24624_ka4_7932 Fotos: Krafft Angerer

Wildes Spiel der Sinne gegen Fremdenhass

Der Mohr ist nicht schwarz geschminkt. Er trägt einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd. Bevor Schauspieler Ahmad Mesgarha wandlungsreich den geliebten und gehassten Außenseiter Othello spielt, sagt er: „Mein Name soll meine Maske sein.“ Auch er, der als Halbiraner in der DDR aufwuchs, fühle sich immer fremder und klammere sich um so mehr an seine deutsche Muttersprache. Er spreche sehr gut Deutsch, stand einmal in Klammern hinter seinem fremdländischen Namen in einer Theaterkritik. Das sei zwar nur einmal passiert, so Mesgarha, doch wirkt bis heute nach.

Der Othello sei aber auch eine „geile Rolle“ und Mesgarha zeigt ihn voller Stolz, Leidenschaft und Selbstzweifeln, zwischen Erfolg und Niederlage. Das Stück von Shakespeare feierte in der Übersetzung von Erich Fried als Tragikomödie am vergangenen Sonnabend Premiere nach Sanierungsarbeiten im wiedereröffneten Schauspielhaus Dresden. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson schafft es, drei Stunden lang voller Magie, einfallsreich, fantasievoll, witzig-schräg, wild, sinnlich und kraftvoll bilderreich, untermalt von Musik von Rap bis Blues, das Publikum in seinen Bann zu ziehen mit dieser Geschichte über die Faszination und Angst vor dem Fremden. Fremdgehen, Trugbilder im Kopf und Vorurteile gegenüber Zugereisten werden humorvoll bis abgründig auf die Schippe genommen und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen in dieser Inszenierung.

Wie in einer Traumwelt schweben aus Käfigen vom Bühnenhimmel gefiederte Wesen, die sich unter die feinen, barock gekleideten Damen und Herren mischen und vor einer grauen, mit bunten Sprüchen beschmierten Wand wie „Ich bin. Das Volk“ sich wild-lüstern und kraftprotzend tummeln und tanzen. Neben Ahmad Mesgarha als Othello und Lars Jung als grimmig fremdenfeindlicher Vater von Desdemona (reizvoll und auflehnend: Katharina Lütten) glänzen die neuen jungen Darsteller im Schauspielerensemble mit intensiv-eigenwilligem Spiel. Vor allem Jago (Daniel Sträßer) als elegant-intriganter Rivale Othellos, der hinter wohlgesetzten Worten seine finsteren Absichten verbirgt: „Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner…“  und auch noch die Zuschauer in seine Hass und Chaos stiftenden Pläne einspannt. Mit der scheinheiligen Frage: „Halten Sie sich für vertrauenswürdig?“ reicht er einer Zuschauerin das entwendete Taschentuch zum Aufbewahren, das spätere Beweisstück für den angeblichen Betrug Desdemonas an Othello.

Die zwei trotteligen Verehrer Desdemonas, der Jago bis zur pur nackten Lächerlichkeit folgsame Rodrigo (Simon Käser) und der Frauenheld und Trunkenbold Cassio (Alexander Angeletta) erheiterten das Publikum. Am Ende gibt es weder Gewinner noch Verlierer. Viel Beifall und einige Buhs für das Regieteam gab es zur Premiere für einen ungewöhnlichen, aufregenden Theaterabend.

Nächste Vorstellungen: 9., 18. und 25.11., 19.30 Uhr.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

 

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