Spaß am Rollenspiel & Geschichtenerzählen: Schauspieler Moritz Gabriel. Foto (lv)

Eintauchen in fantastische Welten

Wenn er nicht auf der Bühne steht, experimentiert Moritz Gabriel gern mit Rollenspielen & Storytelling, allein und mit Freunden, und stellt seine Geschichten ins Internet.

Ein Brot schwebt durch die Luft in einem leeren Lokal mit loderndem Kaminfeuer. Ein bärtiger Mann eilt durch mittelalterliche Gassen, springt über Marktstände und sucht in jedem Winkel. Nicht nach Gästen, sondern Hexen mit spitzen Hüten und fliegenden Besen wie sich herausstellt. Die Spieler verteilen ihre Rollen, Jäger und Hexen, und das witzig-abenteuerliche Versteck- und Findespiel geht in die nächste Runde. In diesem live gestreamten online Videospiel geht es den Teilnehmern neben dem Spaß und der Spannung am Gewinnen oder Verlieren vor allem um das gemeinsame  Erlebnis. Zuschauer können am Bildschirm an ihrer Interaktion teilhaben.

Rollenspiele und Storytelling, bei denen man in fantastische Welten eintauchen kann, erfreuen sich wachsender Beliebtheit in allen Altersklassen. “Als Rollenspieler wollte ich schon länger Geschichten streamen. Ich glaube, dass diese Form vielen Menschen helfen kann, weil es die Kreativität anregt, die Fähigkeit zu kommunizieren und es macht unglaublich viel Spaß“, sagt Moritz Gabriel (39).

Seit der Spielzeit 2013/2014 ist er als Schauspieler fest engagiert in den Landesbühnen Sachsen in Radebeul und wohnt in Dresden. Während des coronabedingten Lockdown hatte er weniger Proben und mehr Zeit für sein liebstes Hobby. Seit seinem zwölften Lebensjahr faszinieren ihn Rollenspiele, aber noch mehr Storytelling, das Geschichten erzählen als ein Teil davon. Letzteres interessiere ihn auch am meisten am Theater. Begonnen bei Comics, über Computer- und Brettspiele bis zu Lego mag er Spiele aller Art. „Aber ich spiele nicht um Geld.“

„Man kann in andere Rollen schlüpfen, seine Schüchternheit überwinden, schlauer, selbstbewusster, stärker oder dümmer sein als man selber und sich im geschütztem Rahmen des Spiels mit Emotionen auseinandersetzen“, gefällt Moritz Gabriel an Rollenspielen und am Spiel auf der Bühne. Etwa zu spielen, dass man den Vater verloren hat und auf einen Rachefeldzug zu gehen, den man nicht unbedingt persönlich erleben will, aber diese Kraft mal zu spüren. Junge Liebhaberrollen und romantische Helden wie Romeo mag er weniger, so Moritz Gabriel. “Mich interessiert keine Figur auf der Bühne, die nur fühlt und nicht denkt.“

Seine Traumrolle ist Leonce aus Büchners Trauerspiel „Leonce und Lena“. “Eine Figur, die alles durchschaut, aber nicht anders handeln kann aufgrund ihres Charakters und scheitert, das ist viel tragischer und interessiert mich mehr.“ Den Leonce spielte Moritz Gabriel am Theaterhaus Stuttgart und Werschinin aus Tschechows „Drei Schwestern“ bereits im Theaterjugendclub in Konstanz im Süden Deutschlands. Dort wurde er 1982 geboren. Sein Vater lehrte als Logiker und Sprachwissenschaftler und war Leiter der Fakultät an der Universität in Jena. Als Kind war für Moritz Gabriel Deutschland ein Land, das er nicht in Osten und Westen teilte, sondern das sich in vier Himmelsrichtungen erstreckt. So sieht er es bis heute.

Eigentlich wollte er Physiker werden, Astrophysik findet er spannend. Doch dann entschied er sich doch für Schauspiel, weil das Spiel mit Sprache und Bewegung ihn reizt. Seit seiner Jugend tanzt er bei Gelegenheit außerdem gern Rock`n`Roll, Swing Balboa und Tango Argentino. Er studierte an der Folkwanghochschule in Essen Schauspiel und schloss mit dem Diplom ab. Danach arbeitete Gabriel bis 2010 in der freien Theaterszene und war von 2010 bis `012 am Theater der jungen Welt in Leipzig engagiert. Das Live-Rollenspiel schöpft aus dem Improtheater und es gibt viele Darstellungsformen. Die klassische Variante geht einfach: Zuhause gemeinsam am Tisch sitzen und eine Geschichte erzählen und spielen.

„Ein Spielleiter legt die Welt und Nichtspielercharaktere, Milieu, Zeit und Genre fest, in der die Protagonisten sich bewegen. Das reicht von Mittelalter, Fantasy, Sience Fiction bis Krimi“, erklärt Gabriel. Moritz Gabriel ist online sein eigener Spieler und Spielleiter und bevorzugt das Genre des Cyperpunk. Beim Storytelling interessieren ihn frei nach George Orwell Szenarien in der nahen Zukunft, Dystopien, die überspitzt eine unterdrückende Gesellschaft zeigen und wie man selber als machtlose Figur überlebt. Im Wohnzimmer baut er Kamera und Mikro auf und streamt seine Rollenspiele und Geschichten live im digitalen Raum. Zu sehen sind sie auf seinem eigenen Kanal im Internet (www.twitch.tv). Dort spielt Moritz Gabriel als theMelrakki, das isländische Wort für Polarfuchs. Er war schon dort und Füchse sind sein Totem-Krafttier, da sie neugierig, sehr vorsichtig, aber auch clever, nicht domestiziert, durchtrieben und sehr individuell seien. Anregungen für die Rollenspiele findet er auf der Plattform „Roll 20“ im Netz, wo man auch Bilder hochladen und Würfel-Würfe rollen kann, mit denen bestimmte Details für den Handlungsverlauf festgelegt werden. Als Hilfsmittel und zur Inspiration nutzt Gabriel auch gern „Ironsworn“, ein Regelwerk aus einer mittelalterlichen Welt und einem Storytelling-Tool als ergiebiges „Geschichtenerzählhandwerker-Köfferchen“.

Seine Lieblingstheaterform ist „Teppichtheater“, das früher auf  Marktplätzen ausgebreitet wurde zum Geschichtenerzählen. Dazu passen auch die erste Regiearbeit von Moritz Gabriel an den Landesbühnen: das Stück „Salzwasser“ in der Tradition von irischem Kneipentheater und die „Geschichte einer Tigerin“ von Dario Fo, gespielt von Gabriel mit intensivem Erzähl- und Körpertheater im Überlebenskampf eines verletzten Soldaten in der Wildnis. Derzeit laufen die Proben für die Inszenierung „Peter Pan“, wo Moritz Gabriel die Rolle des gewitzt-schlauen Piraten „Smee“ spielt. Die Premiere ist am 4. und 5.Juni im Theatersommerzelt der Landesbühnen in Rathen. Außerdem kommt das nächste Stück unter seiner Regie mit dem Titel „Atmen“ von Mc Millen über ein modernes Paar im Zwiespalt seiner Wünsche und Lebensvorstellungen im Herbst in den Landesbühnen in Radebeul heraus. 

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