Die Gewinner des Preises der Jury 2018: das Ensemble Animal Architecte und Staatsschauspiel-Intendant Joachim Klement im Hintergrund (hintere Reihe re.)
Foto: Sebastian Hoppe

Vom rätselhaften Versuch etwas festzuhalten

Für seine szenische Reflexion über den flüchtigen Moment und wie wir ihn bewahren können, erhielt das Ensemble Animal Architecte den Preis der Jury und den Publikumspreis als beste Inszenierung beim Festival für junge Regie, Fast Forward in Dresden.

Am letzten Tag des europäischen Festivals für junge Regie, Fast Forward, fand am 18. November die Preisverleihung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden statt. Die Jury verlieh bei der achten Ausgabe des Festivals den Fast Forward Preis der Jury 2018 an „Durée d’exposition. Un spectacle hybride de Animal Architecte”. 

Konzept und Regie stammen von Camille Dagen. Zusammen mit ihrem 2017 gegründeten Ensemble Animal Architecte verwandelt sie den fotografischen Prozess der Belichtungszeit auf der Bühne zu einem poetischen und philosophischen Spiel um Präsenz und Wirklichkeit, Gedanke und Gefühl, Ordnung und Poesie. Im Labor der empfindlichen Oberflächen entstehen zarte und verblüffende, extrovertierte wie introvertierte Momente um den rätselhaften Versuch, etwas festzuhalten.

Der Preis der Jury des europäischen Festivals für junge Regie Fast Forward besteht in einer Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden.

Die Begründung der international besetzen Jury, der in diesem Jahr Isla Aguilar, Barbara Burckhardt, Paweł Łysak  und Joachim Klement angehören: „‘Dureé d’exposition‘ von Animal Architecte ist eine szenische Reflektion über den flüchtigen Moment – über all das, was vergeht: die Zeit, das Theater. Das Leben. Das wir so oft vergessen hinter unseren Bildschirmen, in unserer Zukunftsfixiertheit.

Wie finden wir sie wieder,  die Gegenwart, in der wir leben? „Be here“ ist das Motto des Abends, an diesem einen Ort, mit diesen beiden wunderbaren Schauspielern ihrer selbst,  Helène Morelli und Thomas Mardell. Ein Performer, der nicht singen kann, dafür aber Schnürsenkel mit einer Hand zusammenbinden, eine Performerin, die nicht auf Befehl weinen kann oder sich ausziehen will, dafür aber singen kann, und wie!

Es gibt Begrenzungen. Sie setzen den Rahmen, wie bei jedem Foto, diesem Ausschnitt von Welt, der versucht, den Moment für immer zu fixieren. Die Wahrheit des Moments aber liegt in jenem Dazwischen, das in der analogen Fotografie „Belichtungszeit“, Durée d’exposition, heißt: bevor das Bild sichtbar wird im Fixierbad.

Zehn Stationen zur Entstehung eines guten analogen Fotos verwandelt Camille Dagen in szenische Momente, die konkret werden, als das Thema gesetzt ist, der Auslöser gedrückt: Trennung. Mit Racine dürfen wir in den klassischen Kanon eintauchen, mit Céline Dion in die Schmerzen der Populärkultur. Die Performer können und dürfen sie selber sein und eine Rolle spielen, hineinfallen und sich herausschälen.

Camille Dagen, die 26-jährige Regisseurin, die auch Tanz und Schauspiel, Literatur und Philosophie in Paris und Straßburg studiert hat und uns hier ihre erste Arbeit nach dem Studium gezeigt hat, bündelt in ihrem „Hybriden Spektakel“ viele Kompetenzen. Eine kluge dramaturgische Setzung und die Lust an vielen Facetten des zeitgenössischen Theaters von der Lecture Performance  bis zur Einbeziehung des Zuschauers, vom Minimal Acting zur großen Geste, von E bis U schenken uns kostbare Momente im Hier und Jetzt.

Der letzte Schritt aber, die Verwandlung des latenten Bildes in das sichtbare, fällt aus. Die Performer schütten das Fixierbad über ihren Köpfen aus. Entwickeln müssen wir das Bild selber. Es ist in unseren Köpfen, in jedem vielleicht ein anderes. Nur dort lässt er sich festhalten, der flüchtige (Theater-)Moment, den diese Inszenierung feiert.“

Auch die Besucherinnen und Besucher waren eingeladen, ihren Festival-Favoriten zu küren. Der Gewinner des Publikumspreis 2018 ist ebenfalls die Inszenierung  „Durée d’exposition. Un spectacle hybride de Animal Architecte”.

Mit der Preisverleihung am 18. November endete die zweite Dresdner Ausgabe von Fast Forward. Vier Tage und Nächte war das Publikum zu Theater, Künstlergesprächen und Party ins Staatsschauspiel Dresden eingeladen. Das Programm 2018 wurde von Charlotte Orti von Havranek kuratiert.

Neue Inszenierungen von „Fast Forward“-Gewinnern

In der Spielzeit 2018/2019 sind am Staatsschauspiel Dresden mehrere Produktionen ehemaliger „Fast Forward“-Gewinner*innen zu sehen. „Operation Kamen“ in der Regie von Florian Fischer feierte seine Uraufführung am 20. Oktober 2018, es werden die Premiere von „Kabale und Liebe“ in der Regie von Data Tavadze am 9. Februar 2019 und die Uraufführung von  „In meinem Namen“ in der Regie von Wojtek Ziemilski am 6. April 2019 folgen.

Im Rahmenprogramm, das u. a. Studierende verschiedener europäischer Theaterhochschulen nach Dresden einlädt, kooperierte „Fast Forward“ mit dem Studiengang Bühnen- und Kostümbild der Hochschule für Bildende Künste Dresden, welcher auch für die Ausgestaltung des Festivalzentrums verantwortlich zeichnete. Zwei der acht Festival-Gastspiele wurden im Labortheater der HfBK in der Güntzstraße gezeigt. Weitere Spielstätten waren neben dem Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, das zugleich Festivalzentrum war, Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste und Semper Zwei der Semperoper.

Text: Gertrud Aringer/Staatsschauspiel Dresden

www.staatsschauspiel-dresden.de

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