Ernsthafte Unterhaltung im BuchSalon. Die neuesten Bücher sächsischer Autoren wurden vorgestellt (im Bild v. li n. re.) von Michael Bittner, Michael Hametner und Karin Grossmann. Andrea O`Brien, die Leiterin des Literaturhauses Dresden und eine Vertreterin vom Sächsischen Literaturrat luden zu der Veranstaltung ein.

Von „Puppenkino“ bis „Tarantella“

Ein Liebesroman, ein Schelmenroman voller Aphorismen, rätselhafte Kalendergeschichten und ein südlich heißblütiger Abenteuerroman wurden lebhaft diskutiert im BuchSalon im Literaturhaus Dresden.

Was macht ein gutes Buch aus? Muss man alles verstehen? Wie verrätselt kann es sein? Wie schwer oder leicht darf Unterhaltungs- bzw. ernste Literatur sein, um kritikwürdig zu sein? Darüber wurde lebhaft diskutiert im „BuchSalon“, der bisher Bücherbörse hieß, veranstaltet vom Sächsischen Literaturrat e.V. am Donnerstagabend im Literaturhaus Dresden in der Villa Augustin am Alberplatz.

Im Streitgespräch über Neuerscheinungen sächsischer Autoren waren diesmal Michael Bittner, freier Autor, Karin Grossmann, Literaturredakteurin bei der Sächsischen Zeitung und Michael Hametner, Literaturkritiker und viele Jahre bei MDR Kultur.
Auf dem Tisch ein Stapel Bücher, ganz unterschiedlich in der Machart, Inhalt, Form und Anspruch, die im Buchladen sehr weit voneinander stehen würden.

Vorgestellt wurden „Puppenkino. Kalendergeschichten“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung) des Leipziger Autors Thomas Böhme, der auch einige Texte daraus las. Von Volker Braun „Handstreiche“ (Suhrkamp), Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“ (Roman, Diogenes) und Jens-Uwe Sommerschuh „Tarantella“ (Roman, salomo publishing).

Ladies first oder lag es am Thema? ging es zuerst um „Die Liebe im Ernstfall“, den zweiten Roman der in Leipzig lebenden Autorin Daniela Krien, Jahrgang 1975. Ihr erster Roman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ (2011, Graf Verlag München) erzählt eine heftige, unmögliche Liebesgeschichte in einem Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze im Sommer 1990. Alle emotionalen Grenzen niederreißend.
In ihre neuen Roman geht es um fünf Frauen um die 40 auf der Suche nach dem Glück, für das sie einiges in Kauf nehmen, so Karin Grossmann. „Sie kämpfen gegen Vorurteile, trauen sich neue Lebensformen zu und gehören zum Mittelstand.“ Wie sich die Lebenslinien der Frauen kreuzen, über ihr Leben mit Männern und Kindern und ohne sie, erzählt vor dezent politischem Hintergrund der Nachwendezeit und neuen nationalistischen Tendenzen dieses Buch.

„Liebe ist immer ein Ernstfall, sonst ist es nämlich keine“, sagt Karin Grossmann über den Buchtitel. Es sei ein lebensnahes Buch, so Michael Bittner, auch wenn er es etwas konservativ findet. Dass alles seine Grenzen hat und zu viel Freiheit auch nicht gut tue, das habe ihm etwas Unbehagen bereitet. „Das ist kein Unterhaltungsroman, da wird schon tief in die Menschenkenntnis gegangen“, begründet Michael Hametner seine Empfehlung für das Buch.

Volker Braun, der unlängst seinen 80. Geburtstag feierte, stellte Hametner als einen großen Lyriker der sächsischen Dichterschule, Prosaautor, Essayist und Dramatiker vor. Sein neuer Band „Handstreiche“ sei eine Art Schelmenroman aus der Nachwendezeit der DDR über einen ehemaligen Vorzeigearbeiter namens Flick, der unbedingt arbeiten will und sich als Maschinenstürmer betätigt, sagt Michael Bittner. Das Buch enthalte viele Aphorismen. Er mag diese Form. „Oft stecken da mehr Einfälle drin als in manchem Roman.“ Es sei aber womöglich schwierig für jüngere Leser, die manche zeithistorische Hintergründe und Anspielungen nicht verstehen.

Dieser Flick erscheine wie ein „Don Quichotte des Sozialismus“, sagt Hametner über Brauns Buchhelden. Inhaltlich gehe es um das Scheitern, den Verlust von Utopien und die Unfähigkeit, sich mit der kapitalistischen Wirklichkeit abzufinden und um die Zukunft oder das Verschwinden von Arbeit. Mann kann es auch als literarischen Abschiedsgruß von Volker Braun lesen. „Mit 80 muss man auf einiges gefasst sein. Außer man heißt Martin Walser“, so Hametner. „Man liest die Texte länger als Daniela Krien. Drei bis vier auch nur, sonst verschwimmt es“, meint Karin Grossmann zu Brauns „Handstreichen“. „Die Gesellschaft, in der wir leben, wird im Handstreich genommen. Man kann sie jedoch nur in Raten lesen“, ergänzt Hametner. „Ein ganz schmaler Band, der es in sich hat.“

