Mit der Schwalbe, Kassettenrekorder und heißer Ostmusik durch die Zeit vor und nach dem Mauerfall brausen die jungen Darsteller im Stück „Die Legende vom heissen Sommer“ im Boulevardtheater Dresden. Kultverdächtig!
Fotos: Robert Jentzsch

Zündende musikalische Zeitreise mit viel Ost-Feeling

Ostmusik hat eine besondere Aura, da unter besonderen Umständen entstanden. Sie ist und bleibt unverwüstlich, lebendig, Herz und Geist gleichermaßen berührend. Zu erleben im Stück „Die Legende vom heissen Sommer“ im Boulevardtheater Dresden.

Ein Koffer mit persönlichen Erinnerungsstücken, ein Liebesbrief, Schlafsack und Filmplakate aus zwei legendären Defa-Filmen wecken Erinnerungen und sind die zündenden Zutaten im Stück „Die Legende vom heissen Sommer“ von Michael Kuhn und E.B. Marol. Die Aufführung vereint grandios die 50 größten Amiga-Hits aller Zeiten. Die Premiere war am Sonntagabend im Boulevardtheater Dresden.

Vor der Kulisse einer Kirche mit hohen, regenbogenbunten Fenstern probt eine junge Band. Der umtriebige John (Andreas Köhler), Sohn des ehemaligen Amiga-Produzenten, plant eine Konzerttournee, um das historische Ereignis 30 Jahre Mauerfall und gleichzeitig den Sound des Ostens zu feiern. Für einigen Wirbel sorgt Sängerin Nina (kess-selbstbewusst: Katharina Eirich), die unerwartet aus Hamburg auftaucht, weder Ernst Thälmann noch einen einzigen Osthit kennt, aber im heissen Sommer `89 gezeugt wurde. Neben dem coolen John ist auch der schüchterne Bandleader Richi (Janis Masino) in Nina verliebt, was zu Spannungen führt, so dass das Konzert beinahe platzt.

Liebessongs und echtes Leben kommen sich während der Konzertproben gefühlreich in die Quere, nebenbei werden Ost-West-Klischees humorvoll auf die Schippe genommen in dieser wunderbaren musikalischen Zeitreise unter Regie von Olaf Becker, die Musik kuratierte Jörg Stempel, der letzte Amiga-Chef. Mittendrin im Publikum saßen viele bekannte Ostmusiker, eine Reihe vor mir Dieter „Maschine Birr“ von den Puhdys, neben ihm Jäcki Reznicek, Bassist auch bei „Silly,“ in der Reihe neben mir Wolfgang Ziegler, Petra Zieger, Angelika Mann…

„Tourneemutti“ Helga in Blümchenschürze (trocken humorvoll: Julia Henke bei ihrem  ersten Auftritt im Boulevardtheater) schmiert Fettbemmen, erzählt von früher, auch ungehörige politische Witze, singt und moderiert im schrillen Nina-Hagen-Outfit das Konzert und lüftet ein Geheimnis um John und Ninas Herkunft.

Die Dialoge sind voller Anspielungen auf Amiga-Hits, sie begleiten die Handlung und spiegeln Eindrücke aus der DDR-Zeit und dem Lebensgefühl. Da wechseln Kinderlieder, Kampf- und Arbeiterlieder, Gute-Laune-Medley und das aufrüttelnd-zeitlose „Sag mir wo du stehst“ vom Oktoberklub. Vom ersten bis zum letzten Song sprang der Funke sofort aufs Publikum über, wurde geklatscht und mitgesungen. Begonnen bei Holger Bieges „Sagte mal ein Dichter“ über „Jugendliebe“ von Ute Freudenberg, “König der Welt“ und „Über sieben Brücken“ von Karat, „Casablanca“, „Purpursonne“ und „Am Fenster“ von City, „Katzen bei Nacht“ von Petra Zieger, „Heute bin ich allein“ von Reinhard Lakomy, „Als ich fortging“ von Karussell bis „Bataillon d`amour“ von Silly. Zu Filmbildern aus „Paul und Paula“ und „Heißer Sommer“ erklingen die Hits „Geh zu ihr“ und „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys und Ohrwürmer von Frank Schöbel.

Stehende Ovationen gab es bei dem berührenden Titel „Gib mir Asyl hier im Paradies“, den Silly-Sängerin Tamara Danz kurz vor ihrem Tod aufnahm. Ob kraftvoll rockig oder liedhaft poetisch, diese Musik kann sich immer noch hören lassen und hat etwas zu sagen. Wer Ost-Feeling erleben und verstehen will, ist hier bestens aufgehoben! Stürmischen Beifall gab es dafür vom Publikum.

Eine Doppel-CD zur Legende vom heissen Sommer mit den
Amiga-Originalen und dem Soundtrack zur Theater-Show erscheint übrigens am 7. Mai und ist im Boulevardtheater erhältlich.

Text und Foto (1) (lv)

http://www.boulevardtheater.de

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