Zeigt her eure Reize: Der Spaß beginnt schon vor der Show. Fantasievoll kostümierte Fans der „Rocky Horror Show“ am Premierenabend im Foyer im Alten Schlachthof Dresden. Foto: Lilli Vostry

Reizvolles Spiel über Liebe, Lust, Freiheit und ihre Grenzen

Witzig-frech, fantasievoll, offen ungeniert, lustvoll und musikalisch mitreißend kommt die Aufführung der „The Rocky Horror Show“ der Landesbühnen Sachsen im Alten Schlachthof auf die Bühne. Unverwüstlich!

Grusel und Glamour, Traum und Wirklichkeit liegen nah beieinander in der The Rocky Horror Show von Richard O`Brien. Das mittlerweile fast 50 Jahre alte Musical feierte in einer Inszenierung der Landesbühnen Sachsen (Regie, Bühne, Kostüm und Licht: Sebastian Ritschel), coronabedingt mehrmals verschoben, letzte Woche am Sonntagabend endlich Premiere im Alten Schlachthof in Dresden.

Seit seiner Premiere 1973 als Bühnenstück in London war dieses Musical ein Riesenerfolg und der Film von Jim Sharman 1975 brachte den Kultstatus. Das Stück hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren, es prickelt und ist pikant wie eh und je auch in unserer scheinbar so aufgeklärten modernen Welt. Die Rocky Horror Show erzählt schockierend offen, ungeniert, witzig, frech und selbstbewusst, auch visionär über Moral und Scheinmoral, Lust und Laster, Träume, Liebe, Freiheit, ihre Grenzen und Gewalt in Beziehungen ebenso wie in der Gesellschaft. Noch reiz- und spannungsvoller in einer Zeit, in der Frau-Mann-Geschlechterrollen immer mehr verschwimmen, Genderfragen heiß diskutiert werden im Zwiespalt von Gleichheitsanspruch, Gleichberechtigung und möglichst geschlechtsneutraler Sprache und andererseits dadurch Anonymität, Beliebigkeit, Verwischung von Unterschieden und Individualität, die es jedoch braucht, um einander zu erkennen und zu ergänzen im überall in der Natur vorhandenen Spiel der Gegensätze. Im Mittelpunkt der Aufführung steht der schillernde Außenseiter und transsexuelle Frank N`Furter (Jan Rekeszus), der sich um keine Konventionen schert und ganz nach eigenem Gefallen lebt und liebt.

Die Show beginnt schon vorher. Viele Fans erscheinen in fantasievollen Kostümen. Männer in enganliegenden Minikleidern, Netzstrümpfen und High Heels, manche mit Perücken und einer sogar mit spitzen Zuckertüten-Brüsten. Gaudi schon im Foyer. Der weiß gerüschte Bühnenvorhang ist in pinkfarbenes Licht getaucht im vollbesetzten Saal. Die Bühne bestückt mit futuristischen Lampenschalen wie Augen oder Ufos, die bunt blinken, wenn Frank N`Furter und sein illustres Gefolge auftauchen. Ein Erzähler (Lutz van der Horst, bekannt aus der „Heute“-Show im ZDF) zuerst im schwarzen Anzug, dann in Body und Strapsen und pinfkfarbenem Kleid stimmt das Publikum auf die Show ein und erklärt das Procedere, wann und wie die Zuschauer das Stück  begleiten dürfen. Mit „Uhs“, „Ahs“, „Psst“, zischeln, Reis werfen als Glückssymbol für das Brautpaar und aus Wassererspritzpistolen regnen lassen. Das geschieht dann auch ausgiebig und sorgt für eine fröhlich mitgehende Atmosphäre im Publikum.

