An die Nachgeborenen –
nach Bertolt Brecht

I
Wahrlich, ich lebe in seltsamen Zeiten!
Die Welt scheint auf den Kopf gestellt
Viele sind auf einem Auge
manche auf beiden blind
blenden aus oder lächeln fort
alle Sorgen

Das Leben ist schön
doch überall lauern Gefahren
wer sie nicht sieht nicht von ihnen
diktieren lässt
weiter an das Gute Wahre Schöne
an sich selber glaubt
wird belächelt oder schief angesehen

Wer bei sich bleibt in seiner Mitte
nicht im Schneckenhaus
nicht den Scharmützeln der Mehrheit
dem heißen Dampf der Debatten
der Wahrheitslenker aussetzen will
wer etwas dagegen hält
wird wie ein Spielverderber
angesehen vertrieben und gemieden
ungeheuerlich noch andere anstecken
wer bestimmt was Wahrheit ist

Was sind das für Zeiten, wo
ein Gespräch über Frieden ohne Waffen
fast ein Verbrechen ist
gerade so als wolle man Wehrlose töten!
Tauben von Straßen und Plätzen
gejagt werden wie Bettler und Parasiten

Dabei ist der Krieg längst
bei uns angekommen
die Gräben zwischen denen die viel
und wenig haben oder eine andere Meinung
werden tiefer
nichts hält mehr zusammen
außer Kälte trifft alle
Licht erlischt immer mehr
die Energiepreise steigen
Vorräte sich dem Ende neigen

Wir bekriegen uns mit Worten
wer keine Feindbilder schaffen
Träume Ängste und Abgründe
sehen und überwinden unterscheiden
will was eint und trennt
nicht in Schubladen steckt andere
wir sind so viel mehr
ob wir auf dieser oder jener Seite stehen
wer es wagt
gerät leicht in die Schusslinie

II
Es gab eine Zeit da war die Welt
schwarz oder weiß
schön übersichtlich
alles wohlgeordnet
in ein Hier und Dort
Hüben und Drüben
saßen die Guten oder Bösen
eine klare Grenze
zog Idylle Bedenken
Begehrlichkeiten Unmut und Verdruss
nach sich
es war keine heile Welt
nur anders

jeder hatte seine eigene kleine Welt
ich stieß mir als Kind oft den Kopf
an offenen Fensterflügeln
und Tischkanten
manchmal heute noch
sehe nicht das Hindernis
sondern darüber hinaus
der Schmerz vergeht
die Neugier bleibt

Die Menschen reisten ein und aus
manche für immer
wenn ich verreiste hatte ich schnell
Heimweh
es zog mich nie in die Ferne
hatte immer Angst irgendwo
verloren zu gehen
wo ich mich nicht auskenne
keinen versteh
doch ich hab Sehnsuchtsorte

III
Ihr, die ihr heute überall hin könnt
Seht Euch um
auch wenn die Welt kopf steht
hier und in der Ferne
Seht genau hin
Wenn Ihr Menschen seht
die laut sind oder stumm
Wenn sie frieren flüchten schlagen
klagen verzagen
fragt Euch warum

nehmt nichts hin
nicht alles an
was man Euch sagt oder
verkaufen will
vergesst Eure Wurzeln nie
woher Ihr kommt
auf welchem Boden
Ihr gewachsen seid

wisst wer Ihr seid
verliert Euch nicht
im Streit
verlernt das Lieben nicht
Heimat ist dort wo man sich zuhause
fühlt findet sie in Euren Herzen
und gebt sie anderen
hütet sie wie einen Schatz
Wir haben nur eine Erde

LV
15.9.2022

Der Zwitscherbaum

Ein Baum hält mich
nicht nur an
innezuhalten
und auszuruhen

ich hör die Blätter
flüstern rauschen rascheln
seh ihr Glänzen in der Sonne
ihr Zittern und Wegdrehen
in Windeseile

ihr Seufzen und Ächzen
wenn wieder ein Sturm
mit wildem Geheul kommt
die Bäume am liebsten Reißaus nehmen
würden bevor sie umstürzen

auf spielende Kinder fallen
an einem Sommertag am See
vielleicht spielten sie Verstecken
an einem Baum bevor er aus den Wurzeln
gerissen umstürzte und die Kinder begrub
und später in den Unwettermeldungen
hieß es die Bäume hätten sie getötet

es wird die Zeit kommen
in der es fast ein Verbrechen ist
nicht über Bäume zu sprechen
als hätte die Natur nichts mit uns
zu tun werfe nichts sie
aus der Bahn

aufgeregtes Gezwitscher
schallt aus dichter Blätterkrone
kein Vogel zeigt sich
sie verstecken sich und verstummen
als ich mich dem Baum nähere

sie wissen nicht wie ihr vieltönendes Geschwirr
mein Herz jubelnd
emporhebt zu ihnen

LV
15.9.2022