Premiere „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen im Kleinen Haus

 

Peer Gynt
eine Produktion der Bürger:Bühne mit Dresdner Jugendlichen auf einem Trip in den Sozialen Medien
nach Henrik Ibsen
in einer Fassung von Joanna Praml und Dorle Trachternach. Foto: Sebastian Hoppe

Internet als Bühne

Sie wollen alle nur das Eine: Peer Gynt sein. Die Hauptrolle spielen, alle Blicke und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Trollkönig, der im Internet regiert, erfüllt ihnen all ihre Wünsche. Sie können sein, wer immer sie sein wollen, sich ein neues Ich zulegen… Doch woran erkennt man Kopie und Original, wer und wie man wirklich ist?! Das erkunden zehn Dresdner Jugendliche auf einer witzig-fantasievollen Selbst-Suche zwischen virtueller Welt und echtem Leben in der Inszenierung Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen (Regie: Joanna Praml), mit der am Donnerstagabend die neue Spielzeit im Staatsschauspiel Dresden eröffnete.

Text  (lv)Mehr Text zur Aufführung demnächst.

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Wieder zu sehen am 28.9., 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

Premiere „Lulu“ von Frank Wedekind im Schauspielhaus Dresden


Wer führt, wer verführt: „Lulu“ als Mann, gespielt von Simon Werdelis, erlebt alle Licht- und Schattenseiten des Begehrtwerdens. Foto: Sebastian Hoppe

Liebe am Abgrund

Intensives Körpertheater und reizvolle Blicke und Perspektivechsel auf Frau- und Mannsein verführen, schockieren und begeistern in der Inszenierung „Lulu“ von Frank Wedekind in der Regie von Daniela Löffner, die am Sonnabend Premiere im Schauspielhaus Dresden hatte.

Die Spiegelwand mit Blick ins Publikum wird mit schwarzer Farbe eingestrichen, davor tastet eine nackte Gestalt entlang mit den Händen, Gesicht und Körper färben sich hell und dunkel. „Lulu“ hinterlässt Abdrücke, Spuren bei jedem den sie anfasst, weckt Verlangen, Sehnsüchte und Leidenschaft. Begehrt, bewundert und geschmäht, weil sie keinem allein, nur sich selbst gehören will. Ein intensives Spiel mit Körper, Haut, Berührung, Verführen und Verführtwerden, purer Hingabe und käuflicher Liebe, Schönheit und Schamlosigkeit, ein Tanz auf dem Vulkan, der begeistert, aber auch ausgehalten werden will, ist diese dreistündige „Lulu“-Inszenierung von Frank Wedekind in der Regie von Daniela Löffner mit Simon Werdelis in der Hauptrolle, der sieben weiteren Schauspielern gehörig den Kopf verdreht mit mal verschmitzt jungenhaft grinsendem Charme, naiv liebenswertem, arglosen Wesen, Nähe und Geborgenheit suchend, kess, lebenshungrig, zart, fragil, verletzlich und offensichtlich zu schön und gut für diese Welt. Packendes, spannendes und berührendes Theater mit reizvollen Blicken und Perspektivwechseln auf Frau- und Mannsein, wenn die Grenzen von beiden verfließen und sie sich zeigen mit allen Licht- und Schattenseiten. Reichlich Beifall gab es zur Premiere am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden.

Text (lv)

Mehr zur Aufführung demnächst.

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Nächste Aufführungen: 18.9., 19.30 Uhr; 1.10., 19 Uhr.

Spielzeiteröffnung im Staatsschauspiel Dresden: Überraschende Rollen-Wechsel


Spaß am Theater & Spiel mit dem Zufall: Viel Vergnügen schon vor der großen Saisonvorschau hatten Lilli Vostry, die regelmäßig Stücke rezensiert auf mein wortgarten.com und diese zwei ebenso spielfreudigen Herren. Danke für die schönen und coolen Fotos!

Von Männerfantasien und männlicher Sexualität erzählt das Stück „Lulu“ von Frank Wedekind. Mit Simon Werdelis in der Hauptrolle in der Inszenierung  von Daniela Löffner, die am 9.9. Premiere im Schauspielhaus Dresden hat. Fotos (2): Sebastian Hoppe

Lust am Wandel und neuen Perspektiven

Reichlich Stoff zum Träumen, Reiben und Nachdenken bietet mit  Klassikern und Gegenwartsstücken über Verführer, Abenteurer, Kriegsherren und Visionäre von „Peer Gynt“, „Lulu“, „Die Dreigroschenoper“ bis zu Kafkas „Das Schloss“ die neue Spielzeit im Staatsschauspiel Dresden.

Vorn in der ersten Reihe lebhaftes Getuschel. Eine Frau, professionelle Theatergängerin, reicht ihrer Kollegin Schokolade und schwärmt für Matthias Reichwald. Eine weitere in der Kritikerinnenrunde beschwört die Theatergötter, ob sie mal vorbeikommen können. In der Seitenloge schnarcht laut ein Mann schon vor Vorstellungsbeginn. Ist das etwa der Experte für Findungsprozesse, der da geräuschvoll auf sich aufmerksam macht?! Dann sorgt auch noch eine Biene für Aufregung, die angeblich die Ankleiderin von Lulu-Darsteller Simon Werdelis gestochen habe. Der Tierarzt sei auch noch über das Bein des Schauspielers gestolpert… Theater hält immer Überraschungen parat, es spielt mit Erwartungen und Unerwartetem. Das macht seinen Reiz aus. Träume, Liebe, Lügen, Wahrheiten, Widersprüche, Wünsche und Wunderliches in buntem Reigen und stetem Wechsel kommen auf die Bühne.

Reichlich Stoff zum Anschauen, Freuen, Mitlachen oder -leiden, Reiben und Nachdenken für Publikum wie Akteure bietet die neue Spielzeit 2023/24 im Staatsschauspiel Dresden. Insgesamt 22 Premieren, davon sieben Uraufführungen stehen im Spielplan. Einen Vorgeschmack gab es bei der großen Saisonvorschau am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden. Bevor die Zuschauer über den roten Teppich in das mit bunten Luftballons geschmückte Theatergebäude schritten, konnten sie nachmittags beim Eröffnungsfest ein vielfältiges Programm mit Workshops, Lesungen, Abenteuerparcours, Führungen hinter die Theaterkulissen und Live-Musik des Tango-Trios Río Mar mit südamerikanischen Klängen und Tangomelodien von Astor Piazolla zum Zuhören und Tanzen erleben und genießen. Intendant Joachim Klement freute sich mit dem Publikum unter Applaus, dass das Staatsschauspiel Dresden auf dem 2. Platz nach dem Maxim-Gorki-Theater Berlin gelandet ist in einer Kritikerumfrage zu den besten Inszenierungen in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Er sei eigentlich kein Phrasendrescher, doch das müsse er jetzt sagen: „Wir machen Theater am Puls der Zeit.“ Man kann es auch als Ansporn und Aufbruch für Neues sehen. „Wir wollen Lust machen auf das Kommende in dieser Spielzeit“, so Klement.

