Indigene Kunst zwischen Mythos und Moderne: Alexander Lange, der neue Leiter der Stadtgalerie Radebeul und Robin Leipold, der Kurator der Ausstellung und Sammlungsleiter im Karl-May-Museum Radebeul beim Hängen eines Bildes von David Bradley in der Ausstellung „IndianerART“.

Indianer ohne Federschmuck

Ein Abenteuer besonderer Art ist die derzeitige Ausstellung „IndianerART“ in der Stadtgalerie Radebeul. Jenseits bekannter Indianerromantik spielen die 24 Werke von 15 indigenen Künstlerinnen und Künstlern aus Nordamerika vielfältig mit den Klischees und öffnen den Blick für das Leben der „Indianer heute“. Darüber sprach ich mit dem Kurator der Ausstellung und Sammlungsleiter im Karl-May-Museum Radebeul, Robin Leipold und dem Leiter der Stadtgalerie Radebeul, Alexander Lange.

Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Alexander Lange: Ich finde es spannend, indianische Kultur und Lebensweise einmal ganz anders zu präsentieren. Dies ist eine der ersten Ausstellungen deutschlandweit, die zeitgenössische indigene Kunst zeigt. Auch um dieses einseitige Bild in den Köpfen aufzubrechen, mit Federschmuck und Töpferei, klassische Kulturgegenstände, die man mit Indianern verbindet. Doch die indigenen Kulturen haben sich ja auch weiterentwickelt. Wir sind gespannt, wie die Ausstellung ankommt, gerade auch während der Karl-May-Festtage (31. Mai – 2. Juni), die jedes Jahr viele Besucher nach Radebeul ziehen.

Woher stammen die Kunstwerke? Ist es eine Verkaufsausstellung?

Robin Leipold: Es ist keine Verkaufsausstellung. Die indigenen Künstler handeln mit ihrer Kunst und verkaufen diese über Galerien, Ebay, Facebook usw. Daher sind die Social Media-Kanäle für junge indigene Künstler heute so wichtig. Auch wir haben einen Großteil unserer Objekte für die Ausstellung über das Internet bezogen. Zudem sind das Nordamerika Native Museum Zürich (NONAM) und Privatsammler Leihgeber der Ausstellung. Die Künstler leben alle in den USA oder Kanada, sind also nordamerikanische Indianer.

Wie verbindet die „IndianerART“ Traditionen und Moderne?

Robin Leipold: In der Ausstellung werden neben Gemälden, Grafiken, Drucken, Fotografien und Skulpturen auch Videokunst präsentiert. Die indigenen Künstler sind alle mit der amerikanischen Popkultur aufgewachsen. Jahrzehntelang wurden stereotype Bilder über Indianer in Filmen und Werbung benutzt und jetzt kehren sie dies um und indigenisieren selbstbewusst und ironisch die Popkultur der heutigen Zeit. Die Blicke und Bilder wechseln. Der indianische Humor ist ohnehin stark, der sich auch aus populären Comics oder den Star Wars-Filmen speist. Das spiegeln Bilder wie „Indigenous Hulk“ von Steven Paul Judd oder das reklameartige, symbolistische Bild „Land O Fakes“ von David Bradley, das eine Weiße mit Maske im Indianerkostüm zeigt. Bis hin zur Videoinstallation, in der ein Künstler als eine Art Drag Queen in Frauenkleidern auftritt in einer Liebesszene mit Winnetou, die Karl-May-Filme böse persiflierend. Die indigenen Künstler setzen sich aber auch mit sozialen Nöten, Diskriminierung und Umweltschutz auseinander, mit den Wurzeln ihrer Kultur und ihrem Leben als Indianer im 21. Jahrhundert.

Wie wird die Sammlung mit indigener Kunst künftig präsentiert im
Karl-May-Museum?

