüttern oder etwas anhaben, mal poltrig, wütend und Abweichler eiskalt gegen die Steinstufen tretend wie den kauzigen, etwas vorlauten Walter (Sven Hönig) oder den vorpreschenden, gewalttätigen Matthias (Viktor Tremmel) zurechtweisend. Der windig-korrupte Polizeichef Brown (Thomas Eisen) ist Macheaths bester Freund, noch aus Zeiten in der Fremdenlegion in Afrika, warnt ihn vor Polizeikontrollen, liefert den radikalen, nationalistischen Aufständischen in schwarz-gelben Sachen die Waffen, verhaftet sie widerwillig als „terroristische Vereinigung“ und auch die hasserfüllt hetzenden Peachums kommen mit einem „blauen Auge“ davon.

Die einzig Ruhe und Gelassenheit bewahrende inmitten dieses wutentbrannten, kämpferischen Gegeneinanders ist Jenny (Anna Katharina Muck), Exgeliebte von Macheath, desillusioniert und Schamanin mit unheilvollen Vorahnungen. „Du redest national, aber fühlst es nicht, kalt wie ein Reptil“, sagt sie trocken zu Peachum. Man sehe nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, zitiert sie an anderer Stelle den Kleinen Prinzen von Saint du Exuperý. Macheath sei das Schiff, das eines Tages kommen wird und die Stadt beschießt, sagt Jenny voraus. Aus Eifersucht über seine Untreue hat sie seinen Aufstands-Plan verraten. Wie ein gefallener Kapitän liegt Macheath am Ende auf den Knien und bittet das Publikum um Verzeihung und er möge ihnen eine Lehre sein. Grotesk genug, seine stärksten Widersacher, die Peachums in den blauen Anzügen, gewinnen am Schluss die Wahl und lassen Mäcky Messer frei, der sich als Kurfürst von Sachsen auf Schloss Moritzburg zurückzieht und eine lebenslange Rente erhält. Wasser sprudelt aus dem Brunnen im Zwinger, den die Aufständischen besetzt halten und die Brecht-Worte rufen: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ Und sie wollen endlich auch ein Stück vom Kuchen der Mächtigen abbekommen. Am Ende der Aufführung sagte ein Mitspieler und junger politischer Aktivist, Jakob aus Zwickau eindringliche Worte, den rechtsradikalen Tendenzen entgegenzuwirken und ans Publikum gerichtet: „Wer schweigt, stimmt zu.“
Viel Beifall gab es zur Premiere für eine wagemutige, packende  und streitbare Aufführung mit viel Stoff zum Nachdenken und für Gespräche.

Text (lv)

Nächste Termine: 13. und 25.10., 19.30 Uhr

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Prunkvolle Kulisse, strahlend blauer Himmel und unzufriedene Menschen, die um ihren Wohlstand und Freiheit bangen und sich dagegen wehren. Foto: Sebastian Hoppe

BilderAlbum & Gedichte: Herbstsommertage am Meer

 

Meeressegler

Lebenskünstler Lufttänzer Gratwanderer
mit allen Winden übers Meer Segler
auf und ab schnellend himmel und wellenwärts
die Welt von oben betrachtend
aber nicht herablassend
elegant keck ausharrend unverdrossen
den Menschen immer einen Flügelschlag voraus

LV
29.9.2023

Fische zwischen Bäumen

An der Promenade in Heringsdorf
ein seltener Fang zu besichtigen:
drei meterhohe rostige Fische erhaben
wie Könige
stehen auf ihren Schwanzflossen
hoch aufgerichtet
sahen nie das Meer
offene Münder der Blick ins Blaue
aus Himmelsaugen bis hoch
in die Baumwipfel auf der Wiese
zwischen hohen Stämmen und
knorrigen windschiefen Kiefern
filigran durchsichtig ihre Haut
durchzogen von Streben wie Gräten
braun wie Baumrinde
ihre Körper im Kreis umeinander gelegt
wie Schutzschilde

LV
30.9.2023

Herbstsonne

Auf dem Tisch mit dem Lochmuster
ein großer Wasserfleck Wolkenauge
noch vom letzten Regen
zwei Stühle angelehnt
die Sonne übersieht den Fleck
spielt mit den letzten Rosenblüten
vom Strauch vor der weißen Wand
flimmern ihre Schatten hinüber

eine große gelbe Blüte
halb verblüht duftet noch immer
darüber reckt sich eine Knospe
und ein einzelnes rotes Blatt
drehen sich bewegt vom Wind
zu einem Fleck den die Sonne
ins Gras zeichnet
wie ein Herz aus Licht

LV
30.9.2023

Auf dem Weg zum Strand

Seegras vom Wind umfächelt
wankt leicht vorm Ferienzimmer
Sonnenblumen sonnesatt
neigen ihre Köpfe am Wegrand
die von Autos zerdrückten Kastanien
ein Festmahl für die Spatzen

eine rote langstielige Rose
wiegt beschwingt vorm Fenster
inmitten von rosa Hortensien
im Garten der Villa Heimkehr
der Kirchturm gegenüber
bietet Obdach für Vögel aller Art

Wind rauscht durch die Baumkronen
im Himmelblau
zwei Männer schieben einen Strandkorb
im Wagen den Berg hinunter
hinter ihnen braust das Meer

