Foto: Hans-Ludwig Böhme

„Wir schenken der Welt eine Schönheits-OP!“

Voller Witz und Widersinn, Lust und Frust streiten und parodieren Birgit Schaller, Hannes Sell und Jürgen Stegmann all die täglichen großen und kleinen Katastrophen in Politik und Privatem im neuen Programm „Freibier für alle“ im Kabarettkeller Herkuleskeule im Kulturpalast.

Ist die Welt noch zu retten? In einer Zeit, wo das Wetter immer verrückter spielt, ganze Landstriche veröden und mit ihren die Menschen, weil es dort nichts mehr gibt. Sogar „Freibier wird teurer“! Komische Aussichten, so der Untertitel, und Gründe zum Aufregen, Streiten und Wundern gibt es also reichlich im neuen Programm des Kabaretts Herkuleskeule im Kulturpalast, das am Donnerstag Abend Premiere feierte.

Da wird die Bühne zur Kneipe und umgekehrt, in der die verschiedensten Typen und Meinungen aufeinander prallen in bekannten und neuen Texten von Autor und Produzent Wolfgang Schaller und vielen anderen Autoren in der Regie von Matthias Nagatis. In den Szenen, Liedern und Tanzeinlagen wechseln Katastrophen und Unterhaltung, Politik und persönliche Haltung, Lust und Frust, Albernes und Berührendes voller Witz und Widersinn, mit der Themenfülle und dem schnelllebigem Zeitgeist ringend. Da geht allerdings manche Feinheit und Pointe im temporeichen Wortwechsel verloren.

Mit und ohne Bierflasche, aufgespanntem Regenschirm für alle Fälle und Zeitung in der Hand, streiten und parodieren die Vollblutkabarettistin Birgit Schaller, ihr junger, sehr agiler Kollege Hannes Sell und Schauspieler Jürgen Stegmann, der erstmals auf der Herkuleskeulbühne steht, mal derb-komisch bis geschliffen satirisch über alte und neue Feindbilder in Ost und West, Wohlstandsmüll und geistige Armut, Angst vor Terror, Fitness- und Selbstoptimierungswahn, Wahrheit und Lüge in Politik, Medien und sozialen Netzwerken. Die Kabarettisten animieren die Zuschauer zum Mitsingen, im Kanon schmettern sie zusammen: „Allen geht es gut, aber allen geht es schlecht. Keiner weiß Bescheid, aber alle haben recht.“ Und sie werden klangreich, von Schlager über Tango bis Rap, begleitet von den Musikern Jens Wagner und Volker Fiebig an Klavier, Saxofon, Geige und Akkordeon. Da fragt Birgit Schaller die
Zuschauer, ob sie noch Kästner kennen. Nein, nicht den gleichnamigen
Kondomversand! Schön auch, wie sie einen übereifrigen Polizisten im Antiterroreinsatz (Sell) mit ihren weiblichen Waffen abblitzen lässt. Verrucht und krass nimmt sie frei nach dem Brecht-Song „Nur keine Scham, Johnny!“ hemmungslose Gier nach Barem aufs Korn und fragt mit einem Ohrwurm von Helga Hahnemann: „Wo sind die Taler geblieben…“

Zu Herzen gehen auch Schallers Auftritte als erzgebirgische Klöpplerin, die die moderne Welt nicht versteht und ihre poesievoll-clowneske Bewunderung für den Erd-Luftballon, den sie hält und düsterem Zukunftsszenario mit fühllosen Robotern. „Am besten, wir schenken der ganzen Welt eine Schönheits-OP“, überlegt Jürgen Stegmann. Er sorgt mit trockenem Humor als gemütlich waschechter Sachse, aberwitzig spekulierender „Islamexperte“ im Stil von Loriot und als wiederauferstandener, abgeklärter Jesus mit Dornenkrone für viele Lacher. Als Überraschung zum Schluss begeistern zwei Breakdancer, Thomas und Patrick von den „Beat fanatics“ kraftvoll-bewegungsreich, auf und ab über den Boden wirbelnd, immer wieder aufstehend. Reichlich Beifall für einen wunderbar lebensprallen Abend.

Text (lv)

http://www.herkuleskeule.de

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