Selbstbildnis von Markus Retzlaff

Blick auf Vergangenes: Hinter dem zersplitterten Fensterglas befand sich das
erste Atelier des Künstlers.

Weiße, weite Landschaft: Panorama mit der Friedenskirche und den Weinbergen in Radebeul.

Landschaften als Spiegel von Veränderungen

Mit einer Ausstellung mit Farbradierungen von Markus Retzlaff eröffnete das Museum und Galerie Heimatstuben in Schellerhau das neue Ausstellungsjahr.

Ein altes Bauernhaus, das in winterliches Weiß gehüllt, weniger trostlos wirkt. Das sogenannte „Gut Wagner“ mit Wohngebäude und Stallungen, in denen früher Schweinezucht betrieben wurde, stand fast 20 Jahre leer und verfiel zusehends. Markus Retzlaff entdeckte das malerische Gemäuer in Mettelwitz auf einer Erkundungstour während des Projekts „500 Jahre Lommatzscher Pflege“ 2017. „Danach bin ich immer wieder hingefahren mit dem Moped und habe die ersten Skizzen von dem Haus gezeichnet“, erzählt der in Altkötzschenbroda, dem alten Dorfkern von Radebeul lebende Künstler. Inzwischen ist das alte Gehöft gerettet und saniert vom neuen Besitzer, einem Rechtsanwalt. Retzlaff hat das Gebäude, das zwölf Fenster in der oberen Reihe besitzt, ihm fallen dazu die zwölf Apostel oder Monate eines Jahres ein, und seinen Zustand im Frühling, Sommer und Winter in Bildern festgehalten. Das schneebedeckte Bauernhaus ziert nun das Titelbild der Ausstellung “Jahreszeiten – Landschaften in der Farbradierung“ von Markus Retzlaff, die am vergangenen Sonntag mit einem Künstlergespräch im Museum und Galerie Heimatstuben, Hauptstraße 87 im Altenberger Ortsteil Schellerhau eröffnete.

Rund 50 Arbeiten, kleine und große Formate, aus über zwei Jahrzehnten hängen an den Wänden und sind in einer Grafikmappe zu sehen.“Weil ich wusste, ich stelle in trister Zeit, im Januar, aus, wollte ich einen optimistischen Ausblick und die Besucher mit den Bildern in den Frühling hineinführen“, so Retzlaff. Das Auge schwelgt in den opulent, farbkräftigen und erdigen, fein nuancierten Radierungen, wie den Ansichten im wechselnden Licht der Jahreszeiten unterhalb vom Schlossgarten Scharfenberg und dem Barockgarten Zabeltitz bei Großenhain, der Weg zwischen den Teichen zum Schloss. Lila Schwertlilien blühen vor gelbem Hintergrund im Hochformat.

Der Leiter der Galerie, Dietrich Papsch und die Schellerhauer Kunstfreunde sind glücklich, das Haus wieder öffnen zu können mit einer neuen Ausstellung. Er besuchte Retzlaff im Sommer letzten Jahre in seinem Atelier Oberlicht in Altkötzschenbroda und war „angetan von den Arbeiten.“ Sie passten gut nach Schellerhau, so der Künstler. Dort sind die Werke von Landschaftsmalern aus dem Osterzgebirge aus der Zeit bis vor dem Ersten Weltkrieg und Gegenwartskunst zu sehen. Mit Künstlern wie Hans-Jürgen Reichelt und Jochen Fiedler, die schon dort ausstellten, sei er zudem in guter Gesellschaft.

Seit seinem Studium an der Dresdner Kunsthochschule interessiert sich Markus
Retzlaff für Farbradierungen, mit denen er die Grafik in die Malerei transportiert. Er ist einer von wenigen Künstlern, der diese alte Technik noch beherrscht. Ausgangspunkt für seine Radierungen sind Bleistiftskizzen, die Handzeichnungen überträgt er auf eine Kupferplatte. Anschließend druckt er mit mehreren Platten verschiedene Farbebenen übereinander. Jedes Blatt ist einmalig, ein Unikat. Die Umgebung von Schellerhau findet Retzlaff auch reizvoll und kommt sicher bald mit Skizzenblock und Bleistift für Wald- und Wegestudien für neue Bilder zurück. Die Ausstellung versammelt ebenso Arbeiten, mit denen Markus Retzlaff persönliche Erinnerungen verbindet. Darunter ein Selbstbildnis in dunklen Farbtönen, das ihn allein vor Blumenstrauß, Weinglas und Pinselbecher zeigt. Es entstand 2010, als „die Gruppendynamik im Atelier Oberlicht wegbrach.“ Dieses ist seit mehr als 20 Jahren sein Schaffens- und Rückzugsort, steht aber auch für Austausch und Zusammenarbeit mit anderen Künstlern offen.

Ein Blick auf Vergangenes ist auch die Radierung mit dem zersplitterten Glas im Fensterrahmen, das wie eine Figur oder Vogel erscheint. Dahinter befand sich sein erstes Atelier, im Haus am Lercher Weg in Meißen, wo Retzlaff als junger Maler wohnte und sein Frühwerk entstand. Nach einem Brand wurde das Haus abgerissen. Und die Radierung steht nun als Sinnbild auch für die Brüche im Leben, Veränderungen und Neuanfang. Dies spiegeln auch die Landschaften, wie das wunderbar weite, winterliche Panoramabild von der Friedenskirche und den Weinbergen in Radebeul. Es gehe ihm auch darum, den ursprünglichen Zustand in den Bildern zu bewahren, so Retzlaff.

Beim Ausstellungsaufbau wurde in den Heimatstuben in Schellerhau gedreht innerhalb der Sendereihe „Unser Dorf hat Wochenende“ des Mitteldeutschen Rundfunks, in der regelmäßig Orte, ihre Bewohner, die Pflege von Traditionen, Handwerk und Kultur im ländlichen Raum vorgestellt werden. Der TV-Beitrag über Schellerhau wird am 29. Januar, um 12.45 Uhr gesendet und ist danach unter MDR.de/Mediathek zu finden. Die Ausstellung von Markus Retzlaff ist noch bis 24. April in der Galerie Heimatstuben Hellerau zu  sehen. (Zutritt mit 2G+-Regel sowie telefonische Anmeldung unter 0170 – 1864 244!)

Text (lv)
Fotos: Markus Retzlaff