LV
30.9.2023

Möwen

Das Meer unermesslich weit
genügsam brilliert
in allen Farben
die Licht Wolken Wind
mitbringen
tiefblau metallen silbrig
und Lichtfunken im Schlammgrau

die Möwen unermessliche Meeresanbeter
das sie kost zaust behaust
sanft wild und beständig
weiß befiedert befriedetes Wellenspiel
kreischendes Vergnügen
ungemein süß und spitzfindig
bedienen sich gern selbst
wenn die Gelegenheit günstig

gerade eingetaucht im Meer
Strandtasche und Einkaufsbeutel kurz allein gelassen
umgerissen
Badetuch weg gerissen
leere Papiertüten verstreut im Sand
drei Stück Kirschkuchen mit Streusel und Schokolade
stibitzt warten sie
seelenruhig weiter auf mehr

nie verfliegt der Möwen Hunger
sie verlernen nicht zu jagen
das teilen sie mit den meisten Menschen

LV
30.9.2023

Meerstille

Heute dem Meer auf den Grund
gesehen
fast durchsichtig sandfarben wellig
dunkel von den Algen
und perlmuttfarben
zart wie eine Feder
der Wasserspiegel still bewegt
fast lautlos unendliches Fließen
hautnah schienen Meer und
Horizont einen Moment eins
mittendrin die Möwen vergaßen
ihre Schreie

LV
2.10.2023

Meerfarben
(Für ONH)

Unendliche Fülle der Farb und Formgebilde
mehr als das Auge zu fassen vermag
Wellenschwünge graublau weiß dunkel umrandet
wie spitze Federn
riesige Flügel wehende Tücher
oder Segel die himmelweit
über den Dünen schweben
weit aufgefächerte Wolkenlandschaft
zurückgeworfen in die Wellen

aufgewühlt sturmgepeitscht
schäumend und kräuselnd
in kräftigen und Pastelltönen
von Rissen Eisschollen durchzogen und rotem
Abendlicht beschienen die Buhnen Stege ins Wasser
und eine tote Möwe am Strand
rot gefärbt ihr Gefieder

hell gelb und türkis Meer und Himmel
zeichnen weiter ihre Spuren
der kantige Kopf des Käptn auf einer Stele vorm
Atelier die Vorhänge sind zugezogen
ein Korb voll gelber Quitten vor dem Eingang zu
seinen Bildern vom Meer
in des Malers Zaubergarten reifen sie noch immer
geben sich Schmetterlinge zwei Tagpfauenaugen
dem Farbrausch der Blüten hin wie verschwiegene
Liebende
die im Stein die Zeiten überdauern
wie das Meer

LV
2.10.2023

Was bleibt

Der noch einmal blühende
gelbe Rosenstrauch
die Blütenköpfe im Wind
davor der weiß blaue Strandkorb
auf der Wiese wie gestrandet
Vogelgeschwirr im Baum
sie zwitschern feier- wie wochentags
wie es ihnen gefällt

eine Kastanie in der Badeschlappe
das Seegras vorm Ferienzimmer vom Wind
durchgeschüttelt hält doch stand
die kleinen lila Ballonblumen die durchs Tor lugen
die vielen prachtvollen Villen an der Promenade
mit schönen Namen wie Himmelsstern
Seeschlößchen Villa Elise und Seebär

die Seeschwalbe der alte Fischerkahn
auf der Düne vor der Holzhütte der Duft
nach frischem Räucheraal
die grau getigerte Katze halb ruhend
halb wachend am Ausschank vom Terrassencafé

nachmittags zieht Sturm auf
Sand wirbelt auf am Strand
das Meer voller Algen Geschling angespült
kein Hineinkommen mehr
die Möwen stürzen sich kreischend aufs Futter
meine Strandtasche bekommt Schnabelhiebe
ein paar kleine Löcher
die Möwen finden immer Wege
an etwas heranzukommen

und verschenken ihre Federn
lange spitze hell dunkel gesprenkelte und seidig
flaumige
die Möwen rufen weiter
heftiger noch der Wind
rot gelb wurmstichige immer noch aromatische
Straßenäpfel liegen auf dem Tisch
draußen tost das Meer
vom Wind getrieben

Kräuselwellen schwappen warm
an die Füße noch einmal
bevor die letzten Herbstsommertage verfließen
die wilden Winde noch stärker raufen

LV
3.10.2023

Texte: Lilli Vostry
Fotos folgen

Ausstellung Hans Christophs auf Schloss Burgk in Freital

Ein Tausendsassa der Farben und Formen

Beeindruckend vielfältig, eigenwillig und zeitlos modern spiegeln die Werke von Hans Christophs ein Stück Kunstgeschichte in einer Ausstellung auf Schloss Burgk in Freital.

Zwei Zeichnungen mit Booten am Hafen von Warnemünde und im Wasser spiegelnder roter Sonne verströmen Sommerflair. Gegenüber hängt ein Bildnis einer „Sitzenden mit Hut und aufgestützten Armen“, die schwarzen Umrisse mit hellem Türkis und Gelb unterlegt. Der Hut ähnelt einem Sonnenrad. Eine ältere Dame steht davor. Sie sei mit dem Bild aufgewachsen, weiß aber nicht mehr, woher sie es kennt. Es hängt gleich neben dem Eingang und erinnert in der Malweise an Picasso. Überraschend vielfältig und kontrastreich versammelt die Ausstellung „Was ich liebe, möchte ich darstellen“ Arbeiten aus allen Schaffensperioden von Hans Christophs (1901-1992), die zurzeit in den Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk zu sehen ist.

