Ausstellung „Schamotte-Skulptur“ im Einnehmerhaus Freital

Fantastische Figurenwelten

Ausdrucksreich, grazil und kraftvoll geformte Arbeiten aus sprödem Material zeigen neun Künstlerinnen zurzeit in der Ausstellung „Schamotte-Skulptur“ im Einnehmerhaus Freital.

Vielgestaltig schauen sie in die Welt. Geformt und gebrannt in Schamottestein, formreich und farbig bemalt, sorgen die mit viel Liebe, Witz, Fantasie und Feingefühl gestalteten Arbeiten von neun Künstlerinnen für Freude, Staunen, Schmunzeln und Denkanstöße in der Ausstellung „Schamotte-Skulptur“. Eröffnet wurde diese am vergangenen Sonnabend beim Kunstverein im Einnehmerhaus Freital, Dresdner Straße 2, zum zehnjährigen Jubiläum des Symposiums für Künstlerinnen im Schamottewerk Radeburg. Die Künstlerinnen zeigen eine Auswahl ihrer dort entstandenen Werke, alles Unikate. Mit dabei sind Katrin Jähne, Sophie Altmann, Christa Donner, Karin Heyne, Gabriele Reinemer, Eva Bröer, Angela Hampel, Theresa Wenzel und Maria Luise Faber.

Zu sehen sind figürliche und abstrakte Arbeiten, angeregt von der Mensch- und Tierwelt und der Natur in ihren vielen Erscheinungsformen. Sie stehen, sitzen und liegen auf weißen Stelen und ziegelfarbenen Schamotteplatten. Darunter eine sitzende Frauenfigur mit grazilem Kopf, zusammengefügten Körperteilen und sichtbaren Hohlräumen. „Schamottestein ist ein sehr grober Ton. Die weiche Masse kommt frisch aus der Strangpresse. Danach kann man dünne oder dicke Schamotteplatten als Unterlage verwenden, Teile heraus schneiden, zusammenbauen und mit den Händen und Werkzeug die Skulpturen bearbeiten“, sagt Karin Heyne, die rührige Initiatorin des Künstlerinnen-Symposiums zu diesem besonderen Material. Zu ihrer anmutig kraftvollen Frauenfigur gesellt sich eine Eule, die neugierig und schelmisch mit weißem Gesicht und dunkel glänzenden Augen in den Raum schaut. Da hockt außerdem eine gelbäugige Katze, neben ihr eine kleine Liegende, hüllenlos beim Sonnenbad und ragt ein dunkler, kantiger Kopf mit Stegen und Verstrebungen. Der ist das älteste Stück in der Ausstellung und ebenfalls von Karin Heyne.

Die Glasur, Engobe genannt, entsteht mit dem Brand. „Durch den Holzbrand im Lehmofen überzog sie wie ein Ascheanflug den Kopf“, erzählt sie. Das Kunstprojekt bestehe eigentlich schon seit mehr als zwölf Jahren. „Wir brauchten Lehm und fragten herum, auch im Schamottewerk Radeburg. Doch stattdessen bekamen wir dort eine PKW-Ladung ungebrannter Schamotteplatten, begannen damit zu arbeiten und fanden Gefallen daran“, so Karin Heyne. Seit 1993 leitete sie die Sommerworkshops zum Bau von Lehmöfen zum Brennen von Keramik bei Moritzburg. Außerdem ist sie seit vielen Jahren Kursleiterin der Keramikkurse in der Kreativen Werkstatt in Dresden. Jedes Jahr im September trifft sich eine Gruppe von Künstlerinnen seither im Schamottewerk Radeburg, wo sie in einer Lagerhalle eine Woche lang gemeinsam arbeiten und experimentieren mit dem Material.Vier der Künstlerinnen in der Ausstellung sind von Anfang an dabei, darunter Christa Donner und Gabriele Reinemer. Später kamen weitere gestandene Künstlerinnen wie Angela Hampel und jüngere wie Sophie Altmann dazu. „Jede Handschrift ist eine Anregung. Denn jede Künstlerin arbeitet anders“, so Karin Heyne. Davon erzählt ausdrucksreich die Ausstellung. Da treffen verschiedene Farbtöne von hell, sandig, leuchtend orange und erdig aufeinander, fasziniert und beeindruckt der Kontrast von spröder, rauer Oberfläche und Zartheit der Form von Körpern und Gesichtern, die kraftvoll und verletzlich wirken.

Manche Skulpturen sind außerdem bemalt mit Gips und Farbe. Eine Frauenbüste mit Stachelhaar, weißem Tuch und Herz in der Hand und einen Kopf mit gitterähnlicher Kleidung, neben einem sich putzenden Kätzchen aus Schamotte, zeigt Christa Donner. Berührend auch die Installation mit zwei roten Herzen voll schwarzer Kerben und an Schnüren hängenden, spitzen Teilen wie Patronenhülsen und davor ruhenden Clownsgesichtern mit schwarz-weißen Schachbrettkappen, die von Angela Hampel stammen. Ein erdbraunes Gesicht ohne Narrenkappe von ihr liegt mit schwarz offenem Mund auf verbranntem Boden, umzingelt von Schlangen und Würmern. Ein sitzender, weißer Frauenakt mit verschränkten Beinen sitzt vorm Fenster in der Wintersonne und ein Stück weiter eine knieende Figur in dunklem Gewand, beide von Katrin Jähne. Wild und sanft nah beeinander die Affen und der Schafskopf von Theresa Wenzel und ihr rätselhafter Fisch auf zwei Füßen im Flur. Abstrakte Skulpturen, darunter ein „Gewächs“, das wie ein Schiff mit herausschauenden Köpfen wirkt, eine „Wabe“ und „Zwei“ in Gestalt von Puzzleteilen nebeneinander, hat Eva Bröer aus Tharandt mitgebracht und formspielende Gefäße Sophie Altmann.

