Fotos: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

„Habt Ihr noch was?!“

Leidenschaftliches, spielbesessenes Theater, das schmerzhaft-komisch die Abgründe der menschlichen Seele auslotet, erntete ebenso viele Bravo- wie Buhrufe bei der Premiere von Dostojewskis Stück „Erniedrigte und Beleidigte“ unter Regie von Sebastian Hartmann im Schauspielhaus Dresden.

Wozu die Aufregung?! Die Inszenierung „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski unter Regie einschließlich Bühnenbild von Sebastian Hartmann polarisiert, bekam ebenso viele Bravo- wie Buh! Geld zurück!-Rufe nach der Premiere am Gründonnerstag im Schauspielhaus Dresden. Im Stücktitel klingt schon an, dass da einiger Zündstoff dahinter steht. Ja, es geht heftig zur Sache. Fiebrig, pulsierend, grell, zäh. Ein (Alb)traum und doch Wirklichkeit. Verliebte gebärden sich wie Verrückte. Wer zu verquer auftritt, zu laut lamentiert, wird schnurstracks auf die Krankentrage verfrachtet, zum Schweigen gebracht und weggefahren.

Leidenschaftliches, spielbesessenes Theater, drei Stunden lang, mit großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die so scheint es gar nicht aufhören wollen, sich zwischendurch auch selbst fragen, was diese oder jene Szene eigentlich soll, dass man die ganze Geschichte endlich auch mal erzählen müsste – was kurz vor Ende sehr russisch wehmütig-ironisch auch passiert bis zum abschließenden: „Habt Ihr noch was?!“. Doch da haben sie längst alles ausgereizt an theatralen Mitteln, was Körper, Stimme und Sprache hergeben (unter Verwendung einer heruntergerasselten Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz, fast ein Sinnbild für das Ringen von Kunst und Sprache um Gehör heutzutage! Auch angesichts allgegenwärtiger Reizüberflutung). Danach hat man keine Lust auf Wein oder Gespräche mehr. Man fühlt sich wie benommen von der Fülle an Eindrücken, dem Gefühlschaos auf der Bühne, dem wilden Gezappel der Körper, die in Schmerz, Ekstase, dahin geschleuderten Geistesergüssen und Verzweiflung sich ergehen.

Das ist nicht leicht auszuhalten, dermaßen zwischen nebulöser Leere mit umher geisternden, dunklen Gestalten, groteskem Wahnwitz und tieftrauriger Melancholie und Verzweiflung, untermalt von sanfter Cello- und Klaviermusik und dröhnenden Bässen, hin und her gerissen als Zuschauer, den Spiegel vorgehalten zu bekommen über die Abgründe der menschlichen Seele. Die Gier nach Macht, Erfolg, Heirat ohne Liebe nur aus materiellen Beweggründen, Gleichgültigkeit gegenüber anderem Leid, Angst vor dem Tod, dem Nichts und dagegen Anspielen, im Dunklen einer Dachkammer den einen, winzigen Sonnenstrahl sehen, der wieder Licht in die Seele bringt, neue Gedanken anstößt… Wunderbar dazu das nach und nach entstehende, vielschichtig übermalte Leinwandbild mit seinen Schwarz-Weiß-Schattierungen von Tilo Baumgärtel mit einem staunend-fragenden Kindergesicht in der Mitte, das Treiben der Erwachsenen beobachtend, zugleich ihre Erinnerungen, Ängste und Träume verkörpernd.

Man fühlt sich streckenweise so allein gelassen und ratlos wie die im dichten Nebel umher irrenden Figuren auf der Bühne mit der bruchstückhaft erzählten, aufgesplitterten, erst gegen Ende einigermaßen verständlichen Geschichte. Nichts ist eindeutig, alles möglich und ungewiss. Das zeigt dieser intensive, schmerzhaft schöne und zwiegespaltene Theaterabend, der garantiert keinen kaltlässt, eindrucksvoll.

Text (lv)

Nächste Vorstellungen:

2.4. und 21.4, 19.30 Uhr; 8.4., 19 Uhr und 29.4., 16 Uhr

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