Robin Leipold: Das Projekt des Museumsneubaus beinhaltet einen Neubau an der Meißner Straße mit einer Präsentation zur Person und Wirkung Karl Mays sowie die Neugestaltung der beiden Museumshäuser Villa Bärenfett und Villa Shatterhand. Die Villa Bärenfett bleibt aufgrund ihrer historischen Bedeutung der Ort der Indianerausstellung. Diese soll in Zukunft modernisiert den Besuchern eine Reise durch das „Indianerland“ Nordamerikas aus Sicht der europäischen Siedler bieten und dabei auch eine Brücke in die Gegenwart schlagen. So sind zeitgenössische Kunstgegenstände, die über das Hier und Jetzt indigener Kulturen erzählen, auch in der neu gestalteten Indianerausstellung von zentraler Bedeutung. Im Sommer 2019 werden wir den Ausstellungsraum in der Villa Bärenfett, der sich derzeit der Indianerschlacht am Little Bighorn widmet, modernisieren und auch hier die Zeit nach der Schlacht bis ins Heute weitererzählen. Dort werden einige der in der Stadtgalerie präsentierten Kunstwerke ihren Platz bis zum Start der großen Museumserweiterung ca. 2021/22 finden. Bereits Ende letzten Jahres haben wir in der Indianerausstellung mit einem „Blick ins Heute“ der Indianer begonnen und präsentieren seitdem die alte, 1944 aufgestellte, Figurengruppe „Prärieindianerfamilie“, in zeitgenössischer Kleidung aus dem Hier und Jetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview + Fotos (lv)

Die Ausstellung „IndianerART“ ist noch bis 23. Juni in der Stadtgalerie Radebeul zu sehen. Midissage: 29.5., 15 Uhr; 19 Uhr, Kamingespräch „Mythos Winnetou – Realität und Fiktion“ im Karl-May-Museum Radebeul, Karl-May-Str. 5

Öffnungszeiten Stadtgalerie Radebeul, Altkötzschenbroda 21:

Di – Do & So von 14 bis 18 Uhr

http://www.radebeul.de
http://www.karl-may-museum.de


Die Indianerprinzessin „Pocahontas“

David Bradley ist Mitglied des Minnesota Chippewa Tribe
und ein anerkannter Maler, Graiker, Bildhauer, Schmuckdesigner
und Keramiker. Bradley war Vizepräsident und Mitbegründer
der Native American Artist Association (NAAA)
und Mitglied des Konzeptionsteams für das Smithsonian
National Museum of the American Indian in Washington
D.C. Er sieht sich selbst als Anwalt seines Volkes und der
indigenen Gemeinschaft und möchte mit seiner Kunst zum
Nachdenken über Mythen und Stereotype in der indigenen
Kultur anregen.
Bradley arbeitet mit Allegorien und benutzt Elemente und
Bilder der amerikanischen Folk und Pop Art, die er als Parodien
und Persiflagen auf euro-amerikanische Klischeevorstellungen
inszeniert. Diese beiden Bilder beschäftigen sich
mit dem Thema der »indianischen Prinzessin«. Land O’Fakes
persifliert dabei das Werbebild einer amerikanischen Butterfirma.

Die vermeintliche Indianerin entpuppt sich bei Bradley
als eine Weiße mit Maske im Indianerkostüm, die sinnbildlich
für Amerika als das »Land der Fälschungen« steht. Das Bild
Pocahontas. Over the Hills and Far Away beschäftigt sich mit
dem Mythos der historischen Indianerprinzessin aus dem
17. Jahrhundert. Bradley inszeniert Pocahontas in Anlehnung
an einen historischen Kupferstich von Simon van de Passe
aus dem Jahr 1616 als moderne Touristin vor Stonehenge. Er
bedient sich verschiedener Attribute des kulturellen Erbes
Englands und kehrt damit die jahrhundertelange kulturelle
Aneignung indigener Kultur durch die britische Kolonialmacht
um. Dazu zählte letztendlich auch Pocahontas, die
bis heute immer wieder von der euro-amerikanischen Pop-
Kultur romantisch verklärt wird.

Text aus dem Katalog zur Ausstellung „IndianerART“

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