Eine Ziegelzeile aus Buchstaben und Ornamenten von Maria Luise Faber steht neben archaisch, zeichenreich bemalten Figuren und Objekten der Radebeuler Künstlerin Gabriele Reinemer im hinteren Raum. Anziehend und abwehrend, bedrohlich zugleich wirken ihre mit Nägeln bestückten Bauwerke, Sonne und Mondsichel bewehrt mit Schutzschilden und die dolchartigen kleinen Körper. „Es hat sich eine gute Zusammenarbeit zwischen den Schamottewerkern und den Künstlerinnen entwickelt, die beim Abschlusstreffen ein Essen für sie zubereiten und sich mit einem Werk aus der Gruppe bei ihnen bedanken. Wir hoffen, dass diese Möglichkeit des Kunstsymposiums noch lange erhalten bleibt“, sagt Karin Heyne. Es finden auch zwei Workshops zu figürlichem Gestalten mit Ton mit Christa Donner am 25.1. und 1.2., von 10 bis 12.30 Uhr im Einnehmerhaus statt. Interessierte können sich über den Kunstverein dort namelden. Die Ausstellung
“Schamotte-Skulptur“ ist noch bis 9. März zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Öffnungszeiten: Do und Sa 10 – 17 Uhr, Fr und So 14 – 17 Uhr

http://www.kunstvereinfreital.de


Vielgestaltige Skulpturen & reger Austausch: die Künstlerinnen Eva Bröer und Karin Heyne im Gespräch mit Bettina Liepe, Vorsitzende des Kunstvereins im Einnehmerhaus Freital.

Premiere „Maria Stuart“ – Trauerspiel von Friedrich Schiller in den Landesbühnen Sachsen


Zwischen Übermut und Verzweiflung: „Maria Stuart“, gespielt von Karoline Günst, ist Hoffnungsträgerin und tragische Figur zugleich im Spiel um Macht und Wahrhaftigkeit. Fotos: René Jungnickel

Von der Liebe zur Macht und der Ohnmacht des Herzens

Ein Wechselbad der Gefühle über Gefangen- und Freisein, Recht und Willkür, Begehrtsein und Aufbegehren durchlebt und -leidet das Publikum in der Inszenierung des Trauerspiels „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Gleich zu Beginn bricht das Gerangel um die Macht los, werden auf der dunklen Bühne Podeste lautstark umgeworfen, herrscht Aufruhr. Besorgt und unruhig steht eine ältere Frau in grauem Kleid dabei. Alles andere als gastfreundlich war der Empfang für die Hilfe suchende Maria Stuart und ihre Amme, die in England Zuflucht suchten bei Königin Elisabeth, einer Verwandten Marias. Nach der Flucht aus ihrer Heimat, wo die schottische Königin einer Mitschuld an der Ermordung ihres Ehemanns bezichtigt wird, wird sie jedoch festgenommen und eingesperrt. All ihr Bitten und Flehen auf Befreiung und Gnade bleibt unerhört. Immer zwischen Hoffen und Bangen, Wut, Schmerz und Verzweiflung hin und her gerissen, durchlebt und leidet das Publikum ein Wechselbad der Gefühle mit der Titelheldin „Maria Stuart“ in dem Trauerspiel von Friedrich Schiller, das am vergangenen Sonnabend Premiere hatte in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Aus einem übergroßen, aufklappbaren Reisekoffer, ihrem Gefängnis mit karger Einrichtung, tritt Maria Stuart (stolz, unverzagt und kraftvoll: Karoline Günst) heraus und setzt sich obendrauf, rebellisch, fast übermütig und fragt, ob sie schon verurteilt ist. Ihre Amme (gütig und großherzig: Anke Teickner) beruhigt und tröstet sie und trägt eine Geige mit sich, als wiege sie ein Kind. Die wird Maria später spielen, in Momenten der Liebe und größter Bedrängnis. Drei Musiker (Berthold Bauer, Kevin Knödler und Simeon Hudlet) begleiten außerdem das Geschehen und lockern es abwechslungsreich auf mit Trompete, Kontrabass und Gitarre, mal leise, wehmütig, mal rockig, bluesig und feurig wie Flamencoklänge. Wenn Maria Stuart aufbegehrt und ungeduldig auf und ab gehend auf Königin Elisabeth wartet. Das ist lang, zäh und erfordert viel Zuhör- und Durchhaltevermögen auch von den Zuschauern, bis die Handlung an Spannung gewinnt und die Geschichte einen packt und ergreift. Es wird viel geredet, palavert und gestritten in langen, wortreichen Mono- und Dialogen in dieser dreistündigen Inszenierung unter Regie von Landesbühnenintendant Manuel Schöbel. Maria glaubt an das Gute, Wahre und Schöne bis zuletzt. Doch als lebensfrohe wie gläubige Katholikin ist sie der protestantischen Königin Elisabeth (kühl kalkulierend: Julia Vincze) suspekt. Da die Stuart auch noch selbst den englischen Thron beansprucht, stellt sie eine Gefahr dar für Elisabeth. Ihre Gefolgsleute unternehmen alles für ihren Machterhalt und verfolgen eigene Interessen, die einen mit Intrigen, andere diplomatisch, sachlich oder versuchen Elisabeth von den Vorteilen einer Ehe zu überzeugen.

Das geschieht eindrucksvoll in mal hartnäckigen, trockenen bis witzig-absurden Wortgefechten der Kontrahenten um Elisabeth und Maria, die sich gegenseitig überbieten mit aufgeblasenem Gerede ins Mikro. Die Bühne ist in stimmungsvolles Licht getaucht von nachtblau, tiefrot bis lichtvoll, frühlings- und hoffnungsgrün. Haften bleiben vor allem diese bilderstarken, prägnanten Szenen. Wenn Maria plötzlich ihr Gefängnis einen Moment im Freudentaumel verlässt und neu erblüht. Wenn die Gefolgsleute einen Kreis um Königin Elisabeth bilden, sie schützen und zugleich abschirmen von der Welt draußen, der Wirklichkeit. Allen voran ihr machtgierig, eitler und heuchlerischer Berater, Baron von Burleigh (Alexander Wulke). Er führt einen erbitterten Disput mit Maria Stuart über Recht und Gesetz. Einen Moment später fegt er die Gesetzakte mit dem Schwert vom Pult, trinkt aus einem Zinnbecher, reicht ihr auch einen vermeintlich höflich und schleudert seinen Becher wütend in ihre Richtung. Unerschrocken, besonnen und sachlich versucht Amias Paulet, Ritter und Hüter der Maria (Matthias Avemarg) Unheil von ihr abzuwenden und zu schlichten. Mortimer, sein Neffe (Maximilian Bendl) will hitzköpfig und stur hingegen Maria Stuart gewaltsam befreien. Galant und listig verspricht er bei einer Teestunde mit Elisabeth, die Sache mit der Stuart zu regeln. Dabei hat er ein Attentat auf Elisabeth vor. Robert Dudley, Graf von Leicester (innerlich zerrissen: Moritz Gabriel) warnte ihn davor und verrät ihn.