Zeichenhaft, geometrisch, konkret, gekleckselt und expressiv farbig. Kein Bild ist wie das andere bei Hans Christophs. Ein vielfältiges Oevre wie ein Gang durch die Kunstgeschichte begegnet dem Betrachter. Vieles kommt einem bekannt vor, in dem das Eigene, Prägnante, Unverkennbare des Künstlers allerdings etwas untergeht. Seine Werke zeigen einen Tausendsassa der Farben und Formen in beeindruckender Vielfalt und offensichtlichem, lebenslangen Drang und Freude an immer neuen Ausdrucksformen. Zu sehen ist auch eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Edmund Kesting von 1948 mit einem modern und zeitlos wirkenden Porträt Christophs, konkret und abstrahiert im Profil, mit offenem Blick und Zeichenstift vorm Gesicht. Da hängen abstrakte, informelle, farbreich gekleckselte Ölbilder, Goauchen und Collagen mit geometrischen Formen, fliegenden Pfeilen und Schwertlilien vor Stacheldraht nebeneinander.

Expressiv farbige, pastose Landschaftsmalerei mit tiefroten Wolkenhimmeln und aufgewühlten Wellen an der Nordsee neben wogenden gelben Getreidefeldern und Blicken auf die Dresdner Vororte Goppeln, Strehlen und Prolis noch ohne Hochhäuser in den 20er Jahren. Herausragend einige figürliche Arbeiten. Darunter die Tanzpaare, elegant gekleidet in schwarzem Frack die Herren und die Damen mit großen, dunkel umrandeten Augen und roten Lippen in weißbleichen Gesichtern, die im Ausdruck an Otto Dix erinnern. Daneben ein Porträt einer Arbeiterfrau, grau und staubig ihr Gesicht und die Bluse vor dunklem Hintergrund, im Haar und Augen ein paar sehnsuchtsvolle Grünschimmer. Zu sehen sind außerdem farbige Zeichnungen mit Frauenakten, Badenden und ein Paar am Strand. In der Art der Brücke-Künstler erdfarbene Körper in bewegten und kantigen Formen. Maler und Modell, groß ihre Reize im Bild und er an der Staffelei pinselschwingend, in einer Tuschezeichnung festgehalten.

Luftig-leicht und prägnant sind auch die Buntstiftzeichnungen, die originell bekannte Malmotive aufnehmen und weiterführen. Darunter zu einem Bild von Vermeer, in dem ein Mann mit breitkrempigem Hut und Umhang und eine Frau im roten Kleid am Tisch sitzen. Ein Stilleben mit Früchten und Ornamenttischdecke leuchtet südlich heiter neben drei Mädchen mit Tauben, im grellen, gelbfahlen Licht, schattenhaft umherirrenden Gestalten zwischen dunklen Trümmern und zwei Frauen am Fenster vor rotgefärbtem Himmel. Im letzten Ausstellungsraum treffen nochmals sehr eigenwillige, formspielerische und farbenfrohe Aquarelle aufeinander: Fische, die neben Netzen und Wasserpflanzen umer springen. Eine Mondlandschaft und Blumen zwischen Sternen und einer blauen Katze am Fenster. Das Ölbild „Weesenitzmühle“, um 1932 gemalt, mit seiner Landschaft in wellig fließenden und kugeligen Formen ist ein ebenso klares wie poetischen Sinnbild für Bewegung und Wandel in der Natur und im Leben.

Zur Ausstellung erschienen ist ein Buch mit Lebenserinnerungen von Hans Christophs, aus dem Passagen in einer Lesung mit Tom Quaas zu hören sind, begleitet von Stefan Maass an der Gitarre am 24. Oktober, 19 Uhr im Festsaal von Schloss Burgk, Eine Führung durch die Ausstellung, die noch bis 29. Oktober zu sehen ist, mit der Kuratorin Kristin Gäbler findet am 21. Oktober, 11 Uhr statt.

Text + Fotos (lv)

Ausstellung „Seelenlandschaften“ von Max Manfred Queißer im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz in Radebeul


Musik für die Augen: Gerlinde Queißer vor Bildern ihres Mannes Max Manfred Queißer in der Ausstellung „Seelenlandschaften“ im Hoflößnitz Radebeul.

Bilder in allen Farbtönen des Lebens

Musik und Malerei verbinden sich eindrucksvoll in der Ausstellung „Seelenlandschaften“ von Max Manfred Queißer im Weinbaumuseum Hoflößnitz in Radebeul.

Rhythmisch bewegte, fließende Linien, mal luftig-leicht, mal dicht verwoben, zart und kraftvoll, durchziehen die Leinwände. Malerei, die Musik in allen Farbtönen und Emotionen nacherleben lässt, zeigt die derzeitige Ausstellung „Seelenlandschaften“ des Maler-Poeten Max Manfred Queißer (1927 – 2016)  im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz, Knohllweg 37 in Radebeul. Die dritte Ausstellung dieser Saison zeigt farb- und formenreiche Arbeiten des Künstlers aus dem Zeitraum von 1999 bis 2016. Er war bis zuletzt künstlerisch tätig. Seine Frau Gerlinde Queißer verwaltet den Nachlass und kümmert sich mit viel Enthusiasmus, dass sein Werk in der Öffentlichkeit sichtbar bleibt. Der Ausstellungstitel ist benannt nach dem umfangreichen, reich bebilderten Werkkatalog von 2017, der auch in der Ausstellung erhältlich ist.