Ganz anders hingegen die skurril-hintergründigen, mehr oder weniger packenden Kalendergeschichten unter dem Titel „Puppenkino“ von Thomas Böhme. 366 Miniaturen, eine Kurzgeschichte für jeden Tag, enthält das Buch des gebürtigen Leipziger Autors. Böhme war der erste Preisträger des Literaturförderpreises des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (2006). Mal ganz sachlich, konkret und surreal bis rätselhaft kommen die Episoden Böhmes daher, der als schrulliger Geschichtenerzähler mit schwarzem Schlapphut auftrat, ganz in seine Geschichtenwelt versunken, kaum aufblickend. Da geht es wie in der Titelgeschichte „Puppenkino“, wo Kinder Filmszenen mit Puppen nachspielen, um die Grenzen von Spiel und Realität, Spaß und Ernst, kippt Schönes, Fröhliches in Morbides, Raues und Zerstörerisches. Mal sind es Spielzeug, Gegenstände, mal Lebewesen, Situationen und Orte, die er beschreibt und reflektiert.

Für jeden Tag eine Verwunderung, löst es das ein?, fragt Hametner in die Runde. „Mehr ein Staunen über Alltägliches, woraus sich eine Geschichte entwickelt“, so Karin Grossmann. „Manchmal einfach nur eine schöne Beobachtung. Wie von den Elstern, die die Ringe im Nest zählen.“ Es seien Geschichten, wo man erst mal rätselt, surreal wie Träume oder Märchen, meint Michael Bittner, die man auch nicht gleich verstehen müsse. „Wie eine Anleitung zum Fantasieren, die auch die Einbildungskraft stärkt.“
Witzig fand er eine Geschichte, in der Kinder keine „schwarzen Wörter“ mehr sagen dürfen, um andere anzuschwärzen, die dann aber unflätige Kraftausdrücke verwenden. Ein Seitenhieb auf die „Sprachpolizei“ und ihre teils unsinnigen Änderungsversuche. Manchmal hatte er den Eindruck, dass in den Texten Böhmes etwas zum Geheimnis gemacht wird, so Hametner. Dennoch habe er sie gern gelesen.

Am neuen Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh schieden sich die Geister. Man kann es als Roadmovie lesen oder als klassische Heldengeschichte, sagt Karin Grossmann. Der Erzähler Giovanni habe  Abenteuer, Mutproben zu bestehen und kommt knapp mit dem Leben davon, um eine schöne Frau, Mimi, zu erringen. Als einen schön ironischen Satz aus dem Buch nennt sie: „In Palermo gab es keine Zeugen. Das war gut für die durchschnittliche Lebenserwartung.“ Hübsch seien außerdem die Anspielungen zu Opernfiguren, dem französischen Schriftsteller Boris Vian und die Ausführungen zur Cosa Nostra heute wusste sie so noch nicht.

Michael Bittner hat „Tarantella“ „streckenweise gern gelesen, vor allem über das Leben in Sizilien und wie er Figuren und Charaktere zum Leben erweckt.“ Der Roman habe aber auch „einige Schwächen“. Er fragte sich, was der Ausflug nach Siracus soll, das erschließe sich nicht. Der böse Gegenspieler Giovannis werde z.B. nie zum Charakter und verschwinde irgendwann aus dem Roman und es kommen neue Bösewichter. Die Sexszenen findet Bittner „nicht gelungen“. „Ich würde sagen, es ist ein misslungenes Buch.“ Michael Hametner ist „Tarantella“ „150 Seiten zu lang“. Vieles findet er „belanglos, wenn es seitenlang über das Wetter, Gott, Glauben und die alten Griechen, um Züngeln, Küssen und Katzen geht.“ Das Buch sei nicht unelegant geschrieben, so Hametner, aber es muss doch um etwas gehen. Er findet außerdem, dass solche „Unterhaltungsliteratur für die Literaturkritik kein Gegenstand“ sei. Diese Haltung findet Karin Grossmann „arrogant“.“Auch Literatur, die mich unterhält, kann ich mit Maßstäben messen. Wie ist die Sprache, die Figuren…“

In anderen Ländern wie den USA gibt es gar keine Einteilung in Ernste- und Unterhaltungsliteratur. Ein ernsthaftes Buch kann ebenso unterhaltsam, soft daherkommen wie umgekehrt. Ideal, wenn Leichtigkeit und Tiefsinn, Lesevergnügen und Aha-Effekt zusammenkommen. Entscheidend ist, dass mich die Geschichte packt, hineinzieht, ich in andere Gedankenwelten reisen, etwas für mich entdecken kann. Das ist schon viel, wenn das ein Buch schafft.

Etwas verwunderlich die kleine Zuhörerrunde, darunter mehrere Autoren, beim BuchSalon. Ob es an der sommerlichen Hitze lag, dass viele lieber im Freien, in ihren Gärten waren. Wo man ja auch Bücher mit hin nehmen kann. Lesen hat auch viel mit Innehalten, Muße zu tun, was in der heutigen, schnelllebigen Zeit offensichtlich auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten BuchSalons mehr Aufmerksamkeit und Besucher finden. Denn angesichts der Fülle auf dem Literaturmarkt ist es auch ein (Zeit)Gewinn, wenn man die Perlen und auch streitbare Bücher mit allem Für und Wider an einem Abend in offen-freundlicher Atmosphäre, Geist und Gaumen erfrischend, vorgestellt bekommt.

Text + Fotos (lv)

Weitere Infos unter http://www.saechsischer-literaturrat.de


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