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„Ferien im Kolonialstil“      „Tropicalabfahrt“

Unter Wilden – einst und heute

Zwischen Humor und Ernst: Auf eine assoziationsreiche Bilderreise zur Darstellung des Fremden in der „Alten“ und der „Neuen“ Welt entführt der Künstler Jan Brokof unter dem Titel „Hans Staden TV“ derzeit die Besucher im Projektraum Neue Galerie der Städtischen Galerie Dresden. Die Sonderausstellung ist noch bis zum 8. Januar 2017 zu sehen.

Seit seiner Bekanntschaft mit Brasilien arbeitet Jan Brokof an einer künstlerischen Bewältigung von Unterschieden zwischen der „Alten“ und der „Neuen“ Welt, aber auch an Recherchen zu etwaigen Verbindungen zwischen beiden und zu deren Wurzeln.

Eine solche, wohl die früheste Verbindung, ist die Figur des deutschen Landsknechts Hans Staden. Geboren um 1525, kam Staden 1548 im Dienste des portugiesischen Königshauses nach Pernambuco, um aufständische Indianer zu bekämpfen. Nach verschiedenen Abenteuern geriet Staden in Gefangenschaft der Tupinambás, welche des Kannibalismus bezichtigt wurden, befreite sich aber, bevor er einer rituellen Verspeisung zum Opfer fiel.
1557 erschien auf der Basis seiner Berichte in Marburg das Buch „
Warhaftige Historia und Beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen“Wahrscheinlich starb Staden 1576 in Wolfhagen.

Der Frankfurter Goldschmied, Kupferstecher und Buchhändler Theodor de Bry begann 1590, eine Reihe von damals klassischen Beschreibungen von Reisen nach Amerika und Asien zu illustrieren und zu verlegen. Nach seinem Tod 1598 setzte seine Familie das Projekt bis 1634 fort. Zu de Brys bekanntesten Editionen zählen die Reisen von Columbus und auch die Abenteuer von Hans Staden.

Jan Brokof verarbeitet in seiner vielteiligen Auseinandersetzung u.a. die Reflektionen Heiner Müllers zu Bertolt Brechts Ästhetik des Hungers aus dessen Textfragment Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer und deren Verbindungen zu Oswald de Andrade und seinem Anthropophagischen-Manifest von 1928 als Dokument der brasilianischen Moderne. In diesem heißt es sinngemäß, dass der Weg Brasiliens zur Moderne nur durch den Rückgriff auf die autochthone Kulturtechnik beschritten werden kann. Dies geschieht durch die Einverleibung des Feindes, womit dieser in ein Totem verwandelt wird.

Kapitalismus und Kannibalismus

Auf seine ganz persönliche, höchst fantasievolle Art nimmt uns Jan Brokof mit auf eine Gedankenreise durch den Kosmos seiner assoziativen Recherchen. Hinzu kommen Überlegungen zu Darstellungen des Fremden überhaupt, zur Analogie von Kapitalismus und Kannibalismus, zu formalen Beziehungen der Darstellung des Kannibalismus von de Bry bis zum modernen Splatter-Film und zu europäischen Stereotypen hinsichtlich der „Tropen“ als Ideal und Gefahrenquelle zugleich.

2015 lernte Jan Brokof auf dem Prototype-Festival in São Paulo die Künstlergruppe 44flavours kennen. Hinter dem zwischen Street Art, Design und Bildender Kunst im klassischen Sinne agierenden Projekt verbergen sich Sebastian Bagge und Julio Rölle. Gemeinsam mit diesen begann Jan Brokof eine noch immer andauernde Zusammenarbeit der spielerischen Auseinandersetzung mit der Stadt São Paulo. So entstanden beispielsweise die einzelnen Teile der Installation Big City Light S. P. zunächst als Setting für eine Videoperformance.

Jan Brokof

geb. 1977 in Schwedt/Oder
1999–2004 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden
2004–2006 Meisterschüler bei Ralf Kerbach
lebt und arbeitet in Berlin

Text + Fotos: Caroline Keil/Pressestelle Museen der Stadt Dresden

http://www.museen-dresden.de

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