Ein schöner Einfall dieser Saisonvorschau, kurzweilig, erfrischend und aufschlussreich in Szene gesetzt vom Ensemble unter Regie von Hausregisseurin Lily Sykes, war der Blick von außen auf das Theater. Der Wechsel von Darstellern zu Zuschauern und Kritikern, die Notizblöcke und Stifte zücken, sich über die Stücke und das Gesehene unterhalten. „Es kommt immer auf die Perspektive an, alles ist im Fluss“, sagt eine der Schauspielerinnen. Dann wird wie in einem Kaleidoskop wieder alles durcheinander geschüttelt. So kommt es, dass kein Mann, sondern eine Frau, Henriette Hölzel den gewieften Bettlerkönig Peachum spielen wird in der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill, die in einer Bearbeitung des Staatsschauspiels Dresden unter Regie von Volker Lösch am 6. Oktober Premiere hat im Großen Haus. Den Mäcki-Messer-Song singt im schwarzen Anzug, Fliege, weißem Hemd und Sonnenbrille Torsten Ranft, galant und gerissen zugleich. Wenig später beteuert er: „Kinder, ich bin nicht der Sandmann“ im roten Schummerlicht in einer Szene aus dem Grusel-Stück „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann. Das Messer ist auch das Stichwort für „Woyzeck“ von Georg Büchner, gespielt von Marin Blülle, der in einer Videoaufnahme vor einer Berghütte am Tisch sitzt, zu heimeligen Heidi-Klängen die scharfe Klinge in die Kamera hält und sagt: „Damit lässt sich nicht nur Brot abschneiden!“ (Premiere am 2.12., Regie: Lily Sykes, Kleines Haus).

„Lulu“, die schöne und verhängnisvolle Männerverführerin, wird erstmals von einem Mann, Simon Werdelis in der Hauptrolle gespielt im Staatsschauspiel Dresden. Er erscheint nackt, mit einem Blumenstrauß vor der Körpermitte, auf der Bühne. Stattlich, schön, muskulös, ein Prachtbild von einem Mann. Ihm gegenüber in einer Reihe andere Männer, dickbäuchige, schmale, große, kleine, in schwarzen Unterhosen stehen sie andächtig da, huldigen ihm und nehmen eine Blume in Empfang im Vorbeigehen auf die andere Seite. Romantisch, ironisch und anrührend zugleich ist diese Szene aus der Lulu-Inszenierung von Daniela Löffner, die zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben werden musste und nun endlich Premiere feiert am 9. September im Schauspielhaus.

Ein Junge stürmt auf die Bühne und behauptet „Peer Gynt“ zu sein. Ein weiterer Jugendlicher kommt trommelnd dazu und erzählt das Gleiche, ein Mädchen erklärt sie sei Peer Gynt und es werden immer mehr… Wie der Außenseiter und Träumer können sie in der Anonymität des Internets der Realität entfliehen und behaupten zu sein, wer immer sie wollen. In einem Theaterprojekt mit Dresdner Jugendlichen begibt sich Regisseurin Joanna Praml auf eine Reise in jene Parallelwelt der Sozialen Medien und erkundet, welche Gefahren und Möglichkeiten digitale Ichs bereithalten. Die Inszenierung „Peer Gynt“ frei nach Henrik Ibsen eröffnet am 8. September im Kleinen Haus die neue Spielzeit des Staatsschauspiels Dresden. Um materiellen und ideellen Reichtum geht es in „Was wir erben“, einem Projekt mit Menschen, die ein Erbe antreten, ausschlagen oder vermachen von Romy Weyrauch (Premiere am 14.10., Kl.H.) Tobias Rausch sucht für sein Stück „Do It Yourself“ an der Bürgerbühne im Kleinen Haus Leute, die etwas selbst in die Hand nehmen, basteln, nähen, ihr Auto noch selbst reparieren bis hin zu Selbstversorgern, die nicht mehr in den Supermarkt gehen. Ein Infotreffen findet am 14. November im Kl.H. statt.

Im Stück „Ajax“ holt Thomas Freyer in einem Auftragswerk für das Staatsschauspiel Dresden den antiken Helden in die Gegenwart und verknüpft sein Schicksal mit der Geschichte eines Familienvaters im 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges (Premiere am 28.10., Regie Jan Gehler, im Kl.H). Ein weiterer großer Stoff, der die Archaik des Ursprungs mit dem Hier und Jetzt verbindet, ist „Mamma Medea“ in einer Neuerzählung von Tom Lanoye des Mythos um die liebende Frau und Kindsmörderin (Premiere am 23.2., Regie Lilja Rupprecht im Schauspielhaus Dresden). Als Kriegsherr, Eroberer und Frauenheld kommt Napoleon Bonaparte im Gedenkjahr 210 Jahre Schlacht bei Dresden als grellkomischer Selfmademan, der es noch mal so richtig krachen lässt bis zur endgültigen Niederlage in Waterloo, mit dem inbrünstig geschmetterten, gleichnamigen Abba-Welthit auf die Bühne. Die dokufiktionale Revue von Tom Kühnel hat am 26.1. Premiere im Kl.H.

Ein zauberhaftes, lustiges und spannendes Abenteuer lockt mit dem Stück mit dem Zungenbrechtitel: „Der Satanararchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende in einer Fassung von Philipp Lux , der auch Regie führt in dieser Geschichte für kleine und große Zuschauer in der Adventszeit. Im roten Bühnenlicht stehen vor einem brodelnden Kessel der Geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer, verkörpert von Ahmad Mesgarha in blauem Glitzerkleid und Turban und seine Tante, die Geldhexe Tyrannia Vamperl, mit weißer Perücke und dunklem Anzug, gespielt von Anna Katharina Muck und erweisen sich einmal mehr als erzkomödiantisches, unschlagbar komisches und streitfreudiges Duo sehr zur Erheiterung des Publikums. Wird es dem hohen Rat der Tiere und seinen zwei Abgesandten, dem Kater Maurizio und dem Raben Jakob gelingen, ihren satanischen Wunschpunsch, mit dem sie ihre Missetaten planen, außer Kraft zu setzen und eine Katastrophe zu verhindern? Wie sie es schaffen, darauf darf man gespannt sein in diesem höllischen Spaß und Theatervergnügen (Premiere am 4.11. im Schauspielhaus).

Geheimnisvoll und mit viel hintergründigem Humor geht es zu im „Ministerium der Träume“ nach dem Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah in einer Spielfassung von Regisseurin Monique Hamelmann. Eine Frau im grünen Kleid und schwarzen Stiefeln lässt cool aufdringliche Anrufer, die sie aus ihrer Einsamkeit retten wollen, abblitzen. Im Hintergrund ist eine Frauenstimme zu hören, Stöhnen, Seufzen und gequälte Laute begleiten das Gespräch zwischen Mutter, Schwester und Tochter der Toten, die rätseln, warum sie verschwunden ist, ob es wirklich ein Unfall, Selbstmord oder Mord war. Die Geschichte um die Türsteherin Nasrin in einem queeren Club in Berlin und ihre Familie, die Anfang der 80er Jahre aus einem Teheraner Luftschutzbunker nach Deutschland floh, erzählt vom Großwerden in einer Welt von Vorurteilen, Ausgegrenztsein, aber auch sich eine Wahlfamilie aufzubauen und an die eigenen Träume zu glauben (Premiere am 10.9. im Kl.H.).

Was wir als schön oder sexy empfinden und woher die Bilder stammen, die diese Vorstellungen und Erwartungen prägen, diesen spannenden Fragen geht das Kollektiv Turbo Pascal in „Hey Sexy!“ nach und gründet dazu einen alternativen Nachtclub im Kleinen Haus, der die BesucherInnen einlädt, diese Bilder und Erzählungen von Sexyness in einem sicheren und achtsamen Raum gemeinsam zu hinterfragen und neu zu erfinden. Für das Theaterprojekt werden Menschen zwischen 18 und 99 Jahren gesucht, die Lust haben, sich mit diesem Thema jenseits von Schönheitsidealen und Geschlechterrollen zu beschäftigen oder auch schon Erfahrungen in diesem Feld mitbringen. Ein Infotreffen dazu findet am 5. September im Kl.H. statt. Die Uraufführung ist am 1.12.

