Schlaflos durch die Nacht mit Ravel

Leise, sinnlich, traumversunken bis kraftvoll-ekstatisch steigern sich die Musik und Tanzszenen im dreiteiligen Tanzabend „Boléro“ mit Musik von Maurice Ravel im Wechsel von Licht und Schatten, Ruhe und Bewegung. Bei der Premiere am Sonnabend gab es dafür viel Beifall an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul. 

Verlockend schwirren Lichter hin und her, zeichnen sich Körperumrisse ab, treten Tänzerinnen und Tänzer aus dem Dunklen hervor. Leise, sinnlich, rätselhaft und gefühlreich funkelnd wie die Musik sind auch die Tanzszenen in „Boléro“. Der dreiteilige Tanzabend von Igor Kirov, Michele Merola und Carlos Matos mit Musik von Maurice Ravel hatte am Sonnabend Premiere an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Zu erleben waren drei in Optik, Stilistik und Stimmung sehr verschiedene, reizvolle Stücke in dieser Hommage an den bedeutendsten französischen Komponisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Claude Debussy. Dazu lud der Chef der Tanzcompagnie der Landesbühnen zwei international namhafte und preisgekrönte Choreografen aus Mazedonien und Italien ein. Wie Traumgestalten umkreisen sich Körper zu zweit und in der Gruppe, heben sich Arme wie Flügel vom Boden. Bewegen sich zwei Tänzerinnen in roten Kleidern und fünf Tänzer in weißen Hosen und freiem Oberkörper auf der Suche nach Nähe und Halt. Lichter wandern mit ihnen hin und her in diesem sehr assoziativen, faszinierenden Spiel mit Licht und Schatten, Stille und Bewegung in der Choreografie „Shadows“ von Igor Kirov zu ruhigen, warmen Klavier- und Geigenklängen einer hebräischen  Melodie, dem „Kaddich“.

Opulent voller herabhängender Blumenkelche, die sich immer tiefer neigen und leuchtender Blütenblätter am Boden ist die Bühne im zweiten Tanzstück. In mal weit ausholenden, kraftvollen und mal wehmütig versunkenen Bewegungen agiert das Tänzerensemble in schwarz-roten Kostümen in einer Mischung des bekannten Klavierstücks „Pavane zum Gedächtnis einer Infantin“ und elektronischen Klängen von Adrien Casalis in der Choreografie „Lacrima“ (Träne), begleitet von ächzenden Geräuschen wie von einem Urgeist und der tropfend, unaufhaltsam verrinnenden Zeit. Als abschließender, spannungsvoller Höhepunkt dann der berühmte Boléro, von Carlos Matos überraschend anders in Szene gesetzt.

Eine Frau wälzt sich im Bett ihr Kissen umschlingend schlaflos hin und her, minutenlang bevor die Musik einsetzt. Daraufhin kommen weitere Männer und Frauen in Sportanzügen im Takt der intensiv pulsierenden, sich steigernden Trommelklänge unter ihrem Bett hervor, die sie wie Quälgeister umlagern, auf weiteren Bettgestellen hin und her springen, herunter fallen, über den Boden schlängeln, auf den Betten hochkant balancieren bis sie schließlich mit explodierendem Erlösungston alle erschöpft umfallen auf die Matratzen in dieser humorvollen Parodie auf die rastlose Leistungsgesellschaft, die kaum noch Zeit für innige Momente lässt. Reichlich Beifall für einen feinfühlig facettenreichen Tanzabend.

Text (lv)

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