Von der „Schamkapsel“ zum „Vagina-Kajak“

Die Ausstellung zeigt alles andere als verschämt voller Reize und Reibungsflächen die Ursprünge, Gründe und den Umgang mit Scham in verschiedenen Zeiten, Religionen und Kulturen von der Antike bis zur Gegenwart.

Gründe für Scham gibt es so viele wie es Menschen gibt. Wir erröten aus Verlegenheit, weil wir angeblickt werden, uns beobachtet, durchleuchtet oder ertappt fühlen. Weil uns etwas unangenehm berührt, Tabus brechen, Hemmschwellen fallen, wir ganz nach Lust und Laune leben, vergessen wo wir sind, Grenzen überschreiten, uns blamieren oder ungeniert zum Affen machen.

Davon erzählt die vielschichtige und einfallsreich inszenierte Ausstellung – kuratiert von Daniel Tyradelis – mit hohem Wissens- und Unterhaltungswert. Zu sehen und bestaunen ist eine Fülle an besonderen, historischen und wissenschaftlichen Exponaten und Kunstwerken von Malerei, Plastik , Karikaturen und Videokunst bis zu amüsanten interaktiven Angeboten. Der Rundgang ist zugleich ein Spiel mit dem Beobachten und Beobachtet-Werden der Besucher, so sehen mittels Eye-Tracking-Technik die Umstehenden etwa, welches Körperteil der eigene Blick in einer erotischen Darstellung gerade fixiert oder eine Waage misst unbemerkt das eigene Körpergewicht und projiziert dieses in den Raum. Wann und wie Scham auftritt, warum sie auch ihr Gutes hat, warum uns etwas peinlich ist und ob wir tatsächlich in schamlosen Zeiten leben, wird anschaulich beleuchtet und der Betrachter mit einbezogen, um das seit Adam und Eva und ihrer nackten Selbsterkenntnis vorhandene älteste menschliche Gefühl näher zu ergründen.

Außerdem kann man bei einem Selbsttest mit Fragebogen den jeweiligen Schamgrad ankreuzen, der einen bei den 100 Gründen sich zu schämen und dazugehörigen Exponaten befällt. Das fällt gar nicht so leicht angesichts all der reizvoll-aufregend schönen bis nachdenklich stimmenden Dinge, Bilder und Geräusche in Schaukästen, Spiegeln, Gucklöchern und hinter Stellwänden und der witzig-ironischen Blicke hinter die Maske der allgegenwärtigen Schamlosigkeit in der Show- und Politikwelt bis zur Frage nach der Notwendigkeit einer neuen, interkulturellen Schamkultur in den sozialen Medien in der globalisierten Welt des Internet.

Die Ausstellung ist bis 5. Juni 2017 zu sehen. Ergänzend dazu erschien ein Begleitbuch (Wallstein Verlag, 2016, 224 Seiten, 19,90 Euro) mit interessanten literarischen Miniaturen und Essays zu Scham u.a. von Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Primo Levi und Terézia Mora. Außerdem gibt es öffentliche Führungen „… und wofür schämen Sie sich?“ immer sonntags, 16 Uhr, Vorträge, Gespräche, Filme und Lesungen und Angebote für Schulen zur Ausstellung.

Text + Fotos (lv)

Veranstaltungsort: Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden
Tel.: (0351) 4846 – 400

Geöffnet: Di – So und Feiertage von 10 bis 18 Uhr.
24./25.12.2016 und Neujahr geschlossen

http://www.dhmd.de

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Museumsdirektor Klaus Vogel und Kurator Daniel Tyradellis aus Berlin beim Presserundgang durch die Ausstellung am vergangenen Freitag.

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Die Künstlerin Valie Export als „Objekt der Begierde“

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„Penishüllen“

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Reste einer christlichen Venusfigur, verhüllt bis zum Bauchnabel.

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Hose von Karl Marx

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„Vagina-Kajak“

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Affen-Theater: Wer macht hier wen nach… Die anderen sehen zuerst den posierenden Menschen, dann die ihn spiegelnde Figur.

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Hier kann man unnötige Schamgefühle loswerden.
Rechtes Bild: „Schamkrabbe“. Sie hat Grund sich zu verstecken, denn sie ist eine beliebte Delikatesse in südlichen Ländern.

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