Außerdem kommt „Das Schloss“ nach Franz Kafkas Roman, der unvollendet blieb und erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, auf die Bühne. Der schnarchende Herr in der Loge schreckt nach lauten „Aufwachen!“-Rufen von der Bühne hoch wie aus einem Albtraum, getroffen vom flackerndem Schein einer Taschenlampe.  Eine Frau fragt ihn im Beamtenton, wer er sei und was er wolle. Seine Antwort, er sei ein Landvermesser, hält sie für vermessen. Landstreicher träfe es wohl besser. Die ebenso absurd-abgründige wie düster visionäre Geschichte einer Gesellschaft voller Regularien, Zwang und Unfreiheit des Individuums wird inszeniert von Maxim Didenko, der 2022 aus Russland emigrierte, nun in Deutschland lebt und arbeitet und erstmals Regie führt im Staatsschauspiel Dresden (Premiere am 4.5. 2024 im Schauspielhaus).

Auf eine fantastische, bilderreiche und philosophische Reise zwischen Traum und Albtraum ins Ungewisse nimmt „Atlantis“, ein Musik-Theaterabend von Sebastian Hartmann und Musiker PC Nackt die Zuschauer mit (Premiere am 27.1. im Schauspielhaus). Einen Glanzpunkt des Abends setzte ein Lied von Edith Piaf, der bezaubernden, großartigen Sängerin, der Betty Freudenberg im dunklen Kleid und braunen Locken, zart und kraftvoll zugleich Stimme verleiht. In einem Rückblick auf ihr bewegtes Leben singt sie ihren bekannten Chanson La Vie en Rose mit tiefer, warmer Stimme über den Traum vom Glücklichsein so ergreifend, dass einem die Tränen kommen. Premiere von „Piaf“- Mythos, Rausch und Wirklichkeit ist am 25.11. unter Regie von Laura Linnenbaum im Schauspielhaus. Auf die Kraft der Musik setzt auch „Musikalisiert Euch!“ – ein Sing-Wettstreit für Dresdens Zukunft von Bernadette La Hengst. Die Musikerin und Theatermacherin hilft Menschen, ihre Stimme zu erheben und ihre Utopien für die Stadt in musikalischer Form auf die Bühne zu bringen. Ein Infotreffen dafür findet am 27. Februar kommenden Jahres im Kleinen Haus statt. Die Uraufführung ist am 20. Juni 2024.

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Schöne & schmerzliche Wahrheiten unverhüllt aus dem „Ministerium der Träume“ nach dem Roman von Hengameh Yaghoobifarah. Im Bild die Schauspielerin Nihan Kirmanoglu.

Neue Jahresausstellung „Aktfotokunst heute“ im Museum „aktfotoart“ im Kunstkeller Dresden


„Erfreulich vielfältige fotografische Handschriften, doch unübersehbar der neue Trend weg vom Natürlichen, Körperlichen hin zu einer neuen Prüderie, die aus der westlichen Welt und den USA zu uns herüberschwappt“, sagt der Inhaber des aktfotoart-Museums und Fotokünstler Volkmar Fritzsche zur neuen Jahresausstellung im Kunstkeller.

Reizvolle Körperblicke und neuer Umgang mit Nacktheit

Ein facettenreiches Spiel mit Körperformen, Nacktheit, Verletzlichkeit und Individualität zeigt die 4. Jahresausstellung „Aktfotokunst heute“ mit Arbeiten von zwölf FotokünstlerInnen derzeit im Museum „aktfotoart“ im Kuntskeller Dresden.

Mehr hüllenlose Evas als Adams wie gewohnt, allein und zu zweit in freier Natur oder vor fantasievollen Kulissen fotografiert. Ein facettenreiches Spiel mit Körperformen, Nacktheit und Verletzlichkeit, aber auch unübersehbar weniger pure Sinnlichkeit als sonst zeigt die 4. Jahresausstellung „Aktfotokunst heute“, die Bilder von zwölf Fotokünstlerinnen und Fotokünstlern vereint zurzeit im Museum „aktfotoart“ im Kunstkeller auf der Radeberger Straße 15 in Dresden.

Unter ihnen acht neue, auch jüngere und studierte Fotografinnen aus ganz Deutschland und den Niederlanden stellen jeweils sechs Bilder ihrer Wahl aus. Alle im gleichen Format, Schwarz-Weiß-Aufnahmen ebenso wie farbige Aktbilder. Reizvoll sind die verschiedenen künstlerischen Positionen und Sichtweisen auf den menschlichen Körper, die sich sehr gewandelt haben. Nicht mehr nackte Tatsachen stehen im Vordergrund, sondern der Körper selbst wird zum Ausdrucksmittel und der Umgang mit Nacktheit in der heutigen Zeit thematisiert. Erfreulich vielfältige Blicke, Handschriften und neue fotografische Möglichkeiten der Darstellung sind das Besondere dieser Ausstellung.

Intensive, innige Momentaufnahmen von Paaren in der Natur zeigt Matthias Naumann aus Dresden, der zum ersten Mal im Kunstkeller ausstellt. Die Fotografien entstanden vor ca. fünf Jahren, das unter einem Baum sich umarmende Paar sei nicht mehr zusammen. Doch der Augenblick von Nähe in diesem Bild bleibt. Eine Frau umarmt sich alleine. Lust und pure Hingabe an die Natur spiegelt eine Aufnahme mit zwei nackten Evas, eine lehnt an einem weit wurzelnden Baumstamm, eine liegt davor auf dem Waldboden. Lichtvoll, schwebend leicht ein sitzender Frauenakt in einem Raum mit Pflanzentatoo auf der Haut ebenfalls von Naumann fotografiert.

Die holländische Fotokünstlerin Henriette van Gasteren (ehemals Lilith) zeigt eine Serie Körperfotografien, die skurril und beunruhigend zugleich wirken. Eine Frau hält den Kopf ins Waschbecken, eine andere steht auf dem Wannenrand, der Duschstrahl zielt in ihre Körpermitte, wie um etwas wegzuwaschen, zu bereinigen. Auf einem Foto kriecht sie auf allen vieren und schaut herausfordernd in den Spiegel. Ihre Selbstporträts zeigen subtil und ausdrucksstark seelische und körperliche Verletzungen und sexueller Missbrauch. Auffällig viele Rückenakte sind in der Ausstellung zu sehen. Fotografien mit formspielerischen Körperumrissen, wo der Körper wie ein Instrument oder Bank wirkt oder die Körperlinien miteinander verschmelzen, zeigt die in Dresden lebende ausgebildete Fotografin Anna Försterling.

