22932_terror1ama391-2 Anklägerin Nelson (Christine Hoppe)

Leben auf der Waagschale

Darf der Staat Dutzende töten, um Zehntausende zu retten?

Um die Abwägung von Leben gegen Leben im Anti-Terror-Kampf dreht sich „Terror“ von Ferdinand von Schirach im Schauspielhaus Dresden. Dieses außergewöhnliche Gerichts-Theaterstück zwingt den Zuschauer nicht nur zur moralischen Reflexion, sondern zur persönlichen Entscheidung: Darf Terrorabwehr auch Leben nehmen oder nicht? Kurz vor Ende des Verhandlungstheaters dürfen und müssen die Besucher per Hammelsprung und Mehrheitsentscheidung abbestimmen, wie das Stück endet…

Gerichtsprozess im Theater

Aufgebaut hat von Schirach sein dialektisches-didaktisches Stück als Gerichtsverhandlung: Angeklagt ist Major Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi), der als Eurofighter-Pilot einen entführten Airbus mit 164 Passagieren an Bord abgeschossen hat – um den Sturzflug auf ein Stadion mit 70.000 Menschen darinnen zu verhindern. Und: Koch schoss gegen den ausdrücklichen Befehl der Verteidigungsministerin und seines Vorgesetzten Christian Lauterbach (Tom Quaas).

Das kleinere Übel?

Das war eine vernünftige Güterabwägung, die Wahl des kleineren Übels, meint Kochs Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk): Die Menschen im Flugzeug wären wenige Minuten später beim Aufschlag des Airbus‘ in die Münchner Arena in jedem Fall gestorben – durch den Abschuss aber habe Major Koch Zehntausende gerettet.

Spielt das Militär mit falschen Karten?

Aber: Stimmt das wirklich?, fragt Anklägerin Nelson (Christine Hoppe). Hat das Militär nicht vielmehr zu sehr auf ein gewaltsames Ende der Entführung gesetzt und deshalb gar nicht erst versucht, das Stadion zu räumen? Und selbst wenn: Hatte der Eurofighter-Pilot überhaupt das Recht, Gott zu spielen und das Leben der 164 gegen das der 60.000 aufzuwiegen?

Leider leidet die Inszenierung an einem Ungleichgewicht: Allzu sehr schubst das Stück den Zuschauer dahin, Koch zu verurteilen, allzu schwach lässt von Schirach den Verteidiger Biegler im Vergleich zur Staatsanwältin argumentieren und agieren. Zudem legt er Koch und Biegler Argumente wie „Es ist eben Krieg“ in den Mund, die beim (vor allem ostdeutschen) Zuschauer automatische Abwehrreflexe mit Blick auf den umstrittenen US-Antiterrorkampf auslösen. Damit zerstört er das Gleichgewicht der Argumentation, programmiert die Entscheidung des Publikums.

Urteil per Hammelsprung

Nach den Plädoyers schickte der Vorsitzende Richter (Burghart Klaußner) die Theaterbesucher in die Pause, forderte sie auf, nach ihrer Rückkehr ihr Urteil zu fällen: Wer Koch als Mörder verurteilt sehen will, geht durch die Tür mit der Aufschrift „Schuldig“, andernfalls durch die „Nicht schuldig“-Tür – und die Einlass-Damen zählen bei diesem als „Hammelsprung“ bekannten Verfahren mit. Der Kiepenheuer-Verlag dokumentiert übrigens die Abstimmungsergebnisse aller Aufführungen deutschlandweit hier im Internet….

Der letztlich doch etwas verhaltene Beifall mag einerseits durch das angesprochene Ungleichgewicht der Argumente erklärbar sein, aber auch auf die grundsätzliche Schwäche, die das Grundkonstrukt einer möglichst authentischen Gerichtsverhandlung im Theatersaal mit sich bringt: Das sehr formale Procedere lässt eben nur wenig Spielraum für schauspielerische Glanzlichter – „Terror“ ist mehr Verstandes- als emotionales Theater.

Autor: Heiko Weckbrodt/oiger.de

-> „Terror“ im Staatsschauspiel Dresden, Theaterstraße 2, nächste Vorstellungen: 6., 11. und 17. Mai 2016

Regie Burghart Klaußner
Bühne Bernhard Siegl
Kostüm Marion Münch
Licht Jürgen Borsdorf
Dramaturgie Beret Evensen

Bildunterschriften:

Pilot Lars Koch (Jonas Friedrich Leonhardi, Mitte) räumt den Abschuss ein, argumentiert aber: Ich musste diesen Airbus vom Himmel holen, um Zehntausende zu retten. Und sein Verteidiger Biegler (Ben Daniel Jöhnk) sagt: Ja, manchmal können wir nicht anders und müssen das kleinere Übel wählen.
Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Anklägerin Nelson (Christine Hoppe) vertritt als Staatsanwältin die Rechtsposition des Verfassungsgerichtes. Und das hat entschieden: Der Staat darf auch im Anti-Terror-Kampf nicht Leben gegen Leben abwägen, spricht: Der Staat darf zivile Flugzeuge, die Terroristen in ihre Gewalt gebracht haben, nicht abschießen lassen. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Advertisements