Rettung des Abendlandes vor sich selbst durch den Islam

In weißen Buchstaben stehen die zwei wichtigsten Werte der  westlichen Welt: Liberté und Egalité in Schieflage als sinnleere Begriffe auf der Bühne. Ein drittes, Fraternité steht buchstabenweise auf dem Boden, wird hin und her geschoben und als Liege u.a. benutzt. Dort sitzt allein und gerade verlassen von seiner jungen Geliebten Miriam der Literaturwissenschaftler und Décadence-Forscher Francois und schaut fern. Wenn er nicht gerade mehr oder weniger gelangweilt und lustlos eine Vorlesung an der Pariser Universität hält.

Allein die Studentinnen halten den Mittvierziger noch auf Trab, hinter denen aber auch sein jüngerer, attraktiver Kollege Steve her ist. Sie reden vor allem über Literatur, Sex und Religion sachlich bis abfällig und routiniert. Erst die Nachricht vom Wahlsieg des islamischen Präsidentschaftskandidaten Mohamed Ben Abbes, worauf es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen kommt, schreckt Francois auf und sein ganzes bisheriges Leben steht plötzlich in Frage.

Spannend und hochaktuell ist die nach Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ (2015 erschienen) – eine politische Fiktion über ein islamisches Frankreich im Jahr 2022 – entstandene Inszenierung in der Regie von Malte C. Lachmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Das Erscheinen fiel auf denselben Tag wie der terroristische Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Es entbrannte eine bis heute andauernde Kontroverse zu dem beschriebenen Inszenario.

Das Stück, für die Bühne eingerichtet von Janine Ortiz, hält sich nah an die Buchvorlage. Es erzählt eine Farce über einen Literaturwissenschaftler, stellvertretend für den modernen Menschen, der an nichts mehr wirklich glaubt. Der Widerspruch von materiellem Wohlstand und geistiger Armut, zunehmend verloren gehenden ideellen Werten und innerer Leere spitzt sich im Stückverlauf grotesk zu – bis zur friedlich-harmonischen Machtübernahme einer islamischen Regierung. Diese investiert  vor allem in – freilich islamisch geprägte – Bildung und Erziehung und Kinderzuwachs für die Zukunft, zahlt Haushaltsgeld für Familien etc. und hat großen Erfolg damit.

Die Inszenierung ist nicht vordergründig ironisch, sondern die Ideale und Wirklichkeit der westlichen Welt entlarven sich selbst anhand einer elitär abgehobenen, dekadenten und von der Welt und sich selbst angewiderten geistigen Elite, die ihr Wissen nur noch abspulen, unverständlich, selbstgefällig und nichts (mehr) zu sagen haben. Der Ton ist sachlich nüchtern anfangs, erschreckend real anhand von eingespielten TV-Nachrichten und Smartphone-Videobildern auf einer Leinwand wird die Situation in Frankreich geschildert, wo der rechtsextreme Front Nationale um Marie Le Pent und die Islamische Bruderschaft sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Präsidentschaftswahl liefern. Dazwischen gibt es nichts mehr an politischen Strömungen. Man sieht die Massenproteste der politisch Unzufriedenen mit Spruchbändern „Wir sind das Volk! Das ist unsere Heimat…“ und wie die Polizei mit Knüppeln und Tränengas dagegen vorgeht. Der Literaturwissenschaftler verfolgt die Nachrichten fassungslos, seine Geliebte flieht mit ihren jüdischen besorgten Eltern nach Israel und bleibt dort, lernt jemand anders kennen. Er sehnt sich nach häuslicher Geborgenheit und Umsorgtsein einer Frau und liest wehmütig alte Liebesschmöker zu sentimentalen Popsongs. Das ist komisch und traurig zugleich. Neben der Angst vor dem Fremden bzw. Überfremdung wird der moderne Mensch sich selbst immer mehr fremd, allein oder zu zweit   nebeneinander her leben als miteinander.