Frauen, die vor und hinter bemalten Leinwänden agieren und mit Farbe auf der Haut hält in fotografisch reizvollen Kontrasten der in Delft lebende Industriedesigner und Fotograf Alexander Groenwege mit der Kamera fest. Frauen oberkörperfrei vor blättriger Kulisse, die mal auf einem Tisch allein und zu zweit liegen, mal an einem Stuhl lehnen und einander halten, hat der Leipziger Fotograf Tobias Schreiter in seinen spielerisch surrealen Szenarien mit Alltagsdingen festgehalten. Das Spiel mit Körperidealen, Individualität und Masse, auch Körpermasse, spiegeln die originellen Aufnahmen der Leipziger Fotografin Katja Heinemann. Aktmodelle vor wolkenreicher Landschaft, Felsen und in expressiv tänzerischer Bewegung zeigt Georg Knobloch aus Dresden mit seiner analogen Lichtbildnerei.

Im Kabinett sind außerdem Fotografien von Solvig Frey aus ihrer Serie „Nackte Kunstbetrachtung“. Sie ist dem Kunstkeller seit vielen Jahren verbunden mit eigenen Programmen, Fotoshootings vor und jetzt auch hinter der Kamera. Sie ist auch die Vorsitzende des im Mai gegründeten Vereins „Freundeskreis des Museums aktfotoart“ im Kunstkeller, der den Betreiber Volkmar Fritzsche in dem deutschlandweit einmaligen Museum unterstützt und sein Lebenswerk bewahren möchte. Der Verein hat bereits zwölf Mitglieder. Der Spielplan für die Veranstaltungen ab September im Kunstkeller steht bereits. Geplant sind auch Gesprächsrunden und Workshops zu zeitgenössischer Aktfotografie.

Von Volkmar Fritzsche (82) sind farbenfrohe digital-fotografische Szenografien im hinteren Raum zu sehen. Er sagt zur Ausstellung: „Die vielen unterschiedlichen fotografischen Handschriften sind toll. Die Fotografien spiegeln aber auch einen neuen Trend, weg vom Natürlichen, sich Ausziehen und Zeigen hin zu einer neuen Prüderie und andererseits ungezügelten Freizügigkeit in TV und Werbung, die aus der westlichen Welt und den USA immer mehr zu uns herüberschwappt. Viele Fotografen finden kaum noch Aktmodelle.“ Das Natürliche in der künstlerischen Aktfotografie gehe dadurch verloren, bedauert Fritzsche. „Wir hatten mit der FKK-Kultur schon immer einen freieren Umgang mit Körperlichkeit und Nacktheit im Osten Deutschlands.“ Solange er gesund ist, will er das aktfotoart-Museum weiterführen. Die Ausstellung „Aktfotokunst heute“ ist bis Sommer nächsten Jahres zu sehen.

Text + Fotos (lv)

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Geöffnet: Mo 11 – 18 Uhr, Di 15 – 21 Uhr, Do 15 – 18 Uhr, Sa 11 – 15 Uhr. An Feiertagen geschlossen.


Paare und Frauenakte in freier Natur zeigt Fotograf Matthias Naumann aus Dresden.


Skurril, beunruhigend und berührend: die Körperbilder, Selbstporträts der holländischen Fotokünstlerin Henriette van Gasteren zeigen subtil seelische und körperliche Verletzungen.

Spiel mit Alltagsobjekten &  Körperausdruck. Schweben, Halten, Fallenlassen, Anlehnen, Gehalten werden, Suche nach Balance… Sinnlich assoziative Körperbilder von Tobias Schreiter aus Leipzig.

Zusammenspiel von Bildender Kunst & Fotografie in Aktfotografien von Alexander Groenwege aus den Niederlanden.

Tänzerische, expressive Bewegungen, die an Gret Palucca erinnern und hüllenlose Damen in der Landschaft zeigt Georg Knobloch aus Dresden mit seiner analogen Lichtbildnerei.

Farbenfrohe & fantasievolle digital-fotografische Szenografien, die neue aktfotografische Bildräume eröffnen, stellt Volkmar Fritzsche aus. Immer wieder auf`s Neue überraschend und experimentierfreudig.

Ausstellung „Labsal“ von Catrin Große im Hofküchengebäude am Fasanenschößchen Moritzburg

Tafelfreuden mit vielen Facetten

Die Ausstellung „Labsal“ von Catrin Große spiegelt eindrucksvoll und vieldeutig die Verbundenheit zwischen Mensch, Tier und Natur im Hofküchengebäude am Fasanenschlößchen Moritzburg.

Essensduft steigt am Eingang des Hofküchengebäudes verlockend in die Nase. Im Restaurant werden die Tische eingedeckt. Oben am Treppenaufgang ist das Bildnis einer Frau zu sehen. Ihr Blick versunken, der  Körper weiß, fast durchsichtig, von feinfaserigem Gewebe überzogen. Im Yogasitz, die Arme vor der Mitte verschränkt, hält sie zwei Totenkopfäffchen. Eins liegt zu ihren Füßen mit einer Kugel, das andere greift nach ihr. „Fürsorge (Affenwiege)“ heißt das ovale Ölbild in ockerbraunem Rahmen. Es führt hinein in die Ausstellung „Labsal“ von Catrin Große im Hofküchengebäude am Fasanenschlößchen in Moritzburg.

Dort zeigt sie derzeit Malerei, Grafik und Plastik aus den letzten zehn Jahren. Darunter große Holzdruckstöcke mit figürlichen und pflanzlichen Motiven, die wie ein Wandbild wirken. Zwei Meter fünfzig mal fünf Meter groß, ist es ein Blickfang in der Ausstellung, dem man buchstäblich nachgehen und näherkommen kann im hinteren Raum. Dort können die Besucher auch Filme zu den Restauierungsarbeiten der historischen Ausstellungsstücke wie kostbare Ledertapeten im Schloss Moritzburg sehen. In einer Vitrine steht die Bronzeplastik einer Raubkatze, unter deren Hinterläufen ein Mensch kauert. In der Schwebe gehalten, ob „Schutzsuche oder Bedrohung“, so der Bildtitel. Eine „Schöne im Natterkleid“ ist in Messingbronze patiniert zu sehen. Eine Mücke aus hellem Keramik ans Kreuz genagelt. „Täter-Opfer-Ausgleich“, kommentiert Catrin Große das lakonisch. Mal der Mensch, mal das Tier nehmen diese Rolle ein in den Arbeiten. „Ich möchte die Betrachter einladen, sich auf einen Perspektivenwechsel einzulassen. Die Sicht der `Krone der Schöpfung` auf Festessen und Genuss einerseits und die Schlachtviehperspektive“, sagt Catrin Große. Dabei auch ein Augenzwinkern zu zulassen, um sich zu laben.

Der altdeutsche Begriff Labsal bedeutet Erfrischung, Erquickung, Genuss, Wohltat. Speisen und Getränke oder auch ein kühler, schattiger Platz und auch Worte können ein Labsal für die Seele sein. Es meint auch Segen und Linderung. Die Tafelfreuden haben aber auch eine Kehrseite. Für den einen ist Labsal Genuss, für andere der Tod, so Catrin Große. Der Ausstellungstitel sei ein Spiel mit der Nahrungskette und nehme Bezug auf die Funktion des Hofküchengebäudes. Ein „Octopus – leicht zuzubereiten und gesund“ mit langen Perlenarmen aus Keramik liegt in einer Vitrine. Ob man ihn als Kunstobjekt anders sieht, nicht nur als Nahrungsmittel, fragt sie sich. „Die Anmut von solch einem Tier reizt schon, mit der Abstraktion zu spielen“, sagt die Künstlerin. Begehren, Verzehren, Genießen hat viele Facetten. Davon erzählt die Ausstellung von Catrin Große eindrucksvoll, vieldeutig, witzig-ironisch und feinfühlig zum Nachdenken anregend. Auf einem Totempfahl aus Messingbronze, der auf Hühnerfüßen steht, schwebt eine weibliche Figur „Schwere los“.

