Lust am Geschichten erzählen und Sprachwitz: Jens-Uwe Sommerschuh las aus seinem neuen Roman „Tarantella“ am Dienstagabend im Literaturhaus Dresden.
Das Haus des Schriftstellers auf der Insel Alicudi, in dem weite Teile seines Romans „Tarantella“ entstanden.

Das Zuhause aus der anderen Richtung. Auf der Terrasse des Autors „banaler Schreibtisch“. Fotos: Sommerschuh

Regenbogen-Küsse und Körper als Klavier

Mal lustvoll, feurig, mal schroff und dunkel wie Vulkangestein verwebt der neue Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh spannend die Höhenflüge und Abgründe des Lebens und der Liebe.

Eine musikalische Muse eröffnete die Lesung. Mit rauer, intensiver und sonnenfunkelnder Stimme von Pietra, einer Sängerin und Schauspielerin aus Neapel. Einem Song ihres Albums „Napoli Mediterranea“. Sie klingt ein bisschen wie Gianna Nannini. Ein Hauch Mimi vielleicht. Der Erzähler Jens-Uwe Sommerschuh muss aufpassen, dass er sie nicht zu sehr aus den Augen verliert, denn sie treibt ihn an und seine Geschichten voran. „Willst du etwas wiederfinden, was du sehr vermisst, dann musst du suchen“, heißt es zu Beginn seines neuen Romans „Tarantella“, der vor wenigen Wochen bei Salomo publishing erschien, dem Nachfolgeroman von „Mimi“.

Eine Lesung und Gespräch mit dem Autor, moderiert von Literaturkritiker Michael Ernst, gab es am Dienstag abend im Literaturhaus Dresden, in der Villa Augustin am Albertplatz. Im gut gefüllten Raum entführte Jens-Uwe Sommerschuh die Zuhörer von jung bis älter auf eine spannende, mit viel Witz, Lust und Leichtigkeit erzählte Reise nach Süditalien. Er schreibe auch deswegen Geschichten, weil er gern vorlese. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, die sehr lebendig und eigen geschilderten Figuren und ihr quirliges Lebensmilieu zu begleiten. Man fühlt sich sofort mittendrin auf dem Marktplatz von Palermo mit seinen vielen Obstständen, regen Getümmel und dem archaischen Gassengewirr, sieht und spürt die Farben, Gerüche, Stimmungen. Mal lebhaft, mal flüsternd, mal wie ein altes Marktweib keifend, mal verlockend keck wie Marcella las er, ohne zu viel zu verraten.

Wie es zur Roman-Fortsetzung kam und ob er vorausschauend Spuren legte für spätere Ereignisse, fragt Moderator Michael Ernst, z.B. das Schiffsticket von Marcella, der rätselhaften, temperamentvollen jungen Frau mit dem Kater auf der Schulter. Und die vielen Scherben in der Café-Bar, wo sie und Giovanni sich begegnen, wie nach einem Polterabend, nur ohne Braut und Bräutigam. Es wirkt wie ein skizzenhaftes Andeuten späterer Geschehnisse, die Seiten später wieder aufgegriffen und weiter entwickelt werden.
Er plane nicht und wisse nicht vorher, wohin eine Geschichte führt. Der Arbeitstitel des neuen Buches hieß: „Mimi ist weg“. Er überlegte, was mit ihr passiert sein könnte und folge seinen Figuren. Er liebe die Selbstüberraschung beim Schreiben, so Sommerschuh.

