„Anarchie im Weltraum“ – Science Fiction-Lesung in der Veränderbar

Die große weise Dame der amerikanischen Science Fiction, Ursula K. LeGuin, entwurfsstarke Visionärin komplexer Welten und alternativer gesellschaftlicher Modelle ist, in hohem Alter stehend und bis zum letzten Tage aktiv, am Anfang diesen Jahres in ein neues Energielevel übergetreten.
Ihre richtungsweisenden Werke aber bleiben und die nächste Folge von „AUFGESCHLAGEN – das Dresdner Forum zum Buch“ widmet sich vollumfänglich ihr und drei im mehrfachen Sinne ausgezeichneten Klassikern. Alle Interessenten sind hierzu herzlichst eingeladen.AUFGESCHLAGEN – das Dresdner Forum zum Buch
17.4.2018,  20.00 Uhr

Veränderbar, Görlitzer Straße 42, Hinterhaus

Die Welt der Ursula K. LeGuin

In dieser Ausgabe von Aufgeschlagen ehren wir die große amerikanische Autorin, die im Januar diesen Jahres starb und vor allem mit dem Hainish-Zyklus ein Werk hinterlässt, dessen Bedeutung hier in Deutschland noch immer verkannt wird. Ihr Verdienst besteht vor allem darin, das Genre Science Fiction konsequent als Laboratorium menschlichen Seins und Zusammenlebens zu nutzen, und damit Themen wie Feminismus, Ökologie oder Anarchie spielerisch der Prüfung in einer spekulativen Welt zu unterziehen.

Unsere Rezensenten Kristin Anacker, Eric Piltz und Jörg Stübing stellen die 3 zentralen Romane des Hainish-Zyklus vor: „Die linke Hand der Dunkelheit“, „Das Wort für Welt ist Wald“ und „Freie Geister“.

Die Veranstaltung wird wie immer freundlich moderiert von Anja Stephan. Eintritt frei!

Eine Veranstaltung des artderkultur.e.V in Kooperation mit Büchers Best.

Wir freuen uns auf ein volles Haus. Scotty, Energie !

www.facebook.com/events/368650293655471/

Eröffnung der Ausstellung „Fatima – Augenblicke in Dresden“


Fotos: Heike Jack

Interkulturelles Kunstprojekt und Ausstellung

Die Ausstellungseröffnung mit Musik ist am 11. April, um 16 Uhr im Kulturrathaus auf der Königstraße 15.

Zur Vernissage musizieren die Kinder gemeinsam mit dem Dresdner Musiker Paul Hoorn, den sie schon in ihren ersten Dresdner Tagen im Camp kennen gelernt haben. Es erklingen internationale Kinderlieder.

Fatima, viele andere Kinder und deren Familien haben in Dresden ihre neue Heimat gefunden. Auf Fotos sehen wir, wie sie sich in den letzten drei Jahren verändert haben. In ihren Zeichnungen zeigen die Kinder ihren ganz eigenen Blick auf ihre besondere Geschichte und ihr neues Zuhause. Die Ausstellung ist die Fortsetzung der im September 2015 in der Galerie Holger John gezeigten Impressionen aus dem Flüchtlingscamp. Zeit ist vergangen, die Fragen in den Augen der Kinder bleiben. Die Ausstellung erzählt die Geschichten der Kinder und ihrer Familien. Wo kommen sie her und wie war ihr Weg? Wie leben sie heute? Sie erzählt von großem Leid, aber auch von Hoffnung, Glück und Dankbarkeit.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft mit Zeichnungen des Dresdner Künstlers Holger John, die (ausnahmsweise) farbig ausgemalt werden dürfen.

Bis Anfang Juni sind alle Dresdner, Gäste der Stadt und natürlich Kinder mit ihren Schulklassen eingeladen, die Ausstellung zu besuchen und über die Geschichten zu sprechen. So sollen Freundschaften gefestigt sowie Verständnis und Empathie füreinander verstärkt werden.

