Was als Kur und Zeit zur Besinnung gedacht war, wird zum nackten Überlebenskampf für Hans Castorp (Philipp Grimm) in der Inszenierung „Der Zauberberg“ nach Thomas Manns berühmtem Roman im Schauspielhaus Dresden. Foto: Sebastian Hoppe

Abgeschirmt vom Leben

In eindringlichen, starken und beklemmenden Bildern und Szenen erzählt und stellt die Inszenierung „Der Zauberberg – Eine Visite“ nach dem Roman von Thomas Mann spannend existenzielle Fragen nach dem Lebenssinn, Gesund- und Kranksein und Umgang damit und spiegelt genau die aktuelle Corona-Situation. Doch nun muss das Schauspielhaus Dresden wie viele andere Kultureinrichtungen ab 2. November wieder schliessen wegen des erneuten Lockdowns.

Auf einem riesigen Podest gestapelte Fässer aus Metall fallend polternd in die Tiefe bis an den Bühnenrand. Gestalten in weißen Schutzanzügen und Masken reichen sich die Fässer und entsorgen sie wie Sondermüll. Eine Sirene ertönt. Der Geruch von Desinfektionsmitteln hängt in der Luft. Die Gestalten öffnen ihre Schutzanzüge und sind auf einmal schick gekleidete Damen und Herren in einem Lungenheilsanatorium. Ein junger Mann kommt aus dem Zuschauersaal auf die Bühne. Hans Castorp ist aus Hamburg nach Davos gereist, um seinen lungenkranken Cousin Joachim zu besuchen. Bald merkt er, hier oben ist eine andere Welt mit eigenen Regeln, die Zeit verrinnt unmerklich, es gibt keine Jahreszeiten. Alles kreist um die Patienten. Die immer mehr den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.

Entrückt, fern, surreal und nah an der Gegenwart zugleich kommt das Stück „Der Zauberberg – eine Visite“ nach dem Roman von Thomas Mann in einer Spielfassung von Stefan Bachmann und Carmen Wolfram, unter Verwendung von Texten von Sibylle Berg unter Regie von Daniela Löffner auf die Bühne im Schauspielhaus Dresden. Die Premiere war im September und eröffnete die neue Spielzeit. Am Sonnabend war die vorerst letzte Zauberberg-Aufführung vor dem erneuten von der Bundesregierung verordneten Lockdown zur Eindämmung des Corona-Virus ab 2. November.

Als Hans Castorp, zwischen Neugier, Staunen und Entsetzen hin und her gerissen, großartig verkörpert von Philipp Grimm, sich seinem Cousin Joachim (resigniert: Simon Werdelis) zur Begrüßung nähert, ertönt eine Stimme aus dem Off: „Sicherheitsabstand von 1,50 Meter einhalten !“ Joachim sagt: „Es ist gar keine Zeit hier, auch kein Leben…“

Die Patienten sitzen auf Fässern, alle husten. Joachim behauptet mit Zigarette im Mund, er rauche nie. Hans hört ihm rauchend zu und fragt: „Was ist denn eigentlich die Zeit?“ Wie will man etwas messen, von dem man gar keine Vorstellung habe, nichts Greifbares, erwidert ein Patient. Ähnlich verhält es sich mit dem Corona-Virus.

Eine Frau zieht eine Pistole. Sie ist schon im dritten Jahr hier oben und hat es satt, zu kuren. Eine andere beschwichtigt sie und fragt in die Runde, ob jemand Schokolade will. Die anderen greifen zu, von Lachen und Husten geschüttelt. Ihr Tagesablauf ist nach den immer gleichen Routinen geregelt: Sie schütteln alle gleichzeitig ihre Sprayflaschen und sprühen sich in den Mund, gefolgt von Fiebermessen und der nächsten Untersuchung. Abends hüllen sie sich, weiter oben oder unten auf den Stufen des Podests sitzend, in ihre gestreiften Wolldecken ein und hören Harfenklängen bei gedämpftem Licht zu. Hans fühlt sich ein bisschen heiß und frostig, aber gesund, seit er hier oben ist. Und fragt, was das denn für eine Erkältung sei. „Ein Katarrh“, antwortet ein älterer Mann. Es gebe unschuldige und schuldige Infektionen.

Immer mehr und verhängnisvoller wird Hans Castorp in den Sog des luxuriösen Kurbetriebs hinein gezogen, auch wenn er sich mal kurz über den eiskalten Tee beschwert. Die Patienten ergeben sich dem Müßiggang, feiern fröhlich zusammen Fastnacht mit Verkleidung, närrischen Masken, auch der Mann im Rollstuhl trägt ein Hütchen und hämmert auf ein Fass ein, bevor er wieder trostlos vor sich hin dämmernd vornübergebeugt dasitzt.