Seine Geschichten findet und erfindet er aus dem Leben heraus, er erlebt und erfährt sie auf seinen Reisen. Viele der Schauplätze auch im neuen Buch kennt er genaustens, denn seit 20 Jahren hat Jens-Uwe Sommerschuh sein persönliches Refugium gefunden auf der Mittelmeerinsel Alicudi in Italien, von wo aus er Rom, Sizilien und andere Orte in Italien erkundet und abwechselnd in Dresden wohnt und schreibt. Der Reiz und die Spannung beim Lesen in „Tarantella“ erhöht sich, da mit Marcella eine zweite Frau ins Spiel kommt. Auch wenn es nur eine „Mimi“, eine bestimmte Frau gebe, trifft man unterwegs noch andere interessante Menschen, die für weitere Bewegung sorgen, so der Autor. So kam Marcella dazu, die ebenso wie der Erzähler Giovanni in die Fänge der Cosa Nostra gerät, die sie unter Druck setzen, zappeln lassen und für ihre Pläne einspannen. Das Wort Mafia fällt nie. Die aufsehenerregenden Morde an den Richtern Falcone und Borsellino und anderen Menschen aus ihrem Umkreis Anfang der 1990er Jahre fanden einige einflussreiche Familien in Palermo schlecht fürs Geschäft, weiß Sommerschuh. In einer Kirche in Palermo, in San Domenico, erinnert eine Gedenktafel an die Opfer.

Ihm gehe es auch darum, die Unterschiede zwischen der Mafia als organisiertem Verbrechen und der Familia, die nur ungestört ihre Geschäfte unter sich regeln wollen, weil sie merkten, dass die Gewalt ihnen nur schadet, darzustellen in seinem Buch. Die Gefahr, die von der Cosa Nostra ausgeht, ist nie vordergründig, sondern unterschwellig präsent. Es sei auch ein Spiel mit der Angst, vor dem, was man fürchtet. Wie man es auch aus anderen Situationen kennt. Angst den Job oder den Partner zu verlieren. Nicht zu wissen, worauf man sich einlässt.

Im Kontrast dazu stehen Schönheit, Sinnlichkeit und Freuden des Lebens, die sich der Erzähler Giovanni bei allem Bedrohlichen nicht vermiesen lässt. Dies zieht sich intensiv und lustvoll beschrieben durch alle Buchkapitel. Ob beim kurzen, leidenschaftlichen Wiedersehen mit Mimi in Nicosia, wo sie einen Moment ihren Aufpassern entrinnen konnte und sich im Schutz eines Kellers ihrer Lust hingeben. Da werden Regenbogen-Küsse getauscht, bei denen man nie weiß, wo sie enden und flattern Münder und Zungen wie Kolibris oder Schmetterlinge. Oder die Szene bei Marcellas Cousine Donatella, eine Frau mit azurblauem, stachelartigem Schopf. Dramatisch komponiert. Statt auf dem Cembalo ihres Musikerkollegen, wo sie sonst Alte Musik aus Renaissance und Barock spielt, vollführt Donatella ihr Trockentraining diesmal nicht auf dem Küchentisch, sondern auf den nackten Körpern von Marcella und Giovanni. Da kriegt die Kunst der Fuge einen völlig neuen Sinn, lacht Giovanni.

Sie spielt das Allegro aus Bachs d-Moll-Konzert, ihre Finger fliegen, flattern, hüpfen, tänzeln über ihre Rücken, es war die reinste Wonne. Noch nie hatte ihm Musik, obwohl fast nichts zu hören war, so gut gefallen, sagt Giovanni hinterher. So etwas zu schreiben, sei das reinste Vergnügen, so Sommerschuh. Man kann Musik auch anders erleben als im klassischen Konzert. Dort höre er die Musik dann auch wieder anders, und denkt sich seine Bilder und Fantasien dazu. Er schreibt vor allem Musikkritiken, über Bildende Kunst und Kolumnen für die Sächsische Zeitung in Dresden. Rund 20 Konzerte habe er noch zu rezensieren. Bald wird er wieder auf die Insel Alicudi reisen.  Dies sei kein Rückzugsort für ihn, sondern sein Zuhause.
Was kommt als nächstes? Vielleicht wieder mal nach Paris, London oder Cornwall, sagt er. „Darüber will ich unbedingt auch mal eine Geschichte schreiben.“

Text + Foto (1) (lv)

Die Rezensionen zum neuen Roman „Tarantella“ und zu „Mimi“ stehen auch auf http://www.meinwortgarten.com


Jens-Uwe Sommerschuh vor seinem Haus, im Schatten des Weins, den er vor zwölf Jahren gepflanzt hat. Foto: M. Catalfamo

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