Ausstellung geöffnet vom 11. April bis 8. Juni 2018
Mo-Do 9-18 Uhr, Fr 8-16 Uhr

Idee, Konzeption & Ausführung Heike Jack (Kontakt jack@kulturperlen-agentur.de) in Zusammenarbeit mit der Galerie Holger John

Zschoner Mühle: Noch mehr Kultur im Mühlentheater


Fotos: Peter Skaba

Natur & Theatergenuss

Peter Röttig alias Skaba ist seit kurzem Bewohner der Zschoner Mühle. Er möchte mit Unterstützung des Müllerpaares die Kleinkunstbühne der Mühle im Zschonergrund 2 wieder mehr ins Dresdner Bewusstsein rücken. Dazu soll das Angebot des „Theaterchens“ erweitert werden. Im Mühlentheater mit ca. 80 Plätzen öffnet sich ab sofort der Vorhang für Theater, Kabarett, Lesungen, Lieder und Geschichten aus nah und fern. Zum Lauschen und Innehalten ist die Spielstätte mit urigem Flair, auf dem Gelände der einzigen noch erhaltenen Wassermühle in Dresden, abseits vom Großstadtrubel auch bestens geeignet. Natur- und Kulturgenuss pur können Besucher hier erleben, vor der Vorstellung durch den romantischen Zschonergrund spazieren und sich im Mühlenrestaurant stärken. Das Restaurant bietet bis 18.30 Uhr Essen an und nach der Vorstellung gibt es noch Gelegenheit für Wein und nette Gespräche.

Text (lv)

www.peterskaba.de

http://www.zschoner-muehle.de

14.4., 19 Uhr im Mühlentheater:

„Die Zeit verlangt`s“ … ist der Name des Best of – Programms der wundervollen Dame des politischen Kabaretts des Ostens. Klar, pointiert, äußerst unterhaltend und (selbstverständlich) professionell zeigt Gisela Oechelhäuser die Facetten unseres Lebens nach diversen Umbrüchen in Biographien und Regionen.

27.4., 19 Uhr im Mühlentheater:

Erotische Märchen und Geschichten
„Kapriolen der Liebe“ mit der preisgekrönten Erzählerin Kerstin Otto

Warum die Liebe blind ist. Wie man die richtige Frau findet und dem einen Mann begegnet. Oder warum alles so ist wie es ist. „Kerstin Otto verzaubert ihr Publikum durch lebendige und warmherzige Erzählkunst. Sie versteht es, ihre Zuhörer in wundervolle Welten zu entführen. Balsam in dieser hektischen Zeit!“

Karten online buchen unter http://www.theater-muehle.de
Tel.: (0351) – 4210 257, Abendkasse

Barocke Bau-Plastik für das Berliner Schloss im Kastenmeiers

Barocke Szenen von Matthias Körner im Kurländer Palais

Der Chefbildhauer für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zeigt im „Kastenmeiers“ Bau-Plastik aus nächster Nähe. Zur Vernissage am 8. April, 12 – 14 Uhr sind Kunstinteressierte herzlich eingeladen.                

De Galerie im Restaurant Kastenmeiers zeigt barocke Bau-Plastik von Matthias Körner, ein Berliner Bildhauer mit sächsischen Wurzeln. Er hat sie anhand von Fotos und Bruchstücken für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses neu erschaffen. Diese barocke Bildhauerkunst galt ursprünglich als ausgestorben. Matthias Körner war der Chefbildhauer zum Wiederaufbau des Stadtschlosses. Ihm ist der Nachweis gelungen, dass die barocke Bau-und Handwerkskunst von vor über 300 Jahren stilsicher und auf gleichem Niveau wie zu Zeiten von Pöppelmann oder Schlüter vorgetragen werden kann.

Sein künstlerisches und handwerkliches Können war ausschlaggebend für die Entscheidung des Bundestages, die berühmte barocke Fassade des Berliner Stadtschlosses originalgetreu wieder zu errichten. Das Schloss soll 2019 eröffnet werden.

In der Galerie im „Kastenmeiers“ kann man rund 20 Beispiele dieser barocken Bau-Plastik aus nächster Nähe bewundern – eine besondere Gelegenheit, da die Reliefs und Fresken am Berliner Schloss später nur aus der Entfernung zu sehen sind.

Es sind Gipsmodelle und Bozzetti von preußischen Barockszenen, Flügelfragmenten und Löwenköpfen – alles Unikate, die der Künstler mit seinem Bildhauerteam als Vorlagen für die finalen Plastiken aus Sandstein neu erschaffen hat. Die Umsetzung in Sandstein erfolgt übrigens in Zusammenarbeit mit den Sächsischen Sandwerken.