“Ich habe ihn als einen geist- und humorvollen, aufgeschlossenen und warmherzigen Menschen kennengelernt“, sagt Museumsleiter Frank Andert über Max Manfred Queißer. 2014 war das im Rahmen einer Ausstellung in der Friedenskirche Radebeul, wofür er einige kostbare Erinnerungsstücke aus Familienbesitz und ein großes Antikriegs-Bild von 2005 zur Verfügung stellte. „Damals konnte man nicht ahnen, wie aktuell dieses Thema wenige Jahre später wieder sein würde“, so Andert. Manfred Queißer wurde mit 17 Jahren 1944 zum Militärdienst einberufen und war von 1945 bis `48 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Donezbecken, wo heute wieder Krieg herrscht. Diese Erfahrung hat sein Leben geprägt. „Musik und Kunst haben ihm über diese Zeit geholfen und diese Leidenschaft in ihm entzündet“, sagt seine Frau. Geige und Pinsel begleiteten Manfred Queißer zeitlebens. Musik und Malerei regten sich gegenseitig an in seinem Schaffen. Der gebürtige Freitaler und studierte Kultursoziologe war künstlerischer Autodidakt, beschäftigte sich seit 1958 mit Malerei und war befreundet u.a. mit den Künstlern Joseph Hegenbarth, Karl-Heinz Adler, Friedrich Kracht, Hans und Lea Grundig. Seit 1975 lebte und arbeitete Queißer gemeinsam mit seiner Frau, die Design auf Burg Giebichenstein studierte, in Radebeul. Die Orte der großen impressionistischen Maler konnte er erst nach der Wende bereisen.

Bilder vom „Pester Karneval“ inspiriert von Franz Liszt ebenso wie mit Musikern und Tanzenden bei Konzerten von Jazz, Blues und Muzette mit Akkordeonspiel in Paris, vor der Kulisse des Moulin Rouge, erzählen leuchtend farbig von seinen Endrücken. Die Ausstellung versammelt abstrakt-zeichenhafte Farblandschaften und einige figürliche Arbeiten. Queißer hörte die Klavierkonzerte von Igor Strawinsky und Béla Bartók und holte sie in schwungvollen, lodernden Farben auf die Leinwände. „Die Farbe Rot“ in Analogie zur Gershwin-Oper „Porgy and Bess“ fließt mit darüber rinnender, schwarzer Farbe auf einem großformatigen Ölbild. Licht und Schatten liegen oft nah beeinander. Manchmal scheinen die Gesichter an Geige, Cello oder Harfe in lichtvollen Farben zu verschmelzen. Ein Specht hämmert inmitten von Farben im Geäst. Zu sehen sind auch einige Arbeiten auf Papier in beschwingten Formen, die an Segel, Kreise, Sichelmonde erinnern. Derzeit bereitet Gerlinde Queißer einen neuen Katalog mit Papierarbeiten und Lebenserinnerungen ihres Mannes vor. Die Ausstellung „Seelenlandschaften“ ist noch bis 8. Oktober im Hoflößnitz zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Di bis So von 10 bis 18 Uhr

http://www.hofloessnitz.de

Ausstellung des Bauhausschülers Albert Hennig – Malerei und Grafik im Einnehmerhaus Freital

Farbenfrohe Stadtlandschaften

Natur, Kunst und Architektur verbinden sich in einer Ausstellung mit Malerei und Grafik von Albert Hennig, einem Bauhausschüler, derzeit im Einnehmerhaus in Freital.

In Farben und Formen schwelgen Gebautes, Natur und Stadtlandschaften in der derzeitigen Ausstellung „Albert Hennig (1907 – 1998) – Malerei und Grafik“ des Bauhausschülers. Zu sehen sind seine Arbeiten im Rahmen der Reihe „Künstler der verschollenen Generation“ im Einnehmerhaus Freital. Das früheste Bild der Ausstellung ist ein Stillleben mit Krug und Äpfeln, die sich auf der Tischplatte spiegeln, von 1934. 1996, zwei Jahre vor seinem Tod entstand im Alter von 89 Jahren eins der letzten Aquarelle von Hennig, „Abstrakte Komposition“. Leuchtend farbig, heiter und zeitlos modern das Spiel mit steigenden, fallenden, spitzen und geraden, sich voneinander abgrenzenden und offenen, spiralförmigen und ineinander fließenden Linien und Formen.

Die gezeigten Arbeiten stammen aus dem Nachlass des Künstlers, der verwaltet wird von Andreas Albert, einem Kunstlehrer, der Hennig persönlich kannte und freundschaftlich mit ihm verbunden war. Die Ausstellung versammelt vorwiegend abstrakte, farbreiche Arbeiten zumeist in kleinen Formaten. Darunter Aquarelle, Monotypien, Pastelle, Holzschnitte und Studien aus den 1950er bis `90er Jahren. Da treffen farbenfrohe Fantasiestädte und in dunklen Grautönen gehaltene Häuser, von dunklen Linien wie Risse durchzogene Stadtansichten aufeinander. Ebenso  Blicke auf helle und rosa südländische Häuser und Bäume und Boote am Wasser, grün bewachsene Hänge und kleine Häuschen davor. Sie zeigen „Bergbewegung (Zakopane) “mystische“ und „romantische Landschaften“, eine Landschaft mit Mond, „Stadt mit Baustelle“ und „Winter vor der Stadt“.

