Fotos: Matthias Horn/Staatsschauspiel Dresden

Medea und ihre Kinder tauchen aus einem Ufo auf dem Bühnenrund auf und werden grausame Rache nehmen an den Menschen, die ihnen Schutz und Zuflucht verweigern. Eine intensive, streitbare Aufführung.

Bevor Medea selbst die Bühne betritt, ist vor dem tiefroten Vorhang das Getuschel und Gezischel der einheimischen Frauen in Korinth über die Fremde und das ihr widerfahrene Leid zu hören. Erst im Unglück erkennt sie, was es heißt, kein Vaterland mehr zu haben. Die Tragödie von Euripides, aus dem Griechischen übersetzt von Simon Werle, hatte gestern Premiere im Schauspielhaus Dresden.

Ein weißer magischer Kreis mit dem Buchstaben „M“ auf dem Vorhang steht für den Mythos um Medea. Für die schöne und rebellische Frau, Mutter, Zauberin, Heilkundige und Kindsmörderin. Letzteres wird sie aber erst in der Fassung von Euripides, wo Medea grausame Rache an ihrem untreuen Mann Jason nimmt, dem sie half das goldene Vlies zu erobern und der sie später allein und heimatlos mit ihren Kindern zurückließ.

Ein Chor von drei Männern spielt die Frauenrollen wie im alten Griechenland üblich, begleitet von drei Musikern mit mal düster-bedrohlichen Klängen, mal gebetartig mahnenden Gesängen, kuscheligem Schlageridyll und wild rockigem Sound. Die Männer tragen schwarze Sachen, weiße Masken vorm Gesicht und Kopftücher, sie flüstern und gestikulieren als Frauen von Korinth viel sagend über das rätselhafte Wesen Medeas. Außerdem treten sie als Herrscher und Helden auf, die Medea nacheinander aufsuchen, sie zu beschwichtigen versuchen, ihr mit Verbannung drohen und Teil ihres Racheplans werden.

König Kreon (Benjamin Pauquet) begegnet ihr mit Furcht und Verachtung, während ihre Kinder sich hilfesuchend an ihm festklammern. Jason (Sebastian Wendelin) ist ein bequemer, eitler Mann und gewiefter Taktiker, der durch die Heirat mit Kreons Tochter Macht erlangen und aus seinen Kindern Königssöhne machen will. Dem missmutigen kinderlosen König Aigeus (Sascha Göpel) verspricht Medea ein Mittel dagegen, wenn er ihr Asyl gewährt.

Medea und ihre Kinder tauchen in der klang- und bilderreichen, bitter-komischen Inszenierung von Christina Rast wie Außerirdische aus einem schwarzen, über der Bühne schwebenden Gehäuse auf, das wie ein Ufo aussieht mit gleißenden Scheinwerfern. Ihr weißes, unter dem Tüll rauchschwarzes Brautkleid zerknüllt sie und schlingt es um ihren Leib, kommt nicht davon los. In weißem Mieder und Hosen erhebt Medea, die Paula Dombrowski abwechselnd kühl-überlegt, zornig und stolz verkörpert, verzweifelt umher rennend im schutzlosen Bühnenrund, Klage gegen ihren Mann Jason. Sie reißt ihre schwarze Langhaar-Perücke ab, unter der raspelkurzes Haar verborgen ist und ihre Härte unterstreicht. Sie schleift ihn verächtlich am Handgelenk umher, er pariert mit akrobatischem Körpereinsatz. Sie begehren und bekämpfen sich verbittert.

Eine Gruppe von Kindern, die mal Uniformen und Gewehre tragen, mal Blumenkränze und weiße Kleider, begleiten Medea, beschützen sie und leiden stumm mit ihr. Die Vielschichtigkeit, Widersprüchlichkeit und Magie dieser tragischen Frauenfigur, die hasserfüllt auf eine männerdominierte, sozial ungerechte Umwelt reagiert, ist leider kaum zu spüren in dieser Aufführung, die mehr plakativ als tiefschürfend das Thema Fremdenfeindlichkeit darstellt. Die Spielkulisse mit der Aufschrift „Willkommen“ und Schildern wie „Heimat“, „mein Ich“ und „mein Ausland“ bleibt Fassade.

Der Konflikt und grausame Racheakt Medeas wird in traurig-komischer Szenerie vor allem auf der persönlichen Ebene der beiden Gegenpole Mann – Frau ausgetragen zulasten der Kinder, die stumm und Popcorn essend in der Mitte sitzen und ihren meist abwesenden Vater ignorieren. Und ironisch zugespitzt, wenn Medea mit naiv verstellter Stimme sich Jason scheinbar geschlagen gibt und heile Familienidylle vorgaukelt. Bis zum düsteren Höhepunkt, wenn unter ihrem weißen Rock immer neue kleine Kindersoldaten zum Vorschein kommen.

Medea ringt bis zuletzt mit ihren zwei Söhnen, die sich wehren im sie umschlingenden Todeskampf, quälend lang für den Zuschauer. Um schließlich nackt im grellen Scheinwerferlicht des Ufos wieder in die Ferne zu entschwinden. Vereinzelte Buh-Rufe für das Regieteam und viel Beifall für die Schauspieler und Kinderdarsteller gab es vom Publikum zur Premiere.

Nächste Vorstellungen: 21. und 27.3. und 6.4., 19.30 Uhr

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