Dies ist bereits die 52. Ausstellung im „Kastenmeiers“ seit der Eröffnung im Herbst 2010. Die barocken Szenen sind bis 7. Juni im Kurländer Palais, Tzschirnerplatz 3 – 5 nahe der Frauenkirche zu sehen.

Text + Fotos:  Sabine Mutschke

http://www.kastenmeiers.de

Premiere „Betreutes Denken“ in der Herkuleskeule


Foto: Hans-Ludwig Böhme

Auf der Suche nach einem schönen Ort

Die Kabarettisten Nancy Spiller und Alexander Pluquett zeigen spielfreudig in bissig satirischen Texten von Philipp Schaller echte und scheinheilige Betroffenheit über soziale Not und Unrecht im Programm „Betreutes Denken“ in der Herkuleskeule im Kulturpalast.

Sind sie nun Traumreisende, Flüchtende oder unverdrossene Neuland-Entdecker? Mit Fanfarenklängen aus der Trompete und Fernrohr halten die zwei Kabarettisten Nancy Spiller und Alexander Pluquett vom weißen Bug eines Dampfers Ausschau nach einem Ort, wo es schön ist. „Schöne Menschen, die viel lachen, die aber wirklich etwas verändern wollen. Da will ich hin…“, erklären sie zu Beginn ihres Programms “Betreutes Denken“. Es vereint die besten Texte von Philipp Schaller und Lieder u.a. von Funny van Dannen, Stefan Klucke und Georg Kreisler. Die Premiere war am Donnerstag abend in der Herkuleskeule.

Andere liefern die Munition, die beiden streiten mit den Waffen des Humors. Sie wollen dem Wahnsinn unserer Zeit, der täglichen Informationsflut im Internet und den immer neuen Krisenherden in der Welt entkommen und fragen, worüber man denn überhaupt noch lachen kann und darf?! Humor soll nicht ausgrenzen, niemandem wehtun… Doch dann wäre das Kabarett zahnlos und überflüssig. So wird in diesem ebenso spielfreudigen wie bissig satirischen Programm kein aktuelles Zeitthema noch Tabu ausgelassen unter Regie von Mario Grünewald. Die Witze machen weder vor Schwaben, Sachsen, Polen, Frauen, Juden oder Behinderten noch den Kabarettisten selbst halt. Es finden sich auch immer ein paar Zuschauer, die über „unmögliche“ Witze lachen, stellt Nancy Spiller fest. Während Alexander Pluquett mitfühlend einen ernst dreinschauenden Mann, Uwe umarmt: „Besser?!“

In schnellem Rollenwechsel und stimmungsreich von Schlager- bis zackigen Tangoklängen begleitet am Piano von Thomas Wand im bunten Hawaianzug, zeigt das Kabarettisten-Duo echte und scheinheilige Betroffenheit über soziale Not, Unrecht und Leid hierzulande und in der Welt. Als reiches Paar bei einer Charity-Veranstaltung „Promis gegen Hunger“ reden sie zuerst salbungsvoll wie vor einer Kamera und dann Klartext über die armselige, innere Leere überdeckende Maskerade. Als Volksliedstars Marianne und Michael mit Leuchtmikros nehmen sie sarkastisch deutsche Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und Spendenaktionen von deutschen Unternehmen, die von Kinderarbeit in Indien, Afghanistan und Afrika profitieren, auf die Schippe. Sie ernten außerdem viel Beifall für ihre Satire über zwei abgestumpft-behäbige Bereitschaftspolizisten, die aufklären über eine Kampagne „Sachsen gegen Rechts – aber richtig!“ und „Selbstüberwachung“ von den Protestierern fordern. Komisch-absurd die Szene über die vertagte Lust auf Kinderwunsch mit Eltern im Pflegealter dank „Social Freezing“, Eizellen einfrieren. Wortakrobatisch, rasant und immer unsinniger und undurchsichtiger werden der Kreislauf von Geld und Besitz, Haben, Kennen und Brauchen hin und her gedreht.

Statt im besungenen Sehnsuchtsort Samoa landen die Kabarettisten als Touristen irgendwo am Mittelmeer, wo eine rätselhafte „schwarze Wand“, ein Tsunami, Atompilz oder Massen von Flüchtlingen immer näher rücken. Und sorgen sich: „Wenn die nun mit uns machen, was wir mit denen machen?!“ Viel Beifall für einen den Sinn für das Schöne, Echte schärfenden Theaterabend. Es ist auch eine Rückkehr von Philipp Schaller an seinen Ursprungsort als Kabarettautor, den sein Vater Wolfgang Schaller auf der Bühne mit offenen Armen empfing. In der Herkuleskeule wird der Sohn des bis vor kurzem künstlerischen Leiters auch mit seinem Soloabend „Mit vollen Hosen sitzt man weicher“ am 14. Mai zu Gast sein.