Aus einer Vitrine blickt dem Besucher „Schlachtreife lächelnd“ mit einem Beil im Rücken entgegen, daneben steht ein „Hängebauch-Mastschwein“ ergeben auf den Hinterpfoten mit einem Messer im Kopf auf einem Spiegelpodest. Darin spiegeln sich archaische Kämpfer von einem Wandbild. Darunter sitzt ein kleiner, lächelnder Buddha. Die zwei Schweine-Keramikobjekte provozieren. „Mir geht es darum, dass man bedenkt, was mit den Tieren passiert, vom abstrakten Fleischessen wegkommt und wieder das Ganze sieht“, so Catrin Große. Sie ist auf dem Land in Doberlug-Kirchhain großgeworden. Ihre Eltern besaßen Hühner und mit zehn Jahren hat sie selbst die ersten geschlachtet. „Mir war klar, dass das ein Opfer war. Das war dann aber auch ein Festessen.“  Neben den Plastiken zeigt sie Grafiken im von ihr entwickelten Ambossdruck, eingefärbten Prägedrucken mit figürlichen, ornamentalen und pflanzlichen Formen.

„Das Florale, Verweben als ein Sinnbild des Lebens an sich, die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, aber auch die Entfremdung von den Ursprüngen finde ich im Werk von Catrin Große besonders stark“, sagt Margitta Hense, Kuratorin der Ausstellungen im Schloss Moritzburg und Fasanenschlößchen. Sie kennt ihr Werk bereits seit den 90er Jahren, als Catrin Große mit einem Stipendium im Schloss Moritzburg künstlerisch arbeitete. Sie wurde 1964 in Finsterwalde geboren, hat Malerei und Grafik an der Dresdner Kunsthochschule und am Royal College of Art London studiert und arbeitet seit 1995 als freischaffende Künstlerin in Dresden und Doberlug-Kirchhain. Sie hat zwei Kinder. In der Ausstellung zegt sie unter dem Motto: „Allein unter Flaschen: Parteitag scheinheiliger Geister“ auch eine Flaschensammlung mit illustrem Innenleben. Ein erfrischendes Labsal ist außerdem ihre Plastik „Wasserträgerin“.  Die Ausstellung „Labsal“ von Catrin Große ist noch bis 1. November im Hofküchengebäude zu sehen.

Text (lv)
Fotos: Catrin Große

Öffnungszeiten: täglich von 10.30 bis 16 Uhr

Weitere Infos unter http://www.schloss-moritzburg.de
„Schutzsuche oder Bedrohung“ & „Schlangenfrau“: die Künstlerin Catrin Große vor einer Vitrine mit ihren Arbeiten in der Ausstellung in Moritzburg.
„Fürsorge“ & „Schlachtreife lächelnd“

Verbundenheit zwischen Mensch und Tier: die Plastiken „Teenager“ & „Schwere – los“ von Catrin Große gefallen mir besonders.

Spannende Zeitreise: Der Roman „Haltepunkt Kötzschenbroda“ von Anja Hellfritzsch


Nahe am Ort des Geschehens: Verleger Jens Kuhbandner vom NOTschriften-Verlag Radebeul und Autorin Anja Hellfritzsch vor dem Verlagsbuchladen, gegenüber die Apotheke auf der Bahnhofstraße, die auch eine wichtige Rolle in ihrem Buch „Haltepunkt Kötzschenbroda“ spielt.

Geheimnisvoller Weggang eines
Gemeindevorstandes

Eine spannende und berührende Lebensreise voller Auf- und Umbrüche erzählt der Roman „Haltepunkt Kötzschenbroda“ der Radebeuler Autorin Anja Hellfritzsch.

„Kein lautes Treiben, keine staubige Luft, nur das schöne Landleben…“ Das suchten doch die Ausflügler aus der nahen Residenzstadt Dresden in Kötzschenbroda. Davon ist Woldemar Vogel fest überzeugt. Als Gemeindevorstand will er das Beste für den Ort. Doch er ist hin und her gerissen von den vielen neuen Ideen. Was war nur los, dass alle Welt plötzlich alles verändern wollte?, fragt er sich. In einer Akte der Gemeinde-Verwaltung zu Kötzschenbroda  aus dem Jahr 1889 steht sein plötzlicher Weggang vermerkt. Ohne nähere Angaben. Das mysteriöse Verschwinden des Gemeindevorstandes regte Anja Hellfritzsch an, der Sache nachzugehen und war der Auslöser für ihren neuen Roman „Haltepunkt Kötzschenbroda“, der gerade im NOTschriftenVerlag Radebeul erschienen ist (346 Seiten, 16,90 Euro).

Eine historische Fotografie mit dem Bahnhofsgebäude auf dem Buchtitel stimmt auf die Geschichte ein. Der Bahnhof ist der Anfangs- und Endpunkt einer Lebensreise voller gesellschaftlicher Auf- und Umbrüche und Turbulenzen, die den Leser in die Zeit in Kötzschenbroda Ende des 19. Jahrhunderts und den Beginn der Industrialisierung mitnimmt. Lebhaft, spannend, berührend und anschaulich, zum Schmunzeln und Nachdenken anregend, mit viel Lokalkolorit und originalen Abbildungen erzählt Anja Hellfritzsch die wechselvolle Geschichte des Gemeindevorstandes Vogel und lüftet sein Geheimnis. Seinen Namen las sie in einer alten Akte im Stadtarchiv Radebeul, als sie an einer neuen Ausgabe des Stadtlexikons mitarbeitete, in dem vergangene, nicht mehr lebende Persönlichkeiten der Lößnitzstadt vorgestellt werden. Sie interessiert sich sehr für Historie und Heimatgeschichte, stöbert gern in Archiven und bringt alte, vergessene Geschichten ans Licht, sagt sie. Mit ihren Büchern holt Anja Hellfritzsch sie in die Gegenwart. „Haltepunkt Kötzschenbroda“ ist bereits ihr dritter Roman. Ihr erstes Buch „Stolpersteine – ein Familiengeheimnis“ auf den Spuren ihres Urgroßvaters erschien 2015 in einem Thüringer Verlag und das zweite Buch „Der Theatermann“ über das bewegte Leben des königlichen Hofschauspielers Maximus René 2020 im Verlag DDV-Edition. In seinem einstigen Haus in Radebeul wohnt Anja Hellfritzsch jetzt mit ihrer Familie. Sie wurde 1973 in Sachsen-Anhalt geboren, hat Betriebswirtschaft studiert, arbeitet bei einer Krankenkasse und schreibt gern zeithistorische Geschichten.

Drei Jahre hat sie am Buch „Haltepunkt Kötzschenbroda“ gearbeitet, recherchierte die Ortsgeschichte, zur Familie des Gemeindevorstandes und ihrem Umfeld. „Alle Personen im Buch gab es wirklich. Ich erzähle, was passiert sein könnte vor dem Hintergrund des tatsächlichen Geschehens“, sagt Anja Hellfritzsch. Das Buch spielt von 1882 bis 1889. Damals war Kötzschenbroda von Weinbau und Landwirtschaft geprägt. Bald kamen mit der Dampferanlegestelle und Eisenbahn mehr Leute in den beschaulichen Ort an der Elbe und die Nähe zur Residenzstadt Dresden löste auch einen Bauboom aus. Das bringt den Gemeindevorstand und einstigen Besitzer der Löwenapotheke in Kötzschenbroda Woldemar Vogel bald in innere Konflikte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, Bewahren und Erneuern.