Leicester, der ehrgeizig-aufstrebende Geliebte der Königin Elisabeth und Ex-Liebhaber von Maria Stuart, will sie retten und spielt mit dem Feuer. Mal trifft er sich heimlich mit Maria, die Geige in der Mitte, nah beieinander, mal steht er im Prunkgemach der Königin und verführt sie. Dann löst Elisabeth ihre kunstvolle Haarkrone, ihr langes, rotes Haar fällt offen herab auf ihr weißes, tief ausgeschnittenes Kleid. Solche Momente, wo sie einfach nur Frau sein kann und dies genießt, sind selten. Sie ist Herrscherin eines Landes, was ihr Herz will und ihre Sorgen, interessieren keinen. Doch sie regiert gern. Schlau und mit scharfer Zunge und Verstand, auch mit Ironie, bietet sie den Männern in Anzügen um sie herum Paroli. In ihrer orangenen, schicken Kostümjacke, die sie lässig und selbstbewusst an- und auszieht, kurz innehält und loslegt zur nächsten Runde im Macht-Spiel, wirkt diese Elisabeth von Julia Vincze wie eine moderne Karrierefrau, entschlossen und energisch.

Spannend die Szene, als die zwei Frauen und Rivalinnen sich dann endlich gegenüberstehen als dramatischer Höhepunkt in Schillers Stück. Denn im echten Leben sind die beiden Königinnen sich nie begegnet. Elisabeth staunt, dass sie keine gramgebeugte Frau vorfindet, sondern Maria Stuart ihr stolz, schön, klug und aufbegehrend gegenübertritt. Sie steht mal zwischen den Pfeilern einer Regalwand, in der Hocke, richtet sich wieder auf und steckt ihren Kopf durch ein Dreieck in der Wand. Geht hindurch und steht in ihrem schwarzen, weiß durchlässigen Kleid im Licht mit dem Rücken zur Wand. Elisabeth in Kostümjacke, Hosen und Stiefeln kommt gerade von der Jagd, sieht neugierig, ergriffen und wütend zugleich auf ihre Gegnerin, die kein bisschen unterwürfig ist und sie herausfordert. Es gibt keine Versöhnung!, ruft die Stuart ihr entgegen. All ihr Zorn und Leidenschaft über die lange Gefangenschaft und Unrecht brechen aus ihr heraus. Maria glaubte, dass sie sich wie zwei Königinnen auf Augenhöhe begegnen könnten. Doch zu viel ist schon geschehen und beide Frauen können nicht an sich halten, keine der anderen trauen oder um Schutz bitten. Das ist die Tragik dieser Geschichte und visionäre Botschaft des Stücks, dass dies eines Tages doch möglich wird, dass zuerst die Herzen und Mitgefühl sprechen statt Gewalt, Gegensätze und Feindseligkeiten.

Es sind zwei starke und verletzliche Frauen in einem ungleichen Kampf, die eine frei, die andere gefangen, im Bannkreis der Macht. Der Preis dafür ist hoch. Maria Stuart bezahlt mit ihrem Leben. Elisabeth unterzeichnet widerwillig das Todesurteil im Zwiespalt aus gekränkter weiblicher Eitelkeit, Eifersucht und Angst um ihre Macht, wird aber zeit ihres Lebens von Zweifeln geplagt ob es die richtige Entscheidung war und sie steht am Ende allein da. „Maria Stuart“ ist ein zeitlos spannendes Stück über Macht und Ohnmacht, Recht und Unrecht, Freiheit, Willkür und Wahrhaftigkeit und Umgang mit dem politischen Gegner. Davon erzählt die anspruchsvolle, bewegende, aber in der Intensität von Bildern und Spiel nicht durchweg schlüssige, ambivalente und durchaus streitbare Aufführung in den Landesbühnen. Viel Beifall bekamen vor allem die beiden Königinnen zur Premiere.

Text (lv)

Nächste Vorstellung: So., 21.1., 19 Uhr in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

http://www.landesbuehnen-sachsen.de


Glanz und Schatten der Macht: Königin Elisabeth (Julia Vincze) und ein vermeintlicher Vertrauter, Mortimer (Maximilian Bendl), der ein Attentat gegen sie plant, um Maria Stuart zu befreien.

Ausstellung „rempe & nagel“ mit Malerei und Zeichnungen in der Stadtgalerie Radebeul


Landschaften in starken Kontrasten und stillem Zwiegespräch: Der Radebeuler Stadtgalerist Alexander Lange und eine Ausstellungsbesucherin.

Landschaften im Wirbel der Zeit

Farb- und zeichenreiche Malerei und Zeichnungen über das Verhältnis von Mensch und Natur zeigt die Ausstellung „rempe & nagel“ in der Stadtgalerie Radebeul.

Weithin weiße, karge Flächen, auf denen in schwarzen Linien umrissen, geisterhaft und geheimnisvoll sich Mensch- und Naturwesen umkreisen, treffen auf farbflirrende, großformatige Waldbilder. Landschaften in starken Kontrasten zueinander zeigt die Ausstellung „rempe & nagel“ mit Malerei und Zeichnungen von Anita Rempe und Maja Nagel in der Stadtgalerie Radebeul, die nach der Weihnachtspause nun wieder offensteht für Besucher. So kurz und bündig der Ausstellungstitel, so eigenständig, konträr, farb- und zeichenreich und doch auch aufeinander Bezug nehmend wirken auch die Arbeiten der beiden Künstlerinnen. „Sie kennen sich schon viele Jahre und stellen hier zum ersten Mal gemeinsam aus. Die sehr unterschiedlichen Handschriften, das stark Farbige und die reduzierte Figur, sind der Reiz dieser Doppelausstellung“, sagt Stadtgalerist Alexander Lange.

