Wann ist der Mann ein Mann?! Über anerzogene und gelebte Männlichkeit denkt offen, aufschlussreich, klug, sensibel und mit leisem Humor der Schweizer Autor Jérome Meizoz in seinem Roman „Den Jungen machen“ nach. Er veröffentlichte auch einige Gedichtbände.

Ein Junge mit einem Mädchenherzen

In der Reihe „Literarische Alphabete“ gab es eine Lesung und Gespräch mit dem Schweizer Autor Jérome Meizoz und der Übersetzerin Corinna Popp aus seinem autobiographischen Roman „Den Jungen machen“ im Landhaus Dresden.

„Man kann das als eine zeitgenössische Erziehung der Gefühle sehen. Ein Junge wird nicht zum Jungen geboren, sondern gemacht“, sagt Corinna Popp, die Übersetzerin über den Roman „Den Jungen machen“ (erschienen  im Elster-Verlag Zürich, 2018) von Jérome Meizoz. Gemeinsam mit dem Autor, der in Lausanne in der Schweiz lebt und dort an der Universität französische Literatur lehrt, war sie zu Gast in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforums Dresden am vergangenen Freitagabend im Landhaus Dresden (Stadtmuseum). Unter den Zuhörern mehr Männer als Frauen. Was wohl auch am Thema lag.

Im Gespräch mit Moderator Patrick Beck vom Literaturforum und der anschließenden Lesung auf französisch und deutsch mit Jérome Meizoz ging es darum, was Männlichkeit ausmacht, um die daraus entstehenden Konflikte, wenn man den damit verbundenen Erwartungen, Normen der Gesellschaft nicht entspricht und die Suche nach dem, was Mannsein für einen selbst bedeutet.

Der Roman „Den Jungen machen“ erzählt zwei Geschichten alternierend. Er ist  unterteilt in zwei mal 30 Kapitel, in „Roman“ und „Recherche“, in denen Fiktives und Autobiographisches gegenübergestellt sind. Es ist kein geradliniges, sondern spiralförmiges Erzählen. „Die Recherche-Texte antworten und kommunizieren mit den Roman-Teilen“, erklärt Jérome Meizoz den Romanaufbau. Dabei verwendet er viele Genres und sprachliche Formen, die sich kontrastieren und den Reiz des Buches ausmachen. Gesammelte Zeitungszitate und Zitate des Jungen selbst, Gedichte und Tagebucheinträge, Zeilen aus einem Brief an ihn und Zitate anderer Romanautoren, die er mag, liefern vielschichtige Blicke und Sichtweisen im Umgang mit Männlichkeit, Körperlichkeit und Gefühlen.

Es sind meist kurze, prägnante Sätze. Klar, nüchtern formuliert mit hoher emotionaler Aussagekraft. In sehr bildhafter Sprache, vieldeutig und manchmal märchenhaft anmutend. „Sein Körper, bis zum Anschlag mit erwachsenen Wörtern gefüllt. Er bewegt sich wie in einem unsichtbaren Käfig…“, heißt es über den Jungen. Er weiß  nicht, was Männlich sein bedeutet. Später gibt er eine Anzeige im Internet auf, er bietet Massagen und mehr ausschließlich für Frauen an gegen Bezahlung. Ohne Verkehr. Er dringt nicht ins Innere des Körpers ein. Er richtet sich eine „Blumenwohnung“ mit „Arbeitsbett“ ein, wo er die Frauen empfängt.
Und der Junge träumt davon, wie es wäre, wenn es öffentliche Streichelzentren gäbe. Da Zärtlichkeit das einzige ist, was sich vermehrt, wenn man es teilt.

Die kurzen Kapitel wirken wie Appetithäppchen, sie enthalten viele Themen, spannend denkt er über Männer- und Frauen-Rollen nach. Vieles wurde bei der Lesung nur angerissen, die Lust auf mehr dieses Autors machte, der noch wenig bekannt ist in Deutschland.

Mehr zum Buch demnächst.

Text + Foto (lv)

http://www.literaturforum-dresden.de

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