Ansonsten reden, streiten und philosophieren einige der Patienten ausgiebig in spannendem Disput über existenzielle Fragen wie Lebenssinn und Tod, Gesund- und Kranksein, über die Verbindung von Körper, Geist, Seele und Würde des Menschen und Menschen, die in Krankenhäuser gingen, um der Forschung und Wissenschaft zu dienen. Ratio, Verstand und Gefühl widerstreiten heftig in den Gesprächen. Krankheit sei menschlich, gehöre zum Menschsein und gebe ihm Würde, sagt der Mann im Rollstuhl und steht kurz auf.

Ein Mann, ein grüblerischer Denker (Matthias Reichwald) rät Hans Castorp immer wieder, diesen Ort zu verlassen bevor es zu spät ist. Aus den drei Wochen, die Castorp bleiben wollte, werden Jahre. Sein Aufenthalt kommt ihm vor wie „ein langer, ewiger Traum und man muss sehr tief schlafen, um so zu träumen.“

Ein Sehnsuchtstraum auch die Liebesszene mit Schutzfolie-Wand zwischen dem Liebespaar. Hans umarmt mit übergestreiften Folieärmeln eine Frau in schwarzer Unterwäsche aus dem Sanatorium, beide Körper umwickelt von der künstlichen Hülle, darunter lustvoll keuchend alles Trennende aufgehoben. „Die Liebe und der Tod sind fleischlich beide. Daraus erwächst ihre Größe, Schrecken und Magie“, erkennt Castorp.

Sein Cousin Joachim will weg aus dem Sanatorium, schnallt sich eine Tonne wie eine Sauerstoffflasche auf den Rücken, schwer atmend. Er schafft es nicht mehr. Zuletzt steht das Stufengerüst fast menschenleer, von Neonröhren erhellt. Hans Castorp betrachtet, umringt von Gestalten in Schutzanzügen, fasziniert ein Eiskristall, das mit seiner „eisigen Regelmäßigkeit“ schöner sei als eine Blume. Er zieht sich aus bis er nackt dasteht, sein Körper zittert und schwitzt zugleich. Die Maskierten reiben ihn mit Eis ab und er fragt sich immer verzweifelter, warum er hergekommen sei. Er balanciert auf den Fässern, fällt herunter und weiß nicht mehr wohin. Die andere Welt unterhalb des Zauberbergs ist ihm abhanden gekommen.

Neben den Patienten aus dem Sanatorium kommen TalbewohnerInnen zu Wort, die von ihren Nöten, Alltagstrott und plötzlich hereinbrechenden Katastrophen erzählen. Eine ältere Frau (Ursula Schucht) spricht bitterkomisch über Altern, Verfall und ihre Einsamkeit. Eine Frau in weißer Bluse und schwarzem Rock (Christine Hoppe) schaut barfuß sehnsuchtsvoll in die Ferne und träumt wiederholt davon, im Boot auf dem Fluss zu fahren mit dem Mann ihrer Träume. „Wenn ich weiß, wie jede Sekunde meines Lebens aussieht, dann muss ich ja nicht dabei sein“, sagt sie kühl. Ein Landwirt (Holger Hübner) lässt seinen Frust heraus, er hätte so viel zu tun im Stall, dass er nicht bemerkte, dass seine Frau weg war und es ihr schlecht ging. Auf das Masken tragen werde steng geachtet, aber wenn die Tiere verrecken im Dorf, interessiere es keinen, sagt er wütend. Die Textauszüge stammen aus Sibylle Bergs 2004 entstandenem Roman „Ende Gut“, der vor dem Hintergrund einer Pandemie spielt. Mit ihrem Text „Guten Morgen westliche Welt“ endet die Aufführung, wo wie im Schlusskapitel des Zauberbergs ein Pfleger den Patient Europa auf die Couch legt, der starr vor Angst mit glorreicher Vergangenheit sei und wohl glaube, die alten Zustände ließen sich wieder herstellen, und fragt in Sorge um seine Zukunft, was mit ihm los sei.

Ein starker, anspruchsvoller Stoff und ein Theaterabend, der den Schauspielern und dem Publikum viel abverlangt, im Wechsel von wortreichem Nachdenken und lang gedehnter Zeit, in der fast nichts geschieht. Ein Stück, das unbequeme Fragen stellt und in eindringlichen, starken Bildern von der Verletzlichkeit, vom Verdrängen der Vergänglichkeit, von Ohnmacht und vom Aufbegehren des Menschseins erzählt. Es bleibt zu hoffen, dass diese haargenau in die Corona-Zeit passende Aufführung bald wieder auf die Bühne kommt.

Text (lv)

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