Mit Neugier, Heiterkeit, Staunen, Mitfiebern bis zum übermütigen Mittanzen reagieren die Zuschauer auf das prüde schüchterne Paar Brad (energisch-entschlossen: Merlin Fargel) und Janet (romantisch und abenteuerlustig: Karen Müller), die verliebt und frisch verlobt auf einem Ausflug eine Reifenpanne haben, in ein Unwetter geraten und in einem alten, düsteren Schloss landen, in dem es zu spuken scheint. Fenster öffnen sich plötzlich und seltsame Gestalten tauchen auf, die mal in schwarz-weiß  hochgeschlossenen Trikots, mal in schwarz glitzernden Bodys und Strapsen immer mehr Haut zeigen. Aufreizend umtanzen die „Phantoms“, Geschöpfe der Nacht, das Paar. Frank N`Furter lässt die beiden nass gewordenen Gäste in sein Reich, zeigt ihnen alles und verführt sie nacheinander, in einem weißen, offenen Gestell mit rosa Kissen und Bettdecke. Anfangs sind Brad und Janet verlegen und empört, doch bald erwacht ihre Lust und geben sie sich dem Vergnügen hin, singend und tanzend mal in knalligen Lackmänteln, in Korsage und Strapsen. An der Bühnenwand prangen Closetts als rote, verführerische Münder a la Mick Jagger, darüber die Showbühne mit Glitzervorhang. Seitlich der Bühne recken rote Kunstkörper ihre Hinterteile in den Raum. Zur schrill amüsanten Figurenschar um Frank N`Furter gehören Magenta (Julia Harneit) und Riffraff (Martin Mulders) als ergeben-listige Diener.

Der künstlich erschaffene, muskelbepackte Gespiele Rocky (Andrew Chadwick) in regenbogenfarbener Badehose, die liebevoll-gutmütige Columbina (Romina Markmann) und Eddi, den Frank N`Furter im Rausch tötet (in einer Doppelrolle auch als zackig-militanter Wissenschaftler Dr. Everett Scott, im karierten Anzug im Rollstuhl umherfahrend: Michael Berndt-Cananá). Die Aufführung lebt vor allem auch von der zündenden, mitreißenden, gefühlsstarken wie zeitlosen Musik und Songs, die von Anfang bis Ende packen mit ihrer Mischung aus wild rockigen, kraftvollen, sanften, leisen und verträumten Liedern wie „Don`t dreamed“ bis zu Varieteemusik und Slapstick, gespielt von der Rocky Horror Show Band (musikalische Leitung: Uwe Zimmermann). Immer wieder standen die Zuschauer auf, sangen und tanzten begeistert mit. Hände fliegen zum energiegeladenen Hit „Let`s do the time warps again“.

Die Aufführung ist temporeich in Szene gesetzt, vom Darstellerensemble großartig gespielt und gesungen, begleitet von lustsprühenden, flottenTanzeinlagen der androgynen Tänzerinnen. Immer ungehemmter und zügelloser tritt Frank N`Furter auf, der sich über alle Grenzen hinwegsetzt und hemmungslos nimmt, was ihm gefällt und dafür auch kalt tötet. Das kann nicht gut gehen. Am Ende wird er selbst zum Opfer seiner Leidenschaft und Willkür. Seine geliebte Columbina wirft sich vor ihn schützend und stirbt ebenfalls unter den Schüssen zweier silbern glänzender Sternenkrieger. Zum Schluss stehen Brad und Janet allein, erscheint wie ein böser Albtraum alles. Verwundert sehen sie sich an, mit anderen Augen als vorher, diese Nacht hat sie verändert. Sie gehen die Showtreppe hoch, umarmen und küssen sich und verschwinden hinter dem Glitzervorhang. Eine Liebe voller Licht und Schatten wie ein schöner Traum. Reichlich Beifall und Zugaben gab es zur Premiere. Die Rocky Horror Show wird noch bis 3. Juli im Alten Schlachthof in Dresden gespielt.

Text + Foto (1) (lv)

Nächste Termine: 17., 18., 19.6., jeweils 19.30 Uhr

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