Die Grenze zwischen äußerer und innerer Welt, des Gesehenen und Erträumten, verwischt oft in den Arbeiten. Da wechseln natürliche und geometrische Farbflächen und architektonische Kompositionen, die ineinander greifen und sich überlagern. Die naiv-spielerisch gezeichnet an Bauklötze von Kindern erinnern, die zu Türmen, Brücken und Häusern übereinander geschichtet erscheinen in den Bildern. Mal klar und konkret, mal abstrahiert, traumhaft und poetisch in warmen, sonnigen, kühlen und dunklen, kargen Farbtönen. Leicht, schwebend, beschwingt, zarte und kräftige Linien und vielschichtiges Farbspiel, das oft an Künstler wie Paul Klee und Kandinsky erinnert. Das Titelbild der Ausstellung „Verzauberte Stadt“ von 1989 zeigt eine Stadtkulisse, grau und schemenhaft, spitze Dreiecke und eine rote Kugel über einer Turmspitze, Himmel und Fenster im Licht der Morgensonne und Aufbruchstimmung über der Stadt. Zu sehen sind außerdem drei Selbstbildnisse von Hennig von 1964 und 1972, in hell-dunklem Linienspiel und in gelb fahlem Licht, der Blick nach innen gerichtet sowie eine Landschaft mit nächtlichen Wanderern auf einer Allee, die zugleich seine eigene Lebenssituation und Schaffen spiegeln, die überschattet waren von gravierenden Einschnitten und den politischen Ereignissen seiner Zeit. Albert Hennig wurde am 7. Dezember 1907 in Leipzig geboren und wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Er war gelernter Betonfacharbeiter, beschäftigte sich nebenher mit Fotografie und wurde mit seiner Porträtserie „Die Kinder der Straße“ 1932 als Student am Bauhaus Dessau, in der Reklameklasse  aufgenommen. Seine Lehrer waren Josef Albers, Hinner Scheper, Mies van der Rohe und Wassili Kandinsky.

1933 nach Schließung des Bauhauses Dessau durch die Nationalsozialisten setzte Hennig sein Studium im Bauhaus Berlin-Steglitz fort bis zur Schließung dort. Als wesentlich für sein späteres Schaffen nennt er die Söhne von Feininger, Joost Schmidt und Walter Peterhans. Danach wurde Hennig dienstverpflichtet als Bauarbeiter von von 1935 bis 1945. Seine Leipziger Wohnung wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört, er verlor sein Frühwerkes und übersiedelte nach Zwickau. Dort war er Gründungsmitglied der Gruppe Bildende Künstler im Kulturbund Zwickau und arbeitete ab 1953 wieder als Bauarbeiter bis zur Rente und war seit 1972 freischaffend als Künstler in Zwickau tätig. Ehrung für sein Werk erfuhr Albert Hennig anlässlich des 50. Bauhausjubiläums in Dessau 1976, als Ehrenbürger der Stadt Zwickau, er bekam den Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau 1991 und das Bundesverdienstkreuz erster Klasse 1996 verliehen.

„Seine Bilder sind voller Leichtigkeit und Tiefgang, schnell und skizzenhaft, gut beobachtet und auch ein Stück Verarbeiten von inneren Bildern, da er bedingt durch die Verhältnisse seine künstlerischen Positionen nicht durchweg ausleben konnte“, sagt Bettina Liepe, Vorsitzende des Kunstvereins Freital e.V. im Einnehmerhaus zum Werk Hennigs. Dennoch sei er ein lebensfroher Mensch gewesen und die Malerei habe ihm zeitlebens Halt und Stärke gegeben. Jedes Jahr gibt es hier eine Ausstellung, um an Künstler der Zwischen-Kriegs-Zeit zu erinnern, sich verändernde Sichtweisen zu zeigen und auch Kontrapunkte zu setzen. Die Ausstellung von Albert Hennig ist noch bis 21. Oktober zu sehen. Zur Finissage am 14.10., 15 Uhr findet ein Gespräch mit Andreas Albert zu seinen Erlebnissen mit Hennig statt (Anmeldung erbeten).

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Do +Sa 10 bis 17 Uhr, Fr + So 14 bis 17 Uhr

http://www.kunstvereinfreital.de


„Die Malerei gab Albert Hennig Halt und Stärke und er war ein lebensfroher Mensch auch in schwierigen Zeiten“, sagt Bettina Liepe, Vorsitzende des Kunstvereins im Einnehmerhaus Freital über sein Werk.

BilderAlbum: Gedicht-Lesung mit Musik „Ein Meer aus WortKlängen“ mit Lilli Vostry & Aerdna Harp im Atelier Rudolf-Leonhard-Straße 19


Spiel mit Worten, Bildern und Klängen: Lilli Vostry, Autorin, Maura Miletta, Fotografin und Aerdna Harp, Musikerin vor der Gedicht-Lesung mit Musik in der Ausstellung im Atelier Rudolf-Leonhard-Straße 19 beim Neustadt Art Festival am vergangenen Sonnabend in Dresden.