Verbindend sei nicht nur ihre künstlerische Arbeit auf Papier und Leinwand, sondern ebenfalls von ihnen gezeichnete und produzierte Animationsfilme. Maja Nagel zeigt ausschließlich Arbeiten in Kohle und Graphit, vorwiegend in schwarz-weiß und Grautönen auf Papier. In knapp prägnanter Formsprache, offen und vieldeutig, mal düster, bedrohlich, einschneidend, mal ironisch, kraftvoll und märchenhaft poetisch stellt Maja Nagel das Verhältnis zwischen Mensch und Natur dar. Ihr zentrales Thema sind das allmähliche Verschwinden von Heimat und Identität in der vom Braunkohlebergbau geschundenen Lausitz in der Nähe ihrer Geburtsstadt Bautzen, die Auswirkungen und das Besinnen auf die Wurzeln. Ihre Bilder geben einen beeindruckenden wie erschreckenden Einblick in eine abgebaggerte, uralte Kulturlandschaft.

Das betrifft besonders zahlreiche Siedlungsgebiete der Sorben. Ein paar Grasbüschel, dunkle Vögel, eine wie Rauch aufsteigende Figur auf einem Baumstumpf und ein Bagger umlagern sich im Titelbild der Ausstellung „schaustellen“ von Maja Nagel. Eine Frau reitet auf einem schweren Stein und hält sich an ihm fest, über ihr ein Greifarm oder Schlinge, in einer Kohlezeichnung von 2022 mit dem Titel „…aufsitzen“. Aussagereich schon die Bildtitel wie „schnell weg“, „immer im wirbel“, „zeitschläge“ und „staubschöne“ aus der Zeichnungserie „na kromje/an der kante“ der sorbischen Künstlerin. Zwei Frauen in sorbischer Tracht, mit weit schwingenden Röcken, Hauben und Rucksäcken auf dem Rücken laufen unter einer schwarzen Sonne durch öde Landschaft. Eine Sorbin steht mit wehenden Bändern in der Erde, die wie schwarze Flügel ihre Schatten hinterlassen.

Eine Frau sucht zwei schwarze Knäuel in den Händen zu entwirren in einer ihrer neuesten Kohlezeichungen von 2023 mit dem Bildtitel „drüberdrunter“. Ein weißer „Engel“ mit schwarz umrandeten Flügeln hängt gleich neben dem Galerieeingang. Maja Nagel hat in Dresden an der Kunsthochschule Malerei und Grafik studiert, hat längere Zeit in Berlin, Dresden und Strehla gelebt und lebt und arbeitet inzwischen auf einem ehemaligen Bauernhof in Eula bei Nossen. Beim Käthe-Kollwitz-Haus in Moritzburg betreut sie seit langem die Grafikwerkstatt. Anita Rempes Ölbilder sind oft expressiv farbig, konkret und abstrahiert. Manchmal schemenhaft wie aus dem Zugfenster fällt der Blick auf rasch vorüberziehende Landschaften, Bäume und Waldlichtungen. Mit Bildtiteln wie „Grüne Fluchtlandschaft“, „Vivaldi“, „Zusammenbruch“, „Ina geht“ und „Waldes-Techno-Mann“.

Ihre Porträts ähneln ausdrucksreichen Gesichts-Landschaften. Die Bilder von Anita Rempe erzählen von Zeit, die fließt, verrinnt oder innehält im Moment. Sie wurde 1965 in Magdeburg geboren, ist studierte Gebrauchsgrafikerin und Illustratorin und arbeitete als freie Trickfilmzeichnerin für TV- und Filmproduktionen. Als Kunsttherapeutin ist Anita Rempe auch in Radebeul tätig. Sie wohnt und arbeitet im Fischerdorf Gauernitz an der Elbe. Ihre Malerei und Maja Nagels Zeichnungen verbindet, das Kostbare, die Urkraft und Fragilität der Natur, nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Ausstellung ist noch bis 21. Januar zu sehen.

Text + Fotos (lv)

Geöffnet: Di, Mo, Do 14 bis 18 Uhr, So 13 bis 17 Uhr


„Ina geht“, Ölbild von Anita Kempe

Ausstellungs-Eröffnung: „Schamotte-Skulptur“ anlässlich 10 Jahre Symposium für Künstlerinnen im Schamottewerk Radeburg, im Einnehmerhaus Freital


„Sitzende“ von Karin Heyne, der Initiatorin des Künstlerinnen-Symposiums im Schamottewerk Radeburg. Von ihr stammen auch die Eule, die Katze mit den gelben Augen und die kleine Liegende.


Neugierig, aufgeweckt und schelmisch: Zur Eule gesellen sich Affen, ein Schafskopf und ein Fisch mit Füßen, die Theresa Wenzel gestaltete.

Fantastische Figurenwelten

Geformt und gebrannt in Schamottestein, formreich und bemalt, figürlich und abstrakt, sorgen die mit viel Liebe, Witz, Fantasie und Feingefühl gestalteten Arbeiten von neun Künstlerinnen für Freude, Staunen, Schmunzeln und Denkanstöße in der Ausstellung „Schamotte-Skulptur“. Zum zehnjährigen Jubiläum des Symposiums für Künstlerinnen im Schamottewerk Radeburg sind sie zu Gast im Einnehmerhaus, Dresdner Straße 2, in Freital.

Die Eröffnung ist am Sonnabend, dem 13. Januar, 15 Uhr. Die Laudatio hält Karin Weber, Musik: Roger Tietke, Saxophon.

Mit dabei sind die Künstlerinnen Katrin Jähne, Sophie Altmann, Christa Donner, Karin Heyne, Gabriele Reinemer, Eva Bröer, Angela Hampel, Theresa Wenzel und Maria Luise Faber.

Text + Fotos (lv)

Mehr Text zur Ausstellung folgt.


Frau mit Herz von Christa Donner.       Kopf von Karin Heyne.
Installation mit Herzen und liegenden Clowns von Angela Hampel. Ruhender Kopf von Angela Hampel.