Text (lv)

P.S.: Ein Dankeschön an Rita Gretschel die mir ihren Stift lieh, wer weiß was sonst aus diesem Text geworden wäre…

http://www.herkuleskeule.de

Premiere The Black Rider im Kulturkraftwerk Mitte: Gruselspaß mit Zauberkugeln


Fotos: TJG

Gruselspaß mit Zauberkugeln

Witzig-unterhaltsam und klangreich schillernd entführt das Musical mit Musik von Tom Waits in die verlockend-trügerische Idylle zwischen Wald, Wild, Heim und Herd.

Ohne Zauberkugeln hat Wilhelm kein Jagd- und Liebesglück. Daher geht er einen Teufelspakt ein im Musical „The Black Rider” im Kulturkraftwerk Mitte. In einer ersten Koproduktion der Staatsoperette Dresden und des Theater Junge Generation kam dort das bekannte Musical von William S. Burroughs, mit Musik und Gesangstexten von Tom Waits und Robert Wilson frei nach Carl Maria von Webers Oper “Der Freischütz“ auf die Bühne.

Schauspieler, Puppenspieler und Sänger bringen ihre bewährten Zutaten ein in die Inszenierung unter Regie von Jos van Kann, der sowohl im Kinder- und Jugendtheater als auch im Musiktheater zu Hause ist. Angefangen beim augenzwinkernd und unterhaltsam in Szene gesetzten Jagdmillieu im dezent modernen Bühnenbild mit eingerahmtem Forsthaus, rotem Balken als Schaukel und Schranke vor den Gefahren des Waldes bis zu witzig-verspielten und poetisch skurrilen Szenen mit Jägern und Wild. Aus dem grün schillernden Vorhang ragen bleiche Tiergeweihe wie Attrappen, auf die Wilhelm (witzig-tollkühn: Moritz Stephan) wie vor einer Jahrmarktsschießbude mit dem Gewehr zielt. Das Wild im Wald ist nicht nur immer schneller als er, es macht sich auch noch über ihn lustig und führt wilde Freudentänze auf vor dem aufgeregt-angstschlotternden Möchtegernjäger.  Der trägt einen schwarzen Anzug und halblanges Haar. Wilhelm ist kein Meisterschütze, sondern ein Meister der Worte und Zahlen. Doch um seine große Liebe, Käthchen (naiv-romantisch: Marie Hänsel) heiraten zu dürfen, muss er einen Probeschuss auf einen fliegenden Vogel abgeben und treffen. So verlangen es Tradition und Käthchens
Eltern.

Da hilft Wilhelm nur „Just a little Devil“, um nicht als Versager oder Feigling dazustehen. Lässt er sich mit Stelzfuß (Marja Hofmann) ein, der mit mal heller Sopranstimme, mal schrill-rockig und jazzig mit Punkfrisur galant-gerissen das Publikum und Wilhelm umgarnt, ihm kunterbunte Zauberkugeln und eine große schwarze für den letzten, entscheidenden Schuss zuwirft. Da erscheinen Wilhelm und Käthchen plötzlich wie verwandelt, als verwegener Jäger mit nacktem Oberkörper, kriegerisch bemalt und Büffelfellkappe und als kesses Westerngirl mit Pistole. Besondere Würze verleihen der Inszenierung die wild und quer durch alle Musikstile galoppierenden Klänge von Opernarien, altenglischen Liedern über Swing bis zu übermütig, schräger Varietéemusik und Jodlern. Viel Beifall vom Publikum.

Text (lv)

http://www.tjg-dresden.de
http://www.staatsoperette-dresden.de

Premiere „Der Bruch“ im projekttheater: Wie entsteht Gewalt, was verhindert sie?

Auf der Suche nach dem eigenen Weg

In ihrem ersten eigenen Stück „Der Bruch“ erzählt die in Paris und Dresden lebende Künstlerin Rania El-Chanati in symbolreich und sinnlich fesselnden Bildern über  kulturelle Identität und Konflikte. Heute am 4..4., um 20 Uhr noch einmal im projekttheater Dresden.

