Foto: Hans-Ludwig Böhme

Auf der Suche nach einem schönen Ort

Die Kabarettisten Nancy Spiller und Alexander Pluquett zeigen spielfreudig in bissig satirischen Texten von Philipp Schaller echte und scheinheilige Betroffenheit über soziale Not und Unrecht im Programm „Betreutes Denken“ in der Herkuleskeule im Kulturpalast.

Sind sie nun Traumreisende, Flüchtende oder unverdrossene Neuland-Entdecker? Mit Fanfarenklängen aus der Trompete und Fernrohr halten die zwei Kabarettisten Nancy Spiller und Alexander Pluquett vom weißen Bug eines Dampfers Ausschau nach einem Ort, wo es schön ist. „Schöne Menschen, die viel lachen, die aber wirklich etwas verändern wollen. Da will ich hin…“, erklären sie zu Beginn ihres Programms “Betreutes Denken“. Es vereint die besten Texte von Philipp Schaller und Lieder u.a. von Funny van Dannen, Stefan Klucke und Georg Kreisler. Die Premiere war am Donnerstag abend in der Herkuleskeule.

Andere liefern die Munition, die beiden streiten mit den Waffen des Humors. Sie wollen dem Wahnsinn unserer Zeit, der täglichen Informationsflut im Internet und den immer neuen Krisenherden in der Welt entkommen und fragen, worüber man denn überhaupt noch lachen kann und darf?! Humor soll nicht ausgrenzen, niemandem wehtun… Doch dann wäre das Kabarett zahnlos und überflüssig. So wird in diesem ebenso spielfreudigen wie bissig satirischen Programm kein aktuelles Zeitthema noch Tabu ausgelassen unter Regie von Mario Grünewald. Die Witze machen weder vor Schwaben, Sachsen, Polen, Frauen, Juden oder Behinderten noch den Kabarettisten selbst halt. Es finden sich auch immer ein paar Zuschauer, die über „unmögliche“ Witze lachen, stellt Nancy Spiller fest. Während Alexander Pluquett mitfühlend einen ernst dreinschauenden Mann, Uwe umarmt: „Besser?!“

In schnellem Rollenwechsel und stimmungsreich von Schlager- bis zackigen Tangoklängen begleitet am Piano von Thomas Wand im bunten Hawaianzug, zeigt das Kabarettisten-Duo echte und scheinheilige Betroffenheit über soziale Not, Unrecht und Leid hierzulande und in der Welt. Als reiches Paar bei einer Charity-Veranstaltung „Promis gegen Hunger“ reden sie zuerst salbungsvoll wie vor einer Kamera und dann Klartext über die armselige, innere Leere überdeckende Maskerade. Als Volksliedstars Marianne und Michael mit Leuchtmikros nehmen sie sarkastisch deutsche Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und Spendenaktionen von deutschen Unternehmen, die von Kinderarbeit in Indien, Afghanistan und Afrika profitieren, auf die Schippe. Sie ernten außerdem viel Beifall für ihre Satire über zwei abgestumpft-behäbige Bereitschaftspolizisten, die aufklären über eine Kampagne „Sachsen gegen Rechts – aber richtig!“ und „Selbstüberwachung“ von den Protestierern fordern. Komisch-absurd die Szene über die vertagte Lust auf Kinderwunsch mit Eltern im Pflegealter dank „Social Freezing“, Eizellen einfrieren. Wortakrobatisch, rasant und immer unsinniger und undurchsichtiger werden der Kreislauf von Geld und Besitz, Haben, Kennen und Brauchen hin und her gedreht.

Statt im besungenen Sehnsuchtsort Samoa landen die Kabarettisten als Touristen irgendwo am Mittelmeer, wo eine rätselhafte „schwarze Wand“, ein Tsunami, Atompilz oder Massen von Flüchtlingen immer näher rücken. Und sorgen sich: „Wenn die nun mit uns machen, was wir mit denen machen?!“ Viel Beifall für einen den Sinn für das Schöne, Echte schärfenden Theaterabend. Es ist auch eine Rückkehr von Philipp Schaller an seinen Ursprungsort als Kabarettautor, den sein Vater Wolfgang Schaller auf der Bühne mit offenen Armen empfing. In der Herkuleskeule wird der Sohn des bis vor kurzem künstlerischen Leiters auch mit seinem Soloabend „Mit vollen Hosen sitzt man weicher“ am 14. Mai zu Gast sein.

Text (lv)

P.S.: Ein Dankeschön an Rita Gretschel die mir ihren Stift lieh, wer weiß was sonst aus diesem Text geworden wäre…

http://www.herkuleskeule.de

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