DSCF5285

Poetisches Papiertheater mit Maayan Iungman aus Israel.

DSCF5261

Flippig-freizügige Musikperformance „Alles Klar!“ mit den Bad Girls Alice und    Claire.

DSCF5297

Witzig-charmantes Varietée-Theater, klein aber oho, zeigt der Franzose Jean    Francois Verdot mit seinem Kabaret de Poche.

Eine geballte Mischung aus Lachen, Lust,
Sinnlichkeit und Gänsehaut

Ein Gewirr aus Netzen und bunt flimmernden Lämpchen hängt wie Traumfänger über den Zelten und Buden. Da wachsen manchem gar Flügel angesichts all der fantasievoll verrückten Attraktionen beim 19. Scheune-Schaubuden-Sommer, der am Donnerstag abend seine Pforten in der Dresdner Neustadt öffnete. Die luftig-versponnene Platzinstallation gestaltete das chilenische Künstlerpaar Muriel Cornejo und César Olhagaray.

Zum Schauen, Staunen, Schmunzeln und Entdecken laden über 70 internationale Künstler elf Tage lang bis 17. Juli in den Scheune-Garten auf der Alaunstraße ein. Außerdem vergrößert sich das Vergnügen in diesem Jahr um drei weitere Spielstätten: Das Projekttheater, Thalia Kino und die Groove Station locken ebenfalls mit witzig musikalischen und theatralischen Performances, wie das zwischen Irrsinn und Idyll spielende weltmusikalische Spektakel des bayerischen „Gankino Circus“ oder die Chaos-Musik-Comedy-Kapelle The Fuck Hornisschen Orchestra aus Leipzig. Jeden Abend stehen zwölf bis fünfzehn verschiedene Shows zur Auswahl bei diesem Festival für Träumer, Nachtschwärmer und schräge Vögel.

An Stelle des bisherigen Zeltcafés dreht sich jetzt das einzigartige, caféähnliche Nostalgiekarrussell des Dr. Eisenbarth, das sich in Bewegung setzt mit den Besuchern und gewitzten Gestalten im Stil der Commedia dell`arte und angetrieben wird von den übermütigen Klängen querbeet durch alle Musikstile der Band „Bardomaniacs“ aus Berlin. Die Wanderbühne aus der Schweiz ist noch bis Sonntag beim Schaubudensommer. Dann überrascht eine neue Crew das Publikum. Am Eröffnungsabend war der Platz mit der großen neuen Freiterrasse mit Sitzstufen zunächst noch halbleer. Doch vor den Buden standen die Schaulustigen erwartungsvoll Schlange. Egal wo man gerade hineingerät, falls kein Platz mehr frei ist. Hauptsache es ist besonders und außergewöhnlich, davon lebt schließlich der Schaubuden-Sommer.

In den Vorstellungen werden auch alle Register gezogen und alle Sinne, mal feiner und gröber Lachen, Lust, Nachdenken oder Gänsehaut provozierend, gereizt. Auf die Suche nach dem sagenhaften, dunkel geheimnisvollen Eldorado und seinen Glücksversprechen geht in der gleichnamigen Tanztheater-Aufführung die Dresdner JuWie Dance Company im Projekttheater. Rund um einen gelben Altar mit weißer Hülle, der mal Wasserfall und Brautkleid ist, recken sich drei weißmähnige Gestalten wie Naturgeister, die Strandgut wie eine zerbrochene Rüstung umkreisen. Mittendrin ein kraftvoll steppendes, leidenschaftlich im Widerstreit seiner Wünsche kämpfendes Paar. Weitaus eindeutiger, wild, frech und schamlos sexy geht es zur Sache in der Show „Alles Klar!“ mit den zwei deutsch-russischen „Bad Girls“ Alice und Claire, die singend und tanzend im roten Schummerlicht in ihr schrill-spaßiges Liebeswunderland mit heißem Electric PornPunk und Videos im Hintergrund entführen.

Im Zelt nebenan verzaubert mit still poetischem und sinnlichem Papiertheater zu sanften Geigen- und Naturklängen Maayan Iungman aus Israel. Sie sitzt hinter einem Berg zerknüllten Papiers, weggeworfener Ideen an einem Tisch im Glühlampenschein bei fast leerem Rotweinglas. Plötzlich beginnen die Blätter sich zu bewegen, hüpft eine Papierfigur hoch zu den Wolken, blüht auf mit den Blumen und erhält Besuch von einer Papierfrau, die aus der Mondkugel steigt und zuletzt fliegen mit den Blättern, die umher schwingen wie Vögel ihre Wünsche in die Welt. Im Zelt vom Kabaret de Poche aus Frankreich strahlt der Mann im schwarzen Anzug mit Zylinder, Jean Francois Verdot, da Frankreich gerade im EM-Fußballspiel 3 : 1 gegen Deutschland gewonnen hat. Das Nostalgiekarussell dreht eine Ehrenrunde und spielt beschwingt die Marsellaise und den Ohrwurm Champs Elysees. Während der Puppenspieler Verdot drinnen mit verschmitztem Charme das berühmte Varitée-Theater Moulin Rouge mit roter Windmühle und Zirkusdarbietungen, eigenem Knetpublikum, lustiger Akrobatik und Cancan tanzenden Kühen im Taschenformat grandios erstehen lässt.

„Den Spanier im Großen Saal müssen Sie unbedingt sehen! Der ist grandios“, schwärmt eine Besucherin. Der Zauber wird weitergegeben. Auch das adrette Einlasspersonal gibt gern Geheimtipps weiter und weist den Weg im Getümmel. Dazu zählen an den nächsgten Abenden der „zeitgenössische Mozart“, Musikperformer John Moran aus New York und der sehr elastische Körperartist Robert Muraine aus den USA. Die Sängerinnen Annamateur und Cora Frost stehen erstmals gemeinsam auf der Bühne mit ihrem schrägen Programm „Schrödingers Datsche – ein deutscher Abend voller Wahn-Zen“ (vom 15. – 17. Juli im Saal). Viel Spaß auch für kleine Zuschauer mit Clowns, Puppenspielern und Magiern, Zuckerwatte und Eselreiten gibt`s zur Familien-Schaubude nur an diesem Sonntag ab 15 Uhr. Nach Mitternacht spielen für Unermüdliche im Festivalclub die angesagtesten Bands.

Der Schaubuden-Platz hat täglich ab 20 Uhr geöffnet. Eintritt: 2,50 Euro. Ein Einzelticket kostet 5, ein  Dreierticket für die Shows 12 Euro.

Text + Fotos (lv)

Advertisements