Auf einer grauen Wand ein Stück Himmel. Ein junge Frau boxt mit Fäusten gegen einen Panzer. Immer und immer wieder. Mit dem Finger fährt sie zärtlich auf der Leinwand entlang über die Landschaft, das weiße Häusermeer im hell gleißenden Licht. Sie sieht die Bilder mit den Trümmerbergen der Häuser, mittendrin Helfer in orangenen Westen, die unermüdlich nach Verschütteten suchen. Hier kann sie nicht bleiben. Doch die Bilder der Zerstörung, das Leben der Menschen dort, die ihr nah und fremd zugleich sind, die Stimmen, Geräusche, das Leid und die Sehnsüchte begleiten sie überall hin. Wie entsteht Gewalt, was verhindert sie? Wie sieht kulturelle Identität aus, wenn man nicht nur eine Heimat hat? Davon erzählt in symbolreich, sinnlich fesselnden Bildern und kraftvoll-ergreifender Körpersprache Rania El-Chanati.

Mit ihrem ersten eigenen Stück ist die in Paris und Dresden lebende Künstlerin mit palästinensischen Wurzeln väterlicherseits derzeit im projekttheater in Dresden zu Gast. Nach der gestrigen Premiere mit Zuschauern vor allem aus dem Freundeskreis und ihrer Familie ist ihre Bildercollage mit Liverperformance heute abend (4.4., 20 Uhr) noch einmal zu erleben. Nach der Vorstellung freut sich die Künstlerin auf Gespräche mit den Zuschauern. Rania El-Chanati spielt allein, barfuß, mit einem Rollkoffer als fiktivem Partner, an dem sie sich festhält, sich anlehnt, erschöpft vom langen Fußmarsch durch die glühende Landschaft bis zum Meer. Und der ihre Sachen aufbewahrt. Ein weißes Tuch, in das sie sich hüllt zum Schutz vor Wind und Kälte, das sie über den Kopf zieht und ihren Körper gänzlich verhüllt, aus dem sie sich befreit und rote Handschuhe überzieht, die sie verheißungsvoll in die Höhe reckt zu pulsierenden Trommelklängen. Ihr Gesicht erscheint auf ihren Körper, auf die äußere Hülle projiiziert, dahinter ihr Schatten, der für das rätselhafte, andere Ich steht, das nicht weiß wohin, das sieht, wahrnimmt und aus der Ferne fremde, unverständliche Sprachlaute hört. Begleitet von bunten Lichtern tanzt, schwenkt, schwebt sie einen Moment mit ihrem Koffer selbstvergessen, frei von allen Zwängen.

Sieht Bilder von übermütig hoch auf den Häusertrümmern spielenden, kletternden und über sie hinweg springenden Kindern und Jugendlichen. Doch ihre Unbeschwertheit erreicht sie nicht. Vorbei das Lachen der jungen Frau, die sich die roten Lippen nachzieht auf der Leinwand. Die Musik bricht ab als die junge Frau einen tickenden Gegenstand unter ihrer schwarzen Jacke verbirgt.

Die Bilder sind offen, interpretierbar für die Zuschauer gehalten. Jedes erzählt eine Geschichte. Vor dem Hintergrund des sehr komplexen, vielschichtigen Nahostkonflikts mit alltäglicher Gewalt wegen immer neu aufflammender Grenz- und Gebietsstreitigkeiten im Grenzgebiet von Israel und Palästina, fehlenden Perspektiven für junge Leute und patriarchalen Strukturen einer dominierenden Männergesellschaft. Es geht um Rollenbilder, Einsamkeit und Gefangensein von Frauen und einen Weg daraus für sich zu finden. „Wenn da keiner gegensteuert, verselbstständigt sich das auch mit der Gewalt“, sagt Rania El-Chanati. Das Stück sei ein Versuch, diese Themen zu visualisieren. Sie kennt das zwiespältige Gefühl der Suche nach Zugehörigkeit von ihren Reisen. Durch ihren arabischen Namen und Aussehen sei ihre deutsche Herkunft nicht gleich ersichtlich und bei den Palästinensern sei sie keine von ihnen und spreche auch kein Arabisch. „Ich frage mich, was palästinensische Identität eigentlich ist und finde darauf keine Antwort.“

Text + Fotos (lv)

Premiere „Erniedrigte und Beleidigte“ von Dostojewski im Schauspielhaus Dresden


Fotos: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

„Habt Ihr noch was?!“

Leidenschaftliches, spielbesessenes Theater, das schmerzhaft-komisch die Abgründe der menschlichen Seele auslotet, erntete ebenso viele Bravo- wie Buhrufe bei der Premiere von Dostojewskis Stück „Erniedrigte und Beleidigte“ unter Regie von Sebastian Hartmann im Schauspielhaus Dresden.

