mario_gruenewald_anne_kessler_und_tobias_herzz_hallbauer_von_links_foto_detlef_ulbrichFoto: Detlev Ulbrich

Wie man lernt Absagen im Leben von der komischen Seite zu sehen, weiterzugehen und zu tun was einem gefällt, davon erzählt die Inszenierung „Scheitern – Aber richtig!“ (Idee, Text und Regie: Amina Gusner), mit der die neue Spielzeit im Societaetstheater Dresden eröffnete.

Eine aberwitzige szenische Collage, in der eine Frau (Anne Keßler) und ein Mann (Mario Grünewald) und ein Musiker an der Gitarre (Tobias Herzz-Hallbauer) über all die verdammt traurigen, schrecklich komischen, herzzerreißenden Momente im Leben erzählen, spielen und singen, wo alles zu Ende zu sein scheint und dann plötzlich doch irgendwie weiter geht.

Nein, Nein. Immer nur Nein! Wer kann das schon hören! „Ich bin das Nein. Die Wand von der ihr abprallt, der Strich in der Landschaft, der Sand im Getriebe. Euer Scheitern. Das schwarze Loch, das alles verschluckt…“, sagt die Frau mit dunkler Stimme ans Publikum gerichtet nach der zigsten Absage. Und schreit: „Schluss mit Nein!“ Sie will endlich ein klares Ja, und gibt sich prompt selbst die Stelle, um die sich vergebens bewarb. Sie schreibt ihren Vorgesetzten, dass sie die Stelle antreten wird und sich schon darauf freut, die Kollegen kennenzulernen. Schöner Einfall.
Beide Schauspieler wechseln mittels Stimme, Körpersprache und wenigen Requisiten wie schwarzen Bürostühlen, Handtasche und auf der Bühne verstreuten Papierbögen tempo- und gefühlreich von einer Rolle in die nächste als Mutter-Kind-Frau-Freundin-Angestellte oder Sohn-Vater-Chef-Freund-Mann-Liebhaber. Nicht immer ist eindeutig, wer gerade wer ist, ob es tatsächlich verschiedene Figuren sind oder nur verschiedene Seiten des Ichs.

Absurder Höhepunkt ist das Vorstellungsgespräch der Frau, bei dem sie fabulierfreudig in immer neuen Metaphern über ihre geplante filmische Sience Fiction-Dokumentation über Langzeitarbeitslose, ganz normale Menschen, vollkommen reizlos wie du und ich erzählt und sich den Mund fusselig redet über die Fusseln, die als Werte die Gesellschaft zusammenhalten, während ihr Gegenüber nichts versteht.

Beide geben sich abwechselnd cool, heulen, höhnen, stöhnen rhythmisch gemeinsam ins Mikro ihre Wut, Trotz, Enttäuschung, Frust und Lust, lassen nach und nach alle Masken und Durchhalte-Parolen fallen und zeigen sich pur und verletzlich, wie es ist, plötzlich ohne Partner, Job und Aussicht für die Zukunft dazustehen. Wie viel manchmal von einem Wort und seiner Betonung abhängt, wird im absurden Sprach-Ping-Pong vorgeführt: „I c h sollte, mach`s aber nicht… Aber d i e machen`s, s o l l t e n aber nicht…“
Grünewald ist herrlich naiv-komisch und wehleidig mal der rausgeworfene Ehemann, der wild mit zwei weißen Plastbeuteln durch die Luft rudert wie abgestürzt und nicht weiß wo er hin soll und Unterschlupf bei seinem Musikerfreund findet. Der vermittelt hin und her zwischen den beiden Gestrandeten, obwohl er selbst allein und einsam ist und sich nicht mitgenommen fühlt vom Leben. Während der frisch Verlassene hemmungslos schluchzend seine Marianne um eine neue Chance bittet, von seiner Mutter Geld pumpt, die Zuschauer anfleht,  sie sollen ihn toll finden und seine dunkle Seite zeigt als nachts durch die Neustadt streifender, Herzen aufreißender einsamer Wolf.

Er ist ebenso der arbeitslose Koch, der sich schwer artikulieren, aber mit Leib und Seele kochen kann. Und zwar so, dass man vom Essen satt wird und sich nicht nur daran satt sieht wie in den immer neuen Essen-als-Erlebnis-Gourmettempeln. Der es schön findet, „nichts zu wissen und zu müssen…“ Während die Frau nach dem Besuch ihrer dementen Mutter im Heim, die das Leben draußen vermisst, verzweifelt nach dem Sinn sucht, wofür all die Anstrengung, wenn der Tod doch unausweichlich ist?
Der Film ihres Lebens ist noch nicht abgedreht, mögliche Szenarien gibt es viele.
Wie es ausgeht, weiß man nie. Doch man kann sich freuen, dass es weitergeht.
So können beide am Schluss der Aufführung über sich lachen.
Herzlicher Beifall für diesen offenherzigen Theaterabend über die Kunst des Scheiterns.

Nächste Vorstellungen: 8.10. und 3.11., 20 Uhr

Karten unter Tel: 0351 – 803 68 10
http://www.societaetstheater.de

 

Advertisements