Farbenfrohe Blicke auf Dresden & WortKlänge

Ein offener Raum voll bezaubernder Bilder & leckere Schokomuffins von Maura Miletta in ihrer Foto-Ausstellung „Dresden mit verschiedenen Augen“. Ihr Freund Robin als charmanter Gastgeber und spontan hereinschauende und aufmerksam lauschende Zuhörer. Manche nur kurz in der Tür, doch die meisten, zumeist jüngere, blieben länger. Das war schön. Meine Gedicht-Lesung „Ein Meer aus WortKlängen“ mit Aerdna Harp insgesamt zwei Stunden lang mit Pausen beim Neustadt Art Festival im Atelier Rudolf-Leonhard-Straße 19 am vergangenen Sonnabend war ein Vergnügen. Und ein Wagnis. Denn wir kannten uns nicht vorher.

Die ausstellende Fotografin suchte Leute für eine Lesung mit Musik zu ihrer Finissage. Ich hab mich gemeldet und sie hat mir gleich geantwortet. Ich war neugierig auf Maura Milettas Ausstellung und hab sie mir vor der Lesung angesehen. Und es passte wunderbar. Maura malt mit der Kamera, ich mit Worten und Aerda Harp mit Klängen.
Ihre Bilder und der Ausstellungs & Kunstort sind eine Entdeckung für mich und es entstand eine schöne Verbindung, Miteinander im Laufe der Lesung durch das gemeinsame Tun. Der Raum. die Art der Hängung der Bilder in gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre, mit ein paar Kissen und Stühlen flugs verwandelt zum Veranstaltungsraum inkl. Bar mit kleinen Leckereien und Getränken. Das machte Laune. Auch wenn der Hut spärlich gefüllt war, obwohl fast 20 Leute kamen in den zwei Stunden… Die Bereitschaft zu schlendern von Spielort zu Spielort und mehr zu konsumieren als zu geben für das Erlebnis ist eben auch bei einem nicht kommerziellen Kunst & Kulturfestival nicht viel anders. Einige junge Leute zückten ihr Handy und hielten kurze Schnipsel fest, als sammelten sie Events ein, ob sie überhaupt noch wissen, was sie da aufgenommen haben…

Dennoch war es eine interessante Erfahrung, sich darauf einzulassen, nicht zu wissen, wer kommt und wie es wird. Wie das Gelesene und Gespielte ankommt. Die jüngste Zuhörerin, Hilda, war drei Jahre und lauschte vergnügt mit den Größeren. Ihr Papa sagte hinterher, die Gedichte seien von den Bildern her auch für Kinder geeignet, verständlich. Das freute mich sehr. Es macht mir auch großen Spaß, für Kinder zu schreiben, das will ich gern ausbauen, denn sie sind so aufgeweckt, erfrischend und inspirierend, sagte ich dem Vater. Hoffe ich finde bald einen geeigneten Raum in Dresden bzw. näherer Umgebung und Kinder, die gern Geschichten erfinden und aufschreiben, spielerisch mit Worten umgehen wollen. Das wäre wunderbar.

Auch die Lesung macht Lust auf mehr. Wir freuen uns auf weitere schöne Spielorte für unsere Gedicht-Lesung mit Musik „Ein Meer aus WortKlängen“ in und um Dresden.

Text + Fotos (lv)


Bilder auf Hauswänden erscheinen fantasievoll verwandelt in den Fotografien von Maura Miletta, die auch als Fotobuch erhältlich sind.

Haus der Liebe

Durchs Dachgebälk
leuchtet der Himmel
Fenster und Türen
starren ins Leere
im Haus der Liebe

keiner geht
ein und aus
die Außenhaut
verfallen begehren
wild umher wandernde Träume
Einlass

Nimmersatte Poeten
Herzriesen Zwerge und Vagabunden
fliegende Fische im herabtriefenden
Blumenwasser

ziehen ihre Kreise
in den Untiefen wuchernder Unkrautblüten
tauchen nach verborgenen Schätzen

an die Wand geschmiegt hält sich
Klimts Liebespaar
in einer letzten Umarmung

auf bröckligem Grund
hinter dem Baugerüst

LV
25.10.2012, angeregt von einem Wandbild an einem alten Haus an der Antonstr./Nähe Albertplatz

Ausstellung „Blue Moods“ von Nadine Wölk in der Galerie Kunst & Eros & Galerierundgang im Barockviertel


Nadine Wölk »Drifting in the dark« Marker auf Papier, 2023, Ausschnitt


Facettenreiche Zeichenkunst in Blautönen: Galeristin Janett Noack vor Arbeiten der Künstlerin Nadine Wölk in der Ausstellung in der Galerie Kunst & Eros, Hauptstraße 15 in Dresden.

Das Blaue vom Himmel & Me(h)er.

Erfrischend unkonventionell, sinnlich schwebend & vieldeutig unergründlich das Zusammenspiel von sprudelndem Nass und Körperlichkeit in den mal surreal traumversunkenen und mal ganz gegenwärtigen Zeichnungen mit Kugelschreiber in der derzeitigen Ausstellung „Blue Moods“ (Blaue Stimmungen) von Nadine Wölk in der Galerie Kunst & Eros, Hauptstraße 15 in Dresden. Akribische und nuancenreiche Zeichenkunst vom Feinsten!
Die Ausstellung ist noch bis 18. November zu sehen.

Am Sonnabend, 23.9., 11 bis 18 Uhr findet ein Galerierundgang an verschiedene zeitgenössische Kunstorte und Ausstellungen im Barockviertel Innere Neustadt statt.