Sitzende weiblicher Akt und Knieende von Katrin Jähne.Archaische, zeichenreiche, bemalte Objekte von Gabriele Reinemer.
„Gewächs“ nennt Eva Bröer ihr Objekt, das auch an ein Schiff mit herausschauenden Köpfen erinnert. Außerdem zeigt sie eine „Wabe“ und „Zwei“ in Gestalt von Puzzleteilen.


Die Gefäße vorn stammen von Sophie Altmann.

Zu Gast: „Dame in Rot“ auf Schloss Burgk

Das Geheimnis der Dame in Rot

Mit diesem Bild in Anlehnung an ein berühmtes Gemälde von Otto Dix ist die Künstlerin Simone Haack derzeit zu Gast in der Dauerausstellung im Schloss Burgk.

Beide Bilder haben auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Die junge Frau im roten Kunstpelz, dem hochgezogenen Kragen gegen die Kälte, dem kunstvoll hochgesteckten, orangenen Haar, blasser Haut und smaragdgrünen Augen. Mit aufmerksamem, auch etwas herausforderndem Seitenblick schaut sie den Betrachter an. Die „Dame in Rot“ der Künstlerin Simone Haack, die in Berlin lebt und arbeitet, ist derzeit zu Gast in der Dauerausstellung der Städtischen Sammlungen Freital im Schloss Burgk und ein überraschender Blickfang für die Besucher. Das Bild der 45-jährigen Dix-Stipendiatin entstand 2023.

Das sonst an dieser Stelle hängende „Bildnis Rosa Eberl“ ist momentan „unterwegs“. Das Freitaler Otto Dix-Gemälde wird als Leihgabe in der Ausstellung „Dix und die Gegenwart“ in den Deichtorhallen Hamburg noch bis Anfang April gezeigt. Dort wird erstmals das bisher wenig beachtete späte Werk des Künstlers aus der Zeit ab 1933 vorgestellt. Sein „Bildnis Rosa Eberl“ zeigt eine schon reife Dame mit haarfeinem Pelz um die Schultern gelegt, weißer Bluse und einer rosa Tulpe in der Hand auf dem vorwiegend in dunklen Farben gehaltenen Ölbild von 1940. Zu sehen ist die Frau des Kunstsammlers Willy Eberl, mit dem er seit dem Studium befreundet war und der mit seiner Bildersammlung später den Grundstock für die heutigen Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk legte.

In Hamburg hängt das „Bildnis Rosa Eberl“ nun neben Simone Haacks Porträt „Lady in Furs“ (Dame im Pelz) von 2018. Den dort versammelten 43 Dix-Gemälden sind Werke von rund 50 namhaften Gegenwartskünstlern gegenübergestellt wie Marina Abramovic, Georg Baselitz, Martin Eder und Lucian Freud. „So lag es nahe, Simone Haack nach Freital einzuladen, um während der Zeit der Ausleihe des Dix-Werks die Lücke mit ihrer `Dame in Rot`zu füllen“, sagt Kristin Gäbler, Leiterin der Städtischen Sammlungen Freital im Schloss Burgk. Dorthin lud sie am Montagabend zu einem Artist-Talk mit der Künstlerin in Kooperation mit der Galerie Gebrüder Lehmann in Dresden ein, wo weitere Arbeiten von ihr in einer Ausstellung noch bis Sonnabend zu sehen sind. Mit den warmen Rottönen, der Frisur und Eleganz ihrer Erscheinung wirkt das Porträt heutig und nostalgisch zugleich wie aus den Goldenen Zwanzigern entsprungen.

Tatsächlich entstand die „Dame in Rot“ in Anlehnung an Dix` bekanntes und ausdrucksstarkes „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von 1925, das sich im Kunstmuseum Stuttgart befindet. Es gilt als sein bedeutendstes Frauenporträt und zeigt eine hohe, hagere wie verführerisch laszive, biegsame Gestalt im enganliegenden, roten Kleid und kurzen, zurückgekämmten orangenen Locken, weißer Porzellanhaut und schwarz umrandeten, sehnsuchtsvollen Augen. „Simone Haack ist fasziniert von Gesichtern und dem Zusammenspiel von Haut, Haar und Pelz und deren feiner Struktur“, so Kristin Gäbler. Damit hat sie einen eigenen Zugang zu den Bildern des großen Porträtmalers gefunden. Ihre Arbeiten sind ähnlich realitätsnah und stehen außerdem für einen Neuen Magischen Realismus. Während der Zeit ihres Dix-Stipendiums in seiner Geburtsstadt Gera vertiefte Simone Haack ihre malerische Verwandtschaft im Porträt zu Otto Dix. Die „Dame in Rot“ wirkt geheimnisvoll und weckt Neugier in reizvollem vis a vis zu acht Otto-Dix-Gemälden in der Dauerausstellung, darunter sein bewegendes Selbstbildnis als Kriegsgott Mars von 1915 auf das neue Ausstellungsjahr in Schloss Burgk. Im Kabinettraum will Kristin Gäbler auch weiterhin Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zeigen.

Text + Foto (lv)

Öffnungszeiten: Di bis Fr 12 bis 16 Uhr, Sa, So und Feiertag 10 bis 17 Uhr

http://www.freital.de/museum

Premiere „Piaf. Mythos, Rausch und Wirklichkeit“ im Schauspielhaus Dresden

Die Stimme der Liebe

Wie soll man etwas beschreiben, das tief von innen herauskommt?! „Ich singe einfach!“, sagt Edith Piaf lächelnd auf die Frage eines Reporters. Am Anfang der Aufführung ist ihr Gesicht in Großaufnahme auf dem Bühnenvorhang zu sehen. Ob in ihrem Leben Glück oder Unglück überwogen habe? „Das gleicht sich aus“, antwortet  die Sängerin. Sie würde genau dasselbe Leben wieder wählen. Wenn sie nicht Sängerin sein könnte, was wäre sie dann? „Tot“, sagt sie. Auf ihr bewegtes, rastloses Leben mit allen Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten schaut „Piaf – Mythos, Rausch und Wirklichkeit“, ein Theaterabend von Laura Linnenbaum. Die Premiere war im November im Schauspielhaus Dresden. Im Halbdunkel der Bühne geht sie (grandios in der Titelrolle Betty Freudenberg), geplagt von Schmerzen, im weißen Nachthemd umher und mit den Erinnerungen steigen die dunklen Geister der Vergangenheit auf.

