Menschen lieben Kunst. Ein Plädoyer für Mitmenschen, die gerne Kunst anschauen.

Habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum so unendlich viele Menschen in Museen und Galerien pilgern? Mehr als 50 Millionen Besucher pilgern pro Jahr allein zu den zwanzig beliebtesten Kunstmuseen auf dieser Welt. Da zählen die Museen hier in Dresden noch gar nicht mit!

Also warum reisen wir für Kunst um die halbe Welt? Warum fotografieren wir Fotografiertes, filmen Performtes, posten Erlebtes? Vielleicht suchen wir Bilder, die uns berühren? Oder Farben und Lichter, die uns einfach motivieren? Geschichten, die uns verführen? Oder Menschen, die uns faszinieren?

Kunst, sagte einmal Goethe, ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. Auch eine gute Photographie zeigt uns mehr, als unsere Augen sehen: sie lässt uns erkennen. Mit seinem Ausstellungsprojekt forscht Stefan Gärtner nach den Beweggründen, mit denen wir Kunst „konsumieren“. Seine Photographien bieten uns nicht nur etwas fürs Auge. Mit stillem Vergnügen – und auch mit Hintersinn – beobachtet er Artfremde und Artfreunde: von Dresden bis Venedig, Peking bis Petersburg, Leipzig bis London.

Auf dem Weg zur Moderne: Die Eremitage übertrifft sich selbst

Venus (Medici Venus by Hans-Peter Feldmann, Manifesta 10, St. Petersburg, 2014) #5288-1  Venus (Medici Venus by Hans-Peter Feldmann, Manifesta 10, St. Petersburg, 2014) #5288

Von Prunk-Museen mag man halten, was man will. Doch wie sich die Eremitage zu ihrem 250. Geburtstag präsentiert hat, war ebenso kühn wie respektvoll. Mit der 2014 in St. Petersburg gastierenden Manifesta 10 wagte es der russische Kunsttempel erstmals, sein klassikverwöhntes Publikum mit zeitgenössischen Werken zu konfrontieren.

Den strahlend hellen, frisch eröffneten Flügel der Eremitage erreicht man vom Foyer aus über eine grandiose Freitreppe. Vier ebenso strahlend frische Grazien sah ich die Treppe „empor schweben“ wie auf einem Laufsteg.

Auf dem Olymp angekommen, wurden sie von einer irritierend modernen Venus-Skulptur aus Plastik überrascht. Was dachten die Damen wohl in diesem Moment über die westliche Moderne?

Um die Sammlung in St. Petersburg zu begründen, erwarb Katharina die Große 1764 erst 225 Gemälde von einem Berliner Kunsthändler und dann weitere fast 1.000 Bilder des Grafen Brühl. So wollte die Kaiserin nicht zuletzt die kulturelle Aufgeklärtheit Russlands gegenüber dem westlichen Europa demonstrieren.

Der Name „Hermitage“ bedeutet übrigens im Altfranzösischen „Einsiedelei“. Die Zaren zogen sich hier vom politischen Alltag zurück, um sich nur mit Kunst und Muse zu umgeben. Zumindest früher mal. Heute werden die rund 350 Säle der Eremitage jährlich von etwa vier Millionen Menschen besucht. Weitere rund 50 Millionen Besucher pilgerten im letzten Jahr allein zu den zwanzig beliebtesten Kunstmuseen auf dieser Welt.

Der 1941 geborene Hans-Peter Feldmann beschäftigt sich seit den 1970er Jahren mit der Wirkung von Bildern und Gegenständen, der Verschiebung von Bedeutungen und der Überwindung von tradierten Kunstgrenzen. In schrill-bunten Farben persifliert Feldmann in seiner „Antikenserie“ eine Bandbreite an Themen: vermeintlich blind gegenüber der Anmut und feinen Ausgestaltung des antiken Originals wirbelt er ästhetische Kunstbegriffe durcheinander. Neben der in St. Petersburg gezeigten Venus gehören zur Antikenserie auch Michelangelos David oder die Venus von Milo. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin stellte Feldmann 2012 „Die Büste der Nofretete“ aus. Im Gegensatz zum Original blickt uns die „modernisierte“ Büste mit zwei Augen an und verweist – dank künstlichem Schönheitsfleck und grellem Make-up – auf unseren heutigen Zeitgeist.

Von Konfuzius zu Ai Weiwei: Kunst als Identitätssuche

  Nudes in Beijing (National Art Museum of China, 2004-12) #0662 Nudes in Beijing (National Art Museum of China, 2004-12) #0662

In China hat es lange gedauert, bis die Hüllen fallen. Die von Konfuzius bis Mao – Jahrhundert um Jahrhundert – uniformierte Kultur zeigt den Menschenfast fast nur als Gewandfigur.

Doch als ich mich 2004 in Peking aufhielt, gab es einiges Aufsehen: eine Ausstellung zeitgenössischer Malerei präsentierte im traditionsreichen Staatlichen Kunstmuseum wohl zum ersten Mal eine Reihe moderner Aktbilder – viel diskutiert, viel besucht und viel bewacht. Aber immerhin ganze 10 Jahre, bevor die Eremitage diesen Traditionsbruch wagte!

Auch wenn die Gegenwartskünstler in der Chinesischen Volksrepublik wahrscheinlich noch lange um die künstlerische Freiheit ringen müssen, die uns hier im Westen selbstverständlich erscheint, erhält das Land auf internationalen Kunstevents und Biennalen immer mehr Anerkennung. Vielleicht bietet die politische Öffnung der künstlerischen Avantgarde zunehmende Chancen – und umgekehrt hilft die neue Kunst den Chinesen bei ihrer Identitätssuche in der Moderne…

Text + Fotos: Stefan Gärtner

Zum Autor:

Schon kurz nach seiner Geburt (1965 in der Heimatstadt der Penti) begann Stefan Gärtner eine weithin unerkannte Laufbahn als freier Photograph. (Nebenbei befasst er sich mit der Planung von Fabriken und anderen logistischen Wunderwerken.)

Viele seiner künstlerischen Arbeiten sind bis heute in führenden Sammlungen (c/o, Tate, Guggenheim) zwar noch nicht entdeckt worden, aber bis dahin schonmal in seiner Onlinegalerie unter wwww.StefanGaertner.de zugänglich.

Zur Ausstellung:

Menschen lieben Kunst. Ein Ausstellungsprojekt mit Photographien von Stefan Gärtner. Für Mitmenschen, die gerne Kunst anschauen.

Vernissage: am 29. Juli, um 18 Uhr im Foyer des Sächsischen Kommunalen Studieninstituts Dresden

Foyerausstellung in der Galerie SKSD
vom 30. Juli bis 24. Dezember 2016
Mo. – Fr. 09 bis 17 Uhr, Sa. bis 13 Uhr

Sächsisches Kommunales Studieninstitut
An der Kreuzkirche 6, 01067 Dresden
Foyer 5. & 6. Etage, Eingang Schulgasse 2,
gleich neben Rathaus und Kreuzkirche
Tel. 0351 43835-16, http://www.sksd-dd.de/galerie.html

Mehr Prints aus der Reihe Art Space:
www.stefangaertner.de

Coloured Wall Blue Girl (St. Petersburg, Manifesta 2014 07) #5319

 Colored Wall Blue Girl (St. Petersburg, Manifesta 2014) #5319

Foto ganz oben: Girls shooting (Coloured Wall) (Venezia, Biennale 2011-07) #4813

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