Jens-Uwe Sommerschuh auf dem Gipfel der Vulkaninsel, auf der große Teile seines neuen Romans spielen. Foto: M. Catalfamo

Leidenschaftlicher Tanz auf dem Vulkan

Spannend, aufregend und lustvoll-ironisch erzählt der neue Roman „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh von der Suche nach seiner Traumfrau „Mimi“, für die er kreuz und quer durch Sizilien reist, in dunkle Geschäfte verstrickt wird, zwangsverbandelt mit einer verführerischen Begleiterin. Mit bebendem Vulkan und rettender Tarantella.

Das neue Buch beginnt, wie das vorherige aufhörte. Abenteuerlich und aufregend. Eines Tages verschwindet Mimi spurlos. Er vermisst sie, die „Verrückte aus Marseille“, ihre Welt, die so wunderbar wie gefährlich war und ihn fast das Leben gekostet hatte, als er mit ihr obskure Kurierdienste ausführte, um Schulden abzuarbeiten. Noch immer trägt er das Säckchen mit den Diamanten mit sich herum, erfuhr nie, wem sie gehörten und auch die Beretta samt Munition hat er noch bei sich. Als dann ein Unbekannter auf ihn schießt, sieht er dies als Zeichen und haut ab aus Rom. Da er sich nicht mehr nach Marseille traut, sucht er Mimi in Palermo. Die Aussicht, sie „irgendwann wieder am Ohrläppchen zu zupfen oder anderswo, das war nicht die schlechteste Option.“ Ist Mimi weggelaufen oder wurde sie entführt? Von wem und warum? Wie kann er sie wiederfinden?

In „Tarantella“ von Jens-Uwe Sommerschuh (erschienen bei Salomo publishing, 2019, 388 S., 15 Euro), dem Nachfolgeroman von „Mimi,“ der im Mai 2016 bei Editia herauskam, erzählt der Ich-Erzähler Giovanni in Rückblende zunächst von seiner Zeit mit Mimi. Von jenem Sommer in Toulouse, ihren Reizen, ihren blitzenden Augen, ihrem verschmitzten Lachen und ihrer kratzigen Stimme. Sie konnte feinfühlig sein, aber auch knallhart. Er war noch nie mit einer Frau so abgeflogen, bekennt er, und ist sich sicher, dass sie dieses Feuer nicht gespielt haben kann. Derart glänzende Augen ließen sich nicht vortäuschen. Doch wo war sie nun? Der neue Roman „Tarantella“ ist noch einen Tick schärfer als „Mimi“. Ein literarischer, leidenschaftlicher Tanz auf dem Vulkan, voller Geheimnisse und Überraschungen. Anders als im Roman „Mimi“ sind die Kapitel diesmal ohne Zwischenüberschriften (schade eigentlich), sondern einfach nummeriert, 39 Kapitel insgesamt. Dieses Buch ist „der „Liebe gewidmet. Sie ist nicht berechenbar.“ Mit trocken lakonischem Humor, witzig, verrückt, verführerisch, wild und romantisch erzählt Jens-Uwe Sommerschuh in „Tarantella“ vom Glück und der Liebe, die immer wieder neu gefunden werden wollen, und nebenbei erfährt man von ihm wieder detail- und kenntnisreich viel über Land, Leute, Lebensart, Geschichte, Kultur und Küche im Süden Italiens. Inspiriert von seinem Zweitwohnsitz auf der Mittelmeerinsel Alicudi, wo der in Nordhausen im Harz geborene SZ-Autor und Schriftsteller heute lebt, abwechselnd mit Dresden und viel umherreist.

Auf seiner Reise nach Sizilien betreten die Leser mit Giovanni heißes Pflaster. Eigentlich sucht er nur einen Job in Palermo, bekommt einen in einer Café-Bar im Stadtteil Castellammare und landet, ehe er sich versieht, in den Fängen der Familie, die in dem Viertel das Sagen hat. Das Wort „Mafia“ fällt nie. Ab und zu taucht der Padrone, Don Fazio auf. Bald erhält Giovanni seltsame Aufträge, außer Botengängen soll er eine verwitwete Dame begleiten, um zudringliche Verehrer abzuwimmeln. Auf dem Marktplatz trifft er eine rätselhafte Frau, Marcella. Sie ist stolz, temperamentvoll und trägt einen Kater namens Otello mit Piratenklappe am Auge auf der Schulter. Er sieht sie häufiger. Wer ist sie? Seine Wächterin oder selbst Gefangene der Cosa Nostra? Die beiden werden von Don Fazio mit einem mysteriösen Auftrag auf die Insel Stranezza geschickt. Er erklärt sie eigenmächtig, feierlich zu Mann und Frau, händigt ihnen täuschend echte Pässe aus und besorgt ihnen ein Haus auf der Insel. Klein und entlegen. Ungefähr tausendeinhundert Stufen überm Meer.

Querstellen nützt nichts, sonst würden sie Mimi nicht freigeben und auf Marcella lastet noch ein dunkles Familiengeheimnis. Beide sind aufeinander angewiesen. Sie kennt sich aus mit dem Leben auf der Insel, mit Weinbau ebenso wie mit dem Ernten stachliger Kaktusfeigen oder Wasser schöpfen mit einem Eimer an einem Seil aus der Zisterne, angefüllt mit Regenwasser. Wie die beiden sich in ihrem notgedrungenen Paar-Dasein näher kommen, sich fragen, was das alles zu bedeuten hat und was für ominöse Ware sie entgegen nehmen, ist in sehr atmosphärischer, bildreicher Sprache, feiner Figurenzeichnung, pointierten Dialogen und sinnlich knisternd erzählt.

Die Geschichte  entwickelt einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Fesselnd und spannend von Anfang bis Ende. Von einer Episode zur nächsten springend, locker, launig und lustvoll-ironisch bis hitzig unter der flirrenden Sonne auf und abwärts am Felshang entlang, werden abwechselnd die atemberaubende Schönheit der Landschaft, der Blick aufs Meer und die Nachbarinseln von hoch oben, von der geräumigen Terrasse und Dunkles, Bedrohliches geschildert.

Wie Marcella mit den Eidechsen redet und für Giovanni übersetzt, ist so originell wie behutsam, anrührend. Gruslig komisch, wie Giovanni kopfüber in einem Karnickelbau steckt, mit Blick auf einen Totenschädel und in der rechten Hand den Schuh einer Frau, die noch lebt und mit verstauchtem Fuß oben hockt. Dann wird Marcella auch noch von einer Spinne gebissen. Da kann nur eine Tarantella helfen, ein alter süditalienischer Tanz, bei dem Gift, Böses und Bedrohliches in wild-ekstatischen Bewegungen aus dem Körper heraus getanzt werden. Dann kommt noch eine Truppe wilder, rachehungriger Motorradtypen auf die Insel, regt sich der Vulkan mit großen Gesteinsbrocken, die alten Götter feierten Party und sparten nicht mit titanischem Konfetti, kommentiert Giovanni. Plötzlich ist Mimi wieder da. Die zwei Frauen tanzen zusammen Tarantella und Giovanni schaut ihnen zu, der Entkommenen und der Genesenden, und genießt ihre Gegenwart in vollen Zügen. Erlebt Liebe im Überfluss und Seelen, die in einer uralten Sprache singen. Was für ein Schluss!

Text + Foto (lv)

 

 

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