Wozu die Aufregung?! Die Inszenierung „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski unter Regie einschließlich Bühnenbild von Sebastian Hartmann polarisiert, bekam ebenso viele Bravo- wie Buh! Geld zurück!-Rufe nach der Premiere am Gründonnerstag im Schauspielhaus Dresden. Im Stücktitel klingt schon an, dass da einiger Zündstoff dahinter steht. Ja, es geht heftig zur Sache. Fiebrig, pulsierend, grell, zäh. Ein (Alb)traum und doch Wirklichkeit. Verliebte gebärden sich wie Verrückte. Wer zu verquer auftritt, zu laut lamentiert, wird schnurstracks auf die Krankentrage verfrachtet, zum Schweigen gebracht und weggefahren.

Leidenschaftliches, spielbesessenes Theater, drei Stunden lang, mit großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die so scheint es gar nicht aufhören wollen, sich zwischendurch auch selbst fragen, was diese oder jene Szene eigentlich soll, dass man die ganze Geschichte endlich auch mal erzählen müsste – was kurz vor Ende sehr russisch wehmütig-ironisch auch passiert bis zum abschließenden: „Habt Ihr noch was?!“. Doch da haben sie längst alles ausgereizt an theatralen Mitteln, was Körper, Stimme und Sprache hergeben (unter Verwendung einer heruntergerasselten Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz, fast ein Sinnbild für das Ringen von Kunst und Sprache um Gehör heutzutage! Auch angesichts allgegenwärtiger Reizüberflutung). Danach hat man keine Lust auf Wein oder Gespräche mehr. Man fühlt sich wie benommen von der Fülle an Eindrücken, dem Gefühlschaos auf der Bühne, dem wilden Gezappel der Körper, die in Schmerz, Ekstase, dahin geschleuderten Geistesergüssen und Verzweiflung sich ergehen.

Das ist nicht leicht auszuhalten, dermaßen zwischen nebulöser Leere mit umher geisternden, dunklen Gestalten, groteskem Wahnwitz und tieftrauriger Melancholie und Verzweiflung, untermalt von sanfter Cello- und Klaviermusik und dröhnenden Bässen, hin und her gerissen als Zuschauer, den Spiegel vorgehalten zu bekommen über die Abgründe der menschlichen Seele. Die Gier nach Macht, Erfolg, Heirat ohne Liebe nur aus materiellen Beweggründen, Gleichgültigkeit gegenüber anderem Leid, Angst vor dem Tod, dem Nichts und dagegen Anspielen, im Dunklen einer Dachkammer den einen, winzigen Sonnenstrahl sehen, der wieder Licht in die Seele bringt, neue Gedanken anstößt… Wunderbar dazu das nach und nach entstehende, vielschichtig übermalte Leinwandbild mit seinen Schwarz-Weiß-Schattierungen von Tilo Baumgärtel mit einem staunend-fragenden Kindergesicht in der Mitte, das Treiben der Erwachsenen beobachtend, zugleich ihre Erinnerungen, Ängste und Träume verkörpernd.

Man fühlt sich streckenweise so allein gelassen und ratlos wie die im dichten Nebel umher irrenden Figuren auf der Bühne mit der bruchstückhaft erzählten, aufgesplitterten, erst gegen Ende einigermaßen verständlichen Geschichte. Nichts ist eindeutig, alles möglich und ungewiss. Das zeigt dieser intensive, schmerzhaft schöne und zwiegespaltene Theaterabend, der garantiert keinen kaltlässt, eindrucksvoll.