Text  + Foto (1) (lv)

Der diesjährige DCA- OPEN Galerierundgang am Samstag, 23. September 2023 bietet vielfältige Einblicke in das zeitgenössische Kunstschaffen in Dresden. Eine ideale Möglichkeit direkt mit Kunstschaffenden und Galeristinnen in Kontakt zu treten. Besucher sind dazu laden herzlich eingeladen von 11 bis 18 Uhr  in die Galerie kunst & eros.

»blue moods.« heißt die aktuelle Ausstellung der Dresdner Künstlerin Nadine Wölk. Die Absolventin der Hochschule für Bildende Künste in Dresden war Meisterschülerin von Martin Honert. In akribischer Zeichenkunst zeigt uns Nadine Wölk in der Ausstellung neue Werke.

Hell- Dunkel- Kontraste ziehen sich durch Wölks Werk. Bekannt ist ihr Blau, welches aus Kugelschreibern stammt- eine zeitaufwendige, von der Künstlerin aufgrund eines Zufalls erprobte Maltechnik, die für ihre Hingabe spricht.

In ihren Werken gleiten Frauen lasziv im Wasser, Schwanenpaare erwecken Sehnsüchte. Sie verheißen Liebenden ewige Treue. Die Nacht ist ihr großes Faszinosum.

Info: Galerie

Galerie kunst & eros, Hauptstraße 15, 01097 Dresden – Mo bis Sa 11 bis 15 Uhr

kunstunderos.de, info@kunstunderos.de – 0351 8024785

Neustadt Art Festival: Ausstellung „Dresden mit verschiedenen Augen“ von Maura Miletta im Atelier Rudolf-Leonhard-Straße


Besondere Blicke auf Dresden: Bekannte Gebäude, Plätze, Parks und Wohnhäuser erscheinen originell und wundersam verwandelt in den fantasievollen Aufnahmen, die dennoch Wirklichkeit abbilden, der italienischen Fotografin Maura Miletta. Sie lebt seit zwei Jahren in Dresden.

Semperoper mit Gänseblümchen und Streetart

Farb- und fantasiereiche Blicke auf Dresden zeigt die italienische Fotografin Maura Miletta in ihrer ersten Ausstellung in Elbflorenz im Atelier auf der Rudolf-Leonard-Straße 19. Die Finissage feiert sie mit einer Gedicht-Lesung und viel Musik, ab 16 Uhr am Sonnabend, dem 23. September.

Gelbe Herbstblätter schweben von einem Baum herab, dahinter ragt der dunkle Kirchturm mit der Uhr im Laub. Da fallen einem gleich die Zeilen aus einem Rilke-Gedicht ein: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los… “ Momente wie diese, bei denen Natur, Architektur, Licht, Formen und Farben stimmungsvoll zusammenfließen, hält Maura Miletta gern mit der Kamera fest. Oft wirken ihre Fotografien wie gemalt. Die Aufnahme mit dem Blätterteppich vor der Dreikönigskirche ist das Titelbild ihrer Ausstellung „Dresden mit verschiedenen Augen“ und auf dem Flyer zu sehen. Als Fotodruck auf Leinwand hängt es nun auch frei schwebend im Atelier des Neustadt Art Kollektiv auf der Rudolf-Leonhard-Straße 19 in Dresden. Es öffnet wie viele andere Kulturorte im Dresdner Szeneviertel an diesem Wochenende seine Türen beim Neustadt Art Festival. Im prall bunten Programmheft und online auf der Festival-Webseite stehen 400 Veranstaltungen an 60 Spielorten, und noch etliche weitere spontan und kurzfristig hinzugekommene Angebote von Kreativen, Bildenden Künstlern, Musikern und Autoren.

Im Atelier auf der Leonhardstraße hängen derzeit rund 40 vorwiegend kleinformatige, farbenfrohe Fotografien von Maura Miletta (siehe unter Instagram: maura_miletta; mauraimiletta_cyanotype), in denen bekannte Gebäude mit anderen vorgefundenen Dingen, wie Blumen, Blättern, Bäumen oder Bildern auf Hauswänden, Streetart, zusammen gebracht, fantasievoll verwandelt erscheinen. Da wächst plötzlich eine große Wiese mit Gänseblümchen vor der Semperoper. Da wehen, fliegen und tanzen Blüten und Blätter in mal lichtvollen, mal erdigen Farbtönen und wie Schneeflocken rund um Zwinger, Hofkirche, vor einer Laterne auf der Brühlschen Terrasse und einem Riesenrad, steigt das Palais im Großen Garten traumhaft spiegelnd aus dem Wasser auf. Da sitzen plötzlich Eulen auf einem Eckhaus an der Görlitzer Straße und schauen auf die vielen Nachtschwärmer, hocken bunte Vögel und spaziert eine schwarze Katze mit gelben Augen ums Haus mit warmem Lichtschein. Originell, verspielt, romantisch, witzig und fantasievoll sind diese Bilder-Blicke auf Dresden der italienischen Fotografin Maura Miletta, in denen sie Bekanntes und zufällig Gefundenes, kleine Details, an denen andere achtlos vorbeigehen, die aber auch sehens- und liebenswert sind, ins Blickfeld ihrer Bilder rückt. Das Besondere an ihren Fotografien ist, dass alle Aufnahmen mit der Technik der Doppelbelichtung direkt in der digitalen Fotokamera möglichst in der gleichen Position fotografiert entstehen. „Es geht darum, ein Bild zu machen und dann ein weiteres, das über dem vorherigen liegt“, sagt Maura. „Ich habe Spaß daran, wenn ich ein graues Haus sehe und Farbe darauf lege.“ Sie lässt sich anregen von dem, was sie vorfindet, mischt reale und die Bilder in ihrem Kopf und lässt ihre eigene Welt in den Bildern sichtbar werden. „Letztlich geht es doch darum, was macht das Bild mit dir“, sagt Robin, ihr Freund. Er und Maura haben sich in Italien, in Florenz kennengelernt. Sie hat Wirtschaftswissenschaft studiert und kündigte ihren Job im Finanzamt, da er ihr zu eintönig war.