„Er hat eine persönliche Tragödie und die Umbrüche zu verkraften, da seine große Liebe Marie bei der Geburt ihres ersten Kindes starb und versucht alle Erinnerungen an die glücklichen Zeiten zu konservieren in Kötzschenbroda. Doch dann kommen unerwartet Sachen ans Licht, die den Gemeindevorstand in Bedrängnis bringen und in einer Katastrophe enden“, so die Buchautorin. Vogel wohnte mit seiner zweiten Frau Elisabeth und den Kindern Mariechen und Hans in einem schlichten, zweigeschossigen Landhaus, in dessen Erdgeschoss sich das Gemeindeamt befand, unweit vom Bahnhof in der Harmoniestraße 3. Direkt vis-à-vis zur Restauration „Harmonieschlößchen“, wo die Gemeinderatsmitglieder oft tagten, um über aktuelle Themen wie Armenfürsorge, die Eröffnung der Sonntagsschule durch den Gewerbeverein oder die Blutlausplage an den Obstbäumen zu beraten und danach bei Bier im tabakgeschwängerten Gastzimmer persönliche Neuigkeiten auszutauschen.

Im Buch kommen auch bekannte Persönlichkeiten vor, Politiker wie Wilhelm Liebknecht und August Bebel, der erfolgreiche neue Apotheker Hermann Ilgen, Spitzname „Ilgen Mäusetod“ und der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der damals noch Kunststudent war und von Vogel getraut wurde mit der wohlhabenden Marie Thienemann vom Hohenhaus. Im Epilog am Ende des Buches steht, was aus den Figuren im realen Leben geworden ist. „Es war ein epochaler Umbruch und braucht Mut mit den Veränderungen umzugehen, die wir auch heute erleben. Trotzdem muss man nach vorne gehen“, sagt Anja Hellfritzsch. Das Buch zeige auch, dass es damals einen anderen Gemeinsinn gab, viele Sport- und Gesangsvereine und die Menschen guckten mehr aufeinander. Diesen Gemeinschaftssinn vermisse sie heute etwas. Der Roman „Haltepunkt Kötzschenbroda“ ist überall im Buchhandel und natürlich im NOTschriften-Verlagsbuchladen auf der Bahnhofstraße erhältlich.

Text + Fotos (lv)

Mit ihren Büchern holt Anja Hellfritzsch alte, vergessene Geschichten ans Licht, die von Auf- und Umbrüchen, Träumen, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, ein Stück Zeitgeschichte und Lebenserfahrungen weitergeben.

Erinnerung an 210 Jahre Schlacht bei Dresden: Moreautag im Schloss Nöthnitz


Geschichtsträchtiger Ort: Heiko Brunner als französischer Grenadier und Schlossherr Jan Horsky mit einem Bildnis von Jean-Victor Moreau erinnern an den General, der in Dresden mit einem Heer alliierter Truppen gegen Napoleon im August 1813 kämpfte und schwer verwundet wurde. Heute, am 26.8., 17.30 Uhr wird eine Gedenktafel im Schloss Nöthnitz in der Gemeinde Bannewitz enthüllt.

Historisches Feldlager im Schlosshof Nöthnitz

Mit einem vielfältigen Programm für klein und groß erinnert der Moreautag am 26. August an das Ereignis 210 Jahre Schlacht bei Dresden.

Der Schlossturm mit der Uhr strahlt hell in der Abendsonne. In weißer Leinenjacke und Hose steht ein Mann auf dem Schlosshof. Er zieht eine blaurote Uniformjacke mit Schulterstücken und Bronzeknöpfen an und setzt den Schakko, einen hohen Helm auf. Er holt ein Vorderladergewehr, eine Nachbildung und historische Flaggen verschiedener Nationen, eine davon mit bronzenem Adlerkopf, aus dem Auto. Mit ernster Miene stellt sich Heiko Brunner als französischer Grenadier zusammen mit Jan Horsky, dem Eigentümer von Schloss Nöthnitz vor den Eingang. Der hält eine schwarze Plakette mit dem Bildnis von General Jean-Victor Moreau (1763-1813) in der Hand. Eine Gedenktafel für ihn wird am kommenden Sonnabend feierlich am Schlossgebäude enthüllt.

„Wir möchten, dass Schloss Nöthnitz in der Öffentlichkeit als geschichtsträchtiger Ort wahrgenommen wird, an dem sich denkwürdige Ereignisse abgespielt haben, die Einfluss auf die gesamteuropäische Geschichte hatten“, sagt Jan Horsky. „Es ist auch ein authentischer Ort. Die Steine, über die wir laufen sind dieselben, die Moreau abgelaufen ist. Die Besucher gehen die Wendeltreppe im Schloss hoch mit derselben Verkleidung mit niederländischen Fliesen, die Moreau und der russische Zar Alexander I. gesehen haben.“

Auf Initiative von Jan Horsky findet rings um das Schloss Nöthnitz in der Gemeinde Bannewitz ein Moreautag am 26. August statt, um an das Ereignis 210 Jahre Schlacht bei Dresden am 26. und 27. August 1813 zu erinnern. Moreau war ein französischer Revolutions-General, der nach einem Komplott gegen ihn verbannt und zum Gegner von Napoleon wurde. Als Generaladjutant des russischen Zaren Alexander I. kämpfte Moreau gegen Napoleon. Den Oberbefehl über die Verbündeten, Österreicher, Preußen und Russen, lehnte er jedoch ab und befürwortete auch nicht den Angriff auf Dresden. Während eines Gesprächs mit Alexander auf der Räcknitzhöhe wurde Moreau von einer Kanonenkugel schwer verwundet am 27. August 1813. Beide Beine mussten ihm danach amputiert werden vom Leibarzt des Zaren, dem Schotten James Wylie. Während der Operation soll Moreau Zigarren geraucht haben, erzählt Horsky. Nachdem er noch über das Gebirge nach Böhmen gebracht wurde, starb Moreau dort wenige Tage später mit 50 Jahren an den Folgen seiner Kriegsverletzung.

Schloss Nöthnitz war damals das Quartier des Zaren mitsamt seinem Gefolge. In dem Raum, wo Moreau operiert wurde, in der ersten Etage ist bereits ein Moreau-Zimmer eingerichtet. Horsky betrachtet den Moreautag auch „als Hommage an Christian Girbig, ein Herr aus Dresden, 82 Jahre, der sich für die Sanierung des Moreau-Denkmals an der Räcknitzhöhe einsetzte, mir seine Erfahrungen nahegebracht hat und sein Wissen weitergibt.“ Seit einem Jahr bereitet Jan Horsky den Gedenktag vor und wird diesen gemeinsam mit Sponsoren und vielen ehrenamtlichen Helfern gestalten. In Erinnerung an die Schlacht wird ein historisches Feldlager im Schlosshof aufgebaut, vor dem Soldaten und Marketenderinnen umhergehen. Außerdem gibt es einen Tisch mit Büchern, Drucken und Grafiken aus der Zeit der Napoleonschen Befreiungskriege. Im Programm steht ein Spaziergang durch Altkaitz, das damals auch niedergebrannt wurde, mit dem dortigen Geschichtsverein.

