Humorvolles Spiel um Schein und Sein

 

Frau Nacht schiebt einen kugelrunden Mondkinderwagen am Sternenhimmel entlang. Sie ist, gespielt von Anke Teickner, die Komplizin des Gottes Jupiter, der in Gestalt des Feldherrn Amphitryon eine Liebesnacht mit dessen Frau Alkmene verbringt.
Was ist Wahrheit und was bleibt vom Ich, wenn ein Anderer den eigenen Platz einnimmt? Dem geht die Komödie „Amphitryon“ von Molière nach, die an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Premiere hatte.   Zu erleben ist eine Verwechslungskomödie voll doppelbödigem Witz, Leichtigkeit und Tiefsinn über Schein und Sein, Liebe, Betrug, Wahrheit und Selbsttäuschung unter der Regie von Peter Kube. Eine Tür und ein Bett markieren Besitz und Begehrlichkeiten, wer gerade drinnen oder draußen steht, wie sich alles ins Gegenteil verkehrt und nichts mehr selbstverständlich ist.

Der kraftprotzende Feldherr Amphitryon (Sascha Gluth) kommt nach siegreicher Schlacht nicht in sein eigenes Haus und sucht erbittert das Geheimnis um seinen Doppelgänger (galant-gerissen: Matthias Henkel) zu lüften, der seine ahnungslose Frau Alkmene verführte (gefühlsstark: Julia Vincze). Er will nicht als ihr Gatte, sondern als Geliebter gesehen werden, der in Leidenschaft zu ihr entbrennt und verwirrt sie damit vollends. Denn beide sind ihr stets eins gewesen. Nun erlebt sie diese Trennung leibhaftig. Als sie ihm von letzter Nacht vorschwärmt und er sich an nichts erinnern kann und alles bestreitet, zieht sie sich verletzt und wütend zurück, zweifelt an seiner Liebe. Bald wissen beide nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit ist. Amphitryon stürmt los, um seine Mannesehre zu rächen.

Er brennt darauf, das Geheimnis zu enthüllen und fürchtet es gleichzeitig noch mehr als den Tod. Als betrachte er sein eigenes Spiegelbild, steht er dem anderen Amphitryon gegenüber, streiten sie mit Schwert und Fäusten, wer der Echte ist. Aus den Fugen gerät auch das Verhältnis zwischen Herr und Knecht, als Merkur (Michael Berndt-Cananà) die Gestalt des Dieners annimmt. Er tritt als windiger, großmäuliger Grobian auf, der seine Rolle eisern durchzieht.

Doch Diener Sosias (gewitzt: Grian Duesberg), der zuerst im Publikum sitzt und per Handy-Anruf auf die Bühne gerufen wird, durchschaut bald das doppelte Spiel und verteidigt wacker sein Ich, auch wenn er Schläge einsteckt. Und auch seine Frau Cleanthis (temperamentvoll: Sophie Lüpfert) ist sauer auf ihn, weil er sie beschimpft und vernachlässigt und er fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, war es doch der Andere, der ihm Gesicht und Namen stahl.
Jupiter und sein Diener Merkur flüchten als es ihnen zu brenzlig wird in den Himmel. Während Sosias wütend und erleichtert den Vorhang zuzieht. Letztlich bleibt doch nur, sich selbst zu vertrauen.
Herzlicher Beifall.

Gedanken zum Stück aus dem Programmheft:

„Alles entgleitet sich selbst, alles macht sich über seine eigene Wahrheit lustig, alles schlägt sich auf die Seite der Verführung. Diese Besessenheit, die Wahrheit zu enthüllen, zur nackten Wahrheit vorzustoßen, die durch alle unsere interpretierenden Diskurse geistert, die obszöne Besessenheit, das Geheimnis zu lüften, steht in genauer Entsprechung zur Unmöglichkeit, jemals dorthin vorzustoßen.“ Jean Baudrillard

Nächste Vorstellungen: 20.5., 19.30 und 10.6., 20 Uhr

 

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