Text (lv)

Nächste Vorstellungen:

2.4. und 21.4, 19.30 Uhr; 8.4., 19 Uhr und 29.4., 16 Uhr

Rania El-Chanati mit ihrem ersten Stück „Der Bruch“ im projekttheater


Die Künstlerin Rania El-Chanati. Die Abendsonne wärmt nicht, Kälte und Angst begleiten die Frau mit der schwarzen Haarsträhne vorm Gesicht. Wo wird ihr Weg hinführen? Fotos: privat

Ausbrechen aus der Gewaltspirale

Die Bildercollage mit Liveperformance der in Paris und Dresden lebenden, jungen Künstlerin mit palästinensischen Wurzeln väterlicherseits lädt ein zum Nachdenken über Heimatverlust, kulturelle Identität und Raum, diese zu leben. Zu sehen am 3. und 4. April, um 20 Uhr  mit anschließender Gesprächsmöglichkeit im projekttheater.

Eine rote Hand erhebt sich abwehrend vor grell blendendem Licht auf dem Titelplakat. Auf einem weiteren Bild hält eine junge Frau eine schwarze Haarsträhne schützend vors Gesicht, in der anderen Hand einen Rollkoffer vor glühender Landschaft. Es sind Aufnahmen aus dem Stück „Der Bruch“ von Rania El-Chanati. Mit ihrem ersten eigenen Theaterprojekt kommt die in Paris lebende Künstlerin am 3. und 4. April, um 20 Uhr im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ ins projekttheater in Dresden.

In dieser Bildercollage mit Liveperformance, in der sich Film- und Theatersprache ausdrucksreich verbinden, werden die Zwänge und Wünsche einer jungen Frau mit Blick auf ihren eigenen familiären Hintergrund und die großen Themen des Nahostkonflikts dargestellt. Es geht um die Auseinandersetzung mit der Spirale von Angst, Wut und Gewalt, die gerade zu Ostern am Karfreitag wieder eskalierte bei  Massenprotesten von Palästinensern im israelischen Grenzgebiet. Gibt es einen Ausweg aus der Gewalt?, fragt das Stück.

„Mein Theaterprojekt möchte das Publikum für die Ursachen der Konflikte sensibilisieren und zum Nachdenken über Themen wie kulturelle Identität und Raum, um sie zu leben, anregen“, sagt Rania El-Chanati. „Da das Stück sich einer fiktiven Sprache bedient, bekommen die Bilder einen universellen Charakter. Jede Situation kann sich somit in jedem Teil der Welt abspielen.“

Rania El-Chanati ist im Harz geboren und in Dresden aufgewachsen, mit palästinensischen Wurzeln väterlicherseits. Die Welt des Theaters lernte sie von klein an kennen durch ihre Mutter, die Schauspielerin Annette Richter. Sie führt Regie bei diesem Stück. Theater und Film sind für Tochter Rania sowohl „magische als auch politische Orte, die die geistige Interaktion mit dem Publikum ermöglichen.“

Sie verwendet vor allem symbolische Bilder, zum Teil eigene Aufnahmen und schon vorhandene Dokumentarfotos, darunter eins vom berühmten Street Art-Künstler Banksy. Alltagsobjekte werden im Spiel verfremdet und bekommen so eine politische Bedeutung. Nach dem Abitur verbrachte Rania El-Chanati eineinhalb Jahre im Libanon und in Frankreich. Sie besitzt einen deutsch-französischen Bachelor in “Interkulturelle Europa- und Amerikastudien“, ein Diplom in „Kulturelle Mediation“ und einen Master in Filmwissenschaften. Parallel zu ihrem Studium an der Universität Sorbonne hat sie eine Schauspielausbildung am Method Acting Center in Paris absolviert und an verschiedenen Workshops der Schauspielschule Cours Florent teilgenommen.

Seit 2011 lebt Rania El-Chanati in Paris und Dresden. Ihr Stück „Der Bruch“ wird auch in Frankreich aufgeführt. Es kam auch in die Vorauswahl des Wettbewerbs „Concours Déclics jeunes“, den jährlich die Fondation de France veranstaltet. Im Sommer entscheidet die Jury über die Gewinnerprojekte.

Text (lv)

 

 

 

 

 

Ausstellung Hier & Dort von André Uhlig in der Stadtgalerie Radebeul

Bilder wie Zeitfenster

Von der Liebe zu alten Dingen und am Unterwegssein erzählt die Ausstellung „Hier & Dort“ von André Uhlig in der Stadtgalerie Radebeul. Am 20.4., um 19.30 Uhr gib es ein Galeriegespräch mit dem Künstler.