Im Schloss Nöthnitz können die Besucher Vorträge über die Schlacht bei Dresden und Moreau hören und für Kinder wird ein Spaziergang „Auf der Suche nach dem Schatz des General Moreau“ angeboten nebst Schminktisch und Ausmalbögen. Für Speis und Trank wird gesorgt. Die zeitgenössische musikalische Umrahmung übernimmt das „Quintetto Soffio“ ganztags im Schlosshof. Zum Ausklang gibt es ein Konzert mit Yossi Arnheim und Musikern vom Israelic Philharmonic Orchestra. „Wir möchten mit dem Programm am Moreautag jung und alt ansprechen, vor allem aus der Gemeinde Bannewitz und der Dresdner Südvorstadt“, so Horsky. „Die Gedenktafel für Moreau soll auch ein Mahnmal gegen den Krieg insgesamt sein und an die Tausenden Toten der Schlacht in Dresden und Umgebung erinnern“, so der 27-Jährige.

„Viele wissen heute nichts mehr von diesem Ereignis. Wir erzählen es, um die Leute aufzurütteln und erinnern an die Grausamkeiten von damals“, sagt Heiko Brunner. Die Uniform trage er nicht weil er sie toll finde, sondern das Gegenteil sei der Fall. „Wir versetzen uns in die Historie und stellen Szenen damaliger Ereignisse nach.“ Heiko Brunner arbeitet seit 13 Jahren als Energieberater für den Mittelstand und ist eit 30 Jahren Hobbyhistoriker. Seit anderthalb Jahren ist er Mitglied im Verein Torhaus in Markleeberg 1813 e.V. Brunner hat ganze Bücherregale zu den Napoleonischen Befreiungskriegen zu Hause und sogar eine Kanonenkugel, eine zwölf Pfünder, 6,5 Kilo schwer, von der Schlacht bei Dresden. „Eine solche Kugel hat zehn bis fünfzehn Menschen auf einen Schlag getötet“, weiß Brunner. Die alte Kanonenkugel wurde bei Ausgrabungsarbeiten in einer Gartensparte in Dresden vor mehr als 30 Jahren gefunden. Brunner bekam sie von seinem Gartennachbar. Jan Horsky hat 2012 mit 16 Jahren das Schloss Nöthnitz von seinem Vater geerbt. Das Treppenhaus im Schloss wird gerade gestrichen aus eigenen Mitteln, so Horsky. Er lebt in Prag und ist dort mit einem Unternehmen in der Immobilienverwaltung tätig. Ein Café und ein Veranstaltungssaal sollen bald das Schloss Nöthnitz kulturell weiter beleben. Außerdem stehen Büroräume in der zweiten Etage zur Vermietung. Der 2019 gegründete Förderverein „Freunde Schloss Nöthnitz“ organisiert vier Konzerte mit Klassik im Jahr. Nun wird sich ein Parkverein am Schloss Nöthnitz am 23. August gründen, der sich der Pflege des wunderschönen alten Baumbestandes annimmt.

Text + Fotos (lv)

Programm (witterungsabhängig)
Moreautag im Schloss Nöthnitz

– Tag: 26.8.
– Ort: Schloss Nöthnitz, Am Schloss 2, Bannewitz/Schlosshof
– Veranstaltungen:

10 Uhr, Spaziergang geführt vom Geschichtsverein Kaitz e.V.
“Auf den Spuren General Moreaus“, Treffpunkt auf der Tränenwiese (Kreuzung Altkaitz und Possendorfer Str.);

ab 11 Uhr, ganztägig im Schlosshof:
historisches Feldlager mit Soldaten, zeitgenössische Musik mit dem „Quintetto Soffio“, Bücherstand und Programm für Kinder.

– Im Schloss, 1. Etage:
13 Uhr, Vortrag „Schlacht bei Dresden 1813“ mit Manfred Buder vom Arbeitskreis Sächsische Militärgeschichte;
14.30 Uhr, Vortrag „Jean-Victor Moreau“ mit Christian Girbig, Hobbyhistoriker;
16 Uhr, Vortrag „Le Temple de la Gloire – ein Denkmal für Moreau in Paris“ mit Jan Horsky, Schlosseigentümer;
17.30 Uhr, Feierliche Enthüllung einer Gedenktafel für General Moreau im Schlosshof;

19 Uhr, Abendkonzert mit zeitgenössischer Musik aus der napoleonischen Ära,  mit Yossi Arnheim (Israelic Philharmonic Orchestra), Flöte und Kollegen, Moderation: Kerstin Doelle.
– am Abend Gemütlichkeit am Lagerfeuerr.
– der Eintritt zum Moreautag ist frei.
– Parkmöglichkeiten: Winckelmannstraße

– Mehr Infos unter www.freunde-schloss-noethnitz.d

Eindrücke vom Moreautag

Gruppenausstellung „Sommersalon“ in der Galerie Kunst & Eros


Barock opulente Farben- und Sinnenfreude: Zwei Bilder von Karen Gäbler aus dem diesjährigen „Sommersalon“ der Galerie Kunst & Eros in Dresden.


„Engel und Insekten“, heißt dieser sinnliche Frauenakt von Juan Miguel Restrepo Valdes. Es ist bereits verkauft. Galeristin Janett Noack hat allen Grund zum Strahlen. Bereits mehrere Bilder aus dem „Sommersalon“ haben glückliche neue Besitzer gefunden.

Die lustvolle Süße des Lebens

Im diesjährigen „Sommersalon“ mit dem Titel „Sommernachtstraum“ zeigen sechs Künstlerinnen und Künstler ihre neuesten Arbeiten in der Galerie Kunst & Eros, Hauptstraße 15, in Dresden Nur noch bis 2. September!

Farb- und Sinneslust sprießen reichlich in allen Facetten in der Gruppenausstellung “Sommersalon“ mit Malerei, Zeichnung und Grafik von sechs zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in der Galerie Kunst & Eros auf der Hauptstraße 15 in Dresden (noch bis 2. September zu sehen).

Das Titelbild der Ausstellung zeigt ein Paar in warmen Orangetönen. Sie trägt nur eine weiße Perlenkette und reicht ihm eine Aprikose. Anmutig und verführerisch zugleich, barock und opulent der Körperausdruck der Träumenden und Nachtgestalten in der Art alter Meister, sind die Arbeiten von Karen Gäbler. Sie ist Malerin und freischaffende Gemälderestauratorin und stellt erstmals in der Galerie Kunst & Eros aus. Neu dabei ist außerdem die Künstlerin Mechthild Mansel mit sinnlicher, figürlicher Grafik. Sie zeigt rund zehn große und kleine, feine Kaltnadelradierungen und Lithografien vom Stein, zweifarbig in zartgrün und rosa. „Es geht um Paarbeziehungen, Figuren in tänzerischer Bewegung und geistig-körperliche Anziehung“, sagt Mechthild Mansel. Sie hat Malerei und Grafik bei Bernhard Heisig in Leipzig studiert. „Ich bin über die Figur hinaus gewachsen. Wenn ich mit Farbe arbeite, dann sind die Arbeiten freier.“ Mit Erotik verbindet sie die „Süße, den Honigtopf, die Quelle des Lebens.“ Ihre Bilder zeigen Herzerwärmendes, Geborgenheit und einen innigen Kuss.