Das ist alles ist mit trocken lakonischem Humor bis schwarzhumorig sarkastisch erzählt und gespielt von vier Schauspielern. Christian Erdmann spielt den selbstmitleidigen und pragmatisch-machohaften Literaturwissenschaftler, der an sich selbst (ver)zweifelt. Lea Ruckpaul energiegeladen mehrere Frauenrollen, neben Miriam auch die von den islamischen Machthabern entlassene Unipräsidentin, Lorenz Nufer wandlungsfreudig neben dem jung aufstrebenden Dozenten einen alten kauzigen Literaturwissenschaftler und einen Mönch und Ben Daniel Jöhnk den zum Islam bekehrten dienstbeflissenen neuen Unipräsidenten Rediger. Der neue islamische Präsident Ben Abbes habe erkannt, dass die Wahl nicht auf dem Feld der Wirtschaft, sondern der Werte entschieden wird, sagt Rediger, Francois` intellektueller Gegenspieler und Präsident der neuen muslimischen Universität. Seine Frau entwickelt einen ungeahnten Elan in der Küche, schwenkt Töpfe und Pfannen und erklärt die einzelnen Gänge, eingelegte Lammkeule mit Bratkartoffeln wie eine wissenschaftliche Höchstleistung. Über dem Uni-Eingang hängt nun eine Goldene Sichel mit Stern und die Sekretärinnen sind verschleiert wie die islamischen Studentinnen. Sonst hat sich nichts verändert. Sein junger Kollege, ein mittelmäßiger Hochschullehrer bekommt ein stattliches Gehalt von 10 000 Euro im  Monat, ist inzwischen mit einer Studentin verheiratet und will sich nächsten Monat eine zweite Ehefrau nehmen. Francois ist fassungslos als erfährt, dass er seinen Job an der Uni nur deswegen verlor, da man ihn nicht erreichen konnte.

Der neue Unipräsident räumt die Begriffe Liberté und Egalité zur Seite und versucht Francois an die Uni zurückzuholen, umwirbt ihn bei einem Abendessen und hält eine flammende Rede auf den Islam. Das Wort bedeute  völlige Hingabe und Unterwerfung an den Schöpfer und seine als vollkommene betrachtete menschliche Schöpfung, die die Welt akzeptiert wie sie ist. Und er stellt ihm seine neuen Frauen vor. Seine Gespielin  Malika ist gerade 15 und kichert verlegen, da Francois sie unverhofft unverschleiert sieht. Die andere kocht und schmeißt den Haushalt und serviert ihnen köstliche warme Teigtaschen. Da kann Francois schwer widerstehen. Geld, Frauen und schönes Essen sowie eine Rückkehr an die Uni locken ihn und er denkt nach über ein zweites Leben im Islam.

Zum Schluss lässt ihn Houllebecq in der Möglichkeitsform „würde“ erzählen, von dem Ritual mit dem er zum Islam konvertieren könnte und dann wäre er Muslim… Lässt es also offen, ob es wirklich so kommt, geschickt gelöst. Damit sind mehrere Optionen möglich, es kann auch eine groteske Vision sein und der Leser bzw. Zuschauer hat die Deutungsfreiheit. Das ist angenehm, denn das Stück zeigt drastisch wie es ist, wenn man keine Wahl mehr hat bzw. nicht für sich entscheiden kann oder will mangels eigener Perspektive. Dann nimmt man nur noch was kommt und sei es der Islam. Weil einem selbst nichts Besseres einfällt.

Bei der Premiere hab es viel und herzlichen Beifall und Füßetrampeln vom Publikum, anfangs wurde oft gelacht, danach wurde es immer ruhiger bis zur sarkastisch zugespitzten Lobrede auf den Islam und seiner quasi „Rettung der westlichen Welt und des Abendlandes“ vor sich selbst.

Foto: Matthias Horn

Nächste Vorstellungen: 23.5. und 18.6., 20 Uhr

 

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