„Non, je ne regrette rien“ – Nein, ich bereue nichts!, sagt sie und singt die Piaf am Ende ihres Lebens. Sie liebte ihr schreckliches Leben, die Menschen und ihr Publikum. Und sie sang darüber, sang sich die Seele aus dem Leib und manchmal buchstäblich um ihr Leben. Die Musik, ihre Lieder hielten sie aufrecht. Klein, zart von Gestalt im schlicht schwarzen Kleid und gekräuseltem Haar hält sie sich am Mikro fest und mit ihrer großen, hellen, warmen und tiefen, kraftvollen Stimme verzaubert sie alle. Mit der sie zu Tränen rührt wie in „La vie en rose“, einer Hymne auf das Leben, lebensfroh, mitreißend und wehmütig auch ihre anderen, bekannten Songs wie „Padam… Padam“, „Milord“, „Sous Le Ciel de Paris“, „La Bohème“ oder „Mon Dieu“. Ihr Gesang trägt sie und ihr Publikum fort in eine andere Welt. Voller Träume, Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht, Schmerz und Verzweiflung sind ihre Lieder wie ihr Leben. Mit viel Hingabe, stark und verletzlich, ergreifend, erschütternd und berührend erzählt und spielt Betty Freudenberg markante Stationen aus dem Leben der Piaf. Begleitet wird sie auf einer Drehbühne von vier weiteren Schauspielerinnen und Schauspielern (Jannik Hinsch, Henriette Hölzel, David Kosel und Raiko Küster) und einem Mädchen (Clara Dobberstein), die eindrucksvoll, mit Witz, Charme, Strenge, Esprit, Euphorie und Dramatik, verschiedene Seiten ihres Ich und innere Stimmen der Sängerin zeigen und Menschen, die ihr auf ihrem Weg begegneten. Sie zeigen sie als Kind, als junge Frau, Braut, gefeierte Sängerin ebenso wie Liebende, Manager und Künstlerfreunde. Beeindruckend und bewundernswert, wie die Piaf sich immer wieder aufrafft, selbst antreibt und nie den Glauben an sich verliert. Damit macht sie sich und anderen Mut, nie im Leben aufzugeben. Herzlicher Beifall vom Premierenpublikum.

Text (lv)
Mehr Text zur Aufführung folgt.

Nächste Vorstellungen: 8.1. und 17.1., 19.30 Uhr, Schauspielhaus

http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Zwischen Verzauberung und Verzweiflung: Sie lebte und liebte das Leben pur bis zur Neige mit aller Freude, Traurigkeit und Schmerz. „Die Stimmen vieler singen in mir“, sagte Edith Piaf und diese nehmen facettenreich Gestalt an auf der Bühne. Fotos: Sebastian Hoppe

Lebensfreude & Genuss contra Ignoranz beim Gastspiel „Chocolat“ mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer & Les Manouches Du Tannes im Schauspielhaus Dresden


Unfreiwillige Verführung zu Genuss & Lebensfreude: als krass sittenstrenger, lebensfremder Dorfpfarrer und lebensfrohe Genießerin begeisterte das Schauspieler-Paar Harald Krassnitzer und Ann-Kathrin Kramer, begleitet von beschwingten Klängen von Les Manouches Du Tannes die Zuschauer im Schauspielhaus Dresden. Foto: Gia Carlucci Staufer

Genuss für Geist und Sinne

Ebenso reiz- wie spannungsvoll im Wechsel von Lebenslust, Streit über Moral und Werte, Humor und Gänsehaut und beschwingt-fröhlichen Klängen kam „Chocolat“ nach dem Roman von Joanne Harris in einer Aufführung mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer und den Musikern von Les Manouches Du Tannes auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden.

Schon das Wort klingt verlockend. Es zerschmilzt auf der Zunge wie die Süßigkeit. Sie löst nachweislich Glückshormone und Wohlbefinden aus. Wer wollte ernsthaft etwas dagegen haben?! Doch ausgerechnet im Heimatland von Genuss und feinem Geschmack, in einem kleinen Ort in Frankreich, sorgen die kleinen Schokoladen-Köstlichkeiten für Aufregung, Argwohn, Anfeindung und Turbulenzen. Dabei geht es um weit mehr als nur um „Chocolat“ im Roman von Joanne Harris aus dem Jahr 1959, der als sinnebetörende Romantikkomödie und Märchen für Erwachsene unter Regie von Lasse Hallström im Jahr 2000 ein großer Kinoerfolg war. Mit Juliette Binoche in der Hauptrolle der jungen, alleinerziehenden Mutter, die auf dem Kirchplatz eines südfranzösischen Dorfes in einem leerstehenden, verfallenen Haus eine Patisserie eröffnet, einen kleinen Tempel für feinste Schokoladen. Und damit auf Missfallen beim Dorfpfarrer stößt, der alles unternimmt, ihre Chocolaterie zu verbieten und sie wieder aus dem Ort zu vertreiben.

Eine ebenso reizvolle wie heikle Geschichte mit Blick auf aktuelle Konflikte in der Welt, wo Ablehnung, Ausgrenzung, Hass und Gewalt gegenüber anderen Kulturen und Lebensvorstellungen zunehmen und der Sinn für Schönes, Verbindendes verlorengeht bzw. leidet. Am Neujahrstag kam „Chocolat“ nun als Gastspiel mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer sowie Les Manouches Du Tannes auf die Bühne im nahezu ausverkauften Schauspielhaus Dresden. Manche hatten sicher noch den in sinnlichen Bildern schwelgenden Kinofilm „Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“ vor Augen. Ein Wagnis also für das Schauspieler-Paar Kramer und Harald Krassnitzer, die vor allem auf die Lust und Kraft der Worte, wandlungsreiches Spiel der verschiedenen Figuren mittels Stimme setzten und großartig begleitet wurden mit Musik im Stil des Sinto-Gitarristen Django Reinhardt mit mal beschwingten, fröhlichen, sanften, leisen und wehmütigen Klängen des Musikerquartetts um den Akkordeonisten Valentin Butt und den Geiger Roland Satterwhite.   

