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Fotos (lv): Der Schriftsteller und derzeitige Stadtschreiber in Dresden Peter Wawerzinek bei seiner Lesung in der Produzentengalerie. Die Künstlerin Antje Guske hatte ihn dorthin am Donnerstag abend in ihre Ausstellung „Das letzte Lied“ zur Begegnung mit Literatur und Kunst eingeladen.

Es ist an der Zeit zu „entpegidisieren“

Eine Stadt wie ein Magnet, ihr Name weltweit in aller Munde. Die Dresdner könnten eigentlich glücklich sein. Fiele nicht schlagartig in letzter Zeit immer wieder ein  Reizwort zusammen mit ihrer Stadt: „Pegida liegt weit vorn vor den Stollen, wenn heute von Dresden die Rede ist“, beobachtet Peter Wawerzinek, seit Juni Stadtschreiber für ein halbes Jahr in Dresden.

Ihn schreckt so leicht nichts. Der Schriftsteller ist bekannt für seinen lebensprallen, poetisch skurrilen wie rabenschwarzen Humor aus autobiographischen Romanen wie „Rabenliebe“, für den er 2010 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis erhielt und der letztes Jahr seine Uraufführung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden erlebte, sowie seinen zuletzt veröffentlichten “Schluckspecht“. Ausgerechnet er, das „enfant terrible“ der deutschen Literaturszene der 90er Jahre, ein vagabundierendes und zechendes Unikum, so der Galiani Verlag Berlin über seinen Autor, bricht nun eine Lanze für Dresden.

„Ich schreibe die Dinge auf, wie sie mir unterkommen, auch die hässlichen. Doch ich will in dem Text über Dresden auch entpegidisieren und finde die Stadt unter dem wechselnden und weiten Himmelszelt toll“, sagte Wawerzinek. Er stellte sein Manuskript mit dem Arbeitstitel „Dresden“ am Donnerstag abend in der Produzentengalerie im Wallgässchen 1 im Dresdner Barockviertel vor. Die Künstlerin Antje Guske hatte ihn dorthin in ihre Ausstellung „Das letzte Lied“ (noch bis 15. Oktober zu sehen) zu der Lesung mit Gespräch eingeladen. Ihre Bildobjekte imitieren Wandvorhänge, die zwischen märchenhaft-idyllischer bis martialischer Symbolik mit Illusion und Wirklichkeit spielen und gut passten als Kulisse für den fabulierfreudigen Geschichtenerzähler Wawerzinek (62).

In seiner lebhaft anekdotenreichen Schilderung verschmolzen Kindheitserinnerungen an seinen ersten Aufenthalt vor fast 50 Jahren und Eindrücke von der Stadt und den Menschen heute. Wie er über die barocke Pracht und vielen Backstuben staunte, über die Gläserne Frau und aus dem Zugfenster heraus die Elblandschaft samt frei umher laufender Tiere betrachtete und sich als Kind fragte, ob sie wohl deutsch oder tschechisch seien. Und er findet eine schöne Metapher:  „Die Tiere sind staatenlos, an kein Land gebunden. Sie reisen ein- und aus wie es ihnen gefällt und ihr Biorythmus ihnen vorschreibt.“ Wawerzinek über Pegida: „Es ist wie mit einem italienischen Schinken mit blauem Stempel unten. Den man entweder wegschneidet oder mitisst“, sieht er die ausländerfeindliche Bewegung gelassen-entspannt. Er setzt auf die Vernunft der Masse.

Mehr beschäftigt ihn, dass sich zuletzt nur noch 30 Autoren für die Stelle des Stadtschreibers in Dresden bewarben, während es vorher über hundert waren. “Ich hoffe, dass diese Stadt auch hier wieder anzieht“, so Wawerzinek, der bereits als Stadtschreiber in Klagenfurt, Venedig und Magdeburg war in zumeist „dunklen Dachwohnungen“, so dass er die meiste Zeit an frischer Luft verbrachte. Er fühlt sich wohl in Dresden, fährt gern Rad entlang der Elbwiesen, fotografiert und zeichnet neben seinen Notizen und ist viel draußen auf Entdeckungstour.

Im Galiani oder im Verbrecher Verlag soll 2017 sein Buch „Dresden“ erscheinen. Welche Farbe das Buchcover haben wird, ist noch nicht entschieden. Wawerzinek möchte es gern „aquariumbunt“ haben. Noch bis Ende November ist er als Stadtschreiber in Dresden.

Öffnungszeiten der Produzenten Galerie, Wallgässchen 1: Mi  – Fr von 14 – 19 Uhr, Sa von 11 – 16 Uhr

Tel.: 0176 – 577 167 05

http://www.produzenten.net

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