Sie fotografiert schon länger, aber vorher mehr tagebuchartig. Inzwischen arbeitet die Autodidaktin freiberuflich als Fotografin. Robin arbeitet als Softwareentwickler und stammt aus Münster. Da das Hin und Her Reisen auf Dauer zu anstrengend war, entschieden sich Maura und Robin für Dresden, da es „eine schöne Stadt ist.“ Seit zwei Jahren leben sie hier. Es ist ihre erste Ausstellung in Dresden als Fotografin im Atelier in der Leonhardstraße. Die Idee des Neustadt Art Festivals, bei dem vor allem junge, noch nicht etablierte Künstler sich mit ihren Arbeiten zeigen können, gefällt ihr. An diesem Sonnabend feiert Maura die Finissage ihrer Ausstellung, dazu gibt es eine Gedicht-Lesung mit Harfenspiel (ab 16 – 18.30 Uhr mit Pausen) und abends Gitarren-Livemusik im Atelier auf der Rudolf-Leonhard-Straße 39.

Bereits seit 2012 gibt es das Neustadt Art Festival (NAF) als nichtkommerzielles Kulturangebot für alle, eintrittfrei. Spenden der Besucher für die Künstler sind natürlich willkommen. Es begann mit einer Veranstaltung an der Prießnitz in der Neustadt von einer Gruppe junger Künstler. Dieses Jahr findet das Festival zum 12. Mal statt. „Fast 200 KünstlerInnen aus allen möglichen Sparten haben ehrenamtlich Programme für jeden Geschmack und jedes Alter zusammengestellt und bieten genreübergreifende, kreative Symbiosen zum Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken“, sagt Mitorganisator Thomas Schreiter. Er ist seit 2015 dabei im Orgateam. Damit alles finanziert werden kann, hat das Festivalteam ein Crowdfunding, Spendensammlung unter naf.li/cf gestartet, bei dem es viele schöne Dankeschöns gibt wie Bilder, Wohnzimmerkonzerte, Postkarten und Glühwein aus der Alten Fabrik.  „Unser Anspruch ist, junge Kunst zu entdecken und präsentieren, eine Plattform zu bieten mit dem Neustadt Art Festival“, so Schreiter. „Diese große Vernetzung zwischen den Künstlern und Veranstaltungsorten, das ist unbezahlbar für die Kreativen.“  Das Festival wächst von Jahr zu Jahr, so Schreiter. „Daher beantragen wir eine größere Fördersumme von 22 000 Euro für 2024 beim Kulturamt der Stadt Dresden.“ Die bisher 10 000 Euro an öffentlicher Förderung von der Stadt und der Stiftung Äußere Neustadt für das Neustadt Art Festival seien nicht viel, um die anfallenden Materialkosten, Druckkosten für die Programmhefte und Plakate, angemietete Tontechnik und Tontechniker zu bezahlen. Die Bandbreite an Veranstaltungen ist groß. Von der Blauen Fabrik über Hanse 3, Area 67, Hinterhöfen im Hechtviertel bis zur mobilen Jugendhilfe auf der Rothenburger Str. wird reichlich Musik, Kunst, von Malerei bis zur Skulpturen-Ausstellung und vieles mehr geboten.

Das Atelier mit Ausstellungsraum des Neustadt Art Kollektiv in der Leonhardstraße 19 gibt es seit 2020. Thomas Schreiter, der als Grafikdesigner, Maler und Illustrator tätig ist, nutzt dieses gemeinsam mit der Künstlerin Jolle Vanderbeke. „Es ist eine Mischung aus Atelier und Galerie, in der wechselnde Ausstelllungen, aber auch Filmabende und Lesungen finden hier statt“, sagt Thomas. Es ist Platz für 40 bis 50 Besucher, die dann meist locker auf Sitzkissen am Boden zusehen.

Mit dabei beim NAF ist auch der Literatur- Kulturraum „Starke Federn“  in der Försterstraße 10. Dort gibt es Sonnabend und Sonnabend Lesungen mit Autorinnen der Schreibwerkstätten, erfährt man mehr über deren aktuelle Projekte und kann eine Ausstellung mit dem Titel „Meer und Mensch“ mit Bildern von Sarah Ammajou Rehm, Autorin und Leiterin der Schreibwerkstätten „Starke Federn“ anschauen. Abschließend liest sie am Sonntag, 18 bis 20 Uhr unter dem Titel: „Das Tal – Texte über Dresden“.

Text + Fotos (lv)

Literatur & Kulturraum STARKE FEDERN

 

Webseite: https://neustadt-art-festival.de
App: https://naf.li/app
Crowdfunding: https://naf.li/cf


Kunstraum & Bühne für Kunst in aller Vielfalt: Thomas Schreiter, Grafikdesigner, Maler, Illustrator und Mitorganisator des Neustadt Art Festivals in Dresden.