Die Geschichte gewinnt sogar an Spannung, Dramatik und Biss, da das Schauspieler-Duo sich ganz auf die gegensätzlichen Lebensweisen, Ansichten und Eigenarten der zwei im Mittelpunkt stehenden Figuren konzentriert. Vor sparsamer Kulisse, einem zwischen Chocolaterie und sakralem Kirchenraum hin und her wechselnden Bühnenbild und bunten Lämpchen bei den Musikern, spielt Ann-Kathrin Kramer die selbstbewusste, lebensfrohe Genießerin Vianne Rocher freundlich-gelassen, mit sanfter Stimme und bezauberndem Lächeln, so dass auch der Dorfpfarrer hin und her gerissen ist zwischen ihrer Ausstrahlung und verhexter Verführung mit ihren Schokoladen. Im Film ist es allerdings nicht der Dorfpfarrer, sondern der erzkonservative, sittenstrenge und asketische Bürgermeister Comte de Reynaud, der die Geschicke im Ort lenkt und die Bewohner in seinem Sinne versucht zu beeinflussen. Harald Krassnitzer spielt den Moralapostel zwischen Humor und Gänsehaut grotesk überzogen, wetternd und wutschnaubend, buchstäblich krass überall Laster und Verfall von Bräuchen und Werten witternd und dann wieder wehleidig und verbittert an sich und der Welt leidend. Da Vianne ihren Laden während der Fastenzeit eröffnet, nicht in die Kirche geht und alleinerziehende Mutter ist, offen und frei heraus lebt und mit ihrer herzlichen Art auch noch andere Dorfbewohner ansteckt, sieht er sie zunehmend als Widersacherin.

Über die Hintergründe der beiden derart konträr aufeinander treffenden Figuren erfährt man in dieser Aufführung leider wenig. So wirkt die Schärfe der Streitigkeiten teils übertrieben, altbacken, platt bis unverständlich. Der Gipfel der Unmoral ist für ihn erreicht, als ausgerechnet am „höchsten kirchlichen Feiertag, am Ostersonntag“ ein großes Schokoladenfest im Dorf stattfinden soll. Ostern sei doch ein Fest der Freude und was an Schokolade so schlimm sei?!, fragt Vianne den Dorfpfarrer heiter-spöttisch und fügt hinzu: „In diesem Ort ist genug Platz für uns beide!“ 

Doch die alte, noch immer lebenslustige Armande und Stammgast in Viannes Chocolaterie, weiß es besser: „Sie vertreiben jeden, der ihnen nicht passt! Passen Sie auf!“, rät sie Vianne. Das Geschehen eskaliert bei einer Geburtstagsfeier der alten Dame, die sie mit ihren Gästen am Fluss Tannes zusammen mit einer Gruppe Umherreisender ausklingen lässt. Dort verliebt sich Vianne in den Zigeuner Roux, den Johnny Depp im Kinofilm „Chocolat“ spielt, der als Figur gar nicht vorkommt in der Bühnenfassung, obwohl dies die Geschichte zusätzlich anheizt. Nachts geht ein Boot von ihnen in Flammen auf, inmitten der im Nachtblau gelb tanzenden Lichter und noch eben fröhlicher Musik. Doch es kommt noch ärger und tragikomischer. Der Dorfpfarrer fühlt sich als Versager, da er die Ehe von Josephine und ihrem prügelnden und trinkenden Ehemann nicht retten kann und bricht wütend, da sie jetzt bei Vianne untergekommen ist, nachts in ihren Laden ein und richtet eine Verwüstung an. Doch stärker als sein Groll ist die Intensität des Duftes und Aromas all der süßen Köstlichkeiten, die ihn überwältigen und hemmungslos kostet er die „verbotenen Früchte“. Köstlich Krassnitzers Schilderung der Szene im Schokoladenrausch, angewidert, verstört, schwärmerisch und begeistert zugleich mit spitzem Mund. Glückselig, schlafend und mit schokoladenverschmiertem Mund in den Auslagen im Schaufenster findet Vianne ihn am nächsten Morgen und weckt ihn.

Sie betrachtet ihn mit gütigem Lächeln und beim großen Schokoladenfest am Schluss wagen der Dorfpfarrer und die charmante Genießerin gar noch ein Tänzchen miteinander zu fröhlich-unbeschwerter Caféhaus-Musik. Zwei wie Feuer und Wasser. Kann das gut gehen?! Zumindest ist es ein leises Hoffnungszeichen für mehr Offenheit, Toleranz und Mitgefühl in einer Welt voller Gegensätze, in der es noch viele Orte gibt, die darauf warten, dass der Wind sich dreht und in der auch Wohlhabende bedürftig sein können. Viel Beifall vom Publikum gab es für dieses sanft, feinsinnig und nachdenklich die Sinne kitzelnde Theatererlebnis.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Lyrik zum Jahresausklang: Lebkuchenliebe & Auf dem Weg & Traumfänger

Lebkuchenliebe
(Für A.)

Der Lebkuchenmann aus
deinem Weihnachtspaket
mit einem Herz über dem Auge
lacht mich an
eine Hand fiel schon ab
lacht und will mir Freude
schenken
mag nicht an sein Ende
denken
seh ihn mir immer
wieder an
vielleicht kommt eine neue Liebe
angeflogen
der Lebkuchenmann erinnert
mich daran

LV
29.12.2023

Auf dem Weg
(Für Lola)

Weit draußen gewartet
den Wind im Gesicht
auf diesen Moment
das Lichtermeer hoch über der Stadt
überall Sterne in den Fenstern
und Hauseingängen
und Lichterbäume
mein Weg führt zu Dir
mein Licht tief in der Erde
und nahe bei mir
eingepflanzt zu den roten Blüten
Hyazinthen noch von Blättern
umschlossen die Knospen
in der Wintererde
trägt mich meine Liebe
weiter das ewige Wachse
und Werde

LV
29.12.2023


Auf ein Neues in Freude & Fülle! Allen. die hier lesen…

Traumfänger

Von den Leinen der Traumakrobaten
losgelassen steigen sie in den Himmel
durchsichtig glasklar oder schillernd bunt
langgezogen und kugelrund
Kinder strecken ihre Hände aus
und wollen sie fangen eine Welt für sich
ein Junge wirft sein Stofftier hoch
über einer Seifenblase fliegt es
und fängt es wieder auf
die bunten Blasen schweben weiter
zu den Sandsteinheiligen an der Hofkirche
ein paar winzige Ballons stoßen mich an
fast unbemerkt lautlos
verschwinden sie
wie Träume nach dem Aufwachen
und waren doch da

