Beim Bau des Sound-Koffers für die Ausstellung: Helfer Justus Erhard
Lebendig Zeitgeschichte vermitteln will Reinhard Zabka, der künstlerische Leiter von
„Interieur Underground“

Sensationeller Fund 

Ein neuer Ausstellungsraum in der Dauerausstellung im Lügenmuseum Radebeul entführt in die konspirative Künstlerszene der DDR. Die Eröffnung wird am 9. Dezember, ab 18 Uhr gefeiert. 

Im April 1992 ahnte niemand, dass der Anruf des Künstlers Albrecht Hillemann aus Erfurt einen sensationellen Fund zu Tage bringen würde. In der Taubengasse in Erfurt wurde ein verfallenes barockes Haus saniert. Welch eine Überraschung, die Sanierung legte im Dachquartier eine übertapezierte Tür frei. Dahinter lag ein geheimer Raum, verstaubte Möbel und nicht genau zu bestimmende Kunstwerke. Alles musste geräumt werden. Das Erfurter Stadtmuseum lehnte ab. Das Lügenmuseum war interessiert, weil in den 1970er Jahren Albrecht Hillemann und Reinhard Zabka in der Backstube des besetzten Hauses ein Atelier bezogen hatten.

Drei Stockwerke auf steilen Holzstiegen empor, ganz oben dann Ausblicke auf das Augustinerkloster und die Mühle an der Gera. In dem Raum hatte zuletzt ein Künstler gewirkt, das war auf den ersten Blick klar. Die Wände voller Kunst, die Bücher in graues Packpapier eingebunden. Die Kunstgegenstände stellten wir an die Wand, um sie zu begutachten. Alles wirkte wie eine Zeitreportage in Form von Skizzen, Objekten und Experimenten. Spiegelbild einer schwierigen Zeit, eine Episode aus Erfurts Kultur im Verborgenen der 1970er Jahre.

Die Ansammlung wurde ins Lügenmuseum transportiert, entstaubt und eingelagert. Die Namen der Künstler waren unbekannt, nichts war signiert. Es gab Umzüge, zuletzt 2012 in den Gasthof Serkowitz. Doch die Erfurter Sammlung blieb in groben Zügen erhalten. 25 Jahre nach dem Fund erhielt das Lügenmuseum eine Förderung der Bundesstiftung Aufarbeitung. Dies gab uns die Mittel, diese Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie neu zu entdeckten. Was da unter dem sozialistischen Schubladenbegriff „Volkskünstlerisches Schaffen“  firmieren musste, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ernstzunehmender Aufbruch, der keinerlei Vergleiche scheuen brauchte. Was da fast vergessen in einer Dachkammer ruhte, steht heute stellvertretend für die schöpferische, vielseitige, eher im Stillen gewachsene und sich um keine Modeströmung scherende künstlerische Vitalität von Künstlern im Untergrund der DDR.

Die Geschichte dieser konspirativen Kunstsammlung wird nun als Interieur Underground im Lügenmuseum präsentiert. Der Zugang erfolgt im siebenten Ausstellungsraum durch eine schmale Pforte hinter einem Bücherregal in das nachgebaute, konspirative Hinterzimmer. Zum Ausstellungsraum gibt es einen Katalog mit ’89 Geschichten: Künstler dieser Zeit erzählen an Hand von Alltagsdingen über Ausgrenzung und Verfolgung. 10 aktuelle Künstlerplakate können als Wanderausstellung ausgeliehen werden. Gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung und den Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Träger ist der Kunst der Lüge e. V.

Text: Reinhard Zabka

Fotos (lv)

http://kunst-der-luege.de/


Miezi hält die Stellung

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