Inmitten von urwüchsigen Landschaften in erdigen Farbtönen schwebt ein kleines Holzflugzeug mit einem Propeller aus Vogelfedern und Tragflächen aus weißem Papier. Eine kleine Figur mit Rucksack klettert an einem Bindfaden hoch. Das Flugobjekt beflügelt die Fantasie und am liebsten möchte man gleich mit auf und davon fliegen. Es erzählt von unbeschwerter Lust am Bewegen, Unterwegssein, der Liebe zu alten Dingen und der Natur, und es begleitet den Besucher der Ausstellung „Hier & Dort“ von André Uhlig derzeit in der Stadtgalerie Radebeul in Altkötzschenbroda 21.

Gleich neben dem Eingang zeigt ein Bild mit dem Titel “Verweilen“ den Künstler mit einem Blatt Papier, in einem alten Haus mit hohen Bogenfenstern sitzend. Der Betrachter taucht ein in eine atmosphärisch reiche Welt zwischen gestern und heute, voll von altertümlichen, gelebten Dingen, Fundstücken, Mitbringseln, Erinnerungen und Erlebnissen. Unter einem Schlüsselbrett mit schwarzen Schlüsseln hängt eine Fotografie aus dem Jahr 1988, die André Uhlig und seinen Freund Mark i0n jugendlichem Alter mit Fahrrädern vor „Mützes Schlösschen“ zeigt. Dieser Ort seiner Kindheit, ein schmales gelbes Eckhaus nahe der Serkowitzer Straße ist in einer Zeichnung festgehalten.

An einer Bilderwand schaut man durch abgeblätterte Fensterrahmen wie Zeitfenster, auf eine Landschaft mit graublauen Bergen, weitem klaren Himmel, Dorf mit Kirchturm, gemütlich rollender Pferdekutsche und einem Wanderer. Die gleiche Landschaft noch mal in der Neuzeit zeigt eine volle Autobahn, rauchende Schornsteine, graue Hochhäuser und Baumärkte. Die zwei Bilder entstanden im Zyklus „Highway Generation“, im Stredohori-Mittelgebirge in Böhmen. Tiefe Stille und Harmonie strahlt eine winterliche Ansicht der Radebeuler Weinhänge auf einem großem Wandbild aus Filz, schwarz auf weißem Grund, aus. In südliches Licht getaucht schmiegen sich auf hohem, terrassenartigem Felsgestein helle Häuschen aneinander in einer Ansicht der „Cinque Terre“ von 2015. Ein verfallenes, windschiefes, sich dagegen stemmendes Fachwerkhaus in Halle und eine halb abgerissene Scheune in Batzdorf berühren zwischen Bewahren und Erneuern.

Knorrige Weiden an der Elbe, sattgrüne Streuobstwiesen und dazwischen schlängelnde Wege holt Ulig in knappen, lebhaften Pinselstrichen und leuchtenden Farben aufs Papier. In einer 3-D-Klappkarte zeigt er Radebeul ironisch als märchenhafte Idylle mit Weinberg, Käuzchen, Mond und einer Familie einträchtig am Fluss sitzend. Daneben eine Ansicht vom Steinbruch in Wehlen. Außerdem viele Skizzenbücher mit schwarz-weißen und farbigen Zeichnungen und wunderliche Dinge von unterwegs. Reiseeindrücke aus Indien. Eine heilige weiße Kuh steht erhaben über Zeitungsschlagzeilen. Eine Flussszene in Varanasi mit aufsteigenden Möwen und Frauen in farbenfrohen Gewändern. Vergilbt ist der Glanz der alten, traumversunken im Wasser spiegelnden Häuserfassaden mit Gondolieri in leeren Booten in Venedig. Die Bilderlandschaften von André Uhlig faszinieren mit ihrer schwebenden Leichtigkeit, Offenheit und Tiefe.

Er wurde 1973 in Dresden geboren, absolvierte eine Druckerlehre und war über viele Jahre im Mal- und Zeichenstudium bei Gerhard Rost, Dieter Beirich, Gunter Herrmann, Wolfgang Bruchwitz, Markus Retzlaff u.a. Seit 2007 ist André Uhlig freischaffend als Maler und Grafiker tätig. Ein Galeriegespräch mit dem Künstler gibt es am 20. April, um 19.30 Uhr. Die Ausstellung ist noch bis 29. April zu sehen.

Geöffnet: Di, Mi, Do und So von 14 – 18 Uhr

Text + Fotos (lv)