LV
1.1.2024

     

Texte + Fotos: Lilli Vostry

BilderAlbum & Lyrik: Hochwasser in Dresden & Überfließen

Überfließen

Der Fluss steigt an Land
alle Grenzen verfließen
aus Wasser Wiese Sand gezogene
neue Uferlinien
Unrat Schwemmholz und abendlicher Sonnenglanz in
Sichtweite eine Bank steht festgewurzelt im Wasser
ganz allein
ein Mann setzt alle Hebel in Bewegung
klettert mit Stock über ein Brett auf eine Bankinsel
erhebt sich über das Wasser und posiert wie ein Held
mit Frau und Kindern fürs Familienfoto
Schwärme dunkler Vögel ziehen kreischend über ihnen
über den Fluss hinweg

LV
28.12.2023

Text + Fotos (lv)

Die Fotos vom Hochwasser an der Elbe in Dresden sind am 28.12.2023 aufgenommen.

 

 

Poesie-Briefe von Max Prosa & Neues Gedicht-Abo für 2024

Briefe, die das Leben schreibt

Der Berliner Singer und Songwriter Max Prosa schreibt und verschickt seit acht Jahren monatlich Poesie-Briefe, die inzwischen auch in einem Buch versammelt erschienen sind. Das Gedichtabo für 2024 ist noch bis 31.12.2023 bei ihm bestellbar.

Der letzte Brief von Max Prosa in diesem Jahr kam zwei Tage vor Weihnachten an. Der November-Brief von ihm lag schon geöffnet auf dem Küchentisch. Als kleine Überraschung sozusagen. Irgendwann nach Mitternacht am Weihnachtsabend war es dann soweit. In der stillen, heiligen Nacht, von Kerzenlicht erhellt, saß und las ich am Stubentisch den Dezember-Brief und dazu ein neues Gedicht von Max Prosa. „Friedensmacht“ heißt es und benennt, was die Menschen sich überall auf der Welt dieser Tage wohl am meisten wünschen. Es gehört zum Schönsten und Berührendsten, was ich dieses Jahr von Max Prosa lesen konnte. Daher steht es am Ende dieses Textes.

In seinem Brief schreibt er, dass viele seiner Leser sich das Positive wünschen. Das ist verständlich. Auch dieses Gedicht sei davon geprägt. „Nach einem Jahr wie diesem scheint es auf den ersten Blick schwer, darin wahrhaftig zu sein“ schreibt er. „Aber dann schaue ich weiter danach und erkenne etwas, trotz oder gerade wegen der schlechten Nachrichten.“ Diese Offenheit, Ehrlichkeit, Einblicke ins Innere, in kreative Schaffensprozesse, auch Selbst nicht Weiterwissen und doch immer Weitergehen, Suchen und Finden von neuen Ideen, Wegen und Möglichkeiten, mag ich an den Poesie-Briefen von Max Prosa. Sie machen neugierig, sprechen etwas aus, das man für sich weiterdenken, weiter träumen oder sich davon anregen lassen kann. Man spürt, da ist Einer, der sagt, schreibt und singt, was ihm auf der Zunge und am Herzen liegt.

In seinen Poesie-Briefen erzählt Max Prosa auch von neuen Musikprojekten, Reisen und Begegnungen mit anderen MusikerInnen und Kreativen, dem Zusammen Schöpferisch sein z.B. mit ein paar Freunden in einem Landhaus in der Lüneburger Heide sieben Tage zusammen leben und arbeiten. Gemeinsam starteten sie in die Tage, kochten füreinander und schrieben Lieder. Danach wieder der Alltag und das Alleinsein in seiner Berliner Wohnung fielen nicht leicht. Dann kam das Gedichtabo dran und das Wissen, dass da draußen ein Kreis von Menschen ist, die sein Tun begleiten und in den er seine Worte nun wieder geben kann, erfüllt ihn mit Dankbarkeit und spornt ihn selbst immer wieder an zu Neuem.

Das Gedichtabo von Max Prosa gibt es seit nunmehr acht Jahren. Rund 40 000 Briefe seien schätzungsweise im Laufe der Zeit versendet worden, so der Berliner Singer und Songwriter und Autor. Dabei steht ihm ein tatkräftiges Team zur Seite, darunter eine Grafikerin, die Bilder zu den Texten beisteuert, ein Lektorat, Helfer beim Briefe packen und eine Berliner Druckerei. Es sei ihnen allen eine Freude, die BriefempfängerInnen durchs Jahr begleiten zu dürfen. Außerdem sind die Briefe und Gedichte der Jahre 2015 bis 2023 gesammelt in dem Buch „Als wir ein Sternbild waren“ unlängst erschienen. Die erste Auflage ist schon vergriffen und weitere Buchexemplare gehen in Druck im neuen Jahr. Das Gedichtabo trägt also Früchte. Mit dem Buch geht Max Prosa auch auf Lesereise. Neue Konzerte und ein Album „Totgesagte Welt“ mit Songs zusammen mit dem Musiker Sascha Stiehler und dem Sänger Egon Werler sind in Vorbereitung. Außerdem hat Max Prosa zwei Songs für den Kinofilm mit Hannah Herzsprung geschrieben und geht mit ihr auf Kinotour.

„Das Schreiben eines Briefes ist ein magischer Akt, der die Gedanken ordnet und dem Schreibenden selbst Zusammenhänge aufzeigt, von denen er oder sie im Anschluss profitiert“, schreibt Max Prosa im November-Brief. Er freut sich ebenso über Post und über inspirierende Briefe an ihn zurück. Seine Adresse steht immer auf dem Umschlag. Wer also die Poesie-Briefe lesen und schreiben möchte, was ihn oder sie bewegt, ist herzlich dazu eingeladen.
Das neue Gedichtabo von Max Prosa für 2024 kann noch bis 31.12.2023 bestellt werden per e-mail auf seiner Webseite: http://www.maxprosa.de/gedichtabo

Text + Fotos (lv)