Heftiger Anfall von „Kreditoris“: Wilma Moneta ist es leid, die Schuldenlast ihres Mannes durch den Kredit für die Zweitapotheke länger zu tragen. Szene aus dem Stück „Schuldenmädchen-Report“ im Kleinen Haus. Foto: Sebastian Hoppe

Witzig-offenherziger Austausch über Konsumlust und
“Kreditoris“

Fünf Frauen erzählen freimütig über das Reizthema Geld und Schulden im Stück „Schuldenmädchen-Report“ von Vanessa Stern, das am Sonntagabend Premiere hatte im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Sie schreiten wie auf dem Laufsteg zwischen Getränkekisten
vom Supermarkt umher. Tragen Kistenberge auf und ab, verstecken sich dahinter und halten die Kästen zärtlich an ihren Körper im Kaufrausch. Sie reden offen über ihre Schulden und wie sie am besten „kreditoral“ zum Höhepunkt kommen. Rund um das Reizthema Geld erzählen fünf Frauen über ihre persönlichen Erfahrungen damit. Witzig, freimütig und offenherzig geht es zur Sache im  „Schuldenmädchen-Report“ von Vanessa Stern. Premiere dieser ersten Produktion unter dem neuen Leiter der Bürgerbühne, Tobias Rausch, war am Sonntagabend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

Zusammen mit fünf Dresdnerinnen von Mitte 20 bis 60 Jahren entwickelten
die Regisseurin Vanessa Stern und der Dramaturg Dietmar Schmidt das Stück, das sich mit der Absurdität von Schulden und dem Umgang damit beschäftigt. In ironischer Anlehnung an die Softporno-Serie „Schulmädchen-Report“ aus den 1970er Jahren, bei dem junge Frauen in gestellten Interviews auf der Straße zu ihrer Sexualität befragt wurden, sprechen die Schuldenmädchen ungefragt, ungeniert und selbstbewusst darüber, wie sie in die Schuldenfalle tappten und sich befreiten von ihren Schuldgefühlen.

Als Spielfläche dienen bunte Getränkekisten. Vor Mikro und Kamera befragen sich die fünf Frauen in farbigen Overalls gegenseitig in kurzen Szenen zu flotten Klängen über Einkäufe, Schuldenhöhe und Kreditwürdigkeit. Sie zeigen sich cool-verführerisch mit herausgewölbten weißen, leeren Hosentaschen und als kraftprotzende, bedrohliche Inkasso-Geldeintreiber. Jede in der Schuldenmädchen-WG hat ihr Päckchen zu tragen. Begonnen bei der Studentin (Luise Kropp), die weniger finanzielle als emotionale Schulden hat. Ihre Eltern finanzieren das Studium für drei Kinder und mussten für sie einen Bafög-Kredit aufnehmen. Da ist die von ihrem Mann verlassene Apothekersfrau (kraftvoll-selbstironisch: Wilma Moneta), die für ihn einen Kredit aufnahm, erst sein Jungbrunnen war und nun mit „Kreditphobie“ und einem Schuldenberg kämpft.

Mit einem lustigen Vogel-Tattoo auf dem Rücken, der laut piept und krr…die Krallen zeigt, macht „Schuldenmädchen“ Ruth Mader ihr und den anderen Frauen Mut. Sie ist 30 und will keine Kinder, die sie weder der Familie noch der Gesellschaft schulde. Als Veganerin fühlt sie sich dafür moralisch überlegen. Julia-Marie Beier gerät in ein humorvoll-nachdenkliches Gespräch mit Gott, ihrem „ewigen Gläubiger“, der sich wiederum über den neuen Gott namens Kredit aufregt.

Herrlich komisch auch der Workshop zur Transformation des „negativen Eigenkapitals,“ anstelle des verpönten S-Wortes, und der Austausch der Schuldenmädchen auf ausgerollten Matten über das Phänomen „Kreditoris“, die offensichtlich nur Frauen haben und mit dem Hormon „Schuldosol“ auch leicht zu stimulieren und verführbar sind bis zum Höhepunkt mit Schufa-Auskunft, Kreditvertrag und tief im Dispo. Viel Beifall für einen amüsant nachdenklichen Theaterabend über Haben und Sein.

Text (lv)

http://www.staatsschauspiel-dresden.de