Ein Stück Geschichte, hochaktuell: Wie geht man mit Unzufriedenheit, Konflikten und verschiedenen politischen Meinungen um? Zeitzeugen vom Herbst 89 erinnern sich.


Bilder von den Bürgerprotesten mit Polizeigroßaufgebot im Oktober 89 und Nachdenken von Zeitzeugen auf der Bühne, wie Mitregieren von unten möglich ist. Fotos: Sebastian Hoppe

Aufbruchstimmung und Clownstränen

Wie kam es zu den Bürgerprotesten im Herbst 89 und was ist aus den Ideen von einst geworden? Das fragt die szenische Lesung „Demokratie von unten“ von Esther Undisz und lässt bekannte und unbekannte Zeitzeugen zu Wort kommen. Die Uraufführung war am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Die Bühnenwand steht in Schieflage. Davor marschiert eine Menschenschlange, die sich gegenseitig hält, angeführt von einer Frau im Clownskostüm. Sie reißt fröhlich und entschlossen die Arme hoch. Sie haben bange Tage erlebt, voller Angst und Ungewissheit, wie es mit ihnen und ihrem Land DDR weitergeht. Als der Protest auf der Straße immer lauter wurde, konnten sie nicht mehr still zusehen. Einerseits ein Stück Geschichte, andererseits hochaktuell, geht es nicht nur um den Herbst `89 in Dresden in der Aufführung „Demokratie von unten“.

Die szenische Lesung von Esther Undisz hatte eine Woche nach der Wahl zum Europaparlament und den Kommunalwahlen Uraufführung am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Die Regisseurin Esther Undisz führte fast ein Jahr lang Interviews mit unbekannten und bekannten Zeitzeugen. Es ging ihr vor allem um die Motive, die sie zu Handelnden werden ließen. Vor der schrägen Bühnenwand steht ein Wachturm aus Holz mit Leiter. Auf den klettern einzelne Akteure und erzählen, wie sie jene Tage im Oktober und die Grenzöffnung erlebten.

Ein Clowns-Paar, gespielt von Daniel Séjourné, der auch am Klavier und Hardrock auf der Gitarre spielt und Oda Pretzschner, begleitet das Geschehen. Er berichtet als Polizist, Detlef Pappermann von den Demos auf der Prager Straße, wo es chaotisch zuging und er auf Bitte der zwei Kaplane Andreas Leuschner und Frank Richter, der auch als Zeitzeuge auftritt, den damaligen OB Berghofer anrief. Der sollte die Situation deeskalieren. Er tat es: „Okay, ich geh anrufen… Reden ist besser als knüppeln:“

Die Clowns stellen naive Fragen, was ein mündiger Bürger eigentlich ist und darf, sie ziehen rückblickend mit zu den Demos auf der Prager Straße, klopfen mit den Zeitzeugen gemeinsam rhythmisch-kraftvoll auf den Boden und stellen sich mit den festgenommenen Demonstranten mit Händen und Füßen zur Wand. Und sie erleben, wie weh Kompromisse tun können, damit es demokratisch bleibt.

Ernste, traurige, dramatische, aber auch absurdkomische Momente, in denen nichts mehr geht und alles möglich scheint, wo neuer Mut und Hoffnung wachsen, wechseln sich ab in dieser bewegenden wie spannenden Aufführung. Die Rufe „Keine Gewalt!“ und „Wir bleiben hier“ der Demonstranten am 8. Oktober 89, von Polizei eingekesselt, gehen immer noch unter die Haut. Zu sehen sind Originalfilmaufnahmen jener Oktobertage, von der aufgebrachten Menge im Hauptbahnhof, wo die Züge mit Ausreisewilligen nach Prag durchfuhren und manche versuchten aufzuspringen und Fotos von der protestierenden Menschenmasse und Polizei mit Schutzhelmen und Schlagstöcken auf der Prager Straße.

Acht Zeitzeugen auf der Bühne und eine eingespielte Stimme (von Susanne Altmann, Kunsthistorikerin) erinnern sich, wie sie die Ereignisse im Oktober 89 erlebten und wie diese sie veränderten. Sie lesen aus ihren Gedächtnisprotokollen und stellen Situationen von damals nach. Einer von ihnen, der Schauspieler Thomas Förster verliest noch einmal die Resolution der Unterhaltungskünstler, die er am 4. Oktober 89 nach der Vorstellung im Kleinen Haus verlas: „Wir wollen in diesem Land leben, und es macht uns krank, tatenlos mitansehen zu müssen, wie Versuche einer Demokratisierung kriminalisiert werden.“ Erst Stille. Dann tobten die Leute, sprangen auf, klatschten und jubelten. Zwei Tage später verkündete das Schauspielensemble in einer eigenen Resolution, nun aus seinen „Rollen herauszutreten, die Situation im Land zwingt uns dazu.“ Der Schriftsteller Mario Göpfert erzählt, was ihm widerfuhr nach seiner Festnahme am 7. Oktober zusammen mit vielen anderen Demonstranten, die ohne Haftbefehl in die Justizvollzugsanstalt nach Bautzen kamen.

Michael Schaarschmidt war Bausoldat, da er sich eine Totalverweigerung mit drohendem Knast nicht zutraute. Den Demonstranten schloss er sich an, weil er sich „nicht mehr verstecken wollte“. Die Einführung eines zivilen Friedensdienstes war eine zentrale Forderung. Er und Jens Nitsche, die sich in Bautzen kennenlernten, arbeiten heute in einem Verein im Täter-Opfer-Ausgleich zusammen, „was so viel bedeutet, wie acht Stunden am Tag für gesellschaftlichen Frieden zu sorgen.“ Silke Körner stammt aus Hamburg und erlebte die Turbulenzen des Mauerfalls mit ihrem Mann in Ostberlin mit, wo sie mit auf die Mauer am Brandenburger Tor kletterten und es plötzlich egal war, ob man aus Ost oder West kam. Sie singt mit jazziger Stimme den Song „On change my heart“ von Joe Cocker, der im Oktober 89 ein Konzert unweit vom Großen Garten gab, seither heißt der Platz dort Cockerwiese.

Als prominenter Augenzeuge erzählt Herbert Wagner, ehemals Sprecher der aus Bürgern gebildeten „Gruppe der 20“, die den Dialog mit OB Berghofer anschob und später OB von Dresden, von heiklen Momenten, als der Dialog auf der Kippe stand. Von der Angst vor Konflikten und Blutvergießen bei der Demo zur Stasi mit Besetzung ihres Hauptgebäudes auf der Bautzner Straße. Sein Resümee: „Die erste geglückte friedliche Revolution in Deutschland bleibt ein Wunder.“ Herzlicher Beifall für einen besonderen Theaterabend, der an die Aufbruchstimmung im Herbst 89 erinnert, an die vielen Ideen, Meinungsstreit und Miteinander all der Träumer und Mutigen, die es braucht, um Veränderungen herbeizuführen.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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