Jeder der ausstellenden Künstler wählte außerdem eine Arbeit zu einem Gedicht aus. Mechthild Mansel ließ sich von Eva Strittmatters Gedicht „Mittsommernacht-Scenario“ anregen. Außerdem sind traumblaue Malerei und Collagen aus dem Meer der Sinne von Leonore Adler zu sehen, erotische florale Zeichnungen von Helena Zubler sowie lustvoll-deftige Körperansichten mit viel Ironie zu bekannten Gemälden Vincent van Goghs in farbigen Tuschezeichnungen von Steffen Fischer. Da sieht man „Loth und seine Töchter im Felix Krull-Ambiente“, das Nachtcafé als Spielcasino mit einer sich nackt auf dem Billardtisch räkelnden Dame und zwei Frauen mit Schwan, zwischen ihnen der Maler mit Pinsel. „Die Erotik ist ein Geheimnis. Im Sommersalon treffen verschiedene Sprachen, Bilder und Ausdrucksformen im Umgang mit dem Thema Körper und Sinnlichkeit aufeinander“, sagt Galeristin Janett Noack. Das Miteinander, vis-a-vis im realen Leben, die wirkliche Begegnung und sich in die Augen sehen sei gerade in unserer schnelllebigen, virtuellen Welt wichtig.

Besonders freut sie sich, dass ein Künstler, der regelmäßig bei Kunst & Eros ausstellt und letztes Jahr hier eine große Ausstellung hatte, der kolumbianische, in Dresden lebende Maler Juan Miguel Restrepo Valdes jetzt eine Einzelausstellung in der Städtischen Galerie im Landhaus Dresden hat (Eröffnung war am 24.8.). Im Sommersalon zeigt er „Engel und Insekten“, eine nackte Frau mit Augenbinde und Schmetterlingen aus der Serie „Seelenblindheit“ und eine „Umarmung“. Außerdem hat Janett Noack jetzt einen zweiten Raum gegenüber der Galerie. Eine Schaufenstergalerie für weitere sinnenfreudige Werke von Künstlern hauptsächlich aus dem sächsischen Raum.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Mo bis Sa 11 bis 15 Uhr

http://www.kunstunderos.de


Lust auf Meer… Farbige Zeichnung von Leonore Adler.

BilderAlbum: Neue Lyrik vom Meer & mehr

Möwenfüttern

Eine große weißgraue Möwe
mit gelbem Schnabel
ohne Gabel
stand auf einem Steinsockel
hinter ihr das Meer
als schöne Kulisse
vor ihr eine lange Warteschlange
vor der Fischhütte
ihr war nicht bange
dass für sie etwas abfiele
geduldig stand die Möwe
und wartete mit

sie schlugen sich die Bäuche voll
doch gaben nichts her
sahen die Möwe belustigt
als Fotoojekt
nicht mehr

meine Matjeshappen fing sie
gekonnt wie ein Akrobat in der Luft
die Bedienung schritt ein
verwies auf ein Schild
dass sie selbst nicht verstand
der Sprache nicht mächtig
dort stand dass die Gäste
auf ihr Essen achten sollen
doch kein Wort von Möwenfüttern
verboten

die Fischhütte selbst lockt
die Möwen an mit ihrem Geruch
im Souvenirgeschäft weiter vorn
stehen künstliche Möwen bemalt
aus Holz und Kunststoff
beliebte Mitbringsel vom Meer
die lebendigen Meervögel lästig
ähnlich wie die Tauben

Möwen gehören zum Meer
wie der Fisch
geben sie ihm die Würze
viele Schiffe fahren am Horizont
die Sonne geht unter
im Möwengekicher

LV
9.7.2023

Morgen Gewitter

Heute morgen keine Möwenrufe
dafür Donnergeheul
als bräche der Himmel entzwei
davon aufgewacht
aus dunklem Traum
in dem bebte schwankte
ein Raum
sah Trümmer
und suchte mich

draußen hinter dem Fenstervorhang
strömte der Regen
tröstlich
erschütternde Stille
danach flehend klägliche Laute
in der Luft

der Seewind tobte sich weiter aus
gestern schon das Meer aufgewühlt
die hohen Wipfel der Kiefern wankten
hin und her
wie auf schwankenden Schiffsplanken
die Möwen konnten ihr Futter
kaum fangen

gegen Mittag schien die Sonne wieder
der Wind trieb eine grau schwere
Wolkenherde vor sich her
die zerstob nach und nach
in alle Himmelsrichtungen
das Meer wogte bernsteinfarben
in der Tiefe

der Himmel golden
zwischen den Kiefern
ging noch ein warmer leichter
Sommerregen nieder

LV
12.7.2023

Texte + Fotos (lv)

Ausstellung „Ein Vogel bin ich ohne Flügel“ von Roger Loewig im Stadtarchiv Dresden


Zeichnung von Roger Loewig, 1970: „Im Flämingland auf meinem Hügel bin ich die alte Mühle ohne Wind.“

Poetische Bilderreise auf der Suche nach Heimat

Eine Ausstellung mit Arbeiten von Roger Loewig (1930 – 1997) mit dem Titel „Ein Vogel bin ich ohne Flügel“ eröffnet am 14. August, 19 Uhr im Stadtarchiv Dresden.

Roger Loewigs Bilder und Texte über Krieg, Flucht, Vertreibung und Unfreiheit machen ihn zu einem der wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit. Kaum ein anderer hat die unmittelbar erlebten Folgen des »Dritten Reiches« und des Zweiten Weltkrieges einschließlich der deutschen Teilung so wie er mit wachem, jede Künstlereitelkeit ausschließenden Gewissen zum alleinigen Gegenstand seines Schaffens gemacht.

Roger Loewig wurde am 5. September 1930 im schlesischen Striegau geboren. Von 1951 bis 1953 durchlief er in Ostberlin eine Lehrerausbildung. Neben einer zehnjährigen Tätigkeit als Lehrer für Russisch, Deutsch und Geschichte widmete sich Loewig intensiv dem Malen, Zeichnen und Schreiben. 1963 wurde er nach einer privat organisierten Ausstellung in der DDR verhaftet. Der Vorwurf lautete „staatsgefährdende Hetze“. Ein Großteil seiner Bilder und literarischen Texte wurden beschlagnahmt. Nach fast einjähriger Untersuchungshaft wurde Roger Loewig in einem Prozess, der durch Zahlungen der Bundesrepublik und unter Einschaltung der Evangelischen Kirche beeinflusst wurde, zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Roger Loewig verlor daraufhin seine Stellung als Lehrer und machte nun die bildende Kunst zu seinem Hauptberuf. Die DDR zu verlassen, konnte er sich nicht entschließen. Dennoch empfand er den auf ihm lastenden Druck der politischen Verhältnisse mit der Zeit als unerträglich. 1972 reiste er schließlich in die Bundesrepublik Deutschland aus und lebte fortan in West-Berlin.

Über hundert Einzelausstellungen im In- und Ausland sowie zahlreiche Veröffentlichungen machten das Gesamtwerk einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, erhielt er 1997 für sein Werk das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.  Kurz danach, am 4. November 1997, starb Roger Loewig in seiner Atelierwohnung im Märkischen Viertel.

Die Ausstellung im Stadtarchiv zeigt eine Auswahl des bildkünstlerischen Werkes von Roger Loewig, die der Sammlung des lebenden Freundes und Weggefährten Wolfgang Woizick angehören.

Öffnungszeiten:
Montag/Mittwoch von 9 bis 16 Uhr
Dienstag/Donnerstag von 9 bis 17 Uhr
Freitag von 9 bis 12 Uhr

Ausstellungszeitraum: 15. August bis 22. September 2023

Der Eintritt ist kostenfrei.

Text + Bild:

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